Efeu - Die Kulturrundschau

Zu verschwinden, das wäre immerhin etwas

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.09.2022. Die Documenta ist nun endlich zu Ende. Man hätte mehr mit Ruangrupa, statt über sie reden sollen, meinen die einen. Das hätte auch nichts genützt, erwidern die anderen. Die FR rät, sich zunächst mal bei "Onkel Wanja" in Frankfurt zu entspannen. Die taz lernt in Cem Kayas  Dokumentarfilm "Liebe, D-Mark und Tod"  eine Menge über die türkische Diaspora in Deutschland und ihre Musik. Und die große Hilary Mantel ist gestorben: Sie war "die glänzendste historische Autorin nicht nur ihrer Zeit", da sind sich die Kritiker einig.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.09.2022 finden Sie hier

Film

Ein eigenes Starsystem: die Doku "Liebe, D-Mark und Tod"

Ulrich Gutmair staunt in der taz über die Fülle an Material, die Cem Kaya für seinen Dokumentarfilm "Liebe, D-Mark und Tod" über die Geschichte der populären Musik der türkischen Gastarbeiter und deren Kinder zusammengetragen hat: Von der deutschen Mehrheitsgesellschaft unbemerkt, hatte sich hier von den Sechzigern bis in die Neunziger ein paralleler Musikmarkt entwickelt - mit eigenen Stars, Wirtschaftsstrukturen und diversen Goldenen Schallplatten. Zu sehen gibt es "seit ihrer Ausstrahlung oft nie wieder gezeigte Aufnahmen zeitgenössischer Dokumentarfilme und Fernsehbeiträge. Und wir hören Musik vor allem in türkischer, aber auch in deutscher Sprache. Manchmal wird beides wild durcheinander gemischt wie in der Klage des Duos Derdiyoklar an die geliebte Gabi: Die Liebe zwischen einem Ali und einer Gabi könne den Rassismus von Kohl und Strauß nicht aufheben. Denn die forderten ja Ausländer raus! Derdiyoklar sind mit ihrem Disco-Folk Vorläufer des Rap, der in Deutschland ohne den Witz und den Style der Gastarbeiterkinder nicht denkbar ist." Wir hören rein:



Außerdem: In der Filmbranche tut sich einiges, um die Arbeitsatmosphäre an Sets künftig zu verbessern, berichtet Valerie Dirk im Standard. Reinhard Kleber denkt im Filmdienst darüber nach, warum Remakes von Kinderfilmen so beliebt sind.

Besprochen werden Olivia Wildes Genderthriller "Don't Worry Darling" (Standard, unsere Kritik hier), die Serie "A League of Their Own" über die Geschichte des Frauen-Baseballs (Jungle World) und der beim Zurich Film Festival gezeigte Dokumentarfilm "Girl Gang" über den Karriereweg einer Influencerin (NZZ).
Archiv: Film

Musik

Ole Schulz berichtet in der taz vom internationalen Musikfestival Nyege Nyege in Uganda, das rechte Gruppierungen beinahe verhindert hätten und das dann auch noch ziemlich chaotisch verlief - aber immerhin "sind musikalisch viele magische Momente zu erleben. Gqom-Sound aus Südafrika, der wie ein ewiges, scheinbar direkt ins Inferno führendes Keuchen klingt, wird nicht nur vom famosen DJ MP3 aus Durban dargeboten, sondern auch vom japanischen Kollektiv TYO Gqom. Ein gutes Beispiel dafür, wie schnell Genres und Stile inzwischen um die Welt wandern. So spielt der Nyege-Nyege-Künstler Chrisman aus dem Kongo ein Set, in dem er brasilianischen Baile Funk ebenso selbstverständlich aufgreift wie angolanischen Tarraxinha, der Kizomba mit Trap verbindet. Zurecht begeistert sind alle von den Singeli-Jungs aus Tansania: Sisso, Maiko und DJ Travellah spielen Hochgeschwindigkeitssound in Endlosloops auf billigen Laptops und PC-Tastaturen. Ihre Musik hat eine treibende punkige Energie, die Euro-Gabba geradezu altbacken aussehen lässt." Ein paar Eindrücke liefert dieses Video auf Youtube:



Besprochen werden eine Box zum 50-jährigen Jubiläum der Krautrock-Legende Neu! (Rolling Stone), ein Auftritt von Tocotronic (taz), Alex Gs "God Save the Animals" (Pitchfork), ein Konzert von Nils Frahm in Berlin (FAZ), ein Brahms-Abend der Wiener Symphoniker (Standard), die Wiederveröffentlichung des Albums "Grounation" von Count Ossie & The Mystic Revelation Of Rastafari (The Quietus) und das neue Album von The Comet is Coming (The Quietus).

Anzeige
Archiv: Musik
Stichwörter: Gqom, Nyege Nyege, Uganda, Krautrock

Bühne

Melanie Straub, Heiko Raulin, Ralf Göbel in "Onkel Wanja" von Anton Tschechow. Foto: Thomas Aurin


Okay, Tschechows "Onkel Wanja" hat man schon tausendmal gesehen, trotzdem gefällt FR-Kritikerin Judith von Sternburg die entspannte Version, die Jan Bosse zum Saisonstart auf die Bühne des Schauspiels Frankfurt bringt. Alles ganz normale Menschen hier: "Das Ensemble tummelt sich hier und dort, Melanie Straub verwächst gegen Ende kurz mit einem der vertrockneten Pflanzenskelette, Wolfram Koch kauert einmal wie ein Nachtmahr in der Wand. Zu verschwinden, das wäre immerhin etwas. Es geht nicht, aber man hat Zeit, es zu versuchen, auch wenn man an sich ständig auf dem Sprung ist. Das Leben ein 'Eigentlich müsste man jetzt'. Alles befindet sich in einem Dazwischen, trotzdem kommt nichts nach."  Dieser "Onkel Wanja" endet nicht im Herbst, sondern im Schnee: "Zuletzt also doch: ein wenig russische Wintertristesse", seufzt in der FAZ Kerstin Holm angesichts von Jeans, Westernstiefeln und Joy-Division-Songs, "der Sonja und Wanja aber endlich Sinn abgewinnen - in einer Aussicht auf endlose Arbeitstage, die allein das Jenseits belohnen wird." Nachtkritiker Michael Laages fehlt zwar "ein zentraler Grundgedanke" dieser Inszenierung, die "deutlich härter und hoffnungsloser als üblich" ist, aber die Schauspieler sind wunderbar, schön melancholisch ist es auch, und das Publikum strömt in Scharen und klatscht, also ...

Weitere Artikel: Die nachtkritik publiziert Tom Strombergs Trauerrede zum Tod des Theaterwissenschaftlers Hans-Thies Lehmann. Im Interview mit dem Tagesspiegel spricht der ukrainische Ballettchef Ivan Zhuravlev über seine Flucht und die impovisierte Tournee des Balletts Quatro, dessen künstlerischer Leiter er ist.

Besprochen werden Laura Kaehrs Filmdoku "Becoming Giulia" über die Ballerina Giulia Tonelli (NZZ), Thomas Köcks Stück "Solastalgia" am Schauspiel Frankfurt (nachtkritik) und Mozarts "Cosi fan tutte" am Theater Kiel (nmz).
Archiv: Bühne

Kunst

Maria Lassnig, Mit einem Tiger schlafen, 1975. Sammlung Oesterreichische Nationalbank. © Maria Lassnig Stiftung / Bildrecht, Wien 2022


Niedliche Katzenbilder gibts hier eher nicht, trotzdem ist die große Schau "Das Tier in Dir", die das Wiener Mumok ausgerichtet hat, einen Besuch wert, versichert Maya McKechneay im Standard. Subtext ist hier alles, wenn beispielsweise Maria Lassnig ein Reh malt, "dem die eigene Nachnutzung bereits eingeschrieben ist: Zwar noch mit Fell bewachsen, formt sich der Leib bereits zum Kotelett." Manchmal offenbart sich die Ambivalenz erst auf den zweiten Blick, so bei "'Mutterschaft', eine 30-sekündige geloopte Videoarbeit der Wiener Fotografin Anna Jermolaewa. Mitgebrachte Kinder werden sich an der herzigen Szene freuen: Eine Hündin säugt ihre Welpen. Doch wer genau hinschaut, erkennt, dass das Tier zwischen den Mäulern der Jungen und einer fütternden Menschenhand eingespannt ist wie in einen Schraubstock. 'Mutterschaft' ist ein feministisches Manifest." Und während ihr Blick zwischen Otto Mühl und Valie Export hin und her wandert, fragt sich die Kritikerin: "Wie wirkt das Tier in dir?"

Letzte Resümees zur Documenta 15, die morgen schließt: Wagenburg statt Kommunikation, bescheinigt Johannes Schneider auf Zeit online dem indonesischen Kuratorenteam Ruangrupa, findet aber trotzdem, dass man mehr mit ihnen statt über sie hätte reden sollen: "Da bestimmt die documenta einen Sommer lang maßgeblich die gesellschaftliche Debatte, und diejenigen, die sie erdacht und zusammengestellt haben (auch wenn ruangrupa die Künstlerinneneinladungen zum Teil an andere Kollektive delegiert hat), bleiben leere Signifikanten. Sie selbst haben zweifellos dazu beigetragen. Durch ihre Orientierung an einem globalen Gleichheitsdiskurs einerseits und ihrer Hinwendung an hyperlokale Gesprächsräume andererseits hat ruangrupa sich der nationalen Diskussion entzogen. Das aber hätten wir den Kuratoren nicht durchgehen lassen dürfen, bei allem Respekt und - ja - allem Verständnis für ihre Art, Debatten zu führen oder nicht zu führen."

Mehr reden hätte auch nichts genützt, meint in der Welt Jacob Hayner anlässlich einer gescheiterten Debatte in Frankfurt mit Hito Steyerl, Nele Pollatschek, Julia Yael Alfandari und einem Vertreter der palästinensischen Gemeinde (er kam nicht), solange Dialog immer nur Befindlichkeitsdiagnose ist, statt ans Eingemachte zu gehen: "Müssten nicht überall öffentliche Diskussionen zur postautonomen Kunstauffassung, zur Beständigkeit des Antisemitismus und seiner Voraussetzungen, zu den ideologischen Verstrickungen des modernen Kunstbetriebs stattfinden?"

Außerdem: Abgesehen vom Antisemitismus war das doch eine großartige Documenta, meint im Interview mit der FR der Kunsthistoriker Christoph Grunenberg: "In der Konsequenz und Konzentration, in der sich die Arbeiten auf der Documenta derart weit vom traditionellen künstlerischen Objekt entfernten: ja. Es war schon ein sehr starkes Statement, sogar ein Wendepunkt, möchte ich sagen." Ruangrupas Kuratorenteam hinterlässt einen Scherbenhaufen und eine Spaltung, die dem Anspruch auf Völkersolidarität Hohn spricht, meint hingegen Stefan Trinks in der FAZ. "Es ging um Setzungen, Definitionsmacht, nicht um Austausch", meint Andreas Fanizadeh in der taz und gibt daran auch Findungskommission und Beiräten der Documenta die Schuld, während Sophie Jung die Unterkomplexität des Kunstbegriffs von Ruangrupa beklagt. In der FR kritisiert Lisa Berins ebenfalls die Wagenburgmentalität Ruangrupas, noch entsetzter ist sie aber von den deutschen Documenta-Veranstaltern: "Wenn diese studierten Leute das Problem von antisemitischen Denkweisen nicht auf dem Schirm haben, wie sieht es dann in der Breite der Gesellschaft aus?" In einem zweiten Artikel berichtet Berins über die Frankfurter Diskussionsveranstaltung mit Hito Steyerl. Niklas Maak tut es in der FAS leid um all die Künstler, die in der Antisemitismusdebatte untergegangen sind.

Weitere Artikel: Lothar Müller besucht für die SZ das neue Minsk Museum in Potsdam, Swantje Karich pilgert für die Welt dorthin. Besprochen wird die Schau "Christo und Jeanne-Claude. Paris. New York. Grenzenlos" im Kunstpalast Düsseldorf (NZZ).
Archiv: Kunst