Efeu - Die Kulturrundschau

Einfach alles und alles zugleich

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19.07.2022. Die Nachtkritik schildert, wie Putins Kulturfunktionäre dem russischen Theater den Freigeist ausgetrieben haben. Hans Eichel findet in der FR, eigentlich müsste sich Deutschland bei Indonesien entschuldigen. Die NY Times schreibt zum Tod von Claes Oldenburg, der die öffentliche Skulpturen von Stieren und nackten Frauen befreite. Die FAZ schlendert mit Georges Perec durch das Paris der Siebziger. Die NZZ kaut in der Bayerischen Staatsoper an Knäckebrot. Die Welt pilgert nach Düsseldorf, wo Lady Gaga ihre Tournee mit einem Mix aus Bauhaus und Metropolis begann.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.07.2022 finden Sie hier

Bühne

Mit dem Krieg gegen die Ukraine wurden auch Russlands unabhängige Theater zerschlagen. Die russische Kritikerin Alla Shenderova schildert in einem sehr lesenswerten Text in der Nachtkritik, wie Strukturen zerschlagen wurden, Intendanten oder Regisseure entlassen und durch konforme Kulturfunktionäre ersetzt: "Agierten dem Staat ergebene Theaterleiter zu Sowjetzeiten in der Regel als 'loyale Soldaten der Kommunistischen Partei', haben wir es jetzt mit 'ziemlich besten Freunden' von Leuten zu tun, die sich an den Interessen ihrer politischen Förderer orientieren. Ihren Aufgaben sind - neben der Unterdrückung von Antikriegserklärungen oder der Berichterstattung an ihre Führungsoffizieren beim Inlandgeheimdienst FSB - ebenso destruktiv wie vage, so wie es Putins Kulturpolitik insgesamt ist."

Starke, anspruchsvolle Produktionen vor allem auch aus dem Orchideenfach attestiert Marco Frei in der NZZ dem Intendanten der Bayerischen Staatsoper, Serge Dorny, nach der ersten Spielzeit in München. Aber ob Dorny damit ein jüngeres Publikum anspricht, ohne die "Münchner Opern-Schickeria" zu vergraulen? "Die Deko-Kulinarik und Glamour-Ästhetik seines Vorgängers Nikolaus Bachler muss man keineswegs goutieren, aber: Dem Sinn jedwede Sinnlichkeit auszutreiben, ist auch nicht der Weisheit letzter Schluss. Selbst der Internetauftritt oder die Saisonbroschüren der Staatsoper präsentieren sich in der Gestaltung so trocken und spröde wie Knäckebrot. Von der im Frühjahr groß angekündigten 'Digitalstrategie' ist bis anhin noch nichts zu sehen. In Dornys Staatsopern-Tempel wähnt man sich bisweilen wie in einem kulturelitären Umerziehungslager."

Besprochen werden Besprochen werden der neue Stadt-Parcour "Urban Nature" von Rimini Protokoll in der Kunsthalle Mannheim (den Shirin Sojitrawalla in der taz etwas Barcelona-lastig findet, aber wenigstens nicht immersiv), David Martons Inszenierung von Richard Strauss' Oper "Capriccio" in München (SZ), Rossinis Sommerstück "Die glückliche Täuschung" an der Kammeroper Frankfurt (FR).
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Literatur

Viel los gerade, im literarischen Frankreich - insbesondere was Erstveröffentlichungen aus Nachlässen betrifft: Tatsächlich am selben Tag erschienen sind nicht nur Célines "Guerre" (mehr dazu hier), sondern auch Georges Perecs "Lieux", schreibt Annabelle Hirsch online nachgereicht in der FAZ. Mehr Aufmerksamkeit bekommt der krachende Céline, verdient hätte sie der ruhigere Perec mit seinem Stück Konzept- und Erinnerungsliteratur, die versucht, Pariser Orte möglichst detailliert schriftlich festzuhalten: "Man spaziert mit Perec von Jahr zu Jahr, von Ort zu Ort durch die Stadt, durch dieses Paris der Siebzigerjahre. Manchmal legt man auch seine eigenen Gedanken, seine eigenen Erlebnisse und Wahrnehmungen über Plätze, die man gut kennt, denkt sich, hier habe ich gelacht, hier geweint, hier geküsst, hier diesen alten Mann gesehen, wie er sein kleines Modellboot in einem Trolley zum Jardin du Luxembourg hochfuhr. Man denkt an Agnès Varda und ähnliche Flaneure und Flaneusen dieser Jahre, für die der Stadtraum, dieses Paris, seine Boutiquen, seine Kinos, seine Kontraste, eine Fundgrube war und die nie müde wurden, die Banalität des Alltags, das Gewöhnliche, das, was Perec das 'infra-ordinaire' nannte, zu betrachten."

Außerdem: Nachrufe auf die Schriftstellerin Erica Pedretti schreiben Marie Schmidt (SZ) und Roman Bucheli (NZZ). Rüdiger Schaper gibt im Tagesspiegel Lesetipps für den Sommer.

Besprochen werden unter anderem Durs Grünbeins Gedichtband "Äquidistanz" (NZZ, Dlf Kultur), Ralf Rothmanns "Die Nacht unterm Schnee" (taz), Femi Kayodes Krimi "Lightseekers" (FR, online nachgereicht von der FAZ), Robert Macfarlanes "Die verlorenen Zaubersprüche" (SZ), Gin Shirakawas Mangaserie "Eine Geschichte von sieben Leben" (Tsp) und Tash Aws "Wir, die Überlebenden" (FAZ).
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Kunst

In der FR möchte Hans Eichel, Hessens früherer SPD-Ministerpräsident, die Diskussion um den Antisemitismus auf der Documenta endlich beendet oder zumindest in eine andere Richtung gedreht sehen. Alle Beteiligten hätten sich schließlich dafür entschuldigt. Vielleicht könnte sich im gegenzug mal Deutschland entschuldigen? "'Wir bedauern, dass unser Land diese Diktatur unterstützt hat, unser Kanzler, damals Helmut Kohl, Suharto als Freund betrachtete.' Doch diese Erwiderung sucht man in dieser Debatte bei Politikern und in den deutschen Feuilletons durchweg vergeblich. Chance vertan." Ebenfalls in der FR meldet Lisa Berins, dass Alexander Farenholtz die Interimsleitung auf der documena fifteen übernehmen soll.

Claes Oldenburgs Skulptur "Giant Pool Balls" von 1977 in Münster. Foto: Erich ferdinand, Wikimedia, CC 2.0

Claes Oldenburg
ist tot. Georg Imdahl schreibt in der SZ einen Nachruf auf den Pop-Art-Bildhauer, der mit seinem Riesenskulturen unseren Alltag monumentalisierte. Wie Martha Schwendener in der New York Times dankbar festhält, befreite Oldenburg die Kunst in Amerikas öffentlichem Raum von "Stieren, Griechen und vielen nackten Weibern". ArtForum bringt eine legendäre Eloge auf Oldenburg, in der Barbara Rose bereits 1967 schrieb: "Oldenburg ist der einzige Künstler der Pop-Art, der maßgeblich die Geschichte der Form mitgestaltete."

Weiteres: Ingeborg Ruthe stellt in der Berliner Zeitung die serbische Künstlerin Ana Prvacki vor, die als Artist in Residence im Berliner Gropiusbau eine neue Bienenart erfand. Anlässlich eines Festivals zu lateinamerikanischer Fotografie in der Bronx bringt der Guardian eine tolle Bilderstrecke.

Besprochen werden die große Schau zu den Düsseldorfer Fotografen Bernd & Hilla Becher im Metropolitan Museum of Art in New York (SZ) und Porträts der Sammlung Klewan im Leopold Museum Wien (FAZ).
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Film

Urs Bühler porträtiert in der NZZ die belgische Schauspielerin Cécile de France. Daniel Kwans und Daniel Scheinerts Groteske "Everything Everywhere All at Once" ist geradezu "glorreich" darin, wie er das Internet versteht, staunt Titus Blome in einem 54books-Essay. Maria Wiesner hat für die FAZ mit der Paramount-Archivarin Andrea Kalas gesprochen, die passgenau zu Jubiläen restaurierte Klassiker wieder in die Kinos bringen lässt. Magnus Klaue geht in der Jungle World dem Erfolg der Francis-Durbridge-TV-Krimis in der Bundesrepublik der 60er und 70er auf den Grund.

Besprochen werden der Actionblockbuster "The Gray Man" mit Ryan Gosling (taz) und Joscha Bongards Dokumentarfilm "Pornfluencer", das seine Sexleben auf Pornoplattformen vermarktet (taz).
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Stichwörter: 60er

Musik

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Pop-Hochamt in Düsseldorf: Lady Gaga hat dort nicht nur das Auftaktkonzert ihrer Welttournee gegeben, sondern ist überhaupt zum ersten Mal seit Beginn der Pandemie in einem Stadion aufgetreten. Das Comeback fiel bombastisch aus, schreiben die Kritiker. Ihre "Präsenz hat etwas Bauhaushaftes, Strenges, ihr Dress ganz am Anfang lässt sie wie ein lebendes Tangram-Spiel wirken", schreibt Boris Pofalla in der Welt. "Die visuelle Komponente von 'Chromatica Ball', so der offizielle Titel der Show, ist eine Kooperation mit dem britischen Modefotografen Nick Knight und zeigt uns Alienartiges, geröntgte Gehirne, schwarzweiße Pflanzen, eine Betonstadt und darin eine Brutalismus-Gaga, die hier mit streng nach hinten gegelten blonden Haaren und in Lackleder auftritt, auch mal beinahe ungeschminkt und wie geläutert. Die Kostüme sind skulptural, die Schulterpolster ähneln Artilleriegeschossen." Das Bühnenbild "scheint einem Fritz-Lang-Film entliehen", schreibt Oliver Maria Schmitt in der FAZ. Auch ansonsten gehen ihm die Augen über: Gaga zeigt sich "in schwarzem Leder, in schillerndem Cyberpunk-Outfit mit meterhohem Stehkragen, im Insektenpanzer oder ganz in Gold und Glitter" und ihre "Show ist einfach alles und alles zugleich: monochrom, düster, spannend, bunt, geil, komisch und brutal, mal ziemlich still, aber auch sehr laut, bisweilen übertrieben, heiß und explosiv, dann wieder fragil und verstörend, wenn die zerbrechliche Sängerin wie frisch gestorben auf dem Bühnenboden kauert. So tobt und klingt die Bestie Leben."

Manche schreiben Bücher über Krautrock, andere über Italopop - Joachim Hentschel hat eines über den Deutschrock der Achtziger geschrieben. Genauer: über die Austauschprozesse zwischen Bundesrepublik und DDR, die vielfältiger waren als man es glauben mag, wie Hentschel in der taz erzählt. An Wolf Biermanns im Westen veröffentlichte Platten verdiente die DDR via Gema ordentlich mit, außerdem wurde ARD-Fernsehmusik gerne mal "drüben" aufgenommen. "Auf beiden Seiten wurden ja die Subkulturen vom Mainstream abgelehnt, aber im Westen konnten eigene Netzwerke aufgebaut und Platten veröffentlicht werden. Das ging im Osten nicht. Trotzdem erschien 1983 mit heimlicher Unterstützung von Westlern die historische Punk-LP 'DDR von unten' in Westberlin. Leute wie Dimitri Hegemann hatten die Aufnahmen von Ostpunkbands in die Bundesrepublik geschmuggelt." Bei ihren illegalen Auftritten in Ost-Berlin spürten auch die Toten Hosen, "was Gefahr und Ärger mit der Polizei wirklich heißt. Punks im Osten konnten wählen zwischen Schnauzehalten und Knast. Da war es fast makaber, dass die Hosen den Nervenkitzel hatten und danach wieder rüberkonnten, während ihre Kollegen von der Ostberliner Band Planlos weiter mit der Gefahr klarkommen mussten."

Außerdem: Für die Zeit resümiert Christoph Dieckmann das Weltmusik-Festival in Rudolstadt. Besprochen werden Lizzos neues Album "Special" (Standard, mehr dazu bereits hier), ein Konzert der Toten Hosen (NZZ) und ein Brahms-Abend unter Yannick Nézet-Séguin bei den Sommerfestspielen Baden-Baden (FAZ).
Archiv: Musik