Efeu - Die Kulturrundschau

Das Interesse an Unschärfen

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.01.2022. In Domus rät Jean Nouvel der heutigen Architektur, wieder der Verlockung von Orten nachzugeben. Die SZ lernt von Ludwig Wittgenstein im Leopold Museum das experimentierende Sehen. In Monopol mahnt Marion Beckers, die Leiterin des Verborgenen Museums, Künstlerinnen wie Martel Schwichtenberg und Augusta von Zitzewitz nicht zu vergessen. FAZ und Zeit verfangen sich in den Fantasiewelten von Guillermo del Toros "Nightmare Alley". Und die NZZ probiert im Zürcher Museum für Gestaltung ein Wurzelkleid.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.01.2022 finden Sie hier

Film

Cate Blanchett als Vamp der Vierziger: Guillermo del Toros "Nightmare Alley"

Mit "Nightmare Alley" legt Guillermo del Toro die zweite Verfilmung von William Lindsay Greshams gleichnamigem düsterem Roman vor, der in den Vierzigern auch schon mal als Film Noir mit Tyrone Power in die Kinos kam. Erzählt wird die Jahrmarktsgeschichte eines Scharlatans, der die Ängste seines Publikums förmlich riechen kann. Schier erschlagen kommt FAZ-Kritiker Axel Weidemann aus dem Kino angesichts dieser detailliert vollgepackten und durchgestalteten Bilder, aber auch "vom Spiel der Figuren und Darsteller, von der Verschlagenheit, der Bosheit, vor allem von den Trümmern eines gigantischen Turmes aus Lüge und Betrug. ... Hollywood gruselt am schönsten, wenn es vor sich selbst erschrickt - und überhaupt vor all den neuen Illusionsverkäufern, die so leichtes Spiel mit den Menschen haben."

Katja Nicodemus von der Zeit stimmt gerade dieser Aspekt skeptisch: "Cate Blanchett wirkt wie eine wandelnde Huldigung an die Kino-Vamps der Vierzigerjahre. Aber es ist eine Hommage, die sich fortwährend vor sich selbst verbeugt. In Guillermo del Toros früheren Filmen war das Fantastische die Gegenwelt", doch hier "wird die Fantasie zum Mittel der Manipulation. ... Es ist eine moralische Erzählung von der Pervertierung der Illusion, die sich jedoch irgendwann in überzogener Künstlichkeit verliert. Oder zelebriert sie ihre Künstlichkeit bis zum Exzess?" Dass "Hollywoods bekanntester Fantast" einen Film Noir vorlegt, ist nur auf den ersten Blick ungewöhnlich, schreibt Markus Keuschnigg in der Presse: "Sieht man aber, mit welcher Liebe zum Monströsen und Abseitigen er die Jahrmarktsgemeinschaft als ein zusammengeschweißtes, familiär organisiertes Bollwerk gegen die normierenden und ausgrenzenden Kräfte von außerhalb zeichnet, dann lässt es sich widerstandslos in sein bisheriges Œuvre einreihen."

Außerdem: Noch nie wurden in einem Jahr so viele englischsprachige Serien produziert wie 2021 - wer soll das nur alles schauen, stöhnt Markus Ehrenberg im Tsp. Im Standard empfiehlt Valerie Dirk eine Elfi-Mikesch-Retro im Filmarchiv Austria. Andreas Kilb gratuliert in der FAZ dem Filmemacher Richard Lester zum 90. Geburtstag.

Besprochen werden Jens Meurers Doku "An Impossible Project" über den Mann, der das letzte Polaroid-Werk gerettet hat (SZ), Pablo Larraíns "Spencer" (Jungle World, unsere Kritik) und C. B. Yis "Moneyboys" (Standard).
Archiv: Film

Kunst

Moriz Nähr: Ludwig Wittgenstein. Porträt zur Verleihung des Trinity College Stipendiums 1929. Foto: Klimt-Foundation, Wien

Almuth Spiegler hat sich für die SZ im Wiener Leopold Museum in die Ausstellung zu Ludwig Wittgenstein gewagt. Und siehe da: Der Philosoph war auch Fotograf und befasste sich mit den Themen der zeitgenössischen Kunst: "Die Überlagerung von Ähnlichkeiten und Unterschieden. Das Interesse an Unschärfen. Die Selbstdarstellung. So inszenierte sich Wittgenstein selbst in einem der frühen Fotoautomaten, streng frontal, ohne Lächeln, ohne narrativen Firlefanz. Das Fotoalbum benutzte Wittgenstein dagegen als eine Art Gedanken- und Affektarchiv mit Fotos der weiblichen Familienmitglieder, seiner norwegischen Hütte, aber auch der Typen-Porträts des Personals am Familien-Landsitz. In diesen kleinen, beklebten Notizheften, die man per Screen auch durchblättern kann, sieht man Wittgenstein beim reflektierenden, experimentierenden Sehen zu, ganz nach seinem Prinzip: 'Denk nicht, schau!'"

35 Jahre lang hat das Verborgene Museum Werke vergessener Künstlerinnen ausgegraben, darunter die Arbeiten von Lotte Laserstein, Marianne Breslauer, Louise Stomps und Yva. Jetzt geht es in die Berlinische Galerie über. Zum Abschied betont die langjährigen Chefkuratorin Marion Beckers im Monopol-Interview, dass die Arbeit noch lange nicht getan ist: "Viele der Künstlerinnen, die wir schon gezeigt haben, brauchen noch zahlreiche weitere Ausstellungen. Wir müssten beispielsweise noch einmal Martel Schwichtenberg zeigen, Augusta von Zitzewitz weiter bearbeiten und zeigen, da gibt es Namen über Namen, die einfach da sind und mehr Sichtbarkeit benötigen. Auch die Museen tragen eine Mitschuld an der fehlenden Öffentlichkeit der Künstlerinnen, da sie ihre Werke nur selten angekauft haben. Und wenn, dann landeten sie im Depot."

Besprochen werden die Retrospektive des Zeichners und Illustrators Tomi Ungerer in der Sammlung Falckenberg in Hamburg (taz) und Bogomir Eckers auf fünfhundert Jahre angelegte Tropfsteinmaschine in der Kunsthalle Hamburg (FAZ).
Archiv: Kunst

Architektur

Der französische Architekt Jean Nouvel sperrt sich in einem etwas struppigen, aber durchaus interessanten Interview mit Domus gegen einen globalen Urbanismus ohne Vision: "'In der Moderne geht es um die Wiederentdeckung der Kraft, der Verlockung von Orten. Das Lokale ist das Wort von morgen, nicht das Klonen lebloser Modelle'. Der Augenblick also. Die Architektur als orts- und geschichtsgebunden: das Hier und Jetzt, das nur mit dem Markt durch ein Verständnis von Architektur  vereinbar ist, dem zufolge es keine universellen Lösungen für ökologische Fragen gibt, da die erste wirklich ökologische Vision den Ort berücksichtigt. Mit den Worten Nouvels sind wir heute mehr denn je an einem Punkt angelangt, an dem die Architektur, die Rolle des Architekten, ausgelöscht wurde. Die Bedingungen verhindern, dass die Objekte mit Rücksicht auf die Geografie bestimmt werden können. 'Wir dürfen nicht Erotik und Gymnastik verwechseln: Es geht um Charakter, immer.'"
Anzeige
Archiv: Architektur
Stichwörter: Nouvel, Jean, Erotik

Design

Hauspflanzen sind unsere Freunde und Verbündete, nimmt NZZ-Kritikerin Sabine von Fischer aus der Ausstellung "Plant Fever. Design aus der Pflanzenperspektive" im Zürcher Museum für Gestaltung als Erkenntnis mit. Wie sich dieses Verhältnis gestalten lässt, dazu zeigen die ausgestellten "Industrieobjekte und Prototypen aus Produktdesign, Textil, Mode und digitaler Kommunikation die Vielfalt" möglicher Strategien. "Manche der gezeigten Projekte sind spekulativ und untersuchen beispielsweise, wie Pflanzen- und Computersprache verknüpft werden können." Es "reihen sich Töpfe mit schwenkbaren Armen, Kübel mit Spinnenbeinen und gestapelte Tongefässe. Sie imitieren die Pflanzenformen und steuern auch, wie die Pflanze wächst. Aus dem Material wachsen auch alle möglichen Alltagsgegenstände, so ein Wurzelkleid und ein ganzer Stuhl, der auf einem Hof im englischen Chesterfield aus einem Holzspalier in seine Form gezüchtet wurde."
Archiv: Design
Stichwörter: Pflanzen, Instagram

Bühne

Überraschen durfte der russische Regisseur Kirill Serebrennikow für Proben ans Hamburger Thalia Theater ausreisen. Warum, kann er SZ-Autor Till Briegleb nicht erklären, gibt aber zu verstehen, dass er sich im Moment lieber vorsichtig äußere: "Aber nicht aus Angst, sondern aus Vernunft."
Archiv: Bühne

Literatur

Es lohnt sich, Shakespeare-Übersetzungen aneinander zu legen und mit dem Original abzugleichen, freut sich Alan Posener in der Welt nach einem genauen Blick auf ein Shakespeare-Sonnet in der deutschen Übertragung durch Stefan George, Wolf Biermann und Frank Günther, die für den Ausdruck des männlichen Kummers, dass ein liebreizend androgyner Mensch von der Natur mit einem Penis bedacht wurde, sehr unterschiedliche Strategien finden: "Die Engländer müssen sich mit dem immergleichen elisabethanischen Englisch abmühen, das sich immer weiter vom heutigen Englisch entfernt. Wir schaffen unseren Shakespeare - und damit unser Deutsch - immer wieder neu. Wie Manfred Pfister in seinem einleitenden Bericht 'Aus der Übersetzerwerkstatt' schreibt, hat Frank Günther im Sinne der Verdichtung oft neue Komposita erfunden: 'Grannenbart' etwa oder 'Greisenschwatz'; er macht aus Substantiven Verben: 'floskeln' etwa gehört ins Vokabular jedes politischen Kommentators: 'Der Kanzler floskelt wieder.'"

Georg Stefan Troller erinnert sich in der Welt an eine Begegnung mit Baronesse Frieda von Richthofen, der Witwe von D.H. Lawrence, dem wiederum nachgesagt wird, seine mit ihr unter Beweis gestellten Qualitäten als Liebhaber in "Lady Chatterley" literarisch allegorisiert zu haben. Troller hingegen weiß es besser, zumal er bei dieser Gelegenheit auch von ihrem langjährigen italienischen Liebhaber erfuhr: Diese bayerische Walküre "wäre einst 'erlöst' worden durch den schmächtigen lungenkranken Dichter, das soll möglich gewesen sein? Eher scheint mir das Gegenteil der Fall gewesen zu sein! Sie hat gleich die entsprechende Anekdote parat. Hier sei sie einst mit 'Lorenzo', wie er sich gerne nennen hörte, ausgeritten und hätte ihm zuliebe von den 'dunklen Göttern' zwischen ihren Schenkeln geschwärmt. Darauf ihr Weggenosse: 'Frieda, du hast zu viel in meinen Büchern gelesen.'"

Außerdem: Jan Brachmann schreibt in der FAZ zum Tod des Schriftstellers Gerhard Dallmann. Besprochen werden unter anderem die Hörbuchvariante von Monika Helfers "Löwenherz" (taz), Bachtyar Alis "Mein Onkel, den der Wind mitnahm" (SZ), Gerard Donovans "In die Arme der Flut" (FR), Nicolas Chamforts gesammelte Aphorismen (SZ), Gisela Zifonuns "Das Deutsche als europäische Sprache" (Welt) und Richard Powers' "Erstaunen" (FAZ).
Archiv: Literatur

Musik

FKA twigs bricht auf ihrem neuen Album "aus der Düsternis aus", beobachtet tazlerin Dagmar Leischow. Nach einer katastrophalen Beziehung mit dem Schauspieler Shia LaBeouf und den Einsamkeitsexzessen während Corona "gibt sie den Freuden der irdischen Existenz zumindest eine Chance." Ihre notorisch komplexe Musik ist zwar etwas leichtfüßiger geworden, aber immer noch avantgardistisch genug. Und "wenn sie in 'Minds of Men' geschickt Neoklassik mit Beats vermischt und ihre Stimme dabei zwischen Kate Bush und Sprechgesang oszillieren lässt, kann man vor FKA twigs einfach nur den Hut ziehen."



Besprochen werden ein neues Album von Elvis Costello (NZZ), Julie Sassoons Album "Voyages" (FR), ein Grieg-Abend mit Lise Davidsen und Leif Ove Andsnes (Standard), neue Popveröffentlichungen, daruter Musik von Kevin Costner und Kiefer Sutherland (SZ), und neue Jazzveröffentlichungen, darunter "Flight to Tokyo" von Art Blakey und den Jazz Messengers (Standard).

Archiv: Musik
Stichwörter: Fka Twigs, Corona