Efeu - Die Kulturrundschau

Leider nur ein Teddy

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.08.2021. Alles Natur in der Kunst der heutigen Zeit: monopol kniet in Berlin vor Christiane Löhrs Pusteblumen. Die FAZ bewundert in Karlsruhe Pflanzenporträts. Die FR besucht in Wuppertal den neuen Waldskulpturenpark von Tony Cragg. Der Standard sieht sich beim Wiener Impulstanz einer Gruppe Flüchtlinge, einem Wald und einem Bären gegenüber in Wim Vandekeybus' neuer Choreografie "Traces". Van berichtet über antiasiatischen Rassismus im Klassikbetrieb. In der Jungle World distanziert sich Carsten Friedrichs, Bandleader der Liga der gewöhnlichen Gentlemen, von der Linken, bei der er heute Klassenbewusstsein vermisst.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.08.2021 finden Sie hier

Film

Räume voller Spannung: "Quo Vadis, Aida"

Schlicht hingerissen ist Jochen Werner im Perlentaucher von "Quo Vadis, Aida" der bosnischen Filmemacherin Jasmila Žbanić, von deren Schaffen er bis dahin nicht wirklich überzeugt war. Doch straff in der Spannung, hervorragend im Spiel ist dieses Srebrenica-Drama, das sich aus einer "formal klassischen Kinosituation" ergibt: "Ein belagerter Innenraum, umstellt von übermächtigen Aggressoren. Man kennt das aus unzähligen Klassikern, von Hawks über Carpenter bis Romero. Selbstverständlich macht Žbanić aus ihrer Erzählung vom Genozid von Srebrenica keinen Genrefilm, aber man hat durchweg den Eindruck, dass sie ein vom Genrekino erlerntes Instrumentarium nutzt, um in Räumen zu erzählen und diese mit Spannung aufzuladen. Ihre Figuren jedoch, ihre Konflikte, ihr Scheitern und ihre Resignation scheinen vor diesem Hintergrund eher verschärft, als dass sie darin verschwimmen würden, und der erschütternde Epilog zeigt ein Bestreben, kraftvolle Bilder zu finden." Diese "künstlerisch gereifte Filmemacherin wird man fortan auf dem Zettel haben müssen". Wer sich näher für diese interessiert, findet im Filmdienst ein Gespräch mit ihr. Weitere Besprechungen in Tagesspiegel, taz und SZ.

Außerdem: In der taz blickt Wilfried Hippen ins Programm der Jüdischen Filmtage Hamburg. In der Welt geht Elmar Krekeler dem anhaltenden Erfolg deutschen Kino-Krimireihe rund um den Ermittler Eberhofer auf den Grund (den aktuellsten Wurf der Reihe bespricht der Tagesspiegel).

Besprochen werden Dominik Grafs "Fabian" (Standard, Perlentaucher, Filmdienst, taz, mehr dazu bereits hier), Erich Engels auf DVD erschienener, 1948 in der Sowjetisch Besetzten Zone entstandener Film "Affaire Blum" (taz), die arte-Serie "Hamishim - Fünfzig" (taz) und die Blockbuster-Sause Superschurken-Sause "The Suicide Squad", in der die Schurken mal die Superhelden sein dürfen, wodurch Regisseur James Gunn laut Welt-Kritiker Gerhard Midding im Zuge auf "herzige Inseln der Menschlichkeit im vergnügten Nihilimus" stoße (mehr zum Film im Tagesspiegel).
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Kunst

Ingeborg Ruthe hat für die FR den britischen, in Wuppertal lebenden Künstler und Landschaftspfleger Tony Cragg besucht, der auf einem bewaldeten Abhang einen neuen Skulpturenpark geschaffen hat: "'Ich suchte lange nach einem dauerhaften Gelände für Skulptur im Freien und entdeckte das verwaiste Anwesen 'Waldfrieden', erzählt er, während wir mal geradeaus, mal seitwärts auf den serpentinartigen Wegen nach oben, auf den Hang-Gipfel zugehen. Der Wald war verwildert und die Villa Waldfrieden, in der ihr einstiger Besitzer Kurt Herberts, ein Lackfabrikant, in der NS-Zeit Verfolgte versteckt hatte, marode. Aber dieses Problem war für Cragg zweitrangig, wie er sagt. Der Wald hat ihn gleich fasziniert, ebenso die eigenwillige Architektur der Villa. Die hatte der Baumeister Franz Krause nach der Kriegszerstörung wiedererrichtet. Als steinernen Schwung; das Haus schmiegt sich wie ein abgerundeter Organismus an den Hang, als architektonische Land Art sozusagen. Dann fällt der Blick auf Klassiker wie Miró, Henry Moore, dann auf eine zeitgenössische Riesenbronze, einen Fahnenträger von Thomas Schütte. 'Ich wollte keinen Cragg-Waldpark, sondern die Vielfalt moderner Skulptur - und der Natur', erklärt Cragg. 'Es geht darum, den Formenreichtum wiederzuentdecken, ich finde, die Bildhauerei ist dafür eine absolut gute Methode.'"

Ausstellungen zum Verhältnis von Mensch und Natur gibt es derzeit so einige, bemerkt in der FAZ Stefan Trinks, der besonders "Inventing Nature" in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe empfiehlt, die auf Bestände aus über fünfhundert Jahren Kunst zurückgreifen kann. Beeindruckt haben ihn unter anderem die Blumenstillleben, oft von Frauen wie der Barockkünstlerin Rachel Ruysch gemalt: "Gerade weil den meisten Künstlerinnen damals zünftisch verordnet nur das Malen von Stillleben offenstand (was nicht heißt, dass sie nicht privatissime mit großartigen Bildnissen hervorgetreten wären), werden diese Bouquets zu Gruppenporträts in Gestalt von Blumen: Jede einzelne Pflanze wird sorgfältig porträtiert, erhält einen eigenen Charakter. Doch auch bei Karl Wilhelm de Hamiltons geheimnisvoll leuchtender 'Feuerroter Papageientulpe' (um 1700) vor pechschwarzem Hintergrund verliert sich lange nicht der Eindruck, dass es sich hier um weit mehr als nur das Porträt einer Pflanze handele. Die Pflanze als Stellvertreterin bleibt ein zentrales Thema der Kunst bis in die Moderne".

Jens Hinrichsen hat für monopol Christiane Löhrs Ausstellung "Ordnung der Wildnis" im Haus am Waldsee in Berlin besucht und beugt sich dort ohne Murren sehr tief nach unten: "Eins hat Christiane Löhr auf jeden Fall geschafft: Dass wir uns mit Demut den kleinen Dingen nähern, dass wir vorsichtig und fasziniert vor ihnen niederknien, völlig vergessend, dass wir einiges Material der Künstlerin üblicherweise als 'Unkraut' bezeichnen, es jäten, auf den Kompost schmeißen oder achtlos zertrampeln."

Weitere Artikel: Der Hongkonger Künstler Kacey Wong zieht nach Taiwan, meldet der Tagesspiegel mit AFP: Er fühle sich durch das chinesische Sicherheitsgesetz in seiner künstlerischen Freiheit eingeschränkt, sagte er der Hong Kong Free Press. Cassie Packard stellt bei Hyperallergic die dänische Illustratorin Gerda Wegener (1886-1940) vor. Besprochen wird eine Dürer-Ausstellung im Suermondt-Ludwig-Museum in Aachen (Zeit).
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Literatur

Für die Dante-Reihe der FAZ folgt Sibylle Anderl des Dichters Blick in den Sternenhimmel. Der Schriftsteller Matthias Politycki, der kürzlich in der FAZ bekannt gegeben hatte, vor den deutschen Genderdebatten ins benachbarte Österreich geflohen zu sein (Martin R. Dean antwortete in der FAZ - unser Resümee), war auch schon mal präsenter im Diskurs, spöttelt Gerrit Bartels in seiner Tagesspiegel-Glosse. Besprochen werden Heinz Strunks "Es ist immer so schön mit dir" (Tagesspiegel), Daniela Kriens "Der Brand" (NZZ), Alexander Moritz Monografie über den Comicmeister Will Eisner (SZ) und Daniel Birnbaums "Dr. B." (FAZ).
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Design

Anne Feldkamp erinnert im Standard an Louis Vuitton, der vor 200 Jahren geboren wurde.
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Bühne

Traces" von Wim Vandekeybus. Foto: Danny Willems


Eine Gruppe Flüchtlinge, ein Wald, ein Bär - das ist die Ausgangskonstellation von Wim Vandekeybus' neuer Choreografie "Traces" beim Wiener Impulstanz, erzählt Helmut Ploebst im Standard. Die Natur, stellt sich heraus, lässt sich vom Menschen weder kontrollieren noch einwickeln: "Nur konsequent also, dass das Stück für das gegenüber der Wirklichkeit blinde Grüppchen tragisch ausgeht. Die von den Bären symbolisierte Natur schlägt zurück. Dagegen hilft auch kein So-tun-als-ob - etwa wenn eine der Waldbewohnerinnen sich mit den Tieren so sehr verwandt fühlt, dass sie sich einbildet, ein Bärchen geboren zu haben. Doch es ist leider nur ein Teddy. Ein totes Spielzeug. Diese Szene stellt eines der berührendsten Motive in dem Stück dar: den missglückten Versuch, eine 'Verwandtschaft' zwischen Natur und Mensch herzustellen, während der Machthaber alles dafür tut, um diese Verbindung zu verhindern."

Weitere Artikel: In der taz unterhält sich Katrin Bettina Müller mit Virve Sutinen, der Leiterin des Berliner Festivals Tanz im August, das am Freitag beginnt. Sandra Luzina unterhält sich im Tagesspiegel mit Choreografin Stephanie Thiersch und Komponistin Brigitta Muntendorf, die für ihre Performance "Archipel - Ein Spektakel der Vermischungen" mit Sou Fujimoto, einem der berühmtesten Architekten Japans, so Luzina, zusammengearbeitet haben. Margarete Affenzeller stellt im Standard die französische Performerin und Jongleurin Phia Ménard vor, die mit "Unmoralische Geschichten" bei den Wiener Festwochen auftritt und die wie Florentine Holzinger zu den "Anpackerinnen im Performancebetrieb" gehört. Die russische Kulturministerin Olga Ljubimowa hat sich von dem Vorhaben distanziert, Theateraufführungen auf ihren Patriotismus hin zu überprüfen, meldet Kerstin Holm in der FAZ.
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Architektur

Das neue Volkstheater in München


In der SZ bestaunt Laura Weißmüller das "Wunder von München", das neue Volkstheater, das Architekt Arno Lederer termingerecht fertiggestellt hat und das auch nicht teurer war als geplant: "Ein Wunder, bei dem man fast vergisst, dass dabei auch eine Architektur entstanden ist, die glücklich macht. Glücklich im Foyer, weil hier die leicht gekurvten Wände des Ziegelbaus in satten Farben den Besucher empfangen, in Kanarienvogelgelb, Taubenblau und Türkisgrün, und ihn dadurch wie mit Energie aufladen. Glücklich, weil dieses Theater hier nun in seiner Gänze funktionieren darf, statt täglich in Einzelteile zerlegt werden zu müssen, weil kein Platz im alten Haus war. Glücklich aber auch, weil in der von Luxus geplagten Isarmetropole ein neues Quartier mal eben nicht mit einem hochpreisigen Wohnbau eröffnet wird", sondern "in einer der spannendsten Ecken Münchens, zwischen aktivem Schlachthof und Bahnwärter Thiel, einem Ort, den Nicht-Münchner dieser Stadt gar nicht zutrauen, weil er unaufgeräumt ist, improvisiert und alternativ."

Außerdem: Ulf Meyer berichtet in der FAZ von einer Architekturtagung zum  "Besten der Neunziger".
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Stichwörter: Volkstheater München

Musik

Eigentlich ist das Jungle-World-Gespräch, das Moritz Liewerscheidt mit Carsten Friedrichs, dem Bandleader von Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen, geführt hat, so leicht und beschwingt wie es der hedonistischen Underdog-Mentalität der Hamburger Soulpunk-Band entspricht. Um Politik geht es dann aber doch einmal. Zur Linken geht die an sich linke Band nämlich durchaus auf Distanz: "Mit der Linken vor 20 oder 25 Jahren wollte ich eigentlich auch schon nichts mehr mit zu tun haben. Das fing damit an, dass an den besetzten Häusern in der Hafenstraße 'Boykottiert Israel' draufstand, und ich dachte, das ist schon seltsam, dass die sich von 200 Ländern jetzt ausgerechnet dieses eine aussuchen. Da bin ich ins Grübeln gekommen und habe, wie es damals hieß, antideutsche Publikationen gelesen. An der Linken war mir auch vom Style irgendwie alles zu öde - diese Mischung aus Hippies, Israel-Boykott und infantiler Gewalt, damit wollte ich nichts mehr zu tun haben. Aber so ein gewisses Klassenbewusstsein, oder was Klassenkämpferisches, das kann man davon abkoppeln, da habe ich immer noch kein Problem mit. Wird halt von der Linken nicht mehr so vertreten." Deutlich netter ist da das neue Video der Band:



Jeffrey Arlo Brown hat für VAN mit zahlreichen betroffenen Musikerinnen und Musikern über antiasiatischen Rassismus im Klassikbetrieb gesprochen. "Es ist wichtig zu verstehen", sagte ihm etwa Vivian Fung, "dass man, nur weil man ein chinesischer Komponist ist, nicht unbedingt Volkslieder komponieren muss. Dieses ganze 'Ost trifft West' macht mich wahnsinnig. Man tappt in die Falle, dass man sagt: 'Du bist ein chinesischer Komponist, also passt du am besten zu diesem chinesischen Musikfestival oder dem chinesischen Neujahrsfest.'"

Weitere Artikel: In N+1 denkt Miles Osgood mit Lil Nas X und Milton über die Hölle und Twitter nach, oder auch mit Lil Nas X über Milton oder mit Lil Nas X und Milton über Twitter als Hölle. Für VAN spricht Martina Seeber mit den Komponisten Annesley Black und Walter Zimmermann über Aspekte des Erinnerns und der Identität in ihren Arbeiten. In seiner VAN-Reihe über Komponistinnen erinnert Arno Lücker an Kerstin Thieme. Außerdem nimmt Lücker für VAN Olympia aus der Perspektive der klassischen Musik in den Blick. Christoph Wagner ehrt in der NZZ die Mundharmonika, die vor 200 Jahren erfunden wurde. Rasmus Peters denkt in der FAZ über Pagan Metal, eine mythengesättigte, sehr naturverbundene Spielart der beliebten Stromgitarrenmusik, nach: Diese "mit Mythos aufgefüllte Musik durchbricht die Systeme und Ordnungen. Sie überwindet die Wildnis und bildet sie gleichzeitig ab."

Besprochen werden der Dokumentarfilm "Summer of Soul" über ein schwarzes Musikfestival im Harlem der späten 60er (Filmdienst, mehr dazu bereits hier), neue Bücher von Philipp Sarasin und Jens Balzer über die Popkultur der 70er (Presse), das Konzert des Ensembles Mini mit Marlis Petersen beim Berliner Festival Young Euro Classic (Tagesspiegel), das posthum veröffentlichte Prince-Album "Welcome 2 America" (die 2010 entstandenen Aufnahmen unterziehen die damals noch junge Präsidentschaft Obamas einer Bestandsaufnahme, schreibt Andreas Platthaus in der FAZ) und eine neue EP von Shirley Collins, der Grande Dame des englisch-heidnischen Folks (The Quietus). Wir hören rein:

Archiv: Musik