Efeu - Die Kulturrundschau

Die schöne Utopie des Gegenwartspessimisten

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.06.2021. In der taz erklärt Najem Wali, warum sein neuer Roman in Ägypten wohl auf wenig Gegenliebe stoßen wird. Außerdem lässt sich die taz vom Drone- und Ambientsound des finnischen Komponisten Vladislav Delay durch die Hitze tragen. Die FAZ besucht das neue Besucherzentrum für den Nationalpark Schwarzwald und stellt fest: Auch die Boombranche Naturschutz entgeht der Wachstumslogik nicht. Cargo kann keine Filme aus den Achtzigern mehr sehen, zu beleidigend sind sie für das feministische Auge. Die SZ bereist die Orte um Florenz, in die sich die Uffizien verteilt haben.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.06.2021 finden Sie hier

Literatur

Im Interview mit der taz spricht der Schriftsteller Najem Wali über seinen neuen Roman "Soad und das Militär" - ein Roman über die ägyptische Sängerin Soad Hosny, die 2001 in London von einem Balkon in den Tod stürzte, und das ägyptische Militär, das kein demokratisches Pflänzchen wachsen lässt. Der Roman, meinnt Wali, wird in Ägypten wohl "nicht allen gefallen": "Mein Verleger hat Angst. Es gibt Gerüchte, dass der Roman auf dem Index steht und von der Messe beschlagnahmt wird. Viele Probleme, die wir heute in der arabischen Welt haben, sind ein Produkt der eigenen postkolonialen Regime. Der Militärs, die nie die Macht abgegeben haben. Wie zynisch diese Mächte sein können, das wollte ich an der Figur der Soad zeigen."

Michael Wurmitzer resümiert im Standard den zweiten Lesetag in Klagenfurt. Für Tagesspiegel-Kritiker Gerrit Bartels deutet sich allmählich an, "dass der 2021-Jahrgang einer der schwächeren in der Geschichte dieses Wettbewerbs ist." Paul Jandl stellt in der NZZ fest, dass der Bachmann-Wettbewerb sich gerade dadurch, dass er ein Anachronismus ist, in die Gegenwart gerettet hat: Und "auch wenn die Kritiker glauben, recht zu haben, wird am Ende die Literatur recht behalten. Das ist die schöne Utopie des Gegenwartspessimisten, der sich gegen die dampfplaudernde Auflösung künstlerischer Substanz wehrt."

Weitere Artikel: Schriftsteller Maxim Biller schreibt im ZeitMagazin über seine Begegnung mit dem israelischen Schauspieler Dov Glickmann. Für den Freitag porträtiert Lennart Laberenz Rosemarie Tietze, die seit vielen Jahren aus dem Russischen ins Deutsche übersetzt. Der Schriftsteller Im  NZZ-Gespräch erinnert sich der Anwalt Peter Nobel an seinen Freund und Mandanten Friedrich Dürrenmatt.  Außerdem schreibt der Schriftsteller Jaroslav Rudis für das "Literatische Leben" der FAZ Tagebuch von einer großen Zugreise durch Deutschland.

Besprochen werden unter anderem Ben Lerners Essay "Warum hassen wir die Lyrik?" (Freitag), Michel Winocks Flaubert-Biografie (taz), Richard Wagameses "Der gefrorene Himmel" (taz), William Boyds "Trio" (online nachgereicht aus der Welt), Friedrich Dürrenmatts "Das Stoffe-Projekt" (NZZ), Joshua Cohens "The Netanyahus" (SZ), Valzhyna Morts Gedichtband "Musik für die Toten und die Auferstandenen" (Literarische Welt) und Valeria Parrellas "Versprechen kann ich nichts" (FAZ).
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Film

In der neuen Ausgabe von Cargo umkreist Cristina Nord, die frühere taz-Filmredakteurin und gegenwärtig Leiterin des Forums der Berlinale, in einem Essay, wie #MeToo ihren Blick aufs Kino geändert hat. Anlass: Eine Wiederbegegnung mit Michael Manns Eighties-Thriller "Thief", in der eine Szene sie heute wohl mehr verstört als vor #MeToo: "Mein Schauwerte liebendes Auge hätte sich mit meinem feministischen Auge heftiger gestritten. 2020 schließen sich beide Augen in einer Mischung aus Ennui und Ungeduld. Es ist zu viel passiert, als dass ich die Misogynie abspalten und das ästhetische Raffinement feiern oder mich mit der These von der hochgradigen Fiktionalität des Genre-Kinos trösten wollte." Früher habe sie Sexismen auch mal ausblenden können. Hätte sie das nicht getan, "ich hätte riskiert, den Kopf für nichts anderes mehr frei zu haben. Eine solche Reduzierung wollte ich mir niemals antun, genauso wenig, wie ich das Kino unter einen ideologischen Generalverdacht stellen wollte. Zugleich ist ein Ausblenden, so taktisch es auch gefasst ist, immer ein Ausblenden, und manchmal ist der Status Quo zu mächtig, als dass er sich leugnen ließe."

Außerdem: Die Schriftstellerin Anke Stelling erinnert sich in Cargo an das Kino Corso in ihrer Heimatstadt Stuttgart, wo sie gelernt hat, "inwiefern Genre, Widerstand und Kunst zusammengehören". Thomas Abeltshauser freut sich im Freitag über die Sommerberlinale, die in gelöster Stimmung über die Freilichtbühne ging: "Sommerflair unterm Sternenhimmel, luftige Klamotten und Liegestühle, es wurde sogar geraucht." Ralf Schenk berichtet im Filmdienst von der Diagonale in Graz. Esther Buss wirft im Filmdienst einen essayistischen Blick auf die Videoarbeiten von Alfred Guzzetti. Die "Lange Nacht" des Dlf Kultur widmet sich 50 Jahren "Polizeiruf 110". Fritz Göttler (SZ) gratuliert Stephen Frears zum 80. Geburtstag. In der FAZ stellt Bert Rebhandl das Berlinale-Programm "Fiktionsbescheinigung" vor, das "einen bewusst diversen Blick auf Deutschland" wirft sowie "marginalisierte Positionen" privilegiert, und hofft auf aufklärerische Wirkung für die Filmkultur.

Besprochen werden Ute Adamczewskis "Zustand und Gelände" (Artechock, Filmdienst, mehr dazu hier), Doug Limans Science-Fiction-Film "Chaos Walking" (Artechock, FAZ), Bo Burnhams während dem Lockdown in Eigenregie in den eigenen vier Wänden entstandenes Netflix-Comedy-Special "Inside" (Welt), Emma Seligmans "Shiva Baby" (Artechock), Enrico Casarosas in italienischen Klischees badende Pixar-Film "Luca" (ZeitOnline), die Instagram-Serie "Ich bin Sophie Scholl" (Jungle World) und die AppleTV-Serie "Physical" (ZeitOnline, FAZ).
Archiv: Film
Stichwörter: Metoo, Sexismus, Feminismus

Architektur

Matthias Alexander besucht für die FAZ das neue Besucherzentrum für den Nationalpark Schwarzwald und stellt fest, dass man sich auch mit dem größten ökologischen Bewusstsein und der achtsamsten Architektur in scheinbar unauflösliche Widersprüche verwickeln kann: "Etwa 37 Millionen Euro hat der Bau gekostet, deutlich mehr als ursprünglich veranschlagt. Auch der Boombranche Naturschutz gelingt es also nicht, der Wachstumslogik zu entgehen; ihre Protagonisten halten es für nötig, für die Verbreitung ihrer Anliegen Flächen zu versiegeln, immer in der Erwartung, dass diese Investition eine schöne Rendite in Form eines höheren allgemeinen Umweltbewusstseins abwirft und dadurch den Landschaftsschaden um ein Vielfaches kompensiert. Die Paradoxie ihres Handelns ist den Akteuren bewusst."

Außerdem: Eine Initiative um den Architekten Christoph Mäckler möchte dem Frankfurter Rathaus eine Turmspitze verpassen, berichtet Rainer Schulze in der FAZ.
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Musik

Mit den Drone- und Ambientsound auf dem neuen Album des finnischen Komponisten Vladislav Delay lässt sich gut durch die Hitze des Tages und die Wärme der Nacht flirren, schreibt Beate Scheder in der taz. Auch wenn das Album ziemlich harsch beginnt: "Da rauscht und rattert es vor sich hin, schnauft wie ein mechanisches Gerät, das aus dem Takt geraten ist, weil möglicherweise Sand oder anderes störendes Material ins Getriebe gekommen ist." Später "kommt ein hämmernder Rhythmus hinzu, unterbrochen von kürzeren melodischeren Abschnitten, zum Luftholen quasi, bevor das Brodeln wieder einsetzt. Und so zieht sich der Sound durch, dröhnend, bis zur Mitte des Albums etwa, bis zu fünften Track, 'Rakas'  der vergleichsweise ruhig vor sich hinstromert. Die Stimmung klärt sich, Noise und Drone gehen in Ambient über, umschmeicheln die Ohren plötzlich liebevoller und sensibilisieren diese spätestens dann für die Schönheit dieser auditiven Reizüberflutung, für die Eleganz und Melodik hinter den furchigen Soundlandschaften." Wir springen tief hinein:



Besprochen werden außerdem ein Wiener Konzert von Grigory Sokolov (Standard), Fabio Luisis Abschiedskonzert von der Philharmonia Zürich (NZZ), Joan Armatradings "Consequences" (FR) und das neue Album von Sleater-Kinney (Tagesspiegel). Wir hören rein:

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Stichwörter: Delay, Vladislav, Ambient

Bühne

In der FAZ gratuliert Wiebke Hüster, die kürzlich total entsetzt war über die Berufung Christian Spucks zum neuen Leiter des Berliner Staatsballetts (unser Resümee), Sidi Larbi Cherkaoui zu seinem neuen Job als Ballettdirektor in Genf ("Die letzte Frage beantwortet er lachend: 'Hat man Sie gefragt, ob Sie das Staatsballett Berlin übernehmen möchten?' 'Nein', sagt er.") Sylvia Staude unterhält sich für die FR mit dem Choreografen Hofesh Shechter über dessen Arbeit, die Pandemie und "Schwanensee". Außerdem streamt die nachtkritik heute abend ab 19 Uhr Moritz Beichls Inszenierung von Schillers "Räubern" am Deutschen Theater Göttingen.

Besprochen werden K.D. Schmidts Inszenierung von Brechts "Mutter Courage" am Staatstheater Mainz (FR), das Abschiedskonzert von Fabio Luisi, der sich als Generaldirektor der Philharmonia und des Opernhauses Zürich mit Bruckners Siebter verabschiedete (NZZ), eine Liveübertragung aus Kapstadt von Lara Foots Adaption von J. M. Coetzees Roman "Leben und Zeit des Michael K." (nachtkritik), der Auftakt der Internationalen Schillertage mit Ewelin Marciniaks Inszenierung der "Jungfrau von Orleans" nach Schiller und kräftig bearbeitet von und Joanna Bednarczyk am Nationaltheater Mannheim (nachtkritik) sowie Hervés Operette "V'lan dans l'œil" am Pariser Théâtre du Châtelet (FAZ).
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Kunst

Ausschnitt aus Andrea del Castagnos Porträt von Dante, 1447-49


Vier Millionen Touristen haben vor Corona jedes Jahr Florenz besucht, und natürlich auch die Uffizien. In der pandemiebedingten Zwangspause hat Direktor Eike Schmidt nachgedacht und einen exzellenten Plan entwickelt, das Geschehen in Florenz wenigstens etwas zu entzerren: die Uffizi diffusi, die verteilten Uffizien, erzählt Alex Rühle in der SZ. "Mehr als hundert Dörfer und Städte der Toskana, aber auch darüber hinaus, bekommen nun Werke aus den riesigen Depots, manche vorübergehend, andere auch längerfristig. Es wird jeweils einen Bezug der Bilder zu den Orten geben, an die ausgeliehen wird: In San Godenzo geht es los, einem Städtchen, in dem Dante sich nach seiner Verbannung eine Weile lang aufhielt, vergeblich hoffend, dass er zurückdarf nach Florenz. Die Uffizien leihen das Porträt aus, das Andrea del Castagno von ihm malte - schließlich stammt der aus San Godenzo. Es gibt aber auch sehr viel größere Kooperationen..." Wenn man sich jetzt noch auf der Webseite der Uffizien darüber informieren könnte, welche Bilder wo zu sehen sind, wäre die Sache perfekt.

Weitere Artikel: Uwe Rada unterhält sich für die taz mit Natalie Bayer, der neuen Leiterin Friedrichshain-Kreuzberg-Museums. Nicolas Freund macht für die SZ mit dem Staatstheater Kassel einen Stadtrundgang mit inszenierten Stationen zu Leben und Werk von Joseph Beuys. Auf Hyperallergic stellt John Yau den früh verstorbenen kanadischen Künstler Matthew Wong vor.

Besprochen werden die Katharina-Sieverding-Retrospektive in der Hamburger Sammlung Falckenberg (SZ), die Ausstellung "documenta. Politik und Kunst" im Deutschen Historischen Museum (taz, monopol) sowie zehn Ausstellungen in Bremen und Bremerhaven, die sich unter dem Obertitel "Smell it!" mit Gerüchen in der Kunst beschäftigen (taz).
Archiv: Kunst
Stichwörter: Uffizien, Uffizi Diffusi