Efeu - Die Kulturrundschau

Schwerelos durch den Kosmos

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18.03.2021. Auch die Tchibo-Hausfrau möchte im Klassiksender nicht mit einfacher Sprache unterfordert werden, versichert die FAZ dem WDR. Warum wirkt der städtische öffentliche Raum in der Pandemie so öde, fragt monopol. Das Van Magazin empfiehlt deutschen Theaterintendanten, sich in Sachen Mitarbeiterführung ein Vorbild an der Privatwirtschaft zu nehmen. Auf Zeit online möchte die Schriftstellerin Rasha Khayat nicht nach Hautfarbe oder Herkunft definiert werden, danke schön. Und: Die Musikkritiker schreiben zum Tod des Dirigenten James Levine.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.03.2021 finden Sie hier

Musik

Wie erst jetzt bekannt wurde, ist James Levine bereits am 9. März gestorben. Die Met hat der US-Dirigent zwar wie kein zweiter geprägt, doch starb er als "Geächteter", nachdem 2016 mehrere Männer ihm sexuellen Missbrauch und Übergriffe vorwarfen, schreibt Frederik Hanssen im Tagesspiegel über den "Maestro des üppigen, sinnlichen Klangs". In der SZ verneigt sich Reinhard J. Brembeck vor einem großen Wagner-Dirigenten, der die Werke des Bayreuthers neu zum Klingen brachte: "Im New Yorker 'Tristan' kam der ans Wabern und Megamythische und Bedeutungsdräuende gewöhnte Europäer etwas erfrischend und befreiend anderes geliefert. Levine brachte Licht in die Partitur, er entdeckte die helle Farbpalette der Impressionisten. Auch nahm er alles Schwere aus dieser Partitur, deren endlose Sehnsuchtsgesänge sich gerne schwülstig schwül anhören." Levine "ließ sie schwerelos durch den Kosmos gleiten und strahlen, er gab ihr eine Weite, wie sei in Bayreuth nicht möglich scheint."

Auch Ljubiša Tošić vom Standard legt nochmal eine Wagner-Aufnahme von Levine auf, allerdings den "Parsifal": Da dehnt "Levine das Vorspiel in einem Ausmaß, dass die Zeit regelrecht zum Stillstand kommt und der narkotische Klang luxuriös sein Fluidum entfaltet. ...  Dabei war Levine auch ein Praktiker und Pragmatiker, eigentlich ein Dirigent der Sänger." Weitere Nachrufe schreiben Stefan Schickhaus (FR), Gerhard R. Koch (FAZ) und Christian Wildhagen (NZZ). Hier eine Levine-Aufnahme des "Parsifal" von 1994:



Bis zu 300.000 Hörer schalten das von den Moderatoren inhaltlich selbst gestaltete WDR Klassik Forum ein, dennoch soll die Sache - wie auch beim RBB Kultur - auch in der Ansprechhaltung durchhörbarer, zugänglicher und weniger expertig werden, um die an sich recht ansehnlichen Zahlen steigen zu lassen. Worte wie "Hammerklavier" und "Libretto" sollten in Klassiksendungen doch eher nicht fallen, wird aus Schulungsseminaren berichtet. Wenn das mal kein Schuss ins eigene Knie wird, warnt Jan Brachmann in der FAZ: "Die 'Tchibo-Hausfrau' und 'mein Fleischer, der zwar keine Ahnung von Musik hat, aber doch regelmäßig ins Konzert geht', werden in den Schulungsseminaren immer als Beispiel für Adressaten einer hörerfreundlicheren, zugänglicheren Ansprache des Publikums genannt. Was aber, wenn diese bisherigen Nichthörer von WDR 3 ganz glücklich mit dem sind, was sie stattdessen hören, während die Stammhörer mit dem, was sie künftig geboten bekommen sollen, unglücklich werden?"

Moderatoren und Experten ziehen derweil erste Konsequenzen: Nach 34 Jahren Dienst am Mikrofon hat Klassikexperte Michael Stegemann es Kalle Burmester gleichgetan und verlässt nun ebenfalls den WDR3. Im VAN-Gespräch begründet er dies mit den aktuellen Direktiven: "Die Inhalte dieser Vorgaben und die Entwicklung insgesamt halte ich für eine Katastrophe. ...  Viele Informationen, die zu einem musikalischen Werk gehören, wie Besetzung, Tonart, Werkverzeichnisnummer, Entstehungsdaten, und auch zu Interpretinnen und Interpreten gelten als verzichtbar. Musik wird als 'Emotion pur' definiert und soll als solche von uns vermittelt werden: viel mehr von sich selbst erzählen, viel mehr Anekdotisches, viel mehr leichtes Mitnehmen auf einen Rezeptionsweg des 'Easy Listening'. ... Der Druck wird immer stärker. O-Ton von unserer Teamleiterin: 'Natürlich müssen wir die neuen CDs von Jonas Kaufmann, von Anne-Sophie Mutter oder Igor Levit sofort senden.' Daraufhin habe ich gesagt: 'Ich muss das nicht.' 'Doch, dazu werden wir Sie verpflichten.'"

Weitere Artikel: Antonia Munding spricht für VAN mit dem Bariton Hans Christoph Begemann. Für die NZZ spricht Christoph Wagner mit dem Jazzgitarristen Bill Frisell. Arno Lücker schreibt in seiner Komponistinnen-Reihe für VAN über Radie Britain. Ronald Pohl erinnert im Standard an Hans-Joachim Roedelius' und Dieter Moebius' Krautrock-Klassiker "Cluster 71", der vor 50 Jahren veröffentlicht wurde: "Aus einer Vielzahl von Klangsensationen entsteht ein Kosmos voller Möglichkeiten, flirrend wie am ersten Schöpfungstag" - und bei solchen Aussichten hören wir doch gerne rein:



Besprochen werden das neue Album von Disarstar (FR), das heute Abend auf BR-Klassik übertragene Jubiläumskonzert der Bamberger Symphoniker (FAZ) und das gemeinsame Album "Hab keine Angst, hab keine Angst, ich bin deine Angst" von Jonathan Meese und DJ Hell - ZeitOnline-Kritikerin Laura Ewert hörte "die Musikalisierung von Meeses Manifesto, der Idee einer Diktatur der Kunst", findet das Album aber auch "in weiten Teilen schwer erträglich".
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Literatur

Der Schriftstellerin Rasha Khayat platzt auf ZeitOnline der Kragen, was die Diversitätsdebatte der letzten Wochen rund um die Übersetzungen von Amanda Gormans Gedichten betrifft: Für sie ist das alles vor allem eine verlogene Veranstaltung aus Imagegründen, allerdings schiebt sie die Schuld daran den Verlagen zu, nicht den Diversity-Aktivisten. Dass Diversität wichtig ist, verstehe sich von selbst, sagt sie. Aber ginge es tatsächlich um Diversität, würden etwa migrantisch-stämmige Autorinnen anders, nämlich so wie ihre bio-deutschen Kollegen besprochen: Über Autorinnen erfahre man vor allem "persönliche Dinge: wann sie nach Deutschland kam, unter welchen Umständen sie aus welchem Land mit ihrer Familie geflüchtet ist, wann sie wie Deutsch gelernt hat. Ich erfahre wenig bis gar nichts darüber, wie ihr Text literarisch funktioniert, wie Dialoge und Topoi gearbeitet sind. Dafür wird mir aber durch die Bank und nahezu überzeugend suggeriert, es handle sich hier eindeutig um einen biografischen Roman. Anders gesagt: Der Autorin werden per se Fantasie, Empathie, Handwerk und Abstraktionsvermögen von der eigenen Biografie abgesprochen."

Weitere Artikel: Zumindest was die Produktion betrifft, werde die Comicszene zwar weiblicher, schreibt Birte Förster im Tagesspiegel, doch Jurys und Berichterstattung sind, mit entsprechenden Folgen, noch immer weitgehend Männersache. In einem Livestream stellte Mithu Sanyal ihren Debütroman "Identitti" vor, berichtet Steffen Herrmann in der FR. Stefan Michalzik berichtet derweil in der FR von einem Abend um den Beatdichter Peter Orlovsky. Die aktuellen Impfdebatten lassen Welt-Kritiker Matthias Heine zu Kafkas "Ein Landarzt" greifen.

Besprochen werden unter anderem Helga Schuberts "Vom Aufstehen" (FR), Cho Nam-joos "Kim Jiyoung, geboren 1982" (taz), Matthias Wittekindts Krimi "Vor Gericht" (FR), Hannah Arendts Biografie über Rahel Varnhagen (SZ) und Sebastian Barrys "Tausend Monde" (FAZ).
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Film

Barbara Oertel berichtet in der taz von Streitigkeiten in Russland um den von der Gilde der Filmkritiker verliehenen Preis "Weißer Elefant", für den die Jury in diesem Jahr auch den Putinkritiker Alexei Nawalni nominiert hat.

Besprochen werden Sébastien Lifshitz' Dokumentarfilm "Kleines Mädchen" (SZ), die DVD des Omnibusfilms "Tokyo!" von 2008 mit Beiträgen von Michel Gondry, Leos Carax und Bong Joon-ho (taz), eine Box mit allen Schnittfassungen von Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now" (Intellectures) und Zack Snynders für HBO produzierte Neuschnittfassung seines Superhelden-Blockbusters "Justice League" (taz, FAZ, FR).
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Archiv: Film

Kunst

Stefan Koldehoff unterhält sich für die Zeit mit Gerhard Richter und dessen Frau, die gerade seine Stiftung aufbauen, deren Werke irgendwann dem Museums des 20. Jahrhunderts gehören sollen, das in Berlin gebaut werden soll: "Die Werke, von denen sich Richter nun trennt und von denen neben Berlin auch Museen in Dresden, Tilburg und Winterthur profitieren, ... sind schlicht das, was er jetzt, bei der Gründung der Stiftung, noch besitzt. Interessanterweise nehmen nun Reproduktionen in der Stiftung den Platz von bekannten Richter-Motiven ein, die vor langer Zeit das Atelier verlassen haben. Künftig werden Tante Marianne, Onkel Rudi und Herr Heyde als großformatige Fotografien zu sehen sein. 'Vielleicht funktionieren sie wie ein Zitat oder wie ein Platzhalter für das Original', erklärt Sabine Moritz-Richter die Entscheidung. 'Weil sie das, was das Original zeigt, erzählen sollen. Man braucht sie, um eine sinnvolle Ausstellung oder Erzählung zu haben.' - 'Die Unikat-Editionen waren immer ein wichtiger Teil meines Werkes', sagt Richter."

Viel mehr als Spazierengehen kann man in der Coronakrise ja nicht. Aber warum ist das in der Stadt so verdammt ungemütlich, fragt Saskia Trebing in monopol. Warum wirkt der öffentliche Raum so öde? "Die Kommunikation zwischen Mensch und Stadt funktioniert nicht mehr, als würde die Umgebung plötzlich eine Sprache sprechen, die man nicht versteht. Die Botschaften an den Häuserfassaden (Kino! Theater! Genuss! Spaß! Hereinspaziert!) sind leere Versprechen. Plätze, die für Menschenmengen gebaut sind, werden ziemlich unwirtlich, wenn man sich in pandemie-konformer Kleinstgruppe darauf bewegt (und trotzdem überall LKW-Terrorsperren um sich herum hat). An den allermeisten Schaufenstern werden potenzielle Kundinnen und Kunden aus dem physischen Stadtraum direkt in den Onlineshop weggewünscht. 'Was würde Walter Benjamin dazu sagen?'"

Weitere Artikel: In der taz porträtiert Beate Scheder den indischen Künstler Sajan Mani, dem heute in der Sektion Bildende Kunst der Kunstpreis Berlin verliehen wird. In der NZZ denkt Gabriel Katzenstein anlässlich der Versteigerung eines fast echten Leonardos über Zuschreibungen und Abschreibungen in der Kunst nach. Monopol stellt in Bildern das neue Hans-Christian-Andersen-Museum auf der dänischen Insel Fünen vor. Besprochen werden eine Retrospektive von Amelie von Wulffen in den Berliner Kunst-Werken (monopol) und die Ausstellung über Rembrandts Orient im Potsdamer Museum Barberini (Zeit).
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Bühne

Wer hätte das gedacht: Auf deutschen Bühnen geht's zu wie in der Redaktion der Bild, staunt Hartmut Welscher im Van Magazin angesichts der Mobbing- und Belästigungsvorwürfe gegen Volksbühnenchef Klaus Dörr und den Chefredakteur der Bild-Zeitung, Julian Reichelt. Aber eigentlich wundert ihn das nicht: Zwar gehöre es "in der Kultur insbesondere beim Leitungspersonal doch eigentlich zum guten Ton, sich von 'der Privatwirtschaft' abzugrenzen, oft garniert mit einem Jargon der 'Kapitalismuskritik'. Viele Theaterintendant:innen arbeiten auch als Regisseur:innen, und was gibt es 'unkünstlerisches' als die Wirtschaft? Man verwahrt sich dagegen, als 'Betrieb' oder gar 'Unternehmen' betrachtet zu werden. Instrumente des modernen Personalwesens gelten als dekorativer Schnickschnack. 'Wenn ich Coachings oder Feedbackroutinen anrege, wird das von Intendanten oft weggelächelt', sagt Thomas Schmidt, Studiengangsleiter Theater- und Orchestermanagement an der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst. Fragen nach der 'Unternehmensethik' entledigt man sich mit dem Verweis auf die implizite ethische Kraft der Kunst."

In der Zeit glaubt Peter Kümmel nach der Affäre Dörr, "dass das Intendantenprinzip mitsamt seinen massiven Macht- und Gehaltsungleichheiten (Intendanten haben horrend höhere Gehälter als Schauspieler) kaum noch zu rechtfertigen ist".

Weitere Artikel: In Zürich streitet man über die Zukunft des Schauspielhauses am Pfauen,  das abgerissen neu gebaut werden soll, berichtet in der NZZ Urs Bühler, der sich auch mit den beiden Intendanten Benjamin von Blomberg und Nicolas Stemann unterhalten hat. In der nachtkritik überlegen Björn Lengers und Tina Lorenz, wie sich künstliche Intelligenz in Form von Textgenerierungsprogramme (GPT genannt) fürs Theater einsetzen lässt: Genau wissen sie es noch nicht, aber ihren Zugang prägt nicht Angst, sondern die Lust auf Neues. Die nachtkritik streamt heute ab 18 Uhr Antú Romero Nunes' Adaption von Ovids "Metamorphosen" für das Theater Basel. Wird es mit den Streamingangeboten der Theater nach der Pandemie bald wieder zu Ende sein? Es ist zu befürchten, liest man im Tagesspiegel, wie sich Autoren, Bühnenverein und -verlage das Streaming künftig vergüten lassen wollen.

Besprochen wird Sergei Prokofjews Oper "Der feurige Engel" in der Regie von Andrea Breth am Theater an der Wien ("Die Inszenierung von Andrea Breth führt in eine sehr geschlossene Anstalt der verletzten Seelen", notiert Ljubisa Tosic im Standard).
Archiv: Bühne