Efeu - Die Kulturrundschau

Das Rauschen der Blätter ist für die Ewigkeit

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.02.2021. Was bleibt von Beuys, außer Fettflecken? Und wie divers ist grau an der Oper? Fragen, die sich die NZZ stellt. Der Tagesspiegel betrachtet im Gorki Theater schaudernd die Gefängniszelle von Can Dündar. In der taz fordert Georg Seeßlen eine Neuerfindung des Kinos. Zeit online würdigt den schönen blasphemischen Sarkasmus des verstorbenen Dichters, Verlegers und Buchhändlers Lawrence Ferlinghetti. Und in Köln wurde über den Zustand der Kritik diskutiert.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.02.2021 finden Sie hier

Bühne

Aida mit Puppenspielerinnen und Sängerin Sondra Radvanovsky (die Blonde links) . Foto: Vincent Pontet


Auch die Pariser Oper setzt sich jetzt mit "diversité" und kultureller Aneignung auseinander. Die jüngste Arbeit dort, Lotte de Beers Inszenierung der "Aida" lässt für NZZ-Kritiker Michael Stallknecht aber noch einige Fragen offen. Aida und ihr Vater sind hier graue Puppen im ethnologischen Museum. "Eine Gesellschaft des späten 19. Jahrhunderts erfreut sich dort an ihnen, womit die Inszenierung deren kolonialistischen Blick kurzerhand mit der Versklavung Aidas durch die antiken Ägypter gleichsetzt. Bewegt werden die äthiopische Prinzessin und ihr Vater Amonasro von Puppenspielern, denen die Sänger der Rollen hinterherlaufen. Die in Äthiopien lebende Künstlerin Virginia Chihota hat die Skizzen für die Puppen entworfen." Doch statt Diversität erlebt man hier "nur noch eine historische französische Gesellschaft, die letztlich unsere eigene ist. Weil sie vom Fremden nicht mehr als Fremdem erzählen darf, bleibt sie auf sich selbst zurückgeworfen. Sie schmort, auf paradoxe Weise, im eigenen Saft, so divers sie sich vielleicht künftig in den Hautfarben geben mag."

SİLİVRİ. prison of thought. Eine Installation von Can Dündar, Szenografie Shahrzad Rahmani. © Lutz Knospe


Der im deutschen Exil lebende türkische Journalist Can Dündar hat im Berliner Maxim Gorki Theater zusammen mit Shahrzad Rahmani seine Gefängniszelle nachgebaut, knapp vier mal vier Meter, mit einer Folie beklebt, die von innen einen Spiegel zeigt, von außen aber die Zelle, erzählt Patrick Wildermann im Tagesspiegel. "'Sie sehen nicht nur eine Gefängniszelle, vielmehr ist es eine Miniatur der Türkei, des größten Journalistengefängnisses der Welt', sagt der Journalist Can Dündar. In ähnlichen Räumen waren oder sind prominente politische Gefangene wie Ahman Altan, Osman Kavala, Peter Steudtner oder Deniz Yücel eingesperrt. Und Aberhunderte weitere kritische Köpfe. Dündar, der ehemalige Chefredakteur der regierungskritischen Zeitung Cumhuriyet, war 2015 im Istanbuler Hochsicherheitsgefängnis Silivri inhaftiert, für 92 Tage. Das Schlimmste sei ja, erklärt er im sonnigen Gorki-Garten, dass man nie wissen konnte, wie lange der Horror dauert. 'Osman Kavala hat in vier Jahren keinen Richter gesehen.'"

Weiteres: Judith von Sternburg sieht für die FR die Aufnahme eines Meisterkurses mit Brigitte Fassbaender an der Oper Frankfurt. Die nachtkritik streamt heute um 19 Uhr im Rahmen der Milo-Rau-Werkschau "School of Resistance", die die Akademie der Künste Berlin vom 24. bis 28. Februar zeigt, "Die Moskauer Prozesse", mit Milo Rau zu Gast im Live-Chat.
Archiv: Bühne

Literatur

Lawrence Monsanto Ferlinghetti 1965. Foto: Elsa Dorfman unter cc-Lizenz
Ohne Lawrence Ferlinghetti hätte es die Beat-Generation wohl kaum gegeben. Jetzt ist der Dichter, Verleger und Buchhändler im gesegneten Alter von 101 Jahren gestorben. Schlagartig berühmt wurde er, als 1956 Sittenwächter den Prozess dafür machten, Allen Ginsbergs "Howl" verlegt zu haben. Mit dem "schönen blasphemischen Sarkasmus" seiner frühen Gedichte "ärgerte er die Frömmelnden und erfreute die auf Krawall gebürstete Subkultur", schreibt Frank Schäfer auf ZeitOnline. "Die prosanahen, freien Verse von Walt Whitman und seinem Enkel im Geiste William Carlos Williams klangen darin nach, gefüllt mit einem betont unrhetorischen, umgangssprachlichen und durch den gängigen Jazzslang weiter profanisierten Idiom. Das sollte Lyrik sein? Ja, für eine junge Generation, die mit dem traditionellen Formalismus und dem Getue der Dichterpriester nichts mehr anfangen konnte. ... Der archaische Mythos von Amerika, der bereits zu Zeiten Whitmans und Thoreaus vergangen war, wird darin zu seinem Sehnsuchtsort und Gegenentwurf, dem er manchmal ein wenig naiv hinterhertrauerte."

Bruno von Luz ergänzt in der NZZ: "Mit gesundem Sinn für Komik, einem hochentwickelten Sprachbewusstsein und einem noch schärferen Auge für die kommerziellen und sexuellen Obsessionen der Amerikaner schrieb er Gedichte über den amerikanischen Alltag, die kalifornische Landschaft, über die rebellische Unruhe und den Nonkonformismus der Beats und die in Kalifornien einfallenden Dropouts." Zum offiziellen Literaturbetrieb ging er stets auf Distanz, weiß Jan Küveler in der Welt: "Selbst Insekten sah Ferlinghetti nach, wenn sie für das, was landläufig als Poesie gilt, wenig übrig haben und vor Ödnis einpennen. Ihm selbst ging es ja ähnlich." Weitere Nachrufe schreiben Harry Nutt (FR), Jan Wiele (FAZ) und Willi Winkler (SZ).

Im Literaturhaus Köln diskutierten die Kritikerin Insa Wilke, die Verlegerin Kerstin Gleba, der Leiter der Aktuellen Kultur beim WDR, Volker Schaeffer und Alf Mentzer, Leiter der Kulturredaktion beim hr, über den Status der Literaturkritik im Hörfunk. Man sprach vor allem aneinander vorbei, lautet Oliver Jungens Fazit in der FAZ: Um konkrete Fragen zu Aufgabe, Form und Entwicklung von Literaturkritik sei es kaum gegangen. "Die Radioverantwortlichen, die in nahezu jeder Antwort hervorhoben, dass der lineare Funk endlich (oder zumindest: 'first') digital und weniger elitär werden müsse, weil man sonst 'die jungen Leute' nicht mehr erreiche, hatten für derlei konkrete Problematik, die zumindest dem selbst aus der Literaturkritik kommenden Mentzer vertraut sein müsste, gar keine Zeit. Sie betonten, dass das 'Begleitmedium' Rundfunk dialogischer werden und die gesamte Gesellschaft abbilden müsse, was Gleba zu dem Einwurf hinriss, der öffentlich-rechtliche Rundfunk, der um die eigene Strahlkraft nicht mehr wisse, dürfe sich auch Impulse zutrauen." Von vielen Unklarheiten in den Positionen der Radiomacher berichtet Julia Hubernagel in der taz und gibt zu bedenken: "Dass man Jüngere mit der Literaturkritik im Mosaik-Magazin nicht erreicht, könnte ganz praktische Gründe haben: Um 6.45 Uhr sind diese Studierenden ohne Radiogerät ohnehin eher selten wach. "

"Der Konflikt zwischen gesellschaftspolitischem und plattformkapitalistischem Denken, das um die eigentlich im Rundfunkstaatsvertrag kaum kapitalismuskonform gedachten Rundfunkanstalten gerade tobt, liegt jetzt also offen zutage", fasst Felix Stephan in der SZ die Veranstaltung zusammen: "Wenn Wilke und Gleba von 'Öffentlichkeit' sprachen, hatten sie eine Zivilgesellschaft vor Augen, die über die sozialen Zusammenhänge, denen sie ausgesetzt ist, im Bilde sein muss, um politisch handlungsfähig zu sein. Wenn Mentzer und Schaeffer von 'Öffentlichkeit' sprachen, ging es um Zielgruppen, die es mit optimiertem Content zu erreichen gelte."

Weitere Artikel: Für Dlf Kultur unterhält sich Frank Meyer mit Sharon Dodua Otoo, die gerade ihren lang erwarteten Debütroman "Adas Raum" vorgelegt hat. Auch ZeitOnline-Kritiker Michael Braun freut sich über die breite, von mehreren Ausgaben gestützte Wiederentdeckung der Barockdichterin Sibylla Schwarz: Zu erleben gibt es hier "eine poetische Schwebekunst, die vierhundert Jahre alt ist und zugleich aufregend modern." Die Comicbranche kommt gut durch die Coronakrise, berichtet Lars von Törne im Tagesspiegel.

Besprochen werden unter anderem Simone Meiers "Reiz" (taz), Durs Grünbeins "Jenseits der Literatur" (online nachgereicht von der FAZ), François Gardes "Der gefangene König" (Freitag), Rutu Modans Comic "Tunnel" (Tagesspiegel), Miklós Szentkuthys "Apropos Casanova" (NZZ), Ulrich Peltzers "Das bist du" (SZ) und Felicitas Hoppes "Fieber 17" (FAZ).
Archiv: Literatur

Film

Das hatten wir gestern auf den vorderen Seiten der taz übersehen: Georg Seeßlen ärgert sich, dass eigentlich kaum noch jemand Interesse an der Erhaltung des Kinos zu haben scheint, sogar das Feuilleton nicht mehr so richtig. Andererseits ist das Kino ja schon durch viele Krisen gekommen: Die momentane Lage "könnte bedeuten, dass die Produktion insgesamt verlangsamt wird, was einerseits eine neue 'Philosophie' des Films werden könnte - slow filming -, andererseits aber auch eine Reduzierung der Produktion selbst, also weniger Arbeit und weniger Möglichkeiten für die einzelnen Filmemacher*innen. Weder für das Filmemachen noch für die Kinos wird es ein Zurück zur Normalität geben. Wenn man das Kino heute abschaffen würde, so hat es Wim Wenders trostvoll gemeint, dann würde es morgen sofort wieder erfunden. Diese Neuerfindung des Kinos ist nun auf der Agenda. Es muss als architektonischer, als sozialer und als ästhetischer Raum neu erfunden werden."

Weiteres: Patrick Holzapfel erinnert im Filmdienst an die Filmkritikerin und -theoretikerin Lotte Eisner, der Arte wiederum einen Porträtfilm gewidmet hat.

Besprochen werden Chung Mong-hongs taiwanische Familientragödie "A Sun", den Netflix ziemlich gut im Sortiment versteckt, von Ekkehard Knörer in der taz dafür umso energischer empfiehlt, Sohrab Shahid Saless' auf BluRay veröffentlichtes Prostitutionsdrama "Utopia" von 1983 (ND), Menahem Golans auf DVD veröffentlichte Sexkomödie "Highway Queen" von 1971 (critic.de), Salka Tizianas "For the Time Being" (taz) und Miranda Julys "Kajillionaire" (Standard).
Anzeige
Archiv: Film

Kunst

In diesem Jahr feiern wir den hundertsten Geburtstag von Joseph Beuys. Von seinem Versprechen einer Demokratisierung der Kunst ist nichts geblieben, bedauert Christian Saehrendt in der NZZ, "der Kunstbetrieb der Gegenwart ist elitär geblieben, obwohl er sich links und inklusiv gibt". Und doch lassen sich Beuys' politische Visionen heute leichter würdigen als seine Kunst, die von der Interaktion lebte, meint der Kritiker, dem die Beuys-Werke ohne den Künstler oft "trist und bedeutungslos" erscheinen: "grau-gelbe Fettklumpen und gammlige Würste in Vitrinen, Stapel von undefinierbarem Metall- und Elektroschrott, auf dem Boden verstreute Basaltsteinsäulen, leere Kisten und Köttel aus Tonerde. Das einzig wirklich lebendige Erbe ist der Baumbestand des sozio-ökologischen Mammutprojektes '7.000 Eichen', mit dem der Künstler die Documenta-Stadt Kassel beglückte. ... Muss man wirklich jedes seiner Objekte erhalten? Wäre es nicht wichtiger (und im Sinne des Künstlers), stattdessen Bäume zu pflanzen, wieder und wieder? Denn: Fettecken werden ranzig und Filzjacken vermotten - aber das Rauschen der Blätter ist für die Ewigkeit."

Weiteres: In der FAZ meldet Ursula Scheer, dass die Sammlung Prinzhorn den Nachlass der Künstlerin Elfriede Lohse-Wächtler erwirbt, die 1940 von den Nationalsozialisten in der Psychiatrie vergast wurde. In der SZ ist Kito Nedo empört, dass das Kunsthaus Zürich die bedeutende Kunstsammlung des Waffenhändler Emil Georg Bührle zeigen will. Besprochen wird die Ausstellung "A Fire in My Belly" der Sammlerin Julia Stoschek in Berlin (Tsp.)
Archiv: Kunst

Musik

In der Zeit liefert Jens Balzer Hintergründe zu dem in Spanien wegen "Majestätsbeleidigung" inhaftierten Rapper Pablo Hasél (mehr dazu bereits hier). Seine von linker Folklore getragenen Texte unterfüttert er online mit unappetitlichen Spitzen in den Antisemitismus: "So konsequent wie Pablo Hasél bedient heute kaum noch jemand die nostalgisch gewordene Rhetorik des antiimperialistischen Kampfes. Der große Satan USA tritt hier auf als Hauptschuldiger an aller Unbill der Welt, neben - natürlich - dem 'zionistischen Teufel', der 'die Mehrheit der multinationalen Unternehmen in Hollywood kontrolliert' und 'fast jedes Land an seinen Arsch geklebt hat', wie es in einem Tweet von Hasél aus dem Jahr 2012 heißt."

Weitere Artikel: Für VAN spricht Hartmut Welscher mit der Klarinettistin Sharon Kam. Rockmusik mag am Boden liegen, aber Rock'n'Roll ist ziemlich lebendig, beteuert Karl Fluch im Standard. In seiner VAN-Reihe über Komponistinnen schreibt Arno Lücker über Lūcija Garūta. Georg Rudiger schreibt im Tagesspiegel über die Sommerpläne des Lucerne Festivals. Frankreich möchte sich im März und April an experimentelle Konzerte wagen, berichtet Eberhard Spreng im Tagesspiegel. Vor wenigen Tagen feierten die Popkritiker Masha Qrellas Album "Woanders", auf dem die Musikerin Texte von Thomas Brasch aufgreift - jetzt liegt beim Dlf Kultur auch eine Hörspielvariante der Arbeit vor.

Besprochen werden Alex Winters Dokumentarfilm "Zappa" (NZZ), Stefan Karl Schmids Album "Muse (FR) und das neue Album von Maxïmo Park (Tagesspiegel).
Archiv: Musik
Stichwörter: Hasel, Pablo, Spanien, Rap