Efeu - Die Kulturrundschau

Voller Technikmelancholie

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19.02.2021. FAZ und taz schwärmen von den bitteren Balladen für einsame Großstädter, die Masha Qrella aus den Texten von Thomas Brasch gemacht hat. Die SZ trauert um die Ausstellungen in diesem Winter, die niemand sehen konnte. Den Orchestern geht's trotz Corona oft erstaunlich gut, berichtet das Van Magazin. In der FAZ kritisiert Olga Martynova die Lagerbildung beim Streit um das Gendern.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.02.2021 finden Sie hier

Musik

Mit ihrem Album "Woanders" greift die Musikerin Masha Qrella Texte von Thomas Brasch auf. "Eingebettet hat sie diese in aufs Nötigste reduzierte und doch vielschichtige Songs, die mal soghaft, mal sphärisch, aber immer eigenwillig klingen", schreibt  Stephanie Grimm in der taz und staunt darüber, wie viel Gegenwart in den Texten noch steckt. Auch FAZ-Kritiker Jan Wiele ist sehr angetan: "Qrella geht frei mit dem Material um, versäumt aber nicht, einige fast schon klassische Verse aus Braschs Gedichtbänden 'Kargo' (1977) und 'Der schöne 27. September' (1980) als Pflöcke einzuschlagen, um die sie kreist. ... Die adaptierten Texte indessen, so viel Resonanzraum sie etwa im Ringen mit dem Sozialismus und seinem Gegenteil haben, offenbaren jetzt erst recht ihre universelle Wirkung, umso mehr, indem sie nicht von Braschs Bariton gelesen, sondern von einer weichen Stimme gesungen werden und dann noch stark erweitert durch Musik und Geräusche. Es sind bittere Balladen, gemacht für einsame Großstädter und moderne Arbeiter, manchmal voller Technikmelancholie." Wir hören rein:



Für eine VAN-Reportage hat Hannah Schmidt bei den Orchestern nachgefragt, wie es um die Bilanzen und die Ausfallhonorare im Zuge der Pandemie steht - und ist dabei teilweise auf verblüffende Zahlen gestoßen, wobei nur knapp 30 Orchester überhaupt antworteten. "Gut 18 Orchester berichten von einer ausgeglichenen Bilanz, fünf sogar von einer deutlich positiven. Aus den Schilderungen von nur drei Orchestern lässt sich herauslesen, dass finanzielle Verluste gemacht wurden, die noch nicht kompensiert werden konnten. Die positiven Bilanzen belaufen sich auf Summen zwischen 100.000 und 350.000 Euro im Plus - zumindest bei denen, die ungefähre Zahlen genannt haben. Das mag zunächst paradox klingen, wo doch bekannt ist, dass seit Beginn der Krise deutlich weniger produziert und veranstaltet wurde", doch gleichzeitig sanken auch viele Ausgaben - "und sie sparten an einer weiteren, der wohl zentralsten Ressource überhaupt: Gehältern und Honoraren."

Große Orchester geben sich international, sind aber selten divers. Für eine Reportage in der NMZ hat sich Eva Morlang nach den Gründen umgehört und ist dabei auf eine Kultur der ausgrenzenden Stiche gestoßen, von der ihr zum Beispiel die Schlagzeugerin Linda-Philomène (Philo) Tsoungui erzählt "Im Klassikstudium sei ihr oft gesagt worden: 'Du spielst schon toll, aber wir sehen einfach keine schwarze Frau in einer Schlagzeuggruppe eines deutschen Orchesters'. An Sprüche wie 'spiel mal nicht so afrikanisch, spiel mal gerader', musste sie sich gewöhnen."

Weitere Artikel: In der NMZ berichtet Moritz Eggert vom Unterrichten in den Kompositionsklassen in der Pandemie. Weitere Nachrufe auf Françoise Cactus schreiben Mascha Jacobs (ZeitOnline), Harry Nutt (FR) und Joachim Hentschel (SZ). Besprochen werden das Rap-Album "Todesliste" von Audio88 und Yassin (ZeitOnline) sowie der von Stephan Mösch herausgegebene Band "Weil jede Note zählt. Mozart interpretieren" (FAZ).
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Film

Besprochen werden die auf Amazon als Serie gezeigte neue Verfilmung von "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" (ZeitOnline, Presse), die Netflix-Serie "Tribes of Europa" (ZeitOnline), die Netflix-Gaunerkomödie "I Care a Lot" mit Rosamund Pike (FR) und eine DVD von Francis Ford Coppolas "Tucker" von 1988, der laut SZ-Kritiker Fritz Göttler, "da überall nur Stillstand ist, frischer denn je wirkt."
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Stichwörter: Netflix

Literatur

Eher ratlos blickt die Schriftstellerin Olga Martynova in FAZ auf das Gendern im neuen Duden und den Furor, mit dem auf Kritik daran reagiert wird: "Vielleicht haben die Spracherneuerer recht. Schwer zu sagen, denn Sprache ist ein komplexes Gebilde. Jedoch sind sie voreilig. ... Beim 'Schluss jetzt!' helfen tatsächlich keine Argumente mehr. Weitere Aggression und Konfrontation wird aufgebaut. Man vergisst die einfachsten Regeln der Kommunikation, etwa, dass Menschen, die in einem Punkt verschiedene Meinungen haben, in anderen Fragen nicht zwangsläufig uneinig sind. Wie schnell kommt die Bereitschaft, die anderen auszugrenzen! So werden Menschen, die grundsätzlich die gleichen Vorstellungen und Überzeugungen haben, in verfeindete Lager aufgeteilt."

Mit Jürgen Brokoffs Studie "Literaturstreit und Bocksgesang" blickt Gustav Seibt in der SZ derweil zurück auf die literarischen Debatten im Deutschland der Wendezeit. Was die großen Wortführer in den Debatten um Christa Wolf und Botho Strauß damals übersehen haben, ergänzt Seibt Brokoff, war jedoch "der völlig neue Ton", den die Neue Frankfurter Schule rund um die Satiremagazine Pardon und Titanic angeschlagen hatten. "Insofern stimmte auch Schirrmachers Behauptung von 1990, in der westdeutschen Literatur sei seit den Sechzigerjahren nichts mehr passiert, höchstens zur Hälfte: Stehengeblieben war vor allem der Komplex von Großautoren und Großkritikern." Letztendlich waren es für Seibt gar nicht so sehr die Wendezeitdebatten, die den Typus des "moralisierenden Großschriftstellers" in die Knie zwangen. "Ätzender Spott, ein neuer Kanon im Untergrund mit 'Vollidioten' und 'Wörtersee', die Rezensionen im 'Raben' und die 'Briefe an die Leser' in der Titanic hatten ihr Werk schon getan."
  
Weitere Artikel: Franz Schuh verneigt sich in der NZZ vor Johann Nestroys Komik. In den "Actionszenen der Weltliteratur" erinnert Rainer Moritz daran, wie Siegfried Unseld einmal mit leeren Händen zu Max Frischs Geburtstag erschien. Gallimard veröffentlicht im März einen bislang unbekannten Proust-Text, meldet Sian Cain im Guardian.

Besprochen werden unter anderem Valeria Parrellas "Versprechen kann ich nichts" (Tagesspiegel) und Jakob Noltes "Kurzes Buch über Tobias" (ZeitOnline).

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Bühne

Simon Strauß liest sich für die FAZ durch rund fünftausend Dokumente zur Gründung des Nationaltheaters in Berlin, die jetzt im edierten Archiv des Theaterintendanten August Wilhelm Iffland (1759 bis 1814) digital zugänglich sind: "Die Dokumente machen erlebbar, wie Iffland aus einer mittelmäßigen Bühne ein weit über Berlin hinaus strahlendes Theater formte." Die nachtkritik streamt heute und morgen abend "Die Konferenz der Tiere", die Katharina Birch am Theater Osnabrück inszeniert hat. Im Standard fragt Margarete Affenzeller: Warum streamt das Burgtheater nicht? Besprochen wird "Orpheus und Eurydike" am Opernhaus Zürich (FR).
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Kunst

In der SZ ist Catrin Lorch absolut niedergeschmettert angesichts der Ausstellungen, die nicht gezeigt werden konnten, obwohl sie eine "bedeutende Saison für die Kunst" versprachen: Michaela Eichwald im Münchner Lehnbachhaus, Lucy McKenzie im Museum Brandhorst, Kai Althoff in der Whitechapel Gallery in London - "von der Impressionismus-Ausstellung in der Stuttgarter Staatsgalerie, die mit vielen noch nie gezeigten Werken prunkte, über den monumentalen Auftritt von Monica Bonvincini in der Kunsthalle Bielefeld (den man noch durch die Glasfenster erahnen kann). Im Museum Ludwig in Köln wollte man Andy Warhol neu entdecken, als queeren Künstler, der durchaus auch Schwarze porträtierte. Die Schau, zu der auch Filme, Videos und Installationen gehören, sollte vor Weihnachten eröffnen, sie ist seit Monaten fertig aufgebaut. Jetzt wird sie immerhin bis in den Juni verlängert - doch schon weil Folgestationen in den USA geplant sind, wird sie sich nicht noch einmal schieben lassen."

Ausstellungsansicht. Foto: Léo Delafontaine / Musee du Quai Branly


In der FAZ ist Bettina Wohlfarth ganz begeistert von der Ausstellung "Ex Africa" im Pariser Musée du Quai Branly, der ihr zeigt, wie groß der afrikanische Einfluss auf die europäische Kunst war und "wie Künstler seit den achtziger Jahren, ob sie nun aus Afrika oder aus westlichen Ländern stammen, die afrikanischen Einflüsse in ihrem Werk verwenden und gegebenenfalls neu beleben. Dem Dresdener Künstler A.R. Penck kommt im ersten Raum mit drei monumentalen Gemälden - darunter 'Triptychon für Basquiat' von 1984 oder 'The Man, The Woman, The Lion und die Tiere am Wasserloch' von 1989 - die eher unbequeme Rolle zu, die Positionen eines nachmodernen Primitivismus zu resümieren."

Weiteres: Luise Wolf macht für die taz "Zimmerreisen" mit der Berliner Künstlerin Stefie Steden durch fremde Wohnungen. Michael Wurmitzer annonciert im Standard das Medienkunstfestival Civa in Wien. Besprochen wird eine Ausstellung der abstrakten Malerin Tess Jaray in der Wiener Secession (Standard)
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