Efeu - Die Kulturrundschau

Die Kränkungspotenziale sind groß

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05.02.2021. Die taz bewundert zeitgenössische indische Kunst in Mumbai. Die NZZ beklagt den rasenden Stillstand heutiger Literaturstreits. Der Freitag blickt unbehaglich auf die neue autofiktionale Literatur: Wie soll man da noch zubeißen können, wenn der Autor vielleicht wirklich schlimmes durchlebt hat? In Moskau wird  Kirill Serebrennikow gezwungen, sein Theater aufzugeben. Im SZ Magazin outen sich 185 Schauspieler*innen und erklären ihr Unbehagen an starren Mann-Frau-Klischees.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.02.2021 finden Sie hier

Kunst

Rithika Merchant, Apparition, 2020. Galerie Tarq


Zeitgenössische indische Kunst kann man derzeit - zumindest online - beim jährlichen Mumbai Art Weekend bewundern, empfiehlt in der taz Natalie Mayroth. "Nach dieser Zeit wieder zu öffnen, darauf haben viele gewartet. Für [die Galeristin Ranjana] Steinruecke darf das ruhig langsam geschehen. Die Begrüßungen waren herzlich, doch auf Distanz. ... Besonders aktiv ist die Galerie Tarq ('Dialog'), die in den vergangenen Monaten online zahlreiche Gesprächsrunden initiiert hat und deren aktuelle Ausstellung ebenfalls online zu sehen ist. Sie zeigt die zweite Einzelausstellung von Rithika Merchant, 'Geburt einer neuen Welt'. Die Serie von Aquarellen und Collagen wirkt in den alten Mauern des Ausstellungsraums stärker als vor einem Computerbildschirm. Merchant, die in Mumbai aufwuchs, arbeitet bereits mit dem Modehaus Chloé zusammen. In ihren Bildern, die sich mit der antiken Vorstellung von Zeit beschäftigt, sucht sie nach Antworten in den Sternen. Dafür greift sie Figuren und Symbole auf, die an die ägyptische Mythologie, aber auch an hinduistische Gottheiten erinnern."

Weitere Artikel: Gunda Bartels besucht für den Tagesspiegel die Künstlerin Sabine Hornig in ihrem Berliner Atelier. Georg Baselitz schenkt einem überraschten Metropolitan Museum in New York einiger seiner frühen Werke, meldet Marcus Woeller in der Welt. Rüdiger Schaper unterhält sich für den Tagesspiegel mit Peter Raue über den Kunstbetrieb nach Corona. In der FAZ erklären Sabine Böhme und Helmut Zander, warum Walter Andrae, Ausgräber des Ischtar-Tores, mit seinem Plan scheiterte, das Pergamon Museum auch als Tempel zu nutzen.
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Musik

Lars Fleischmann erkundigt sich für die taz beim Leipziger Club Institut für Zukunft nach dem Stand der Dinge in der Coronakrise. Ob die großen Sommerfestivals, für die bereits zumindest prophylaktisch geplant wird, auch tatsächlich stattfinden können, wird sich im März zeigen, berichtet Christian Schachinger im Standard.

Besprochen werden das neue Album der Foo Fighters (Tagesspiegel) und das Album "Ignorance" von The Weather Station, das Pitchfork-Kritiker Sam Sodomsky ziemlich umhaut. Ein Video daraus:

Archiv: Musik
Stichwörter: Coronakrise

Literatur

Seit vor bald dreißig Jahren die Bocksgesänge anschwollen, herrscht in den Literaturstreiten der Feuilletons rasender Stillstand, stellt Paul Jandl in der NZZ fest: "Das Diskursmuster aus provokativem 'Das muss man doch einmal sagen dürfen!' und eilfertig empörter Gegenwehr hat sich gehalten. Von Strauss über Martin Walsers Friedenspreisrede bis in die Gegenwart hinein. Und es werden nicht die letzten Aufregungen gewesen sein, bei denen man quälend langsam beobachten kann, wie die thematische Substanz im Lichte der Öffentlichkeit verblasst. ... Auf den Schauplätzen öffentlicher Intellektualität sind die Kränkungspotenziale groß."

Ein anderes Muster der Literaturdebatten spricht Michael Angele im Freitag in seiner Besprechung von Alem Grabovacs "Das achte Kind" an. Als autofiktionales Buch bedient es ein Genre, das derzeit in der Gunst des Publikums hoch stehe, gegen Kritik aber ziemlich immunisiere: Die Rezensenten kriegen Beißhemmung. "Da Autofiktion kaum verstellt aus dem Leben seines Autors erzählt, zielt die Kritik am Werk vermeintlich ins Herz seines Autors. Ein Fehlschluss, und doch ist man gehemmt. Vor allem, wenn man den Autor kennt und mag. Im Normalfall lässt man es dann einfach mit der Besprechung. So bleiben unzählige von Debüts unbesprochen oder mit Gefälligkeitsrezensionen bedacht.  Zumal, wenn das Buch in die Rubrik 'post-migrantische Literatur' fällt. Rasch handelt man sich hier den Vorwurf ein, den Text zu kritisieren, aber das Anliegen zu meinen. Den Ärger kann man sich sparen, und vergrößert das Elend der Literaturkritik."

Weitere Artikel: Für die FR unterhält sich Sylvia Staude mit dem Krimiautor Friedrich Ani. In der Zeit denkt Jean-Martin Büttner an den Schweizer Kriminalautor Friedrich Glauser, der vor 125 Jahren geboren wurde. In der SZ schreibt Lothar Müller einen Nachruf auf die Lektorin, Schriftstellerin und Übersetzerin Maria Dessauer. Außerdem veröffentlichen Dlf Kultur und die FAS die besten Krimis des Monats - auf der Spitzenposition: Tim MacGabhanns "Der erste Tote".

Besprochen werden unter anderem Semra Ertans Gedichtband "Mein Name ist Ausländer" (taz), Haruki Murakamis Erzählband "Erste Person Singular" (Standard), Megan Cooley Petersons Jugendthriller "Lügentochter" (Tagesspiegel) und Dylan Farrows "Hush" (SZ).
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Bühne

Der russische Regisseur Kirill Serebrennikow muss sein Theater aufgeben, berichtet Frank Herold im Tagesspiegel. Sein Vertrag als künstlerischer Leiter des "GogolZentrums", der Ende Februar ausläuft, wird von der Kulturabteilung der Moskauer Stadtverwaltung nicht verlängert. Serebrennikow musste sich jahrelang gerichtlich gegen Vorwürfe wehren, er habe Geld unterschlagen. "Als eine Richterin wagte, das Verfahren wegen der unzulänglichen, ja absurden Anklage an die Staatsanwaltschaft zurückzugeben - beinahe ein mutiger Akt in der russischen Jusitz - schritt die übergeordnete Behörde ein. Im zweiten Anlauf erhielt Serebrennikow eine dreieinhalbjährige Haftstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt wurde und eine Geldstrafe von umgerechnet 9000 Euro. Verbunden damit war auch ein mehrjähriges Berufsverbot in staatlichen oder vom Staat subventionierten Theatern und Filmstudios."

Im SZ-Magazin outen sich 185 Schauspieler*innen als lesbisch, schwul, bi, queer, nicht-binär oder trans. Im Interview wird deutlich, dass sie sich mindestens so sehr an starren Klischees von was Mann und was Frau ist reiben wie an Diskriminierung. "Ich habe oft gesagt: 'Aber man könnte doch jetzt hier bei dem Schnitzler-Stück ein paar Männerrollen zu Frauenrollen machen oder von Frauen spielen lassen, das ist doch nicht mehr zeitgemäß, dass da im Krankenhaus 14 Männer über die Bühne laufen und eine Frau'", sagt die Schauspielerin Eva Meckbach. "Und dann heißt es: 'Da kriegen wir ein Besetzungsproblem.' Dabei ist das Theater ein Ort der Selbsterweiterung. Deswegen schaut man auch Filme, oder ich zumindest. Deswegen gehe ich gern ins Theater: weil ich mich erweitern möchte in meinem Horizont. Darum ging es doch schon im antiken Theater - um die Katharsis, dass man nicht nur entdeckt: Wozu bin ich fähig, wenn ich es gespiegelt sehe? Sondern auch: Wer kann ich sein?'"

Weiteres: Als "Musterbeispiel für die Möglichkeiten digitalen Theaters" empfiehlt Elena Philipp in der nachtkritik "Werther.live", das Cosmea Spelleken vom Freien Digitalen Theater inszeniert hat. Im Februar streamt die nachtkritik  jeden Freitagnachmittag eine Inszenierung aus dem Jungen Theater: Den Auftakt macht heute ab 15 Uhr bis morgen 15 Uhr "Hieronymus", inszeniert von Hannah Biedermann / pulk fiktion nach dem gleichnamigen Bilderbuch von Thé Tjong-Khing. Und auch die neue musikzeitschrift gibt Streamingempfehlungen.
Archiv: Bühne

Film

Noch sind die Schuhe nicht ausgezogen: "Malcolm & Marie" (Bild: Netflix)

Ein Beziehungsdrama als Kammerstück: Dass Sam Levinsons für Netflix gedrehter Schwarzweißfilm "Malcolm & Marie" unter Coronabedingungen entstanden ist, merkt man schon am narrativen Setting, schreibt Andreas Scheiner in der NZZ. John David Washington und Zendaya spielen ein Ehepaar - er ist Regisseur -, das es im Hotelzimmer nach der Premiere seines neues Films ziemlich krachen lässt, was allerdings nie so richtig zündet: "Levinson hat auf alles verzichtet, selbst auf Farbe", doch "leider hat Levinson nicht ebenso am Text gespart. Die Dialoge sind ausufernd und wirken aufgesetzt. Zeile auf Zeile darf sich Malcolm in seinem Leid als missverstandener Filmemacher suhlen. Und ist das Malcolm, der da spricht, oder ist es nicht vielmehr Levinson, der irgendeinen eigenen Frust abbaut? 'Malcolm & Marie' wirkt wie der Film eines Mannes, der sich im Lockdown ein bisschen zu sehr mit sich selbst beschäftigt hat." Artechock-Kritiker Jens Balkoenborg lässt sich derweil von Zendaya sehr gerne die Schuhe ausziehen.

Weitere Artikel: Esther Buss empfiehlt im Tagesspiegel die Online-Werkschau Birgit Hein des Berliner Kino Arsenals. Epdfilm hat ein großes Gespräch mit Dominik Graf online gestellt. Urs Bühler erzählt in der NZZ die Geschichte der Zürcher Filmzensur. Ralph Eue (Filmdienst) und Gerhard Matzig (SZ) erinnern an den großen Setdesigner und Filmarchitekten Ken Adams, der heute vor hundert Jahren geboren wurde. 2008 führte das Victoria & Albert Museum ein Videointerview mit ihm:



Besprochen wird die Arte-Serie "In Therapie" (FAZ, ZeitOnline, Artechock).
Archiv: Film