Efeu - Die Kulturrundschau

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30.01.2021. Großes Entsetzen im Literaturbetrieb: Die Leipziger Buchmesse wird auch dieses Jahr nur digital stattfinden. Was wird jetzt aus den Debüts und ausländischen Titeln, seufzt die FR. Die NZZ stapft mit schneebedeckten Papierschirmen durch die Winterlandschaften der Kunstgeschichte. FAZ und Tagesspiegel schauen Gregor Schneider in Darmstadt beim Sterben zu. Die nachtkritik hat genug von Theater vorm Bildschirm und zieht eine Performance am Telefon mit dem New Yorker Theaterduo 600 Highwaymen vor. Und der Spiegel gibt sich dem "tiefenentspannten Fatalismus" von Dagobert hin.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.01.2021 finden Sie hier

Literatur

Die Leipziger Buchmesse wird in diesem Jahr aufs Neue rein digital stattfinden. Im letzten Jahr war sie eine der ersten Großveranstaltungen, die pandemiebedingt als Ereignis vor Ort abgesagt wurden. "Ein katastrophales Zeichen", das wenig Gutes fürs Jahr 2 der Pandemie erwarten lässt, sieht darin Andreas Platthaus in der FAZ mit bereits bangem Blick auf die Frankfurter Buchmesse. "Die neue Unberechenbarkeit des vielfach mutierenden Virus ist eine wesentliche Ursache der Absage. ...  Das Leipziger Beispiel wird Schule machen, wie es das schon im Vorjahr getan hat." Auch Gerrit Bartels im Tagesspiegel glaubt, dass sich die bereits emsig geplanten Großveranstaltungen im Sommer angesichts dieser Absage schon einmal einen Plan B zurecht legen sollten.

Vernünftig, aber bitter findet tazler Dirk Knipphals diese Entscheidung: Die Seufzer des Literaturbetriebs waren "bis ins Homeoffice zu hören." Vor allem schade: Der Branche fehle nun entscheidender "Rückenwind. Die Autor*innen haben geschrieben, die Verlage produzieren weiterhin fleißig, und zwar gute Sachen. Das wird ein gutes literarisches Frühjahr werden." Helmut Böttiger kommentiert im Dlf Kultur die auch für ihn vernünftige, aber im Großen und Ganzen nicht folgenlose Entscheidung. Corona erwischt den Betrieb in einer eh schon schwelenden Krise: "Das Internet wirkte da wie eine rasante Beschleunigungsmaschinerie. Es existieren mittlerweile diverse Publikationsmöglichkeiten, die den etablierten Wegen zwischen Verlagen, Buchhändlern und Lesern Konkurrenz machen - und sicher geglaubte Selbstverständlichkeiten außer Kraft setzen. Es gibt spürbare Veränderungen des Literaturbegriffs und der Art und Weise, wie über Literatur gesprochen wird."

Für die Stadt Leipzig ist das wirtschaftlich eine Katastrophe, schreibt Cornelia Geißler in der FR, aber wohl nicht so sehr für etablierte Autorinnen und Autoren: "Wenn im Laufe des Frühjahrs noch die neuen Bücher von Judith Hermann und Helga Schubert, von Benedict Wells und Christoph Hein, von Ingrid Noll und Peter Handke erscheinen, dann finden die ihr Publikum. ... Aber was ist mit Debüts und ausländischen Titeln, mit noch unbekannten Namen?"

Felix Stephan hat für die SZ Stimmen aus der Verlagsbranche zur neuen Konzeption der Literaturkritik beim WDR eingeholt. Ziemlich abgefrühstückt ist zum Beispiel Tom Kraushaar von Klett-Cotta und zwar davon, dass Bücher landauf, landab als vorgestrig und obsolet eingeschätzt würden: "Weil den Verantwortlichen bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten dieses triste Geraune offenbar auch nicht entgeht, werden Literatursendungen gestrichen, gekürzt, immer weiter in die Nacht geschoben. Oder die Literaturkritik wird in den dahinfließenden Brei aus wahlweise verschmunzeltem oder überdrehtem Debattenthemenjournalismus eingespeist. Alles daran ist falsch." Doch "während sich ein Talkformat nach dem kaum anderen träge durch den Äther schleppt, gestalten Bücher Öffentlichkeit oder lösen Regierungskrisen aus, und Lyrikerinnen stellen Präsidenten in den Schatten."

Apropos: Amanda Gormans Kapitol-Gedicht "The Hills we Climb" funktioniere im Vortrag besser als beim Lesen, meint die Dichterin Nora Gomringer im Freitag. Das passe auch gut zu Gormans sorgfältig gestalteten Webpräsenz: "Diese Dichterin macht es, wie fast alle Autoren in den USA und nur wenige in Deutschland, bequem für die Kundschaft. ... Prosa ist im Buch immer noch gut aufgehoben. Der kleinen, viele Male totgesagten, aber biegsamen Form der Lyrik gehört die Zukunft der Bildsprache der sozialen Medien."

Weitere Artikel: Für die Literarische Welt sprcht Thomas David mit der Schriftstellerin Ottessa Moshfegh. Reinhard Kaiser-Mühlecker erklärt im Literarischen Leben der FAZ, wie er Schriftsteller geworden ist. Der Schriftsteller Graham Swift schwärmt in der NZZ von der Lektüre in Einsamkeit.

Besprochen werden unter anderem Volha Hapeyevas "Camel Travel" (taz), Yvonne Adhiambo Owuors "Das Meer der Libellen" (online nachgereicht von der FAZ), Cemile Sahins "Alle Hunde sterben" (Freitag), Dominique Manottis Krimi "Marseille.73" (taz), Kurt Martis "Hannis Äpfel" mit Gedichten aus dem Nachlass (NZZ), Tove Ditlevsens "Kopenhagen-Trilogie" (Literarische Welt) und Hans-Jürgen Heinrichs' Autobiograpfe "Der kürzeste Weg führt um die Welt" (FAZ).
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Kunst

Bild: Utagawa Hiroshige. Abendliche Schneelandschaft in Hira, aus der Serie: Acht Ansichten von Ōmi 

Für die NZZ unternimmt Philipp Meier einen schönen kleinen Streifzug durch die Winterlandschaften in der Kunstgeschichte, vorbei an den Lichtspielen der Impressionisten und den Wimmelbildern der Niederländer hin zum "schneeweißen Nichts" der ostasiatischen Zen-Maler, Hiroshiges Holzschnitt "Abendschnee" etwa: "Dieses Bild evoziert die Stille und die Einsamkeit einer verschneiten Landschaft mit sich tief unter dem Schnee duckenden Häusern. Im Vordergrund stapfen vereinzelte Menschen unter ihren schneebedeckten Papierschirmen und Strohmänteln ihres Weges durch den Tiefschnee. Im Hintergrund fallen leise die Flocken über einem schwarzblauen Band, das das nahe Meer andeutet. Diese Stimmung von Verlassenheit entspricht dem ästhetischen Ideal des Yûgen. Der Begriff bedeutet 'dunkel', 'tief', 'mysteriös', und er impliziert, dass in der japanischen Malerei die Andeutung einer dem Sichtbaren entzogenen Welt höher gewertet wird als das offen zutage Tretende. In geradezu idealer Weise bietet sich dafür eine im Nichts versinkende Winterlandschaft an, in die der Künstler, einem Haiku gleich, einige sparsame und dezente Spuren der Suggestion setzt."

Als der Künstler Gregor Schneider 2008 über einen "Sterberaum" nachdachte - ein Raum in einem Theater, in dem eine Person öffentlich sterben werde, erhielt er sogar Morddrohungen, erinnert Birgit Rieger im Tagesspiegel. Nun ist das Thema aus traurigem Anlass brisanter denn je und seit Donnerstag zeigt der "Sterberaum" im Livestream im Theater Darmstadt "einen leeren Theatersaal und weit entfernt, vorne auf der Bühne, gibt ein Fenster den Blick auf einen kargen Raum ohne Möbel frei. 'Der Tod bleibt für uns eine unverfügbare Erfahrung', sagt Gregor Schneider. 'Und doch zeigt uns das Sterben, was es heißt, ein Mensch zu sein. Denn dieses Schicksal teilen wir mit allen Menschen.' Schneiders 'Sterberaum' ist ein Nachbau des am Neuen Bauen orientierten Haus Lange/Haus Esters von Mies van der Rohe. Der Architekt hatte die Privatvilla in Krefeld als bewohnbares 'Kunstmuseum' in den 1920er Jahren entworfen."

In der FAZ hält auch Simon Strauss bei Schneider Einkehr: "Der Künstler ist die ganze Zeit anwesend. Mal legt er sich auf eine Liege, um zu schlafen, mal bringt ihm jemand etwas zu essen, aber meist sitzt er still da wie ein Säulenheiliger unserer Zeit. Er schaut stellvertretend für uns alle durchs Fenster in den leeren Raum mit dem warmen Licht." "Das Skandalöse ist verschwunden", kommentiert Silke Hohmann im Monopol-Magazin.

Weiteres: Das neue Pariser Kunstmuseum von Francois Pinault, für das er die Pariser Warenbörse erwarb und von Tadeo Ando umbauen ließ, ist fertig - wann es eröffnet, ist unklar, was es zu sehen gibt, ist geheim, meldet Bernhard Schulz im Tagesspiegel. In der FAZ freut sich Ursula Scheer über ein neues Blau: Forscher aus Oregon haben den Farbton YlnMn zufällig entdeckt, als sie Yttrium, Indium und Mangan verschmolzen: "Das Resultat ist ein leuchtend blaues und außerordentlich farbtreues Pulver, temperaturbeständig, wärmereflektierend, lichtecht, deckend, weder in Wasser noch in Öl ausbleichend, ungiftig." Besprochen wird die Ausstellung "Resist. Die Kunst des Widerstands" im Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum (Dlf Kultur).
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Film

Till Kadritzke (Filmdienst), Verena Lueken (FAZ) und Daniel Kothenschulte (FR) schreiben Nachrufe auf die Schauspielerin Cicely Tyson. Wolfgang Hamdorf spricht für den Filmdienst mit der georgischen Filmemacherin Dea Kulumbegashvili über ihren auf MUBI gezeigten (und im Standard besprochenen) Film "Beginning" (mehr dazu bereits hier). Madeleine Bernstorff begibt sich mit dem Buch "Bitte zurückspulen" für den Tagesspiegel auf die Spurensuche deutsch-türkischer Filmgeschichte in den migrantischen Communitys der alte BRD. Die Abenteuerfilme, die sie in ihrer Kindheit und Jugend so sehr mochte, taugen Frauen nicht zum Vorbild, fällt Jasamin Ulfat-Seddiqzai in der "10 nach 8"-Kolumne von ZeitOnline auf.

Besprochen werden Steve McQueens "Small Axe"-Reihe für die BBC (Freitag) und Simon Stones auf Netflix gezeigtes Archäologendrama "Die Ausgrabung" mit Ralph Fiennes (Tagesspiegel, FAZ).
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Bühne

Das New Yorker Festival "Under The Radar" lotet derzeit verschiedene Möglichkeiten des Theaters ohne Live-Publikum aus, aber so recht wird Nachtkritikerin Verena Harzer von kaum einer der Produktionen vom heimischen Hocker gerissen, wie sie in ihrem Theaterbrief aus New York schreibt. Mit einer Ausnahme allerdings: Die Produktion "A Thousand Ways (Part One): A Phone Call" des New Yorker Theaterduos 600 Highwaymen kommt nämlich ganz ohne Bildschirmnutzung aus: "Wer diese Aufführung erleben will, muss zu einem abgemachten Zeitpunkt eine Telefonnummer anrufen. In der Leitung sind außer ihm noch eine elektronische Stimme und eine weitere Person. Beide werden von der elektronischen Stimme durch einen sehr persönlichen Fragenkatalog geführt, müssen von ihrer Kindheit, ihren Sehnsüchten und unangenehmen Erlebnissen erzählen, sich und ihre Umgebung beschreiben und meditative Übungen durchführen. Und am Ende der Person am anderen Ende der Leitung erzählen, was von ihr in Erinnerung bleiben wird. Ein Stück, das ganz auf die Bereitschaft der Zuschauer baut, sich einzulassen. Das Versprechen der Präsenz geht hier voll auf."

Vermutlich wird der Januar 2022 erst wieder der Monat sein, in dem vor vollem Haus gespielt werden kann, sagt Bernd Loebe, Intendant der Frankfurter Oper im großen FR-Gespräch mit Judith von Sternburg, in dem er sich unter anderem für den Vorschlag der Kulturdezernatin Ina Hartwig ausspricht, die Oper an die Neue Mainzer Straße zu verlegen. Die großen Häuser werden die Krise gut überstehen, den SängerInnen tue die Pause gut, meint er: "Auch hier im Ensemble gibt es Sängerinnen und Sänger, bei denen ich zuletzt den Eindruck hatte, die Stimmen würden weiß, würden an Farbe verlieren. Jetzt höre ich, wie sie wieder viel frischer und farbiger klingen, regelrecht erholt. Das muss uns zu denken geben. Der Opernbetrieb ist sehr anstrengend. Dabei ist es ein Missverständnis, wenn Sängerinnen und Sänger glauben, sie müssten alles zusagen. Es sollte ihnen jetzt eine Ermutigung sein, auch einmal ein Angebot auszuschlagen."

Weiteres: Aus gegebenem Anlass hat das Regieduo Marina Prados und Paula Lnüpling aus seinem Theaterstück "Familiy of the Year" einen Theaterfilm gemacht, der am Samstag auf der Homepage des Ballhaus Ost gestreamt werden kann. Andreas Hergeth (taz) erzählen sie, weshalb es wichtig ist, dass queere Themen von queeren Menschen erzählt werden: "Dadurch entsteht dieser Bruch, die oft stereotype Darstellung der queeren Community." Christine Dössel (SZ) und Irene Bazinger (FAZ) gratulieren dem Intendanten Ulrich Khuon zum Siebzigsten.

Besprochen werden Georg Schareggs Inszenierung von Anke Stellings Buch "Bodentiefe Fenster" im TD Berlin (taz), Patricia Windhabs Animationsfilm "Alice im Wunderland" im Kieler Werftpark-Theater (taz), Valerie Voigts Inszenierung von Teresa Doplers "Das weiße Dorf" im Wiener Theater Drachengasse (nachtkritik).  und Bernd Feuchtners Buch "Die Oper des 20. Jahrhunderts in 100 Meisterwerken" (Tagesspiegel).
Archiv: Bühne

Musik

Für Spiegel-Popkritiker Andreas Borcholte ist der nach seiner Berliner Phase in die Schweizerischen Heimatberge zurückgekehrte Chansonnier Dagobert "der größte Schelm der deutschsprachigen Popmusik". Jetzt ist dessen viertes Album "Jäger" erschienen, das klanglich zwar etwas spröder daherkomme, aber "inhaltlich noch einmal tiefer hineingeht in die manische Psyche des Troubadours Dagobert, der sich seine Obsession mit der Liebe, ja, vom Taler-Fetisch Dagobert Ducks abgeguckt hat. Wie im Geldspeicher der Emotionen hockte dieser dandyhafte Protagonist nun also in einer Hütte - und sinnierte sich einige der fantastischsten und fiebrigsten Songs seiner bisherigen Karriere zusammen. ... Nachdem dann erneut die holde Schönheit (der Weiblichkeit, der Liebe?) in kitschigster Münchner-Freiheit-Melancholie und Flippers-Schlagerhaftigkeit zelebriert wird, herrscht tiefenentspannter Fatalismus." Wir wagen einen Blick in diesen finstren Hain:



Außerdem: Phil Collins wird 70 - Hanspeter Künzler (NZZ), Alexander Gorkow (SZ), Jörg Wunder (Tagesspiegel) und Jan Wiele (FAZ) gratulieren. Besprochen werden neue Alben von Weezer (ZeitOnline), CV Vision (taz)  und Barry Gibb (Standard) sowie ein Memoir von Bill Kaulitz (Zeit).
Archiv: Musik
Stichwörter: Dagobert, Popmusik