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Efeu - Die Kulturrundschau

Die kosmischen Dimensionen

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.12.2020. In der SZ wagt Durs Grünbein die Überlegung, dass sich mit Corona eine höhere Intelligenz zeigen könnte. Die NZZ setzt auf Düfte und Parfüms als Sinnen betörenden Gegenzauber. Der Standard erkundet die hybride Zukunft des Kinos. Die Jungle World bricht eine Lanze für die Lyrik des Noirserockers Jens Rachut. Und in der FAZ erzählt László F. Földényi, wie er Beethovens Bollwerk der Ungerechtigkeit erklomm.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.12.2020 finden Sie hier

Literatur

In der SZ grübelt der Schriftsteller Durs Grünbein nach einer Begegnungen mit einem ungenannt bleibenden Philosophen, in dem wir sehr vorsichtig Peter Sloterdijk vermuten, und einem Stromschlag aus Unachtsamkeit sehr schwermütig über die Corona-Pandemie: "Stillstellung des bloßen Soweitermachens als Chance, wäre das nicht ein Anfang? Mit Corona ist offenbar eine höhere Intelligenz unter uns aufgetaucht. Sars-CoV-2, das hört sich an wie ein Code, der gekommen ist, das menschliche Genom auf die Probe zu stellen. ... Die Zivilisation ist darüber ins Wanken geraten, weltweit. Ökonomie, Politik, Kommunikation, Gesellschaft, die Künste, demnächst auch die Architektur (die nun auch über neue Räume, neue Interieurs nachdenkt) - das ganze System (der Systemtheorie) ist durcheinander geschüttelt worden, ist überfordert. Plötzlich ist da was Neues in unser Leben getreten, und wir wissen nicht, was es ist."

Weitere Artikel: Thomas Hummitzsch spricht in Intellectures mit dem Comiczeichner Darcy van Poelgeest über dessen Comic "Little Bird". Der Standard bringt eine Geschichte von Xaver Bayer.

Besprochen werden unter anderem Nicolas Mahlers Comicadaption von James Joyce' "Ulysses" (Standard), Igorts Comic "Kokoro - Der verborgene Klang der Dinge" (Berliner Zeitung), Thilo Krauses "Elbwärts" (Standard), J.K. Rowlings unter dem Pseudonym Robert Galbraith veröffentlichter Krimi "Böses Blut" (Freitag), Rye Curtis' "Cloris" (Standard), Krimis von Steven Uhly und Denise Mina (Berliner Zeitung), Katharina Kölnners Debütroman "Was ich im Wasser sah" (online nachgereicht von der FAZ), Karl-Markus Gauss' "Die unaufhörliche Wanderung" (NZZ), Zora del Buonos "Die Marschallin" (SZ) und neue Hörbücher, darunter eine CD-Box mit Originaltonaufnahmen von Brechts Galilei-Proben 1955/56 (FAZ).
Archiv: Literatur

Design

Die NZZ hat ihre Texte zu Parfüms und Düften aus der Wochenendausgabe online nachgereicht: Über den Geruchssinn als leicht zu täuschendes Sinnesorgan denkt Thomas Ribi mit Aristoteles und Thomas von Aquin im Gepäck nach. Sehr traurig ist Clauda Mäder, dass der Weihnachtsmonat - sonst ein Fest der Düfte und verschenkten wie probierten Parfüms - in diesem Jahr aus bekannten Gründen so arm an Sinneseindrücken ist, und erzählt ein bisschen aus der Kulturgeschichte der Düfte: "Bevor sie Viren und Bakterien kannte, ging die Medizin davon aus, dass Krankheiten durch üble Gerüche verbreitet würden. Folglich waren gute 'Gegendüfte' wichtige Mittel zur Bekämpfung von Epidemien. Die Pest zum Beispiel versuchten die Menschen im 14. Jahrhundert durch Feuer auszurotten, die sie mit Duftessenzen anreicherten. Aus Myrrhe oder Rosenholz wurden auch Pastillen geformt, die das schädliche Verfaulen der Luft im Keim, sprich im Mund des Menschen, ersticken sollten. In immer weiteren Formen wurden Parfums und parfümierte Produkte fortan populär, und sie standen allgemein für das, was man heute Hygiene nennt."
Archiv: Design
Stichwörter: Duft, Parfüm, Epidemien, Pest

Bühne

Enno Trebs und Lorena Handschin in "Woyzeck interrupted". Foto: Arno Declair / DT


Mahin Sadri und Amir Reza Koohestani haben für "Woyzeck interupted" am Deutschen Theater Büchners Klassiker zu einem Drama über häusliche Gewalt in Corona-Zeiten umgeschrieben. Nachtkritikerin Shirin Sojitrawalla erlebte in der Online-Fassung reinste Bildmagie, auch wenn sie der Text nicht unbedingt überzeugt hat: "Wie überhaupt der Text eher unaufregend daherkäme, sorgten Bühne und Stream-Regie nicht dafür, dass hier - die Online-Fassung ist nicht identisch mit der für nach Corona geplanten Bühnenversion - ein reizvoller Theater-Film-Zwitter entstünde. Kein abgefilmtes Theater, sondern eine eigene Ästhetik, die das Fragmentarische des Stoffes dramaturgisch nutzt. Dem Fragment ist die Unterbrechung ja quasi eingeschrieben, und sie dient dem Abend als inhaltliches und formales Gerüst. Marie unterbricht ihre Schwangerschaft, Corona unterbricht die Proben." In der SZ konnte sich Christine Dössel nicht für diese Fassung erwärmen: "'Woyzeck' als Stellvertreterstück für Femizide - ein Ansatz, der nicht aufgeht. Zu sehr bleibt der Text in einer privaten Pärchensoziologie hängen. Ganz zu schweigen davon, dass Woyzeck in Büchners erschütterndem Sozialdrama zuallererst mal ein Opfer ist."

Besprochen werden außerdem Jürgen Flimms Kölner Inszenierung von Schillers "Don Karlos" (die SZ-Kritikerin Christine Dössel exaltiert bis zur Infantilität erscheint: "Nein, man will das nicht sehen", in der FAZ beschwert sich Simon Strauss, dass die Streaming-Premiere nicht zur Primetime auf WDR3 lief) und Hans Werner Henzes Oper "Das verratene Meer" nach Yukio Mishima an der Wiener Staatsoper (Welt).

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Archiv: Bühne

Kunst

Im Observer stellt Laura Cummings die Bilder der britisch-ghanaischen Künstlerin Lynette Yiadom-Boakye vor, die bis Mai in der Tate Britain zu sehen sein werden und die nicht nur Porträts, sondern immer auch Erzählung seien, wenn auch wenig variantenreich, wie Cummings bedauert. Birgit Rieger schwärmt im Tagesspiegel von der Künstlerin Klára Hosnedlová, die ihre Bilder nicht malt, sondern stickt und in Berliner Sammlerkreisen gerade sehr angesagt ist. Der Standard wagt einen Blick auf das Ausstellungsprogramm des kommenden Jahres.
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Film

Wie geht es weiter mit dem Kino, fragt sich Dominik Kamalzadeh im Standard. Künftig nur noch Streaming? Immer mehr Parallalelauswertungen? Oder doch wieder alles so wie früher? Antworten auf diese Fragen findet Kamalzadeh in einer Tüftelei der Financial Times: "Bei einem kleineren Auswertungsfenster von 17 Tagen im Kino und anschließendem VoD würde das Studio die Hälfte seines Gewinns immer noch durch Kinos generieren - vor der Pandemie war dies noch weit mehr als die Hälfte. Denkbar ist aber auch, dass es zu neuen Kooperationsverträgen mit großen Kinoketten wie AMC kommt", aber "die wahrscheinlichste Variante ist ein hybrides Modell, in dem Blockbuster und Arthouse-Filme, ja sogar prestigeträchtige Netflix-Eigenproduktionen weitaus fluider zwischen physischen und Online-Auswertungen wechseln - mit verwirrend vielen Abo- und Einzelbezahlmodellen."

Besprochen werden der Gangsterfilm "I'm Your Woman" (der SZ-Kritikerin Annett Scheffel zufolge das Genre umstülpt, indem er aus der Perspektive der unbeteiligten Ehefrau erzählt), Danielle Lessowitz' im VoD-Angebot der Edition Salzgeber online stehender, von Martin Scorsese co-produzierter Film "Port Authority" über die Transgender-Szene New Yorks (SZ), George C. Wolfes "Ma Rainey's Black Bottom" (NZZ, mehr dazu hier) und die neue BBC-Adaption von Charles Dickens' "A Christmas Carol" (ZeitOnline).
Archiv: Film

Musik

"Jens Rachut ist einer der ungewöhnlichsten (Song-)Texter des Landes", schreibt Jens Uthoff in der Jungle World über den Hamburger Sänger und Texter von Punk- Noiserockbands wie Dackelblut, Oma Hans und Maulgruppe. Gerade ist ein Band mit seinen Song- und Theatertexten erschienen: Diese "erzählen oft kleine Geschichten, manchmal sind sie wie Science-Fiction-Miniaturen, manchmal wie durchgeknallte kleine Fabeln. Dann wieder zeigen sie sich im Stil der Lyrik der historischen Avantgarden." Hier besingt er die Tiere in Tschernobyl:



Als Kind hatte er Angst vor Beethoven, der ihm als Gott verkauft wurde, und die "Ode an die Freude" empfand er immer schon als Bollwerk der Ungerechtigkeit, das Menschen eher vor die Tür setzt, statt sie zu einen, gesteht der Essayist László F. Földényi in der FAZ. Erst Furtwängler hat ihm mit der Neunten die Ohren geöffnet. Hier "fand ich mich inmitten eines allumfassenden, universellen Dramas wieder, in dem alle Teile denselben existentiellen Abgrund heraufbeschworen... Hier geht es nicht um Ideale, sondern um die kosmischen Dimensionen des menschlichen Daseins. Schon als die Pauken im ersten Satz mit einer Gewalt, einer Unausweichlichkeit, einem unerbittlichen, alles andere erdrückenden Klang, der mir weder davor noch danach je begegnet ist, ertönten - Siegfrieds Trauermarsch? Eine Vorahnung Stalingrads oder Dresdens? -, hatte ich keinen Zweifel mehr, dass der 'heil'ge Zirkel' am Ende dieser Neunten Symphonie so schließen würde, dass auch jene darin Platz gefunden haben, die Schiller noch verbannt hatte."

Vor allem im Bereich Rock- und Folkmusik erscheinen immer Deluxe-Boxsets im dreistelligen Kostenbereich, die den Fan geradezu erschlagen mit Archivalien, Raritäten und Merchandise-Tinnef, aktuell gerade von Elton John. Zu tun hat dieser Trend mit der für den Markt dahinschmelzenden wirtschaftlichen Bedeutung von Tonträgern, erklärt Joachim Hentschel in der SZ: Die Boxsexts "tragen die Aura von Luxusprodukten, werden also gezielt für Spezialisten und Sammler gestaltet. Und wirken dabei oft wie der letzte Ausweg der Industrie, um traditionell gelaunte Kunden - die an wirklich neuen Produkten kaum mehr Interesse haben - noch zum Geldausgeben zu bewegen." Was dabei zählt, ist "nicht allein das zu Tode zitierte Haptische, sondern das Erlebnis. Die um die Musik herumgebaute Welt. Ein letztes Mal großer Pop-Zirkus in den Händen."

Weitere Artikel: Artur Weigandt schreibt in der in der FAZ über die belarussischen Gruppen Stary Olsa und Molchat, die mit dem Dudelsack auf die Straße gehen. Wolfgang Pollanz legt im Standard frei, wie es dazu kommen konnte, dass der seinerseits schwer drogenabhängige Elvis Presley sich 1970 in einem mehrseitigen Schreiben Richard Nixon als Drogenspitzel empfahl. Michael Stallknecht porträtiert in der NZZ Andreas Reize, der ab kommenden September in Leipzig als Thomaskantor vorstehen wird. Der einigen als Rechtsaußen geltende Alpenrocker Andreas Gabalier gibt dem Standard, von dem er sich stets missverstanden fühlt, ein Interview. Jürgen Kesting beobachtet für die FAZ, wie der Teufel durch die Musikgeschichte geistert.

Besprochen wird der vom Johannes Hossfeld Etyang, Joyce Nyairo und Florian Sievers herausgegebene Band "Ten Cities" über die südafrikanische Clubszene (NZZ).
Archiv: Musik