Efeu - Die Kulturrundschau

Absurd, aber ziemlich 2020

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.12.2020. Was genau soll eigentlich nachhaltiges Material sein, fragt sich in der NZZ die Schreinerin und Kunsthistorikerin Franziska Müller-Reissmann. Die Kunstkritikerinnen winken ab vor Dennis Mesegs blutiger Schaufensterpuppenarmee auf dem Potsdamer Platz: Feministische Kunst gern, aber nicht so. Die FR hört den verstörendsten Simon Boccanegra ihres Lebens. In China hat Paul W.S. Andersons Videospielverfilmung "Monster Hunter" wegen eines Witzes einen Shitstorm ausgelöst, berichtet die Welt. Der Standard staunt über den zeitgeistigen Fanklub der K-Popgruppe BTS.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.12.2020 finden Sie hier

Bühne

Christian Gerhaher als Simon Boccanegra. Foto: Monika Rittershaus


Konventionell und doch vielleicht gerade deswegen sehr eindrucksvoll findet Judith von Sternburg Andreas Homokis Inszenierung von Verdis "Simon Boccanegra" im Stream des Opernhauses Zürich. Sie "setzt auf das Repertoire vertrauter Operngesten, und es ist ausgerechnet die durch die Pandemie erzwungene Distanz, die dem Händeringen, Kopfabwenden, dem leidvollen Blick und dem schmerzlich verzogenen Mund Spuren jenes wirklich pechschwarz Abgründigen hinzufügen, das über 'Simon Boccanegra' liegt. ... Der Bariton Christian Gerhaher wird wohl der verstörteste und verstörendste Simon sein, den wir am Ende unseres Lebens gehört haben werden (es ist nicht möglich, 'Simon Boccanegra' zu hören, ohne an das Ende des Lebens zu denken). Das Verquälte, Befangene, Verlegene, dieses bei einem Bühnendarsteller immer irritierende Verschwinden-Wollen ist nicht mehr unvertraut. In dieser Hinsicht erinnert Christian Gerhaher an Woody Allen, der gerade in kostümierter Umgebung immer ganz ein Mensch seiner Zeit und in erster Linie er selbst bleibt."

Weiteres: nmz gibt Streaming-Tipps für die nächsten sieben Tage. Besprochen wird das Buch "Lernen aus dem Lockdown", in dem Theatermacher*innen ihre Erfahrungen mit dem coronabedingten Wechsel in Onlinemedien zusammentragen (taz).
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Design

Nachhaltiges Material, was soll das eigentlich genau sein, überlegt die Schreinerin und Kunsthistorikerin Franziska Müller-Reissmann angesichts der immer stärkeren Ablehnung von Kunststoffen: "Man preist uns Kork, heimisches Holz und Glas als umweltverträgliche Stoffe an, doch hinter den Lobliedern steckt ein fundamentaler Denkfehler: Nachhaltig oder auch nicht kann nur die Verwendung von etwas sein - nicht eine Sache selbst."

Außerdem: Alyx Gorman stellt uns im Guardian leicht verstört die beiden Pantonefarben des Jahres 2021 vor: grau und gelb. "This year, the combination has been likened to the shades of hi-vis vests, road markings and 'screaming sickly urban melancholy, a brutalist facade, cold sunshine and cement'. Vogue described it simply as 'really weird'."
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Film

In China wurde Paul W.S. Andersons Videospielverfilmung "Monster Hunter" nach einem Tag aus den Kinos genommen und soll nun in einer leicht geschnittenen Version wieder zurückkommen, berichtet Hanns-Georg Rodek in der Welt. Stein des Anstoßes: In der englischen Tonspur des Science-Fiction-Metzfelfilms witzelt eine asiatische Figur über seine Knie, sie seien "chi-knees", also "chinese". Interessant daran: Nicht der chinesische Zensor, sondern Social-Media-Scheißegewitter haben die Sache ins Wanken gebracht. "Versucht man, den Vorgang zu analysieren, müssen sich die Produzenten am wenigsten vorwerfen. Der chinesische Filmzensor steht unter Rechtfertigungsdruck, wie konne er solche eine Beleidigung der Nation durch durchgehen lassen?! Tencent, der chinesische Medienkonzern, der 'Monster Hunter' unter seine Fittiche genommen hatte, steht unter Druck. Zwei einflussreiche Parteiinstitutionen, die Kommunistische Jugendliga und das Mitgliedermagazin 'Ziguang Ge', schlossen sich der Kritik an."

Triggerwarnungen in der ARTE-Mediathek vor einem Godard-Film, der übliche Lobotomierten-Quatsch in der ARD-Mediathek - auf Artechock verzweifelt Rüdiger Suchsland: "'Linda geht tanzen'; 'Liebe ohne Minze'; 'Liebe Zartbitter'; 'Nichts als Ärger mit den Männern'; 'Die Braut meines Freundes'; 'Ein Schritt zuviel'; 'Mit einem Rutsch ins Glück'; 'Vater braucht eine Frau'; 'Mein süßes Geheimnis'; 'Vollweib sucht Halbtagsmann'; 'Plötzlich Opa' - dies die Filmtitel aus der ARD Mediathek an nur vier Tagen im November. Es wird auch im Dezember nicht besser. Ein Psychogramm. Wer solche Filme guckt, muss zum Querdenker werden." (Und fragt sich einmal mehr, wofür die Öffentlich-Rechtlichen 38 Milliarden Euro brauchen, wie Christian Meier heute in der Welt (Unser Resümee))

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel gratuliert Andreas Busche dem großen Jean-Louis Trintingnant zum 90. Geburtstag. Besprochen werden Lisa Charlotte Friederichs "Live" (ZeitOnline), "The Prom" mit Meryl Streep (Presse), die vierte Staffel von "Fargo" (ZeitOnline), Sydney Sibilias "Die unglaubliche Geschichte der Roseninsel" (SZ, FAZ), "The Midnight Sky" mit George Clooney (NZZ), eine Sky-Verfilmung von Charles Dickens' Weihnachtsgeschichte (Presse) und die Horrorserie "Detention" (Presse).
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Literatur

Besprochen werden unter anderem Santiago H. Amigorenas "Kein Ort ist fern genug" (NZZ), Meral Kureyshis "Fünf Jahreszeiten" (FR), Laurent Binets "Eroberung" (FR), Thomas Wolfes "Eine Deutschlandreise. Literarische Zeitbilder 1926-1936" (Tell) und Viola Siegemunds Neuübersetzung von Olive Schreiners "Die Geschichte einer afrikanischen Farm" (SZ).
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Stichwörter: Binet, Laurent

Kunst

Der Künstler Dennis Meseg hat auf dem Potsdamer Platz seine Installation "Broken" aufgestellt. Sie besteht aus 222 verletzten und blutigen Frauenfiguren. Meseg will so auf Gewalt gegen Frauen aufmerksam machen. Das gefällt nicht jedem und auch nicht jeder Frau, berichtet im Tagesspiegel Christiane Meixner: "Jorinde Wiese, Studentin an der Uni Freiburg und Comedian, erklärte im Radio des RBB ausführlich, was die Kritikerinnen an 'Broken' stört. Es beginnt schon mit dem Titel der Arbeit, die 'Opfer auf den erlebten Gewaltakt reduziere und als zerbrochen beschreibe'. Das verletze die Frauen weiter und helfe gar nicht, meint Wiese. Auf dem Potsdamer Platz weist die Künstlerin Julia Schramm zur selben Zeit auf die 'genormten Schaufensterpuppen' hin, die Frauen 'idealtypisch darstellten', ohne im geringsten zu diversifizieren. Judith Rauwald ergänzt mit Blick auf 'Broken', so habe man Kunst in den achtziger Jahren machen können, nicht aber heute. Und vielleicht liegt sie damit gar nicht so falsch." Der Künstler wehrt sich gegen die Kritik, lesen wir, und spricht "von einer 'Hexenjagd' und von 'Feministinnen', die seine Installation eigenmächtig umdeuten wollten."

Tja, "wenn Männer Kunst mit feministischer Absicht machen, geht das manchmal schief", notiert Clara Westendorff kühl bei monopol. Sie hätte kein Problem damit, das Werk zu "canceln": "Dennis Meseg  lässt keine von Gewalt betroffenen Personen zu Wort kommen, selbst auf den Fotografien vom Team des Projekts sind nur Männer zu sehen. Er eignet sich die Thematik an, setzt sie unsensibel um, lässt keine Kritik zu. ... Politische Kunst erfordert mehr Feingefühl als ein Blumenstilllebenm und Dennis Meseg hat mit seinem 'Mahnmal' gezeigt, dass er daran gescheitert ist. Auch unter rein ästhetischen Gesichtspunkten betrachtet, ist seine Arbeit überladen, bedeutungsheischend und ohne guten Verhältnis zwischen Aufwand und Ergebnis. Feministische Kunst von Männern kann es geben, aber so sieht sie nicht aus."

Weitere Artikel: In der New York Times sieht sich Jason Farago noch einmal im Guggenheim Jackson Pollocks "Mural" von 1943 an, das nach zwanzig Jahren erstmals wieder in New York zu sehen ist. Und Max Lakin schreibt über zwei New Yorker Ausstellungen des 65-jährigen Graffitikünstlers Futura.
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Stichwörter: Meseg, Dennis

Musik

Streaming beschert der Musikindustrie einen Geldsegen: Plötzlich geben zig Millionen von Menschen, die seit Jahren keine CD mehr gekauft haben, jährlich 120 Euro für Musik aus. Nur bei den Künstlern - insbesondere den kommerziell wenig hervorstechenden - kommt davon so gut wie nichts an, rechnet Jens Uthoff in der taz vor. Selbst Freunde japanischer Polka finanzieren mit ihren Beiträgen die großen Megaseller, denn "aktuell zahlt Spotify nach dem Pro-Rata-Modell: Dabei wird nur die Gesamtanzahl der Streams berücksichtigt, alle Einnahmen fließen in einen Topf, es wird nach der Zahl der Klicks abgerechnet. ... Der Verband der Independent-Labels in Deutschland (VUT) fordert daher die Einführung des user-zentrierten Zahlungsmodells: Das Geld von Nutzern ginge dann ausschließlich an jene, die sie gehört haben."

Amira Ben Saoud denkt im Standard über das Popphänomen BTS nach, die erste südkoreanische Band, die in den USA einen Nummer-Eins-Hit gelandet hat: Geglückt ist ihnen das auch mit Zeitgeist-Aroma, da es bei BTS nicht nur ums Kuscheln, sondern auch mentale Gesundheit, Ungerechtigkeiten und ein neues Männerbild gehe. "Ihre ARMY, so wird der unfassbar große Fanclub von BTS genannt, sind gleichzeitig Internet-Mob, der jeden niedermäht, der nur ein schlechtes Wort über die Band denkt, und Charity-Organisation, die sich für philanthropische Zwecke starkmacht. ... Da geht ein völlig unreflektierter Idolkult seitens der Fans mit 'Wokeness', also dem erhöhten Bewusstsein für Privilegien und damit verbundene Ungerechtigkeiten, Hand in Hand. Absurd, aber ziemlich 2020."

Weiteres: Taylor Swift hat heute morgen ein Überraschungsalbum veröffentlicht, meldet der Standard. Wir hören rein:



Besprochen werden Lebanon Hanovers Darkwave-Album "Sci-Fi Sky" (Jungle World) und Kamasi Washingtons Soundtrack zum Michelle-Obama-Film "Becoming", das taz-Kritikerin Beate Scheder insofern erstaunt, da Washingtons sonst ausladend komplexe Epik zugunsten einer etwas anschmiegsameren Form zurückgestellt wird: Aber "grundsätzlich spricht ja auch nichts gegen die Musik, die in Hotelbars gespielt wird, solange sie gut ist." Wir hören rein:

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