Efeu - Die Kulturrundschau

Der tiefe Sturz in den Zeuthener See

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23.09.2020. Die SZ feiert die Wiederentdeckung von Ruggero Leoncavallos veristischer Oper "Zazà" in Wien. Der Freitag reitet mit dem Cowboy Dean Reed noch einmal in den Untergang der roten Sonne. In der FAS wünscht sich die italienische Schriftstellerin Giulia Caminito einen gewaltlosen Anarchismus. In der NZZ sieht Zürichs Musikdirektor Paavo Järvi in der Coronakrise nur eine Generalprobe. Und die Filmkritik trauert um Michael Lonsdale, den großen einsamen Mann des französischen Kinos.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.09.2020 finden Sie hier

Bühne

Svetlana Aksenova in "Zazà" im Theater an der Wien. Foto: Monika Rittershaus

Als große Entdeckung feiert Michael Stallknecht Christopher Loys Inszenierung von Ruggero Leoncavallos fast vergessener Oper "Zazà" im Theater an der Wien, und mit einer fantastischen Svetlana Aksenova in der Titelrolle. "Zazà" erzähle eine Allerweltsgeschichte, wie sie für den Verismo typisch sei, erklärt Stallknecht, mit sentimentalem Überschwang und an der Grenze von E- und U-Musik: "'Zazà' erweist sich dabei als ein Stück, das psychologisch vielschichtig, vor allem aber triftig erzählt ist. Dass die Titelfigur in Loys Inszenierung am Ende zu trinken beginnt, lässt erahnen, dass sie werden wird wie ihre eigene Mutter, vielleicht ein Kind haben wird mit Cascart, das nicht viel anders aufwachsen wird als sie selbst. Triviale Geschichten sind immer auch wahre Geschichten, wenn sie gut erzählt werden."

"Iron Curtain Man" an der Neuköllner Oper. Foto: Mizafo

Heillos unhistorisch, aber sehr vergnüglich findet Karsten Krampitz im Freitag die Oper "Iron Curtain Man", mit der Lars Werner und Fabian Gerhardt an der Neuköllner Oper die Geschichte des roten Rock'n'Roll-Cowboys Dean Reed durch die Brille der Critical Whiteness erzählt: "Als sich Dean Reed 1972 als Künstler für staatlich subventionierten Massenapplaus entschied, war er kein Idiot oder Spinner. Er sollte nicht der einzige sein, der von diesem Staat bitter enttäuscht wurde. Ihn, wie im Theaterstück geschehen, als 'Elvis der DDR' zu bezeichnen, einer Zuschreibung der Nachwendezeit, geht völlig in Ordnung. Theater braucht Dramatik, Fallhöhe. ...  Wer ein Gefühl bekommen will, wie verlogen, provinziell und kitschig die DDR sein konnte, aber auch wie komisch, der sollte sich diesen Klamauk anschauen. Der Sound des VKKO, dem Verworner-Krause-Kammerorchester, ist großartig. Die Choreografie stimmt auch. Egon Krenz ist der beste Tänzer von allen."

Weiteres: In der Berliner Zeitung schreibt Ulrich Seidler zum Tod der belgischen Festivalgründerin und Kuratorin Frie Leysen.

Besprochen werden Christoph Marthalers Dieter-Roth-Abend "Das Weinen (Das Wähnen)" in Zürich (NZZ), Barrie Koskys Neuinszenierung von Modest Mussorgskys "Boris Godunow" am Zürcher Opernhaus (NZZ), Hermann Schneiders "Fidelio"-Inszenierung in Linz (Standard) und Martin Schläpfers Ballett "Hollands Meister" an der Volksoper Wien (Standard).
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Literatur

Mit ihrem neuen Roman "Ein Tag wird kommen" hat sich die italienische Schriftstellerin Giulia Caminito tief in ihre Familiengeschichte mütterlicherseits und in die Geschichte des italienischen Anarchismus um 1900 vertieft, erklärt sie im online nachgereichten FAS-Gespräch: "Meine Eltern gehörten der Studentenbewegung an und sind bis heute sehr links. Ich fühle mich tatsächlich eher dem Konzept des Anarchismus nah. Das ist mir bei meinen Recherchen klargeworden. Die Idee einer horizontalen Gesellschaft gefällt mir, aber ich bin gegen jede Form von Gewalt. Der Anarchismus verlangt eine Revolution der Gesellschaft; eine andere Art des Arbeitens, des täglichen Lebens, der Beziehungen."

Weitere Artikel: In der NZZ kniet Roman Bucheli vor Leben und Werk Friedrich Dürrenmatts.

Besprochen werden unter anderem Dorothee Elmigers "Aus der Zuckerfabrik" (taz, Freitag), Thomas Hettches "Herzfaden" (NZZ), Lydia Davis' "Es ist, wie's ist" (Zeit), Jo Nesbøs "Ihr Königreich" (Presse), Lejla Kalamujićs "Nennt mich Esteban" (ZeitOnline), Wolfgang Büschers "Heimkehr" (Tagesspiegel), Bernhard Schlinks "Abschiedsfarben" (Freitag), Judith Zanders "Johnny Ohneland" (SZ) und Sjóns "CoDex, 1962" (FAZ).
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Film

Bild: Claude Truong-Ngoc, Wikipedia. (CC BY-SA 3.0)

"Er war der große einsame Mann des französischen Kinos. Ein Mann im Abseits, ein Eigenbrötler, manchmal melancholisch, oft miesepetrig", schreibt Fritz Göttler in der SZ zum Tod des französischen Schauspielers Michael Lonsdale, der für nahezu alle Großen des französischen Autorenkinos vor der Kamera stand, einem breiten Publikum aber vor allem als der skurrile Bond-Schurke Hugo Drax aus "Moonraker" bekannt wurde, der "mit unbewegter Miene und durchgedrücktem Kreuz, die Arme am Rücken verschränkt" Bond seine Vernichtungsfantasien darlegte: "die Geburt des Welteroberungswahns aus trauriger Verklemmung". Patrick Bahners würdigt Lonsdale in der FAZ als großen Improvisator: Er "erzählte von sich, dass er für seine Rollen nie geübt habe. ... Der Schauspieler solle nicht die Worte artikulieren, sondern das, was dahinter liege, den inneren Zustand der Figur, die Motive für Glück und Unglück. So improvisierte Lonsdales heilkundiger Bruder Luc für Beauvois die Antwort auf die Frage der jungen Muslimin Rabbia, woran man die Liebe erkennt. 'Ich hatte nicht mehr den Eindruck, dass ich es war, der da so sprach. Es war ein anderer.'" Vor einigen Jahren hat Arte eines seiner schönen Blow-Up-Videos Lonsdale gewidmet:



Weiteres: Fabian Tietke empfiehlt in der taz eine Reihe zum thailändischen Dokumentarfilm im Berliner Sinema Transtopia. Andreas Busche spricht im Tagesspiegel mit Nina Hoss über deren neuen Film "Pelikanblut".

Besprochen werden Armando Iannuccis "David Copperfield" (taz, Standard), Quentin Dupieuxs "Mister Killerstyle" (Intellectures) und Edwin Beelers Dokumentarfilm "Hexenkinder" über Heimkinder (NZZ).
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Kunst

Mit dem Kreuzberger Candomblé-Tempel der Brasilianerin Virginia de Medeiros, dem Gefängnistagebuch der kurdischen Künstlerin Zehra Doğan und anarchistischen Weihnachtsmännern aus Kopenhagen ist SZ-Kritikerin Kito Nedo bei der - bereits vielfach besprochenen - Berlin Biennale voll auf ihre Kosten gekommen: "Die Kritik an den Verhältnissen, die sich das Berliner Kunstfestival verschrieben hat, kommt hier meistens in Form einer Nach-Geschichte, mit radikaler Poesie und gerahmt von Pathos. Es geht auch um Formen des Widerstands, um Gemeinschaft, die Sorge füreinander. Wer meint, Gegenwartskunst sei durch den Markt korrumpiert und eine seichte, unpolitische Spaßveranstaltung geworden, der wird auf dieser Biennale das Gegenteil erleben."

Weiteres: Hanno Hauenstein meldet in der Berliner Zeitung, dass bereits im August zwei Plastiken Arno Brekers gefunden wurden, im Vorgarten des Kunsthaus Dahlems, das Hitlers Lieblingsbildhauer einst als Atelier gedient hat. Im Monopol-Interview mit Silke Hohmann spricht Justin Hoffmann, Direktor des Kunstvereins Wolfsburg, über seine Phänomenale mit solarbetriebener Kunst.

Besprochen werden eine Ausstellung über die Künstlerfamilie Rehfeldt in der Galerie Wolf & Galentz in Berlin (taz) und eine Ausstellung des japanischen Künstlers Shinichi Sawada im Georg-Kolbe-Museum (Tsp).
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Stichwörter: Berlin Biennale

Architektur

Im Tagesspiegel schreibt Christoph Stölzl einen Nachruf auf den Architekten Jürgen Patzschke, der ganz der traditionellen Architektur verhaftet war und Berlin etwa mit dem Hotel Adlon beglückte.
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Musik

Im NZZ-Gespräch begreift der estnische Dirigent Paavo Järvi die Coronakrise auch als "eine Art psychologische Kurskorrektur", vielleicht sogar als "Generalprobe für eine noch gravierendere Katastrophe" und mutmaßt, dass "der bisherige global orientierte Musikbetrieb höchstwahrscheinlich ein Auslaufmodell ist". Dafür ist immerhin "einer der wenigen Vorzüge dieser Situation tatsächlich, dass wir uns nun das riesige Repertoire für kleinere Besetzungen erschließen können. Ich möchte nicht einfach ersatzweise eine Kammerfassung einer Mahler-Sinfonie ansetzen (...) solange es so viele Originalwerke zu entdecken gibt. Auch die Musiker zeigen sich begeistert, dass sie nun beispielsweise einmal die herrlichen Serenaden von Antonín Dvořák spielen können."

Außerdem: Gerrit Bartels schreibt im Tagesspiegel einen Nachruf auf den Rockmusiker Dave Kusworth. Karl Fluch schreibt im Standard zum Tod des Soulsängers Roy C. Hammond, der zwar nie großen Starruhm erreicht hat, mit seinem an Nixon gerichteten Stück "Impeach the President" aber eine Steilvorlage für das Sampling des Hiphop der Achtziger lieferte. Dieses Video nennt 45 Songs, die diesen Steinbruch plünderten, wir hören ins Original:



Besprochen werden das neue Album von Alicia Keys (SZ), ein Beethoven- und Bartok-Abend mit dem DSO Berlin unter Robin Ticciati (Berliner Zeitung, Tagesspiegel, einen Mitschnitt bringt Dlf Kultur) und weitere Popveröffentlichungen, darunter "Fang" der Noiserock-Band Unbite, an deren "Kraft und roher Leichtigkeit" SZ-Popkolumnistin Juliane Liebert viel Freude hat.
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