Efeu - Die Kulturrundschau

Schwarze Rechtecke im Himmel

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.05.2020. Die taz erforscht mit dem Künstler Erich Reusch den unendlichen Raum. Im Interview mit dem Van Magazin erklären Friedrike Hofmeister und Matthias Mohr vom Berliner Radialsystem, warum die ständige Antragsstellerei für Projektmittel total unkünstlerisch ist. Die Welt schildert Tolstois schmerzhafte Begegnung mit einem Bären.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.05.2020 finden Sie hier

Kunst

Erich Reusch, o. T., 2012


Mit großer Sympathie stellt Max Florian Kühlem in der taz den Künstler Erich Reusch vor, dessen flüchtiges Werk derzeit die Ausstellung "Erich Reusch: grenzenlos. Werke 1951-2019" im Museum unter Tage in Bochum festzuhalten versucht. Reusch, im Zweiten Weltkrieg Minensucher bei der Marine, "setzte sich mit der Begrenztheit der menschlichen Erkenntnisfähigkeit und Existenz, der relativen Position des Menschen in einem tendenziell nicht endlichen Raum auseinander", erklärt Kühlem. "Bahnbrechende Arbeiten des Künstlers existieren nur noch als fotografische Erinnerung - zum Beispiel die 'Überlagerten Laserflächenbahnen', mit denen Reusch 1967 Feinstaub als schwarze Rechtecke im Himmel sichtbar macht - in einer Zeit, in der noch niemand über die Abgasbelastung der Luft als Problem nachdachte. Oder die 'Pulsierende Fläche', die er 1971 aus einem unregelmäßig gespannten Fallschirm an einer Flughalle in der Nähe seines Wohnorts in Werdohl schuf. Außer dem Künstler selbst haben das flüchtige Werk nur wenige Menschen gesehen - trotzdem hat er es einmal als eines seiner wichtigsten bezeichnet."

Besprochen werden außerdem eine Andy-Warhol-Ausstellung in der Tate Modern in London (den Versuch, "der Marke Warhol ein menschliches Gesicht zu geben und seine Kunst zurückzuführen auf existenzielle Erfahrungen", sieht Marion Löhndorf in der NZZ eher skeptisch), eine Ausstellung des karibischen Malers Frank Walter im MMK in Frankfurt (die Hanno Rauterberg (Zeit) wegen ihrer pompösen Inszenierung eines eher schlichten Werks irritiert: als Dekor für den postkolonialen Diskurs findet er Walter schlecht gewürdigt), die Ausstellung "The Cindy Sherman Effect. Identität und Transformation in der zeitgenössischen Kunst" im Kunstforum Wien (Tsp) und die Ausstellung  "How to make a Paradise - Sehnsucht und Abhängigkeit in generierten Welten" im Frankfurter Kunstverein (FR).
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Bühne

Im Interview mit dem Tagesspiegel erzählt Choreograf John Neumeier, wie sich die Arbeit mit seinen Tänzern in Coronazeiten gestaltet und von seinem neuen Schubert-Ballett. Die nachtkritik streamt bis heute 18 Uhr Boris Nikitins Solo-Performance "Hamlet" und ab morgen 18 Uhr "Between Worlds / Global Tales of Outsourcing Dementia Care" von Costa Compagnie: Der komplette Online-Spielplan hier. In der Zeit plaudert Peter Kümmel mit den Schauspielern Jens Harzer und Ulrich Matthes über das Theater in Coronazeiten.
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Film

Die Film- und Kinobranche scharrt mit den Hufen. Christian Bräuer von der AG Kino sagt im taz-Gespräch, dass die Häuser derzeit Anfang Juli für eine Wiedereröffnung anvisieren. Allerdings hängt dies auch sehr von äußeren Faktoren ab: "Wir brauchen natürlich internationale Filme - und momentan ist noch ein großes Rätselraten, wie sich die Infektionszahlen zum Beispiel in den USA oder Großbritannien entwickeln. Wenn die Situation dort so schlimm bleibt, sehe ich nicht, dass Mitte Juli 'Tenet', der neue Film von Christopher Nolan, herauskommt." Im FR-Gespräch sieht Filmproduzentin Regina Ziegler mit der Pandemie für die deutsche Industrie "eine neue existenzielle Bedrohung geschaffen, wie wir sie bisher nicht kannten." Hinzu kommt: "Wenn alle zur selben Zeit wieder anfangen zu drehen, herrscht Stau. Es wird einen Mangel an kompetenten Mitarbeitern geben." Die in den Großstädten populären Freiluftkinos könnten der Kinobranche im Sommer zu einer kleinen Finanzspritze verhelfen, glaubt derweil Bert Rebhandl in der FAZ.

Besprochen werden die per VoD ausgewertete, restaurierte Fassung von Frank Ripplohs "Taxi zum Klo", einem bundesrepublikanischen Klassiker des schwulen Kinos ("Am Vorabend der Aids-Pandemie feierte Frank Ripploh das schwule Leben wie kaum ein anderer", schreibt Rajko Burchardt im Perlentaucher), die per VoD ausgewertete, restaurierte Fassung von Hussein Erkenovs "100 Tage, Genosse Soldat", eines Klassikers des sowjetischen schwulen Films (taz), Klaus Wildenhahns (neben weiteren seiner Filme) beim NDR online gesteller Dokumentarfilm-Klassiker "Die Liebe zum Land" (Perlentaucher), Jennifer Kents auf DVD erschienenes Rachedrama "The Nightingale" (Berliner Zeitung), Janina Quints Dokumentarfilm "Germans and Jews" (SZ), der von Hannes Brühwiler herausgegebene Band "The Sound of Fury. Hollywoods Schwarze Liste" (Filmdienst) und die Sky-Serie "Devils" (FAZ).
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Literatur

In den "Actionszenen der Weltliteratur" erinnert Marc Reichwein mit Tatiana Tolstoi an eine schmerzhafte Begegnung ihres Vaters mit einem Bären: "'Eines Tages, es lag schon lange zurück, hatte er in der Gegend von Smolensk auf einen Bären geschossen, ihn aber nur verwundet. Der wild gewordene Bär hatte sich auf ihn gestürzt, ihn umgeworfen und sich dann daran gemacht, ihn in Stücke zu reißen.' Bärenstarke Action! Schon in Tolstois Wimmelbild 'Krieg und Frieden' steppt der Bär, im übertragenen wie im wörtlichen Sinn. Mal taucht er als Mummenschanz auf, mal als Metapher für fehlende Manieren: 'Bringen Sie diesem Bären hier Bildung bei', sagt Fürst Wassilij - mit Blick auf Pierre Besuchow - zu Anna Pawlowna."

Weiteres: In der FAZ schreibt Andreas Urs Summer einen Nachruf auf den Germanisten Jochen Schmidt. Die Agenturen melden, dass die Frankfurter Buchmesse nach einer Entscheidung des Aufsichtsrats im Oktober stattfinden wird.

Besprochen werden unter anderem Mary MacLanes Tagebuch "Ich erwarte die Ankunft des Teufels" aus dem Jahr 1902 (Berliner Zeitung), Peter Englunds "Mord in der Sontagsstraße" (FR), Juri Andruchowytschs "Die Lieblinge der Justiz" (SZ) und Julien Greens "Journal intégral 1919-1940" (FAZ).
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Musik

In VAN sprechen Friedrike Hofmeister und Matthias Mohr vom Berliner Radialsystem über die Lage an ihrem Haus und darüber, wie sich Künstler besser absichern lassen könnten. Die jetzige Projektmittelvergabe sei jedenfalls dringend reformbedürftig, meinen sie, da Durststrecken, Hand-zu-Mund-Lebensweisen und soziale Abstürzte vorprogrammiert sind. Belgien und Frankreich machen es hier vor, wo Künstler nach einer gewissen Zeit künstlerischen Arbeitens sozial besser abgesichert sind. Die ständige Antragsstellerei hingegen "ist im Grunde auch total unkünstlerisch, weil Künstler:innen in diesem Antragskreislauf halbjährlich Projekte am Grünen Tisch entwickeln müssen, bevor sie überhaupt künstlerisch daran forschen konnten", sagt Mohr. "Es entstehen so immer Kopfgeburten, die aber für das künstlerische Vorankommen nicht förderlich sind. Uns geht es da genauso. Da muss ein Umdenken stattfinden. Es muss eigentlich eine Struktur entstehen, wo Künstler:innen langfristiger am künstlerischen Ausdruck arbeiten können, ohne direkt an das Produkt gebunden zu sein."

"Musizieren lebt vom Kontakt, nicht von der Distanzierung. Wir werden uns auf Durststrecken einstellen müssen", schreibt Wolfram Goertz in der Zeit unter den Eindrücken der neuen Hygieneregelungen für Konzerte und einem ihn wenig überzeugt habenden, personell ausgedünnten Konzert der Berliner Philharmoniker: "Keine Symphonien von Mahler, Bruckner oder Schostakowitsch mehr bis zur Entwicklung eines Impfstoffs?"

Weitere Artikel: In der SZ spricht Wolfgang Schreiber mit dem Komponisten Helmut Lachenmann über die Rolle von Kunst für die Gesellschaft. Nicholas Potter wirft für die taz einen Blick in die staatlichen Pläne zur Rettung der Clubkultur. Bei seinem letzten Stau hatte Volker Hagedorn zum Glück Mahlers Sechste Sinfonie mit im Wagen, berichtet er in VAN. Arno Lücker legt für VAN vier Aufnahmen von Bruckners neunter, unvollendeter Sinfonie nebeneinander. Außerdem widmet sich Lücker in seiner VAN-Reihe über Komponistinnen diesmal Jeanne Demessieux. In der Berliner Zeitung gratuliert Frank Junghänel dem Rockmusiker John Fogerty zum 75. Geburtstag.

Besprochen werden das Debütalbum des Vision String Quartets, das den SZ-Kritiker Helmut Mauró mit seinen Schubert-Aufnahmen zum Staunen bringt, Medhanes Album "Cold Water" (Pitchfork), das Soloalbum "Earth" des Radiohead-Gitarristen Ed O'Brien (FAZ),
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