Efeu - Die Kulturrundschau

Immer zu werden und niemals zu sein

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12.05.2020. Die SZ lauscht mit Spike Lee dem leise pochenden Herzen des menschenleeren New York. Der Freitag hört lieber wachen Jazz in Chicago. In der FAZ warnt der Archäologe Andreas Schmidt-Colinet vor einer "westlichen" Rekonstruktion des Bel-Tempels in Palmyra. Hyperallergic lässt sich von den Pollen und Samen des abstrakten Expressionisten Norman Bluhm bespritzen. Und die Welt sieht in Christoph Ingenhovens Hainbuchen-Brutalismus in Düsseldorf das Licht vor lauter Bäumen nicht.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.05.2020 finden Sie hier

Kunst

Norman Bluhm. Quelle: Newark Museum of Art in New Jersey

Norman Bluhm
war weitaus mehr als nur ein abstrakter Expressionist der zweiten Generation, hält John Yau auf Hyperallergic fest, der die Ausstellung "Metamorphosis" im Newark Museum of Art in New Jersey noch vor der Schließung sehen konnte. Vielmehr verwandelte er das Vokabular der abstrakten Expressionisten in "erotische Formen", so Yau. "Bluhm unterscheidet sich auch von Zeitgenossen wie Kenneth Noland, Helen Frankenthaler und Joan Mitchell durch seine Verwendung gesättigter Farben und die Formenschichten (…), die er in seinen Gemälden geschickt komprimiert. Er erkennt, dass Malerei eine zweidimensionale Oberfläche ist, aber er hält sich nicht an formalistische Gebenheiten. Unabhängig von der Tiefe von Bluhms illusionistischem Raum lenkt er immer die Aufmerksamkeit auf die Oberfläche des Bildes, manchmal mit so stumpfen und suggestiven Mitteln wie Tropfen und Spritzer, die an Pollen, Milch oder Samen erinnern und aus abgerundeten Formen hervorbrechen."

In der Berliner Zeitung trauert Harry Nutt den Kunstsammlern Friedrich Christian Flick, Thomas Olbricht und Julia Stoschek, die Berlin verlassen wollen, nicht nach: Im Gegenteil. Deren Sammlungen, meint er naserümpfend, stellen eh nur "gediegene Präsentationsformen beruhigter Kunst dar. Zweifellos tragen sie nachhaltig zum Profil einer ambitionierten Stadtgesellschaft bei. Zur Vitalität einer Metropole aber gehört die flirrende Geschäftigkeit sich wechselseitig durchdringender Szenen, die hier und da aufschlagen und sich nicht vorschriftsgemäß an Einlassregeln halten. Junge Kunst ist flüchtig, und oft erfährt man erst sehr viel später, ob man zur rechten Zeit am richtigen Ort war." In der Welt sieht Swantje Karich den Abzug der Kunstsammlungen sehr viel weniger gelassen. Stoscheks "Abschied ist nun das traurige Ende einer Verbindung, die so hoffnungsvoll begann: Als Stoschek vor vier Jahren aus Düsseldorf nach Berlin kam, dachten viele, es sei die perfekte Liaison: ihre junge Videokunst, weltweit geachtet, in einer aufstrebenden Stadt. Immer wieder aber hatte sie beklagt, wie wenig sich Bund und Stadt um ihre gemeinnützige Stiftung bemühen. Das sei dieselbe Arroganz, mit der man auch Flick damals begegnet sei, sagte Julia Stoschek Welt am Sonntag."

Weitere Artikel: Seit dem 4. Mai dürfen die Berliner Museen wieder öffnen - und doch zögerten viele Berliner Museen - auch aus ökonomischen Gründen, erfährt Tom Mustroph in der taz von Christina Haak, der stellvertretenden Generaldirektorin der Staatlichen Museen zu Berlin: Der eingeschränkte Museumsbetrieb kostet kaum weniger als der reguläre, bringt aber viel weniger ein. Gunda Bartels hat sich im Tagesspiegel im wiedereröffneten Georg-Kolbe-Museum umgesehen. Das Gemälde "Fiat Justizia" von Carl Spitzweg, einst von den Nazis geraubt, hat bei einer Kunstauktion einen Rekordwert von knapp 700.000 Euro erzielt, meldet der Tagesspiegel. In der FAZ schreibt Freddy Langer einen persönlichen Nachruf zum Tod des Journalisten und Fotosammlers Wilfried Wiegand. Besprochen wird Sophie Thuns Online-Ausstellung "Stollberggasse" in der Wiener Secession (Standard).
Archiv: Kunst

Literatur

Für den Freitag hat Marcus Müntefering ein tolles Interviewporträt über das St.Pauli-Krimi-Urgestein Frank Göhre geschrieben, der mit "Verdammte Liebe Amsterdam" nach 14 Jahren gerade ein Comeback vorgelegt hat. Die Anekdoten - Göhre war in den Goldenen Zeiten St. Paulis mit den Größen des Milieus, über das er schrieb, auf Du - sprudeln nur so aus ihm heraus. Auch um seine literarischen Wurzeln geht es: "Neben Glauser habe ich viel meiner Lektüre von Hubert Fichte zu verdanken: den Sound, den Rhythmus, die kurzen Sätze. Ich habe beim Schreiben immer schon viel collagiert, seit meinem ersten Roman 'Gekündigt', den ich 1973 geschrieben habe. Ich gehe beim Schreiben oft von dokumentarischem Material aus, das dann auch in den Roman einfließt. Ich will nicht alles auserzählen, will die reine Prosaform durch Realitätspartikel unterbrechen. Ich schreibe auch nicht nach einem Konzept, mache kein Exposé. Ich habe eine Idee für einen Anfang und eine vage Ahnung vom Ende und schreibe los. Was dazwischenliegt, erfinde ich jeden Tag neu. Das ist unglaublich befreiend, wenn man wie ich so viele Drehbücher geschrieben hat, wo es diese Freiheit nicht gibt."

Wir hatten ja gehofft, die FAS würde Michel Houellebecqs Essay über die Coronazeiten frei zugänglich stellen, leider ist der Text aber hinter einer Bezahlschranke gelandet. Jedenfalls, der Auffassung, dass Literaten ohnehin im stillen Kämmerlein an ihren Texten brüten und somit kompetente Lockdown-Pioniere sind, widerspricht der Schrifsteller ganz vehement: "Es ist stark vom Versuch zu schreiben abzuraten, wenn man nicht die Möglichkeit hat, am Tag mehrere Stunden zu laufen: Die angestaute Nervenspannung kann sich nicht auflösen, die Gedanken und Bilder kreisen weiter schmerzhaft im armen Kopf des Autors herum, er wird reizbar, um nicht zu sagen: verrückt. Das Einzige, was wirklich zählt, ist der mechanische Rhythmus des Gehens, dessen wichtigstes Ziel es nicht ist, neue Ideen aufkommen zu lassen (auch wenn dies durchaus stattfinden kann), sondern den Konflikt zu beruhigen, den der Aufeinanderprall der am Schreibtisch entwickelten Ideen ausgelöst hat ."

Weitere Artikel: Lesen oder Nichtlesen, das ist hier die Frage, die sich Torsten Körner in Coronazeiten im Tagesspiegel stellt. Marie Schmidt (SZ) und Wolf Scheller (Standard) erinnern an die Dichterin Nelly Sachs, die vor 50 Jahren gestorben ist. Dlf Kultur hat aus diesem Anlass eine Lange Nacht online gestellt.

Besprochen werden Anne Tylers "Der Sinn des Ganzen" (taz), J. M. G. Le Clézios "Alma" (NZZ), zwei neue Bücher von Dave Eggers (Zeit), Elizabeth Strouts "Die langen Abende" (SZ), Juri Andruchowytschs "Die Lieblinge der Justiz" (FR), Léon Bloys "Diesseits von Gut und Böse. Briefe, Tagebücher, Prosa" (Standard), Gabor Scheins "Der Schwede" (NZZ), Young-ha Kims "Aufzeichnungen eines Serienmörders" (online nachgereicht von der FAZ), Knud Romers "Die Kartographie der Hölle" (Berliner Zeitung) und Ziemowit Szczereks "Sieben" (FAZ).

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Film

Spike Lee hat auf Instagram einen dreieinhalbminütigen Kurzfilm über seine besonders von Corona gebeutelte Heimatstadt New York veröffentlicht. Eine wehmütige Hommage, schreibt Jörg Häntzschel in der SZ: "Weil Spike Lee sich von Kodak extra historisches Filmmaterial hat geben lassen, mit Fünfzigerjahre-Farben und einem Schwarz-Weiß wie aus der Stummfilmzeit, wirkt nun das New York dieser Tage historisch fremd, ein bisschen wie das menschenleere Paris auf den Bildern von Eugène Atget vom Ende des 19. Jahrhunderts. ... New Yorks Herz schlägt noch, die Spitze des Empire State Building pulst in Rot. Doch das Blinken könnte auch ein Notsignal an die Welt sein."

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Andreas Busche berichtet im Tagesspiegel vom Dokfest München, das in diesem Jahr, wie zahlreiche weitere Festivals, rein virtuell stattfand - eine überfordernde Erfahrung wie jedes Festival, was aber schmerzlich "fehlt, ist der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, die word-of-mouth-Empfehlungen, die die Programmplanung wieder über den Haufen werfen." Und anders als gedacht geht mit den Onlinefestivals auch keine erhöhte Sichtbarkeit einher, kommentiert Hanns-Georg Rodek in der Welt anlässlich des nun endgültig abgesagten Festivals in Cannes, das ursprünglich heute hätte beginnen sollen: "Wer zählt die Portale, findet die Filme… (genauer gesagt: findet sie nicht). Festivals haben vor allem die Aufgabe, Filmen die größtmögliche Aufmerksamkeit zu verschaffen, doch in den derzeitigen Online-Versionen versinken sie ohne große Spur." Aber ist es denn nicht gerade die Aufgabe von Filmjournalisten, eine solche Sichtbarkeit über den Diskurs herzustellen? Artechock jedenfalls hat eine beeindruckende Liste zusammengestellt. Und was passiert eigentlich mit den Filmen, die ab heute in Cannes hätten laufen sollen? David Steinitz in der SZ weiß mehr: Einige davon werden wohl bei Herbstfestivals in einer eigens geschaffenen "Cannes"-Rubrik zu sehen sein.

Weitere Artikel: Für die Jungle World hat Daniel Moersener ein großes Gespräch mit Charly Wierzejewski geführt, der 1974 in Roland Klicks großartigem Hamburgfilm "Supermarkt" (unsere Kritik) die Hauptrolle gespielt hatte und später in der Westberliner Szene unterwegs war. Thomas Abeltshauser spricht im Freitag mit Produzent Alan Poul über dessen für Netflix gedrehte Serie "The Eddy" über einen Jazzclub in Paris. Für den Freitag befasst sich Lutz Herden mit den Trümmerfilmen der DEFA. In der taz plaudert Matej Snethlage mit dem Schauspieler Robert Stadlober. Für die Berliner Zeitung hat Daniel Schieferdecker ein großes Gespräch mit dem Schauspieler Rainer Bock geführt. Daniel Gerhardt schreibt auf ZeitOnline einen Nachruf auf den Komiker Jerry Stiller.

Besprochen werden Alice Wus auf Netflix veröffentlichter Coming-of-Age-Film "Nur die halbe Geschichte" (SZ) und "Becoming", der von Michelle Obama produzierte Netflix-Dokumentarfilm über sie selbst, der laut NZZ-Kritiker Marc Neumann nicht zuletzt auch die Funktion hat, für Michelle und Barack Obamas Bücher zu werben.
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Archiv: Film

Architektur

Kö-Bogen II. Christoph Ingenhoven.

Ökologisch bekommt der Architekt Christoph Ingenhoven für das von ihm entworfene Bürogebäude "-Bogen II" von Marcus Woeller in der Welt die volle Punktzahl - ästhetisch fällt der 30.000 Bäume zählende "Hainbuchen-Brutalismus" allerdings durch: "Acht Kilometer lang soll die dichte Hecke sein und damit die größte grüne Fassade in Europa. ... Das Gewissen ist beruhigt, aber: Ob man aus dem Inneren des Gebäudes noch etwas anderes sehen kann, als die direkt vor den Fenster stehenden Mauern aus Blattwerk?"

Hätten die IS-Schergen den Bel-Tempel verschont, wenn sie ihn nicht als Ausdruck einer "westlichen Kultur" verstanden hätten, fragt der Archäologe Andreas Schmidt-Colinet in der FAZ und blickt auf die Baugeschichte des Tempels seit dem 1. Jahrhundert nach Christi zurück. Welches der "früheren Leben des Baus" will man wiederaufbauen, fragt er: "Soll man das von europäischen Archäologen freigelegte Forschungsobjekt und die seitdem bestaunte Touristenattraktion, also eigentlich eine präparierte Leiche, als künstliche Ruine wiedererrichten? Für wen und warum? Als identitätsstiftenden Faktor für wen? Als Wirtschaftsfaktor? Für den Tourismus? Als politisches Prestigeprojekt? Als Beweis für gelungene Denkmalpflege? Der Bel-Tempel war die letzten dreihundert Jahre vor allem ein Erinnerungsort Europas. Wir sollten uns hüten, anderen den richtigen Umgang mit Kulturerbe vorzuschreiben." Er würde lieber die Ruinen belassen wie sie sind.
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Bühne

Auch die für den 12. Juni geplante "Rheingold"-Premiere unter der Regie des Norwegers Stefan Herheim an der Deutschen Oper Berlin wurde abgesagt, der September-Termin für die Premiere der "Walküre" steht allerdings noch. "Rheingold" soll später stattfinden, weiß Udo Badelt im Tagesspiegel. Aber: "Hat die Bedrohung durch das Coronavirus im August nicht nachgelassen und werden die Beschränkungen nicht aufgehoben, hat die Deutsche Oper - wie alle Opernhäuser - ein massives Problem. Sie sind nicht so flexibel wie Sprechtheaterbühnen. Dort überlegt man jetzt ernsthaft, Stücke umzuinszenieren, damit Schauspielerinnen und Schauspieler in ausreichendem Abstand auf der Bühne agieren können, und den Einlass zu limitieren."

"Zuschauerinnen und Zuschauer, die dicht an dicht und glühend vor Freude in ein ausverkauftes Haus drängen, wird es erst mal nicht geben", hält der Regisseur Nicolas Stemann in seiner NZZ-Corona-Kolumne fest: "Ebenso wenig Schauspielerinnen und Schauspieler, die einander berühren, küssen oder in dramatischem Konflikt anschreien oder -singen oder die an der Rampe stehen und aerosolstark ins Parkett hineindeklamieren, wobei die schöne und intensive Aussprache durchaus auch mal einen Speicheltropfen mit sich bringt."
Archiv: Bühne

Design

In seiner Duftkolumne "Essenzen" für den Perlentaucher stellt Claus Brunner das Parfum "Per Fumum, Amber" von Annette Neuffer vor, die ausschließlich mit Naturstoffen arbeitet und hier neben Amber (Baumharzen) unter anderem die extrem seltene Ambra verwendet: "Amber und Ambra sind nämlich nicht nur völlig verschiedene Stoffe, sondern auch geruchlich weit voneinander entfernt. Wobei 'weit' schon wieder relativ ist, werden beide doch mitunter an denselben Strand gespült: die Ambra, ein wachsartiger Klumpen von dunkelgrauer bis heller Farbgebung, aus dem Gedärm des Pottwals stammend, und der Amber, bei dem es sich bekanntlich um fossile Baumharze des 'Pinus Succinifera' handelt."
Archiv: Design
Stichwörter: Parfümerie, Parfums

Musik

Auch ein Diedrich Diederichsen kommt gelegentlich ins Stutzen. Etwa bei dem, was derzeit in der Chicagoer Jazzszene rund um Makaya McCraven geschieht. Der Popkritiker erkennt zwar die bekannten und referenzierten Partikel, aber das Ganze ergibt nichts, was man bereits kennt: "Es ist eine andere Art, die Zeit, die zwischen Free Jazz oder Fire Music und Trap, zwischen den Schriftstellern James Baldwin und Marlon James vergangen ist, zu ballen, zu dehnen, zu kontrahieren und zu lesen, als man sich das vorstellt, wenn man in Kategorien wie 'Verweis', 'Zitat', 'Nostalgie' oder 'Revival' denkt", schreibt Diedrichsen im Freitag. "Zurzeit erklingt sehr viel und sehr unterschiedlicher brandneuer, sehr präsenter, wacher, zeitnaher 'Jazz', der sich auf die freien und sehr beseelten physischen Spielarten der 1960er, auf die revolutionären afrozentrischen Entwürfe, aber auch auf Funk, auf die schwarze Tradition radikaler Dichtung, aber auch Hip-Hop bezieht - ohne dass man das Gefühl loswird, dass mit der eh schon immer mal wieder angezweifelten Kategorie Jazz nunmehr etwas fundamental und endgültig nicht mehr stimmt."

Außerdem: Wolfgang Schreiber erinnert in der SZ daran, wie die Berliner Philharmoniker 1957 erstmals Beethovens Sinfonien aufnahmen. Frederik Hanssen erklärt im Tagesspiegel die von Medizinern empfohlenen Corona-Sicherheitsregeln für Konzertorchester. Jan Kedves schreibt in der SZ einen Nachruf auf die Soulsängerin Betty Wright. Uwe Schütte schreibt in der taz nochmal einen großen Nachruf auf Florian Schneider von Kraftwerk (mehr dazu bereits hier und dort).
Archiv: Musik
Stichwörter: Mccraven, Makaya, Corona