Efeu - Die Kulturrundschau

Sternbild der Hunde

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.04.2020. In der taz beschreibt Annett Gröschner das Verhältnis der DDR zu Kolonialismus und Rassismus. Domus erinnert an die Gründung von Brasilia vor sechzig Jahren. Tagesspiegel, taz und FAZ denken über die Zukunft des Kinos nach, sofern es noch eine hat. In der FR plädiert Katharina Hacker für Renovierung statt Neubau der Städtischen Bühnen Frankfurt. Die FAZ besucht eine Ausstellung mit kleinen Geheimnissen der sowjetischen Untergrundkultur. Die Zeit fragt: Wozu brauchen wir noch radikale Kunst?
9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.04.2020 finden Sie hier

Architektur

Als die Moderne noch Flügel hatte: Blick auf Brasilia. Foto: Iwan Baan

Hat hier niemand bemerkt: Vor 60 Jahren wurde das funkelnagelneue Brasilia als Hauptstadt Brasiliens eingeweiht. Domus hat diesem Ereignis ein Dossier gewidmet - mit Erinnerungen an die Architekten von Lucio Costa bis Oscar Niemeyer, begleitenden Ausstellungen und Fotos.
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Stichwörter: Brasilia, Niemeyer, Oscar

Film

Christiane Peitz berichtet im Tagesspiegel von den Hygieneplänen, die Berliner Kinobetreiber derzeit erstellen, um eine frühzeitigere Wiedereröffnung ihrer Häuser zu erwirken. Bleibt das Problem, dass die Filme auf der Warteliste, die dann einem zerdehnt sitzenden Publikum kredenzt werden sollen, sich jetzt schon stapeln und wohl gegenseitig aus den Sälen kegeln werden: "Wie bitte soll Piffl Medien den zweiten Startversuch für Christian Petzolds fantastisches Berlin-Wassermärchen 'Undine' auf den Herbst terminieren, wenn man dann gemeinsam mit Dutzenden anderen verschobenen Filmen gegen den neuen Bond antritt? ... Erst recht unrealistisch ist jede Prognose, ob und wann US-Blockbuster wieder international starten. Sie bilden die Hauptkonkurrenz für einheimische Werke, sorgen aber auch für volle Säle."

Eher zuversichtlich wirkt das Stimmungsbild, das Fabian Tietke in der taz zeichnet: Besonders engagierte Kinos können sich über regen Absatz von Kinogutscheinen an ein treues Publikum freuen, was die Not zumindest ein bisschen lindert. "Kino Krokodil und Tilsiter Lichtspiele glauben, dass sich beim Kino selbst nicht viel ändern wird. Größere Sorgen macht sich das Krokodil, dass es zu einem 'weiteren Rückgang professioneller Filmkritik und eine zunehmende Ausdünnung der Presselandschaft' komme. Das fsk hofft, 'dass sich im Herbst die Sehnsucht nach dem 'richtigen' Kino wieder durchsetzt.' Die weitreichendsten Folgen sieht das Arsenal: 'Wir müssen davon ausgehen, dass sich das Publikum, sein Verhältnis zum Kino und seine Wahrnehmung von Filmen verändern werden, so wie diese Zäsur ja auch an uns, den Kinomacher*innen, nicht spurlos vorübergeht.'" Für die SZ hat David Steinitz sich bei bayerischen Kinobetreibern nach der momentanen Lage erkundigt.

Geht es nach Andreas Kilb in der FAZ, ist die Sache mit dem Kino, zumindest aber die mit Hollywood, allerdings ohnehin gegessen - die große US-Filmindustrie befand sich eh schon auf dem besten Weg ins Streamingzeitalter, was von der Coronakrise nun noch einmal ordentlich befeuert wird. Auch Edgar Reitz, der am morgigen Freitag den Ehrenpreis des Deutschen Filmpreises überreicht bekommt, ist sich im taz-Interview sicher, dass es "das klassische Kino mit 20- und 22.30-Uhr-Vorstellungen nicht mehr lange geben wird, nach Corona erst recht nicht. Das Kino ist in einer Krise, wie es sie noch nie gegeben hat. Was danach übrig bleibt, hat nur mit einem neuen Konzept eine Chance. ... Es gibt immer mehr Festivals, dadurch entsteht eine neue Programmstruktur in kleineren Städten, es treten mehr Künstler in den Kinos auf. Denn dass der Mensch ein soziales Wesen ist, daran ändert Corona nichts. Man kann ihm nicht abgewöhnen, sich zu versammeln, um Dinge in körperlicher, realer Gemeinschaft zu erleben."

Weitere Artikel: Silvia Hallensleben freut sich in der taz über das zwar überschaubare, aber inhaltlich umso stärkere Online-Videoangebot der Bundeszentrale für politische Bildung, wo unter anderem einige Filme von Thomas Heise zu sehen sind (weitere seiner Arbeiten hat der Filmemacher auf seinem Vimeo-Kanal veröffentlicht). Patrick Heidmann porträtiert in der Berliner Zeitung den Schauspieler Albrecht Schuch, der gleich zweimal für den Deutschen Filmpreis nominiert ist. Auch das Schweizer Dokumentarfestival "Visions du Réel" findet nun im Zuge der Coronakrise - im übrigen kostenfrei - im Netz statt, berichtet Urs Bühler in der NZZ. Dort zu sehen ist auch Daniel Hoesls und Julia Niemanns "Davos", den Dominik Kamalzadeh im Standard hervorhebt. Einer Meldung im Filmportal ist zudem zu entnehmen, dass die Kurzfilmtage Oberhausen ab 13. Mai gegen einen mit rund 10 Euro sehr knapp bepreisten Festivalpass online stattfinden werden.

Besprochen werden Takashi Miikes auf DVD veröffentlichter Film "First Love" (Berliner Zeitung), Ziad Doueiris von Arte online gestellte Mini-Serie "Aus der Spur" (taz), die Netflix-Dokuserie "The Last Dance" (ZeitOnline), die Netflix-Dokuserie "Tiger King" (Presse) und der ursprünglich fürs Kino geplante, jetzt auf VoD ausgewertete Animationsfilm "Trolls World Tour" (Tagesspiegel).
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Literatur

In einem von der taz dokumentierten Beitrag zum coronabedingt lediglich digital stattfindenden Berliner Symposium "Und seitab liegt die Stadt: Herkunft" umkreist die Schriftstellerin Annett Gröschner ihre Herkunft aus der DDR und deren leicht gespaltenes Verhältnis zu Kolonialismus und Rassismus: "Ich bin mit einer Form des Internationalismus aufgewachsen, der den Kosmopolitismus in sich verleugnet hat. Solidarität mit unterdrückten Völkern, ja. Allerdings konnte kaum jemand damit umgehen, wenn es jenseits des Theoretischen und von Spenden ablief. Auf die Vertragsarbeiter·innen war niemand vorbereitet. Da trat dann ganz schnell ein alter Rassismus zutage. Die DDR war eine so homogene Gesellschaft, dass selbst die, die aus den Ostgebieten geflohen oder vertrieben worden waren, ihre Herkunft verleugneten, meist gezwungenermaßen, um keine Nachteile zu haben. Die Gesellschaft war weiß. Es gab in meiner Kindheit nur wenige Menschen mit anderer Hautfarbe, außer in den Kinderbüchern."

Im Tagesspiegel spricht der Comiczeichner Flix über seinen Aufruf, ihn per Steady-Spende über die Corona-Zeit zu bringen, was allein durch den Buchverkauf angesichts stark sinkender Umsätze bei den Verlagen schwierig werden dürfte. "Lesungen und Workshops sind für mich, neben den Büchern, ein zweites finanzielles Standbein. Die Honorare dafür sind für mein Jahreseinkommen eingeplant. ... Aktuell liegen die Ausfälle für 2020 schon bei über 15.000 Euro."

Der Schriftsteller Richard Swartz schreibt in der NZZ darüber, wie ihn der zerdehnte Alltag in der Coronakrise an die lange Zeit erinnert, als er als Journalist in Belgrad den Tod am Ende von Titos langem Siechtum abwarten musste: "In der Isolation meines Zimmers wollte ich mein unproduktives Warten in ein nutzbringendes Programm verwandeln. Endlich würde ich Ivo Andrić von der ersten bis zur letzten Seite lesen. Stattdessen überfiel mich eine seltsame Müdigkeit."

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel spricht Thomas Steinfeld über sein Buch "Italien. Porträt eines fremden Landes". In den "Actionszenen der Weltliteratur" erinnert Tilmann Krause daran, wie Adèle Hugo einem Offizier verfiel. Sehr kleinteilig und umfangreich meditiert Philipp Schwarz auf 54books über Fragen der Moral und der Literatur.

Besprochen werden unter anderem Paula Irmschlers Debütroman "Superbusen" (FR), Joann Sfars und Christophe Blains Versuch, den Westerncomic-Klassiker "Blueberry" wiederzubeleben (Welt) und Valerie Fritschs "Herzklappen von Johnson & Johnson" (FAZ).
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Kunst

Kleine Särge für die abgelehnten Gedichte von Dmitri Prigow

Kerstin Holm stellt in der FAZ das Programm "Selbstisolation" der Moskauer Garage vor. Teil davon ist die Ausstellung "Kleine Geheimnisse: Die sowjetische Untergrundkultur der Jahre 1969 bis 1985 ausgraben". Sie erzählt von einer Zeit, in der ideologische Abweichler ihre gesellschaftliche Isolation mit Kreativität und Witz markierten: "Tatsächlich leben die materiell-technisch betont unscheinbaren Arbeiten vieler Untergrundkünstler von Geheimbedeutungen, die sich nur Eingeweihten oder besonders Achtsamen erschließen. Die Holzkistchen, in denen die Moskauer Konzeptkünstlerin Rimma Gerlowina Texte versteckte, die 'kleinen Särge', die Dmitri Prigows 'abgelehnten Verse' aufbewahren, waren paradoxe Schreine kreativer Freiräume. Die Aktion 'Ordnung des Urinierens von Hunden', bei der der Konzeptkünstler Vadim Sacharow damals nach dem Sternbild der Hunde berechnete Stellen in Moskau mit Lappen behängte, die der Hund Fedja markiert hatte, und die nur für Hunde wahrnehmbar gewesen wären, führte die Geheimhaltung lustig ad absurdum."

Der Corona-Ausnahmezustand ist für Künstler auch inhaltlich ein Problem, meint Hanno Rauterberg in der Zeit. Denn wenn das Leben plötzlich wie ein surrealer Traum erscheint, die Welt sich radikalisiert, wer braucht dann noch radikale Kunst? Auch der Rückzug in die Natur ist unmöglich geworden: "Es ist also keineswegs so, dass allein der Mensch die Natur zum Objekt macht. Es ist auch umgekehrt: Die Natur macht den Menschen zum Objekt, und es reicht ein unsichtbares Teilchen wie das Virus, schon entzivilisiert sich die Zivilisation, und selbst basale Gesten der Höflichkeit wie der Handschlag gelten als tabu. Umso absurder wirkt es, wenn Künstler das vermeintlich Wilde und Vorzivilisierte weiterhin als Gegenmacht zur aufgeklärten Moderne begreifen und die Natur als irgendwie unschuldig und also als unbedingt schützenswert deklarieren."

Weitere Artikel: Die Museen bereiten sich auf ihre Öffnung vor (in Berlin ab dem 4. Mai) , berichtet Cathrin Lorch in der SZ: "Abstandsregeln, Desinfektion, Maskenverkauf am Eingang und Ticketbuchungen im Internet - die deutschen Museen arbeiten derzeit prophylaktisch einen Katalog von Maßnahmen ab." Mehr dazu von Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung.

Besprochen werden eine abgesagte New Yorker Ausstellung der Malerin Agnes Pelton, die man derzeit nur online und im Katalog betrachten kann (Zeit) und eine New Yorker Ausstellung der Glasbilder und Lichtkästen von Judith Schaechter (hyperallergic).
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Bühne

In der FR ruft die Schriftstellerin Katharina Hacker dazu auf, die Städtischen Bühnen am Frankfurter Willy-Brandt-Platz nicht einem Neubau zu opfern. Ein "Wahrzeichen" brauche die Stadt ganz sicher nicht: "Bei dem Stichwort Wahrzeichen werde ich sofort traurig. Für Frankfurt als eine traditionsreiche Bürgerstadt ist diese Denkweise ganz und gar unangemessen. Die Bühnen sind zunächst einmal für die Bürgerinnen und Bürger der Stadt da. Sie sollten doch eine Weise sein, sich über sich selbst zu verständigen, darüber, wie die Gesellschaft sich sieht und was sie hofft, und manchmal sollten sie einfach festlich sein. Wozu, um Gottes Willen, braucht es ein Wahrzeichen?"

Außerdem: Die nachtkritik streamt heute ab 18 Uhr Elfriede Jelineks "Am Königsweg" in einer Inszenierung von Falk Richter am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Zum Online-Spielplan deutscher Bühnen geht's hier.
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Stichwörter: Jelinek, Elfriede

Musik

Hartmut Welscher spricht für VAN mit Cornelia Schmid von der Konzertdirektion Schmid über die momentane Krise und mögliche Ausblicke. Rosig sieht es, wie bei allen anderen Kulturinstitutionen, nicht gerade aus - man wird nach Corona über vieles nachdenken müssen: "Wir diskutieren jetzt sehr viel, auch mit internationalen Kolleg:innen, ob unser Geschäftsmodell so tatsächlich lebensfähig ist. Auch Agenturen haben keine großen Rücklagen." Und "wir müssen uns fragen, was sich auf Dauer legitimieren lässt, ob wir als verantwortliche Weltbürger:innen nicht anfangen sollten und müssten, lokaler zu denken. Ich glaube nicht, dass es keine Tourneen mehr geben wird. Niemand will ins 19. Jahrhundert zurück. Aber Entscheidungen werden bewusster getroffen. Dieses etwas überdrehte der internationalen Reisetätigkeit wird zurückgefahren."

Außerdem: Arnaud Robert porträtiert im VAN-Magazin die malische Sängerin Rokia Traoré, die vor wenigen Wochen in Paris wegen eines Sorgerechtstreits verhaftet wurde und sich danach phasenweise im Hungerstreik befand. Reinhard J. Brembeck erkundigt sich für die SZ bei diversen Orchestern, wie diese sich für die kommenden Monate und mögliche Exit-Strategien wappnen. Frederik Hanssen berichtet im Tagesspiegel von der digitalen Pressekonferenz des Rundfunk-Sinfonieorchesters, das sein Saisonprogram 20/21 vorgestellt hat. Für die NZZ übt sich Thomas Schacher im digitalen Chorsingen. In der Jungle World erinnert Uli Krug an Ton Steine Scherben und spricht dazu ausführlich mit deren Schlagzeuger Wolfgang Seidel. In der VAN-Reihe über Komponistinnen schreibt Arno Lücker über Shulamit Ran.

Besprochen werden neue Alben von Greg Dulli (SZ), Lucinda Williams (FR), Emmanuel Tjeknavorian (Presse), Thomas Dutronc (Presse), KeiyaA (Pitchfork) und Serengeti (Pitchfork).
Archiv: Musik