Efeu - Die Kulturrundschau

Erdolcht, vergiftet, ertrunken, erhängt

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04.11.2019. In seiner Dankesrede für den Büchnerpreis erklärte Lukas Bärfuss: "Die Nazis und ihr Gedankengut sind überhaupt nie weggewesen". Die FAZ findet Bärfuss' Rede so schlicht und wuchtig wie einst Büchners Hessischen Landboten. Die NZZ nennt sie unredlich. In der Zeit rufen Stefan Heidenreich und Magnus Resch die Künstler auf, sich von Kunstmarkt und Exklusivitätskult zu emanzipieren und Kunst für das Publikum zu machen. Im Tagesspiegel verrät die Fotografin Helga Paris, wie sie bei Tante Olga und Mutter Grün die Frühschicht knackte.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.11.2019 finden Sie hier

Literatur

"Sie haben die Freiheit, mir heute eine große, eine sehr große Ehre zuteilwerden zu lassen, und obwohl Sie versichert sein dürfen, wie tief und ehrlich meine Freude darüber ist, muss ich gestehen, dass ein Teil von mir nicht übel Lust hat, mit Ihnen hier zu schimpfen." Mit diesen Worten begann Lukas Bärfuss' Dankesrede zum Büchnerpreis (eine Aufnahme lässt sich beim Dlf nachhören), der dem Schriftsteller am vergangenen Samstagabend in Darmstadt verliehen wurde. Die Geschichte und Permanenz der Gewalt sei das bestimmende Thema seines Werks, erklärte Bärfuss - und das im übrigen durchaus selbstkritisch, berichtet Jan Wiele in der FAZ. Bärfuss "fragte, jetzt ernsthaft, wie er das eigentlich seinen Kindern erklären solle. Die Antwort lag im dritten und längsten Teil der äußerst heterogenen Rede: nämlich im pathetischen. Dieser schnurrt zusammen auf den memorablen Satz: 'Wer den letzten Krieg vergisst, bereitet den nächsten schon vor.' ... Sein Fazit: 'Die Nazis und ihr Gedankengut sind überhaupt nie weggewesen, und jeder Demokrat, der darüber staunt, sollte sich vielleicht fragen, warum er es vergessen hat.'" Die Moral dieses Hauptteils der Rede hatte mitunter die Wucht - man könnte auch sagen: die Schlichtheit - der sozialen Medien. Das ist, wenn man an den Büchner des Hessischen Landboten denkt, ein soziales Medium des neunzehnten Jahrhunderts, nicht verkehrt."

Auch einen verdeckten Seitenhieb auf Handke leistete sich Bärfuss, berichtet Emeli Glaser in der Welt: "'In den Hauptstädten der freien Welt rollte man Mördern den roten Teppich aus, und wie jeder feige Mörder vor ihnen rechtfertigten sie sich mit Notwehr. Nichts Neues, auch nicht, dass sich gerade unter den musisch Begabten die abgefeimtesten Verbrecher fanden.' Seit einem Besuch der Gedenkstätte Auschwitz sei Bärfuss gedanklich bis heute dort geblieben. Bei Morden und Gewalt, die die Schlächter und Mörder mit Sachzwang, Befehlsnotstand, Schicksal entschuldigten."

Der Befund, Deutschland sei nie entnazifiziert worden, weckt in Bärfuss' Eidgenossen Roman Bucheli in der NZZ erheblichen Widerspruch: "Schon an Bärfuss' unredlicher Rhetorik lässt sich erkennen, wie wohlfeil und schief diese ahistorische Verkürzung ist. Als Schweizer weiß er nur zu gut, dass sich manches Land in Europa von Deutschlands Geschichtsbewusstsein ein großes Stück abschneiden könnte. Geradezu fahrlässig aber ist die Behauptung, die heutige gesellschaftliche Radikalisierung sei die Folge einer obskuren historischen Kontinuität seit 1945." Außerdem berichten Judith von Sternburg (FR) und Alexander Menden (SZ) von der Verleihung, bei der auch Daniela Strigl und Thomas Macho mit Preisen ausgezeichnet wurden

Das Abdriften Peter Handkes ins Identitäre geschah schon lange vor dem Mauerfall und den Jugoslawienkriegen, konstatiert Rüdiger Wischenbart in einer memorierenden Handke-Lektüre in seinem Blog: "Die in 'Langsame Heimkehr' ausführlich und emphatisch geschilderte Reise einer Findung markierte nämlich, wenigstens literarisch, den Wandel von Peter Handkes Kritik und Abarbeitung an der 'Sprache' (zum Beispiel 'Hornissen', 'Kaspar') hin zur Suche und dem Aufbau einer neuen Identität. Diese Verwandlung ging bemerkenswert bruchlos vonstatten, weil der Abbruch der alten Ordnung in der Sprachkritik gut aufgenommen werden konnte im neuen Ziel des 'Findens', das seither Handkes Werk ausrichtet."

Handkes Darstellung des Massakers in Srebrenica als Racheaktion nach vorangegangenen Gewalttaten ist falsch, schreibt Adelheid Wölfl im Standard: "Kriminelle, die in Serbien aus dem Gefängnis entlassen worden waren und Freischärler hatten bereits im Frühjahr 1992 begonnen, das Drina-Tal ethnisch zu säubern und Nicht-Serben entweder zu vertreiben oder zu ermorden. Die zahlenmäßig schlimmsten Verbrechen fanden bereits 1992 statt - 1995 waren die Fakten darüber längst bekannt. Laut dem Bosnischen Totenbuch wurden im Drina-Tal 28.135 Menschen getötet, davon waren 80 Prozent Menschen mit 'muslimischen Namen', nämlich 22.472 Personen. Und davon waren wiederum 15.400 Zivilisten, also 68,5 Prozent. Der Genozid in Srebrenica 1995 war der Abschluss der vorangegangenen Verbrechen. Viele Menschen, die ihm zum Opfer fielen, waren zwei, drei Jahre zuvor aus den Dörfern rundherum in die Stadt Srebrenica geflohen, die als Schutzzone fungieren sollte."

Weiteres: Wie aktualisiert man Klassiker? Und soll man das überhaupt? Vielleicht ist in dem Zusammenhang Aktualität nur ein anderes Wort für Konformismus, überlegt der österreichische Schriftsteller Franz Josef Czernin in der NZZ. In den "Actionszenen der Weltliteratur" erinnert Gisela Trahms an Emily Dickinsons Liebe zu Charles Wadsworth. Im Literaturfeature für Dlf Kultur befasst sich Elke Schlinsog mit vier Autoren und deren Perspektive auf den Mauerfall. Und eine neue Ausgabe des CrimeMag ist erschienen - hier alle Beiträge im Überblick. Außerdem präsentieren Dlf Kultur und FAS die besten Krimis des Monats. Weiterhin an der Spitze: Garry Dishers "Hitze" - die Romane, die es auf diese Liste geschafft haben, finden Sie in unserem Online-Buchladen Eichendorff21.

Besprochen werden unter anderem Alex Beers "Unter Wölfen" (Presse), Lee Childs neuer Reacher-Thriller "Blue Moon" (Cargo), Steffen Kopetzkys "Propaganda" (SZ) und neue Krimis, darunter Simone Buchholz' "Hotel Cartagena" (CrimeMag), Harry Binghams "Fiona - Das tiefste Grab" (Zeit) und Hazel Frosts "Last Shot" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Norbert Hummelt über August von Platens "Das Grab im Busento":

"Nächtlich am Busento lispeln, bei Cosenza, dumpfe Lieder,
Aus dem Wasser schallt es Antwort, und in Wirbeln klingt es wider!
..."
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Kunst

Überall ist die Stimme der Betrachter größer geworden, nur nicht in der Kunst. Dort entscheiden weiterhin die großen Sammler und die einflussreichen Kuratoren, was das Volk sehen soll. In der Zeit rufen Stefan Heidenreich und Magnus Resch zum einen die Museen dazu auf, dem Publikum mehr Mitsprachen zu geben. Und: "Der zweite Aufruf geht an die Künstler: Verlasst die Sackgasse des Marktes. Verweigert dem Kult der Exklusivität euren Dienst. Wartet nicht darauf, 'entdeckt' zu werden. Wendet euch den Betrachtern zu. Löst euch von den Formzwängen der Moderne: Wir brauchen keine Werke, die es nur einmal gibt. Vergesst die Aura, diese jämmerliche Marketing-Lüge des Exklusiven. Macht Kopien, ahmt nach, mischt neu, sampelt. All das, was in der Musik längst geht, steht auch Künstlern frei. Nutzt die Freiheiten der Kunst! Sie sind ein Recht, das es zu verteidigen gilt."

Meteln (Christa und Gerhard Wolf), 1977. Foto: Helga Paris

Die Akademie der Künste in Berlin widmet der DDR-Fotografin Helga Paris eine große Retrospektive. Im Interview mit Julia Prosinger im Tagesspiegel spricht sie über Schönheit und Angst und verrät, wie sie diesen direkten Kontak zu den Menschen, den die Dichterin Elke Erb "Wiegenehrlichkeit" nannte: "In den Kneipen hatte ich einen Trick. Ich war hauptsächlich am Nachmittag dort. Mir ging es nicht um Alkohol, um Besoffene. Die Kneipen, 'Tante Olga' in der Linienstraße oder 'Mutter Grün', waren immer voll, es gab ja Frühschicht, Mittagsschicht, Nachtschicht. Ein großes Bier kostete 51 Pfennige, überall war Gemurmel, neue Schuhe wurden begutachtet, Hunde gestreichelt. Erst habe ich den Wirt gefragt, ob ich fotografieren darf, dann habe ich mich an den Stammtisch gesetzt, die Kamera auf den Tisch gelegt und mich unterhalten. Irgendwann sagten die Leute: Na, wollen Sie nicht mal ein Foto machen?"

Weiteres: Die NZZ hat Cees Nootebooms Essays online gestellt, in dem der niederländische Schriftsteller seine Liebe zum Madrider Prado erklärt. In der taz empfiehlt Max Florian Kühlem zwei schöne Ausstellungen zu Josef Albers und der Bedeutung der Farbe in der Malerei im Museum Quadrat und im Bochumer "Museum unter Tage.
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Bühne

Urkomisch und schlagkräftig zugleicht findet Cornelia Fiedler in der SZ, wie die Dramatikerin und Regisseurin Susanne Zaun in Schlosstheater Moers auf Gespensterjagd geht - in ihrem Stück mit dem grandiosen Titel "Die Mutter aller Fragen oder 25 Rollen, die eine Frau niemals spielen sollte": "24 der 25 vorgestellten Frauen aus dem Schauspielkanon, von Elektra über Julia bis zu Lulu, sind am Ende ihrer Stücke tot: erdolcht, vergiftet, ertrunken, erhängt. Warum? Wahlweise aus Liebe oder aus Mangel an Liebe. Allein Medea kommt mit dem Leben davon - sie wird 'nur verflucht und gehasst'."

Besprochen werden Daniela Löffners Bühnenfassung von Brigitte Reimanns großem DDR-Roman "Franziska Linkerhand" am Deutschen Theater adaptiert (die in der FAZ komplett durchfällt, in der Nachtkritik nur halb), Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Ibsens "Nora" am Staatstheater Nürnberg (Nachtkritik), Scarlattis Oratorium "Il Primo Omicidio" bei den Barocktagen der Berliner Staatsoper (Tsp) und die Operngala für die Deutsche Aids-Stiftung in Berlin (Tsp).
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Film

Schmales Portfolio, schmaler Funktionsumfang: Der Auftakt von Apples Streamingdienst ist ziemlich enttäuschend, meint Ingo Pakalski auf golem.de. Gunda Bartels berichtet im Tagesspiegel vom Filmfestival DOK.Leipzig. Welt-Redakteur Hanns-Georg Rodek hält bei den Hofer Filmtagen nach dem deutschen Filmnachwuchs Ausschau. Für den Standard plaudert Dominik Kamalzadeh mit der Schauspielerin Karoline Herfurth. Christina Bylow von der Berliner Zeitung spricht derweil mit der Schauspielerin Corinna Harfouch.

Besprochen werden Céline Sciammas "Porträt einer jungen Frau in Flammen" (Freitag, unsere Kritik hier), Roger Fritz' auf BluRay wiederentdeckter Reißer "Frankfurt Kaiserstraße" von 1981 (CrimeMag) und die neue HBO-Serie "Watchmen", die Alan Moores Comicklassiker aus den 80ern fortsetzt (SpOn).
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Stichwörter: Streamingdienste

Musik

Das in den letzten Jahren etwas staubig gewordene Jazzfest Berlin hat in diesem Jahr "seinen etwas betulichen Ruf abgelegt", freut sich Robert Mießner in der taz. Insbesondere bei Anthony Braxton konnte man demnach viel Freude haben: Der entblößte im Laufe seines Konzerts ein zuvor verdecktes Papier: "'220 p.I.' war da zu lesen, und auf die Zauberformel hin bildeten sich aus dem Orchester einzelne kleine Bands in verschiedensten Besetzungen, um für die nächsten sechs Stunden durch das Gebäude zu ziehen. Klanginseln bildeten sich, Jazz geriet zur Wegelagerei, zur Karawanserei, wo an jeder Ecke ein Geschichtenerzähler wartet." Von "hypnotischer Gegenwart" war laut Tagesspiegel-Kritiker Gregor Dotzauer Eve Rissers Auftritt: "In gewisser Weise spielt sie nicht einmal mehr Klavier, sondern betätigt sich mit Händen und Füßen und Schlegeln als One-Woman-Band, wobei eine Fußmaschine über weite Strecken den Unterleib im eisernen Viervierteltakt als Kickdrum traktiert. 'Après un rêve' (als Album bei Cleanfeed) hat etwas von einem im Licht von Glocken- und Schnarrsounds funkelnden Minimal Techno, der aus einfachen Dreiklangsmotiven ein Patterngeflecht entfaltet." Rissers Auftritt und einige weitere finden sich derzeit im Online-Programm von Arte.

Weiteres: Jazzmeister Herbie Hancock wird nächstes Jahr 80, blickt aber weiterhin neugierig in die Zukunft, wie dem Gespräch zu entnehmen ist, das er der SZ gegegen hat." Michael Zwenzner berichtet in der SZ von den Donaueschinger Musiktagen. Manuel Brug freut sich in der Welt darüber, dass das Leipziger Gewandhausorchester und das Boston Symphony Orchestra gemeinsam von Andris Nelsons geleitet werden. In der FAZ porträtiert Till Schmidt die äthiopischstämmige israelische Rapperin Eden Derso. Besprochen werden  ein Konzert der Jazzmusikerin Rickie Lee Jones (NZZ) und ein Konzert des Philharmonischen Orchesters Nowosibirsk mit Thomas Sanderling (FAZ).
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