Efeu - Die Kulturrundschau

Wenn Bügelbierflaschen im Kanon ploppen

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.10.2019. Die SZ tanzt in Theaster Gates' "Black Chapel" zu den Platten von Jesse Owens und Frankie Knuckles. Außerdem freut sie sich bei den Hofer Filmtagen über "Underground in Oberfranken".  NZZ und Tages-Anzeiger erleben in Zürich, wie Christopher Rüping John Steinbeck modernisiert. Die Welt beerdigt Kanye West. Bei Tagesspiegel und DlfKultur sorgt Peter Handkes Interview mit den Ketzerbriefen weiterhin für Bestürzung. Handke reagiert mit einer Erklärung.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.10.2019 finden Sie hier

Kunst

Theaster Gates: Black Chapel. Ausstellungsansicht. Foto: Jens Weber /Haus der Kunst

Jörg Häntzschel pilgert zur "Black Chapel" des amerikanischen Künstlers Theaster Gates ins Münchner Haus der Kunst, und tatsächlich lässt ihn auf die Knie gehen, wie Gates hier Schwarze Kultur und Geschichte zu einem Club-Erlebnis macht, mit der 1.800 Platten umfassende Musiksammlung des schwarzen Sprinters Jesse Owens: "Gates will seine 'Black Chapel' afroamerikanischer Kultur und Geschichte als Club verstanden wissen. Im Zentrum drehen sich statt Discokugeln zwei eisbergartig geformte Körper mit Spiegelbesatz. Man kann sie auch als Stadt verstehen, hier die Werbekästen, dort alte Neon-Reklame für Soulfood und Bier und hinten ein Museum im Museum: eine Vitrine, in der afrikanische Masken - auf eher sperrigen Ständern - und Ur-Texte der amerikanischen Geschichte zu sehen sind, halb ausgestellt, halb wie Sperrmüll übereinandergeworfen, halb aktualisiert, halb für überholt erklärt. Als das Publikum 'Club' hörte, leuchteten gleich die Augen. Gates ist schließlich auch Besitzer einer anderen Plattensammlung, der des legendären House-Pioniers Frankie Knuckles."

Weiteres: In der Welt preist Hans-Joachim Müller die Van-Gogh-Schau im Frankfurter Städel-Museum als "Musterfall einer Groß-Ausstellung, die unmissverständlich ihr Erkenntnisinteresse signalisiert und nicht bloß einen Anlass sucht, um wieder einmal die begehrten Bilder zu versammeln". Ebenfalls in der Welt empfiehlt Swantje Karich die Stillleben des Niederländers im Museum Barberini in Potsdam, in der Berliner Zeitung freut sich Ingeborg Ruthe, dass in Potsdam auch die "Vase mit Mohnblume", die nach etlichen Zweifeln nun wieder als echter van Gogh anerkannt wird.
Archiv: Kunst

Bühne

Flüchtlinge und Gucci-Kinder: John Steinbecks "Früchte des Zorns" am Zürcher Schauspielhaus. Foto: Zoe Aubry.

So reich und gestrig wie Christopher Rüping glaubt, ist Zürich gar nicht, ruft NZZ-Kritikerin Daniele Muscionico dem Regisseur zu, der sich in seiner Adaption von John Steinbecks Migrationsoman "Früchte des Zorn" an den Reichen und Superreichen abarbeite. Trotzdem findet Muscionico es ziemlich klug, wie Rüping das Schicksal der Familie Joad, die von Oklahoma auf den Treck nach Kalifornien macht, auf die Bühne bringt: "Er lässt die Geschichte der Migrantenfamilie als Story einer 'Gucci-Gang' vom Stapel, einer zynisch-arroganten, menschenverachtenden Fünferbande von Edelrappern, Europopperinnen und rührseligen Sozialromantikern in Nikes. Die Kostümbildnerin Lene Schwind staffiert sie aus als Fashion-Victims. Zu Beginn und nach der Pause stehen die Spielmacher als personifiziertes Schicksal an der Rampe, verbreiten aufsässig gute Laune und holen uns mit ins Boot. Denn es ist ihre Show: Sie blasen für die Joads das Versprechen Kalifornien in Magic Mushrooms aus goldenen Wärmedecken auf, sie entscheiden über Leben oder Tod der Familienmitglieder, selbst über Todesarten. Rüpings 'Früchte des Zorns' ist eine Anleitung, wie man aus harten News - hier Flüchtlingsschicksalen - das Stroh des soften Infotainments drischt."

Hochkomplex und hochverdichtet" findet Nachtkritikerin Valeria Heintges den Abend: "Wer sich einlässt auf dieses wilde, wahnwitzige Theater, sieht eine intelligente Steinbeck-Modernisierung." Etwas unentschieden resümiert Alexandra Kedves im Tages-Anzeiger die Produktion: "Im Lauf des Abends schälen sich aus dem pfirsichglatten Erzähltheater mit dem angesagten moralischen Anspruch bei bewusster politischer Diskretion, mit den dezidiert oberflächlichen Entertainment-Elementen und den doch eher subkutanen Dringlichkeits-Momenten, vorsichtig eine ernsthafte Figurenliebe und ein wachsender Ensemblegeist heraus. "

Besprochen werden Joe Hill-Gibbons' "Sommergäste" und Thom Luz' Abend "Olympiapark in the Dark" am Münchner Residenztheater (SZ, FAZ, Nachtkritik), Christopher Rüpings Bühnenfassung von John Steinbecks Migrationsroman "Früchte des Zorns" (NZZ), Mussorskijs Oper "Boris Godunow" am Staatstheater Mainz (FR), Vivaldis barocke Zauberoper "La fida ninfa" am Theater Regensburg (FAZ), Doris Uhlichs Choreografie "Habitat" im Wiener Tanzquartier (Standard), das Regiedebüt des syrischen Regisseurs "Happy Nightmare" auf Kampnagel (über dessen nachlässige Übertitelung sich taz-Kritikerin sich sehr ärgern musste: "Der Abend wirkt wie im Stich gelassen), Marta Górneckas feministischer Abend unter der KZ-Parole "Jedem das Seine" am Maxim-Gorki-Theater (taz) und das Festival "Theater der Dinge" in der Berliner Schaubude (Tsp).
Archiv: Bühne

Film

Max Riemelt in Savaş Ceviz' "Kopfplatzen" (Kurhaus Production)

"Hof ist, wenn Bügelbierflaschen im Kanon ploppen, sobald im Kinosaal das Licht erlischt", schreibt Bernhard Blöchl in der SZ über das traditionell dem Jungen Deutschen Film gewidmete Festival, bei dem es "Underground in Oberfranken" zu sehen gibt. Sven O. Hills Genre-Mix "Coup" bietet dabei als "sympathische Gaunerkomödie", intensiver und eindringlicher ist Savaş Ceviz' Drama "Kopfplatzen", in dem Max Riemelt einen pädophilen Mann spielt: "Ceviz sucht die Innenschau, er wertet nicht, er will verstehen. Er ist nah an seinem Protagonisten, dem jungen Architekten Markus, der Geld hat und gut aussieht. Und der Kinder erregend findet. ... Er hasst sich dafür, er will das nicht. Aber er beobachtet sie, verfolgt sie, seine Gedanken kreisen, sein Kopf droht zu platzen. Es kommt zu keinem Übergriff in Ceviz' Film, und zu sehen, wie dieser Mann bei einem Arzt abblitzt, den er um Hilfe bittet, bevor er sich von einem Therapeuten sagen lassen muss, dass es keine Heilung für ihn gebe, erzeugt Ambivalenz und Mitgefühl. "

Weiteres: In der vierten Lieferung seines Schnipsel-Blogs für den Filmdienst schreibt Matthias Dell über obsolete Vorführpraktiken im Kino, die nach der vollzogenen Digitalisierung des Aufführbetriebs zu verschwinden drohen, von einigen Festivals aber historisch gepflegt werden. Michael Wenk erinnert in der NZZ an den Regisseur und Schauspieler Bernhard Wicki, der vor 100 Jahren auf die Welt gekommen ist.

Besprochen werden Mark Jenkins "Bait" (Freitag, unsere Kritik hier) und neue Heimmedienveröffentlichungen, darunter eine DVD von Hans-Christoph Blumenbergs Videotheken-Drama "Tausend Augen" aus den 80ern (SZ).
Anzeige
Archiv: Film

Literatur

Peter Handke hat auf Alida Bremers Essay im Perlentaucher reagiert, für den die Schriftstellerin aus einer obskuren Postille ein relativ spätes Interview mit dem Autor ausgegraben hat, in dem er sich zum Serbienkonflikt keineswegs so einsichtig geäußert hatte, wie ihn manche Apologeten in den Feuilletons jüngst dargestellt haben. "Ich habe das Gespräch nicht gegengelesen und auch nicht autorisiert", zitierte die SZ Handke bereits am Freitagabend. "Ich kann mir auch nicht vorstellen, diese Sätze in dieser Form so gesagt zu haben. Für mich gilt das, was ich schriftlich festhalte. Dem habe ich nichts und dem wollte ich nichts hinzufügen. 2006 habe ich geschrieben: 'Es handelt sich bei Srebrenica um das schlimmste Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das in Europa nach dem Krieg begangen wurde.' Ich möchte hinzufügen: selbstverständlich ist durch den Genozid unendliches Leid entstanden, welches ich nie bestritten habe. Ein Leid, das durch nichts auszulöschen ist. Ich bedaure meine Äußerungen, sollten sie etwas anderes vermittelt haben.'" Dlf Kultur hat mit Alida Bremer gesprochen.

Gerrit Bartels bleibt im Tagesspiegel dennoch skeptisch, schließlich stünden Handkes Jugoslawien-Schriften "allesamt für sich. Sie sind manipulativ und demagogisch, da folgt noch auf jede Behauptung, nichts relativieren oder abschwächen zu wollen, ein 'aber' oder ein 'trotzdem'. Und so passt auch der 2011er-Nachtrag ins Handke-Jugoslawien-Bild. Wie es jetzt weitergeht? Die Schwedische Akademie habe von dem Interview in den 'Ketzerbriefen' nichts gewusst, heißt es jetzt aus Stockholm, sie werde es 'prüfen'."

Gina Thomas hat für die FAZ John le Carrés neuen Thriller "Federball" gelesen, in dem "der 'blanke Irrsinn' des Brexits als Folie für seine beklemmend eindringliche Erkundung gebrochener Seelenlandschaften" dient. In der SZ spricht Nick Drnaso über seinen Comic "Sabrina", dem ersten, der für den Booker-Prize nominiert war. Caroline Fetscher schreibt im Tagesspiegel über das Schaffen des ungarischen Feuilletonisten Emil Szittya. In den online nachgereichten "Actionszenen der Weltliteratur" erinnert Elmar Krekeler an Kleists Würzburgreise im Jahr 1800. Im Feature von Dlf Kultur wirft Beate Ziegs einen Blick in die Wolken der Literatur.

Besprochen werden Ilma Rakusas "Mein Alphabet" (Zeit), Joris-Karl Huysmans' "Unterwegs" (online nachgereicht von der FAZ), Enno Stahls "Sanierungsgebiete" (Freitag), Sascha Hommers Comic "Spinnenwald" (Tagesspiegel), Emma Braslavskys "Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten" (Tagesspiegel), Philipp Tinglers "Rate, wer zum Essen bleibt" (Tagesspiegel), András Forgáchs von Terézia Mora übersetztes Buch "Akte geschlossen. Meine Mutter, die Spionin" (SZ), der neue Asterix-Band "Die Tochter des Vercingetorix" (taz) und neue Kinder- und Jugendbücher, darunter Susan Krellers "Elektrische Fische" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Hubert Spiegel über Peter Rühmkorfs "Von mir - zu euch - für uns":

"Auf-auf, meine bettlägerigen Gespenster,
meine abgestandene Windhose!
..."
Archiv: Literatur

Musik

Dass Kanye West, der immer für irrsinnige Schlagzeilen gut ist (aktuell verspricht er, 2024 US-Präsident zu werden), mit seinem neuen Album "Jesus is King" mittlerweile bei Gott gelandet ist (unser erstes Resümee), führt in der Popkritik auch nur noch zu Achselzucken: Der Irrsinn um den Rapper "korrespondiert nicht mehr mit der Genialität der Musik", schreibt Thore Barfuss in der Welt: "Umso abgedrehter er über die letzten Jahre wurde, umso irrelevanter wurde auch dessen Musik." Früher verschoben seine Alben "die Grenzen dessen, was klanglich und kompositorisch im Mainstream-Pop möglich ist, viel weiter ins Eklektisch-avantgardistische, als das je denkbar schien", hält Jens-Christian Rabe in der SZ fest - mehr als "erstaunlich schlappen Neo-Gospel" biete das neue West-Album allerdings nun nicht: "Die religiöse Erleuchtung bleibt eine verflixt unzuverlässige Muse." Das Album ist zwar eigentlich sogar ganz nett, meint Gerrit Bartels im Tagesspiegel. Dem Vergleich mit früheren Alben halte es aber dennoch nicht stand.

Die Literarische Welt hat Peter Praschls melancholischen Liebesbrief an die KiWi-Musikbibliothek online nachgereicht. In der Buchreihe schreiben Autoren über ihre musikalischen Leidenschaften: Zwar sind es "gängige Arten, über die Liebe zu reden", doch "in Zeiten, in denen das Grundverhältnis zur Welt das Mäkeln ist, mag man Texte, die etwas mögen. Während man sie liest, wird man selbst wieder jung, schließlich hat man das ja auch mal erlebt, und erst fällt einem gar nicht auf, dass das in Wahrheit alles Nachrufe sind. Musik ist jetzt ein Buch, ein Fazit, eine autofiktionale Erzählung, Welt-, Selbst- und Lebensauslegung. Nicht mehr der Stromstoß, der sie mal war, das Zittern unter den Füßen."

Weiteres: In der WamS plaudert Martin Scholz mit Paul McCartney unter anderem über fliegende Kühe in den Alpen und die Pläne für einen Dokumentarfilm über die letzten Jahre der Beatles. Im Tagesspiegel spricht Frederik Hanssen mit Christine Anderson, die seit 11 Jahren die Debüt-Konzertreihe im Dlf Kultur leitet. Für die Berliner Zeitung hat sich Markus Schneider mit der Popmusikerin Alice Merton getroffen. In der NZZ freut sich Florian Bissig auf ein Konzert des Jazzsaxofonisten Charles Lloyd in Zürich. Wolfgang Sandner berichtet in der FAZ vom Jazzfestival in Frankfurt. Hr2 Kultur hat dessen Eröffnungskonzert online gestellt:



Besprochen werden PJ Harveys auf der Viennale gezeigter Musik-Dokumentarfilm "A Dog Called Money" (Presse), Debbie Harrys Autobiografie (Standard) und Sarah Connors Auftritt in der Berliner Mehrzweckhalle am Ostbahnhof ("eine exemplarische Popkünstlerin dieser Tage", meint Jens Balzer auf ZeitOnline).

In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Jan Wiele über Megan McCormicks "The Real Me":

Archiv: Musik
Stichwörter: West, Kanye, Rap, Hiphop, Harvey, Pj