Efeu - Die Kulturrundschau

Ihr Stilideal ist das der Engel

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17.10.2019. In der Zeit macht Slavoj Zizek an Peter Handke die Interpassivität der westlichen Linken fest: Authentisch sein durch andere. Handke ist moralisch gesehen ein Würschtl, meint die Schriftstellerin Angela Lehner im Tagesspiegel, aber wir sind keinen Deut besser. Die Welt stöhnt über den Selbstbeweihräucherungsmodus, in dem die Buchmesse startete. Die Filmkritiker lernen mit Maryam Zarees "Born in Evin", wie sich die frühe islamische Republik des Iran ihrer Kritiker entledigte. In der nachtkritik stellt Tobias Rausch eine Basilikumpflanze auf die Bühne.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.10.2019 finden Sie hier

Literatur

"Die Stimmung hat sich nun eindeutig gegen Peter Handke gewendet", fasst Thomas Steinfeld in der SZ die Debatte um den Literaturnobelpreisträger und dessen Engagement für Serbien im Balkankonflikt zusammen. Allerdings sei der Ton mitunter arg schrill geraten, findet er: "Das Meinen zu Peter Handke scheint sich immer weiter von Textkenntnis zu entfernen, was sowohl für seine literarischen Werke (etwa 200 Titel) wie für die Sekundärliteratur gilt." Für den Freitag hat Mladen Gladic deswegen extra nochmal nachgeblättert, was Handke eigentlich geschrieben hat, und kommt zu dem Schluss: "Dass Handke die Möglichkeit der Massaker geleugnet hätte, wie Stanišić meint, ist von einer Lektüre des Textes aber nicht gedeckt. Mehr Zögern, ein Lesen und Nachlesen wären gut gewesen. Und ein solches Zögern, ein genaues Lesen dessen, was in diesen Texten gesagt und nicht gesagt wird, würde auch der Debatte, die jetzt wieder um Handkes Reiseberichte aus der Zeit der Jugoslawienkriege ausgebrochen ist, mehr als gut tun."

In der Zeit verteidigt Eva Menasse den Literaturnobelpreis für Peter Handke: "Wir haben es nicht mit einem in der Wolle gewirkten Nationalisten, Mörderversteher und Faktenverdreher zu tun, der auch noch mit einem Preis belohnt worden ist, sondern mit einem zum 'Tatzeitpunkt' 1996 berühmten Literaten auf politischen Abwegen. Dieser Unterschied ist bedeutsam. Die Literaturgeschichte ist voll von solchen."

Slavoj Zizek sieht das - ebenfalls in der Zeit - ganz anders. Und er hat eine interessante Erklärung für Handkes Serbien-Sympathien: "Der Nobelpreis für Handke ist ein weiteres Zeichen für das, was Robert Pfaller die 'Interpassivität' der westlichen Linken nennt: Sie wollen gerne authentisch sein, aber durch einen anderen, der das authentische Leben an ihrer Stelle lebt. Handke hat lange Jahre interpassiv sein authentisches Leben gelebt, frei von der Korruption des westlichen Konsumkapitalismus, und zwar durch Slowenen, seine Mutter war Slowenin. Für ihn war Slowenien ein Land, in dem die Worte noch direkt in Verbindung standen mit den Dingen. In den Läden hieß Milch einfach 'Milch', keine kommerzialisierten Markennamen störten das Bild. Die slowenische Unabhängigkeit und die Bereitschaft des Landes, der Europäischen Union beizutreten, haben in ihm dann eine gewalttätige Aggression entfacht: Er hat die Slowenen nur noch als Sklaven des österreichischen und deutschen Kapitals betrachtet, die ihr Erbe an den Westen verscherbeln. Und all das, weil seine Interpassivität gestört wurde, weil Slowenen sich nicht mehr so verhalten haben, dass er sich durch sie authentisch geben konnte. Kein Wunder also, dass Handke sich Serbien zugewandt hat, als letzter Bastion des Authentischen in Europa."

"Freilich ist der Handke moralisch gesehen ein Würschtl", kommentiert die Schriftstellerin Angela Lehner im Tagesspiegel. Nicht der Schriftsteller ist für sie aber der Skandal, sondern die Entscheidung der Schwedischen Akademie, mehr noch aber das Versagen der Zivilgesellschaft aktuell im Blick auf die Kurden: "Gerne jammern wir über die Verbrechen unserer Großeltern-Generation. Aber was sind wir denn im Jahre 2019 selbst für eine völkerrechtliche Gemeinschaft an Würschtln, dass wir uns lieber einer kulturellen Bauchnabelschau widmen als politisch brennenden Themen. Aber wir machen das ja, schreien wir jetzt auf! Wir sind doch ein kritisches Kollektiv! Wir echauffieren uns auf Social Media, wir gehen protestieren."

Außerdem: Nachdem Peter Handke ein Interview in seinem Heimatort Griffen abgebrochen hat, stellt Ronald Pohl für den Standard die schönsten Wutausbrüche des Nobelpreisträgers zusammen.

Iris Radisch schließlich würdigt die polnische Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk, die in der Handke-Debatte ärgerlicherweise etwas unterzugehen droht, aber hoffentlich von einem größeren Publikum in Deutschland entdeckt wird: "In keinem der Bücher von Olga Tokarczuk gibt es eine wiedererkennbare Autorenstimme, und es gibt keinen Kommentarstil, der den beschriebenen Weltwinkel einfärbte, verschönerte, dramatisierte, ironisierte oder sonst wie manipulierte. Ihr Stilideal ist das der Engel, der Sterbenden oder der vormodernen Skribenten, die sich 'ohne Reflexion, ohne Urteil, ohne Gefühl' an die Niederschrift des zu Berichtenden machen - eine 'neutrale Schreibweise', eine écriture blanche, wie sie auch den Pariser Autoren des Nouveau Roman und ihrem Chefinterpreten Roland Barthes vorschwebte."

Für die SZ wirft Florian Hassel einen Blick ins benachbarte Polen, wo in Branche und Öffentlichkeit ordentlich die Sektkorken knallen. Und: Finanzminister Jerzy Kwieciński hat nun bekundet, ein Gesetz auf den Weg zu bringen, dass Tokarczuks Preisgeld steuerfrei machen würde: "Eine solche Entscheidung durch einen Minister der nationalpopulistischen Regierung wäre besonders apart. Schließlich haben Anhänger der Regierungspartei die für Demokratie und Umweltschutz, ethnische Minderheiten und Schwule und Lesben auftretende Tokarczuk in der Vergangenheit gern als 'Anti-Polin' oder Verräterin diffamiert und gar ihre Ausweisung gefordert."

Vom Auftakt der Frankfurter Buchmesse berichten Jens Uthoff (taz), Felix Stephan (SZ) und Gerrit Bartels (Tagesspiegel), der, gemessen an den hitzigen Debatten der letzten Tage, "ein einziges Fest der Freude und der Harmonie und der Zuversicht" erlebte. Richard Kämmerlings von der Welt beobachtet eine verunsicherte Branche im Selbstbeweihräucherungsmodus. Neben den warmen Worten und Ansprachen gab es auch Eindringlicheres zu berichten, schreibt Elena Witzeck auf FAZ.net: Die Schriftstellerinnen Chuah Guat Eng (Malaysia) und Hon Lai-Chu (Hongkong) sowie der Schriftsteller Ho Anh Thai (Vietnam) sind aus ihrer Heimat zu einem Podiumsgespräch angereist: "Sie schreiben über das Unrecht, das in ihren Ländern an der Tagesordnung ist, über politische Willkür und Diskriminierung." Hon Lai-Chu etwa berichtet, "wie sehr die Regenschirmbewegung die Identität der Stadtbewohner verändert hat. Sie schreibt Gedichte über ihre beunruhigenden Beobachtungen dieser Tage: die Polizeipräsenz, den Verlust der Privatsphäre, die steigende Zahl der bei den Protesten Verletzten, die Berichte von Missbrauch und Gewalt in Gefängnissen. 'Ich erkenne meine Heimat kaum wieder', sagt Lai-Chu, und dass sie sich manchmal schuldig fühle, weil sie 'nur' schreibe."

Weiteres: Der Autor Malte Herwig erklärt in der NZZ, warum er seit Jahren im großen Stil die Bücher in seinem Privatbesetz einscannt und sich der Originale entledigt. Auf ZeitOnline fragt sich Johannes Franzen, wie man Bücher über persönliche Erfahrungen rezensieren kann.

Besprochen werden unter anderem Olga Tokarczuks Epos "Die Jakobsbücher" (Tagesspiegel), Eugen Ruges "Metropol" (online nachgereicht von der FAZ), Per Pettersons "Männer in meiner Lage" (online nachgereicht von der FAZ), Johan Schloemanns "I have a dream. Die Kunst der freien Rede. Von Cicero bis Barack Obama" (NZZ), Johannes Willms' Biografie über Charles de Gaulle (NZZ) und ein postumer Gedichtband von Christine Nöstlinger (FAZ).
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Kunst

Kein Kanon mehr, keine Ismen und schon gar keine Stiletiketten mehr - in der SZ feiert Catrin Lorch die neue Freiheit der Kunst. Sebastian Moll (SZ) begutachtet in New York das renovierte Moma, das seine Kunst jetzt thematisch präsentiert und die Abteilungen für Dada, Pop Art oder Impressionismus aufgegeben hat: "Selbst in den Beschreibungen werden solche vermeintlich akademischen Begriffe mit einer Sorgsamkeit umschifft, die ans Lächerliche grenzt. Man stellt sich ganz auf das Laienpublikum ein, das mittlerweile das Gros der MoMA-Besucher ausmacht." Auch Hanno Rauterberg (Zeit) ist nur halb überzeugt von der neuen Hängung: "Natürlich, der Aufbruch im MoMA ist überfällig, es steht nun offen für unerwartete Quer- und Seitenblicke, für ungeahnte Wahlverwandtschaften, für eine Neudeutung der Kunst zwischen Metropolis und Warhols Suppenbüchsen. Allerdings mündet die Abkehr vom autoritären Denken, auch das zeigt sich im MoMA, allzu leicht in Unverbindlichkeit, weil es niemand mehr wagt, harte Unterschiede zu benennen. Alles soll sich mit allem arrangieren." Im Standard stellt Stephan Hilpold die norwegische Konzeptkünstlerin Marianne Heske vor, die derzeit mit "Wittgensteins Boot" in Frankfurt zu sehen ist. In der FAZ berichtet Andreas Kilb über eine Tagung zu den Anfängen der Documenta.

Besprochen wird die Ausstellung "Gold und Ruhm - Geschenke für die Ewigkeit" im Kunstmuseum Basel (FAZ).
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Stichwörter: Kunstmuseum Basel

Film

Persönlicher Aufbruch: Maryam Zarree in ihrem Essayfilm "Born in Evin"

Maryam Zarees
"Born in Evin" wurde auf der Berlinale von der Kritik als im Festivalprogramm verstecktes Highlight gefeiert, jetzt kommt der autobiografische Essayfilm in die Kinos. Zaree umkreist darin die Umstände ihrer Geburt und frühen Kindheit im iranischen Foltergefängnis Evin. FR-Kritiker Daniel Kothenschulte erinnert das im besten Sinne an Chantal Akermans "Jeanne Dielman" von 1975: " Auch wenn Zaree einen ganz anderen Weg geht, dem Schweigen nicht mit der Metaphorik eines Spielfilms, sondern mit dokumentarischen Fragen zu Leibe rückt, zeugt er von einem ähnlichen persönlichen Aufbruch. ... Auf der Suche nach weiteren Gefängniskindern und Evin-Überlebenden sammelt sie Bausteine zu einem Gebäude des Vergessens. Auf Kongressen von Exil-Iranern kann sie wenige, blitzlichthafte Eindrücke sammeln, Folter- und Todesbilder. Dann ist da aber auch das irreal-tröstliche Szenario von 60 Frauen in einer Gefängniszelle, die das neugeborene Baby mit Liebe überschütten." Susan Vahabzadeh unterstreicht in der SZ, dass man in diesem Film "eine ganze Menge über die Achtzigerjahre in Iran lernt, darüber, wie sich die frühe islamische Republik ihrer Kritiker entledigte; aber das, was Maryam Zaree über sich selbst lernt, wäre in jedem anderen historischen Kontext wohl gleich. ... Schrecken, Angst und Unterdrückung hinterlassen in der Generation der Kinder auch dann noch Spuren, wenn man mit ihnen nicht darüber redet."

Ziemlich harsch bespricht Sarah Pines in der NZZ Ursula Macfarlanes Dokumentarfilm "The Untouchable - The Rise and Fall of Harvey Weinstein": "Auch wer sexuelle Straftaten keineswegs verharmlosen und auch Machtmissbrauch nicht verherrlichen will, kann den Film einseitig bis an die Grenzen der Unerträglichkeit finden: Weinstein, ohne Zweifel ein unausstehlicher Lüstling, ist der Vergewaltigung schuldig, noch bevor die filmische Gerichtsverhandlung überhaupt begonnen hat. ... Die allseitige Empörung angesichts der Konstellation alternder Mann mit Macht und jüngerer Frau mit Karrierewillen zumindest im Showbusiness unangemessen, wenn nicht scheinheilig. Es geht meist nicht um die Ausbeutung Schutzbefohlener, sondern um die zwei gierigen Seiten derselben Medaille."

Ziemlich stählern fand Standard-Kritiker Bert Rebhandl Philipp Stölzls Filmadaption des Udo-Jürgens-Musicals "Ich war noch niemals in New York": Der Film "ist eine Grenzerfahrung. Von Fred Astaire und Gingers Rogers oder was man sich sonst so traditionell unter Filmmusical vorstellen mag, ist das ungefähr so weit entfernt wie Peter Alexander von Frank Sinatra. ... Wenn man relativ unvorbereitet auf ihn trifft, wenn man 'Illusionen' irrtümlich unter Mireille Mathieu abgespeichert hatte, wenn man Kreuzfahrtgigolos für eine Fantasiegattung hält, dann kann 'Ich war noch niemals in New York' zu einer leicht außerirdischen Erfahrung werden." Weitere Besprechungen im Tagesspiegel und in der Berliner Zeitung.

Besprochen werden Bong Joon-Hos Cannes-Gewinner "Parasite" (taz, FR, mehr dazu hier), die DVD von Neil Jordans "Greta" mit Isabelle Huppert (taz), der Fantasyfilm "Maleficent 2" mit Angelina Jolie (Standard, Tagesspiegel) sowie die Serien "Euphoria" ("ergreifend und unverbraucht", jubelt Oliver Jungen in der FAZ) und "The Politican" (Freitag).
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Archiv: Film

Bühne

In der nachtkritik macht sich Theatermacher Tobias Rausch ausgiebige Gedanken darüber, wie man Natur auf die Bühne bringen und das Publikum ansprechen lassen kann. "Zum Auftakt des Projekts haben wir im Schauspielhaus eine Lecture Performance gestaltet. Wir hatten eine Basilikumpflanze, mit der wir allerhand Experimente durchgeführt haben, etwa überprüft, ob es stimmt, dass Pflanzen tatsächlich besser bei klassischer Musik als bei Heavy Metal wachsen, oder in einem Crashtest getestet, ob Darwin recht hatte mit seiner These vom 'survival of the fittest'. Die Philosophin Angela Kallhoff brachte in Talk-Elementen Aspekte der Pflanzenethik ein. In der letzten Szene schließlich haben wir die Basilikumpflanze in einer Mikrowelle zu den Klängen von Brahms' 'Deutschem Requiem' binnen Sekunden verdorren lassen. Die Resonanz des Publikums auf dieses letzte Experiment hat uns verblüfft. Zahlreiche Zuschauer*innen kamen anschließend zu uns und ließen uns wissen, dass sie es nicht in Ordnung fanden, was wir zum Schluss mit der Basilikumpflanze angestellt hätten. Sie waren tatsächlich emotional erregt, empört und betroffen." Weia!

Besprochen werden Nicoleta Esinencus Performance ."Abolirea familiei / Die Abschaffung der Familie" im Berliner HAU3 (taz), Milhauds Oper "Christophe Colomb" am Theater Lübeck (nmz), die Uraufführung von Hans Abrahamsens Oper "Schneekönigin" in Kopenhagen (FAZ) und ein Frankfurter Gastspiel des Sami-Theaters mit "Johan Turi" (FAZ).
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Stichwörter: Rausch, Tobias

Musik

Im Freitag berichtet Katrin Haase von den Leipziger Jazztagen. Besprochen werden das zweite neue Album von Big Thief in diesem Jahr (Tagesspiegel) und das neue Album "There Existed an Addiction to Blood" der Hiphop-Band Clipping ("eine Verrätselungsmaschine", meint Max Dax in der SZ). Ein Video:

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Stichwörter: Hiphop