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Efeu - Die Kulturrundschau

Welche Abwehrstrategien sind akut?

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.10.2019. Netlix hat das Lösegeld für einen König bezahlt, kommentiert Variety Martin Scorseses erste Produktion für den Streamingdienst, das Mafia-Epos "The Irishman". Milo Rau erkundet mit dem Aktivisten Yvan Sagnet in Matera die moderne Sklaverei unter dem biopolitischen Diktat der Mafia. In der Nachtkritik fordert Silvia Stolz eine größere Teilhabe der Provinz am Theater. Die SZ versucht in Nürnberg herauszufinden, mit welcher Zauberkraft die Dirigentin Joana Mallwitz den Klang aus dem  Orchester herauszieht. Die FR verehrt ungebrochen Rembrandts Mut zu Melancholie und Hässlichkeit. Und: Jessye Norman ist tot.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.10.2019 finden Sie hier

Film

Teure Verjüngungskur: Martin Scorseses "The Irishman" (Netflix)

In New York hat Martin Scorseses neues Mafia-Epos "The Irishman" Premiere gefeiert. Und schon die Eckdaten sind imposant: Dreieinhalb Stunden Laufzeit, 160 Millionen Dollar Budget, ein New-Hollywood-Traumcast mit Joe Pesci, Harvey Keitel, Al Pacino und Robert de Niro, sowie avancierte Tricktechnik, die die alten Herren nochmal in aller Frische zeigt. Und die Kritiken überschlagen sich: "ein majestätisches Mafia-Epos" sah Owen Gleiberman von Variety. Richard Brody vom New Yorker sieht eine Parabel auf die Gegenwart: "Scorsese stellt die Aushöhlung des bürgerlichen Lebens durch die unauslöschlische Wurzel des Gangsterums dar (...) und legt nahe, dass Skandale von welthistorischem Ausmaß und legitimierte Verkommenheiten mit solchen kalten Monstern an den Schaltstellen der Macht keinen überraschen sollten." Auch Standard-Kritiker Karl Gedlicka sah "ein Panorama aus Gewalt, Loyalität, Verrat und Vergessen: Mordgeschichten, in denen sich die Geschichte der USA widerspiegelt."

Nur: Im Kino wird der Film nur für ein äußerst knappes Zeitfenster laufen (in Deutschland ab dem 14. November), bis Produzent Netflix ihn dann am 27. November online stellen wird. Das ist auch ein Knackpunkt für Variety-Kolumnist Owen Gleiberman: Für den Streamingdienst ist "The Irishman" kein "Tentpole-Film", also nicht die Spitzenproduktion des Jahres, sondern lediglich eine teure Werbeanzeige - und als solche als Film eigentlich viel zu gut, moniert er. "Nunmehr seit Monaten spricht Scorsese sich in einem Interview nach dem nächsten für Netflix aus - kein anderes Studio hätte 'The Irishman' produziert. So klingt Netflix wie der Retter des Kinos. 'Wir drehen Filme, die kein anderer dreht.' Und doch verfügt 'The Irishman' über ein anomales Budget. Der Grund dafür, dass kein konventionelles Studio den Film gedreht hätte, hat nichts damit zu tun, dass kein Studio Scorseses große Vision auf die Leinwand bringen wollen würde. Sondern die kühne, neue Technologie, die es für den Entalterungsprozess braucht, ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt einfach unglaublich teuer. 'The Irishman' sieht nicht per se aus wie ein Film, der 160 Millionen Dollar verschlingen würde. Und in den kommenden Jahren würde er das auch nicht mehr. Netflix hat das Lösegeld für einen König hingelegt, um seine Anzeige, sein Abonnenten-Lockmittel und sein Rekrutierungsposter für Regisseure zu schalten. In gewisser Hinsicht lautet Netflix' Nachricht: Wenn wir Scorsese kriegen können, wen könnten wir dann nicht kriegen?"

Weiteres: Romy Straßenburg hat für den Freitag François Ozon für ein Gespräch über sein Missbrauchs-Kirchendrama "Gelobt sei Gott" (unsere Kritik) getroffen. In der taz empfiehlt Peter Nau eine Reihe im Berliner Kino Arsenal mit Filmen von Wolfgang Höpfner und Peter Goedel.

Besprochen werden John Crowleys Verfilmung von Donna Tartts Bestseller "Der Distelfink" (taz), Hans Pools beim Zurich Film Festival gezeigter Dokumentarfilm über das Recherchenetzwerk Bellingcat (NZZ), das Finale der Amazon-Serie "Transparent" (Presse) und Ralph Fiennes' Biopic "The White Crow" über den Tänzer Rudolf Nurejew (SZ).
Archiv: Film

Musik

Eine traurige Nachricht: Die große Opernsängerin Jessye Norman ist gestorben, wie diverse Agenturen in der Nacht meldeten. In einem ersten Nachruf beschwört die New York Times noch einmal die volle, schimmernde Stimme der "majestätischen Sopranistin": "In a review of a 1992 recital, Edward Rothstein of The New York Times likened her voice to a 'grand mansion of sound.' 'It defines an extraordinary space,' he wrote. 'It has enormous dimensions, reaching backward and upward. It opens onto unexpected vistas. It contains sunlit rooms, narrow passageways, cavernous halls. Ms. Norman is the regal mistress of this domain, with a physical presence suited to her vocal expanse.' As an African-American, she credited other great black singers with paving the way for her, naming Marian Anderson, Dorothy Maynor and Leontyne Price, among others, in a 1983 interview with The Times. 'They have made it possible for me to say, I will sing French opera,' she said 'or, I will sing German opera, instead of being told, You will sing Porgy and Bess.'" Hier singt sie Mahlers Rückert-Lied "Ich bin der Welt abhanden gekommen":



In der SZ verbeugt sich Reinhard J. Brembeck tief vor Joana Mallwitz, die gerade am Staatstheater Nürnberg, dem die Mitte-Dreißigjährige als Generalmusikdirektorin vorsteht, Verdis "Don Carlos" dirigiert hat. Ein glänzender Abend: Mallwitz führt die Truppe "als inspirierende Kraft. Diese Frau tanzt in fließenden Bewegungen Verdi. Nie musiziert sie rigide oder kraftmeierisch, nie forciert sie oder überlädt den Klang mit Ausdruck und Gefühlen. Immer ist sie genau, lotet die Gefühle bis auf den Grund aus. Sie zieht den Klang mit Zauberhänden aus dem Orchester heraus, dämpft, ummantelt, mildert, verklärt. ... Verspieltes und Tändeleien sind Mallwitz genauso wichtig und lieb wie Verzweiflungen, Selbstbetrug, Abstürze. Diese Partitur ist voller scharf kontrastierender Puzzleteile, die Mallwitz fein säuberlich zu seinem großen Ganzen zusammensetzt, zu einer Schlachtschüssel aus Verrat, Mord, Brutalität und Sinnlosigkeit." Begeistert von Mallwitz ist auch NMZ-Kritiker Juan Martin Koch. Auf BR Klassik spricht Peter Jungblut hingegen von "Getöse".

Thomas Steinfeld gratuliert in der SZ dem Edel-Label ECM Records zum 50-jährigen Bestehen - 50 Jahre, in denen das Münchner Label die internationale Jazz- und Kammermusikgeschichte maßgeblich geprägt hat. Steinfeld stellt grundsätzliche Fragen: "Es scheint, vor allem in Deutschland, kein angemessenes Bewusstsein dafür zu geben, was ECM eigentlich ist und was Manfred Eicher für die Geschichte der Musik im jüngsten halben Jahrhundert bedeutet, und zwar icht nur im eigenen Land, sondern auf der ganzen Welt. Unter den deutschen Kulturunternehmern findet man nur wenige, die ein solches Werk schufen: den Verleger Siegfried Unseld vielleicht. ... Doch während es im Fall Suhrkamp nicht nur ein umfangreiches, mit staatlichen Mitteln erworbenes und betriebenes Archiv gibt, sondern auch eine eigene Philologie, wird ein solches Engagement für ECM nicht einmal erwogen."

Weitere Artikel: Für die FAZ hat Josef Oehrlein die neue Tauberphilharmonie in Weikersheim besucht. Besprochen werden Joey Bargelds Debütalbum "Punk is dead", auf dem offenbar so ziemlich jeder Stil populärer Musik zu finden ist (taz), das Debüt des Berliner Trios Gaddafi Gals (Tagesspiegel), das neue Album des Countrymusikers Sturgill Simpson (SZ) und neue Klassikveröffentlichungen, darunter eine Neuaufnahme von Beethovens Violinkonzert von Christian Tetzlaff und dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin unter Robin Ticciat (SZ).
Archiv: Musik

Bühne

Die passion des Yvan Sagnet. Foto: Thomas Eirich-Schneider

Regisseur Milo Rau arbeitet in Süditalien weiter an seiner "Rivolta della Dignità" mit ausgebeuteten papierlosen Arbeitern. In Matera, Europas Kulturhauptstadt, begriff er dabei, dass Sklaverei heute nicht über Gewalt funktioniert, sondern über die Isolation des Einzelnen, wie er in der taz schreibt: "Unsere 'Rivolta della Dignità' ist gewissermaßen das subproletarische Gegenbild zum Aufstand der bürgerlichen Jugend in den Fridays for Future: hier Euphorie, dort Paranoia, hier Spaß und Schulschwänzen, dort die existenzielle Gefährdung durch einen einzigen Tag Arbeitsausfall. Die Kategorien der politischen Arbeit geraten durcheinander unter dem biopolitischen Diktat der Mafia: die NGOs zahlen Demonstranten Tagegelder, ein einziges Demonstrationsfoto kann Existenzen beenden. Umso unglaublicher ist für mich die Energie, mit der unser Jesus, der Aktivist Yvan Sagnet, und seine Apostel den Kampf führen. Immer wieder von neuem Solidarität zu schaffen in einem Klima der Depression: Schon nach zwei Monaten Dreh frage ich mich, wie das energetisch machbar ist."

In der Nachtkritik fragt Silvia Stolz, Intendantin des Kulturzentrums Stadeum, wie sich Theaterlandschaft und kulturelle Teilhabe gerechter gestalten lassen, wie der ländliche Raum besser ausgestattet und stärker wahrgenommen werden kann: "Allerdings leben siebzig Prozent der Bevölkerung in Deutschland außerhalb der großen Städte.  Alle Untersuchungen, die sich mit die Provinz auseinandersetzen, sind daher keine marginalen Angelegenheiten. Es geht um den Großteil der Bevölkerung in diesem Land. Neunzig Prozent der öffentlichen Mittel in der Kulturförderung gehen allerdings in die großen Städte. Zwei Drittel der öffentlichen Ensembletheater sind in Großstädten angesiedelt, wo aber lediglich ein Drittel der Gesamtbevölkerung lebt."

Besprochen werden "König Lear" an den Münchner Kammerspielen (FR), Christina Tscharyiskis Inszenierung von Horváths "Kasimir und Karoline" am Theater Freiburg (Nachtkritik) sowie die Choreografien von Sharon Eyal und Richard Siegal, die sich von Diors Chefdesignerin Maria Grazia Chiuri beziehungesweise von der Kleiderkünstlerin Flora Miranda haben austatten lassen (SZ).
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Archiv: Bühne

Kunst

In der FR schreibt Ingeborg Ruthe zu Rembrandts anstehendem 350. Todestag und erinnert daran, dass er zum niederländischen Nationalheiligen wurde, weil er sich konsequent allen Moden verweigert: "Alles auf Rembrandts Bildern, Zeichnungen, Grafiken - in jungen Jahren feinmalend realistisch und im Spätwerk mit furios-lockerem, breitem, fleckendem Pinselduktus und Farbe, die mitunter rau und ungefällig wie mit der Maurerkelle aufgetragen wirkt - folgt einer Regie. Der mit Licht und Dunkel bis zur Perfektion inszenierende Maler gelangte vor allem schon beizeiten hin zum zutiefst Menschlichen, ohne Scheu vor düsterer Melancholie, vor Verfall, ja Hässlichkeit."

Weiteres: Der Tagesspiegel meldet, dass die Stadt Aachen dem libanesisch-amerikanischen Künstler Walid Raad doch nicht ihren Kunstpreis verleihen will, nachdem sie von seiner Nähe zur BDS-Bewegung erfahren hat.

Besprochen werden eine Ausstellung des österreichischen Expressionisten Richard Gerstl im Wiener Leopold-Museum (Standard) und die Drei-Städte-Schau "Jetzt", die in Bonn, Wiesbaden und Chemnitz junge Malerei hochhalten will (FAZ).
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Literatur

Für den Tagesspiegel hat sich Christian Vooren nach Norwegen auf die Spuren Knut Hamsuns begeben, der es dem literarischen Betrieb mit seinen einerseits großen literarischen Werken und andererseits mit seiner glühenden Leidenschaft für die Nazis nicht leicht macht. Judith von Sternburg berichtet in der FR von der Lesung zum Deutschen Buchpreis in Frankfurt. Das in den Sozialen Medien gerne Goethe untergeschobene Zitat "Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf" stammt definitiv nicht vom Dichterfürst, hat Matthias Heine für die Welt nach Nachfrage beim Goetheforscher Michael Niedermeier herausgefunden.

Besprochen werden Lukas Bärfuss' Erzählband "Malinois" (NZZ), Sibylle Lewitscharoffs "Von oben" (SZ), Tommy Oranges Debüt "Dort Dort" (FAZ) und die Ausstellung "Hands on! Schreiben lernen, Poesie machen" im Literaturmuseum der Moderne in Marbach (FAZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Design

Aus der Ausstellung "Design des Dritten Reichs". Foto Ben Nienhuis, via Design Museum Den Bosch


Mit seiner Ausstellung zum Design des Dritten Reiches ist dem Designmuseum im niederländischen s'Hertogenbosch zumindest in Sachen internationale Aufmerksamkeit ein Coup gelungen (hier die kritische Besprechung in der New York Times, hier unser erstes Resümee). In der SZ zeigt sich Alexander Menden allerdings ziemlich skeptisch: Die Behauptung der Kuratoren, dies sei "eine Art Komplementärpräsentation zu den diesjährigen Bauhaus-Retrospektiven" findet er "in der Schau selbst nicht eingelöst. Nirgends ist sichtbar, dass das 'gesamte Nachkriegsdesign eine Art Gegenbewegung zu der Ästhetik der Nazis' darstellt, wie der Direktor findet. ... Hochproblematisch ist sie besonders an den Stellen, wo sie sich thematisch mit dem Holocaust berührt. Wer etwa die Ausgehuniform eines SS-Obersturmführers optisch gleichberechtigt in unmittelbarer Nachbarschaft einer Häftlingsuniform aus dem Konzentrationslager Mauthausen positioniert, kann das nicht allein mit drei Absätzen in einem Wandtext unter der Überschrift 'Verführung und Terror' auffangen."

Weiteres: Elisabeth Wagner denkt in einem taz-Essay über die "Frau in Schwarz" nach: Sie "ist der ständige Gast der Mode, ihre Nemesis. Und sie ist eine Provokation, über die man sich lange Zeit am ehesten mit dem Gedanken beruhigen konnte, dass die Frau in Schwarz eine Frau in Trauer ist. Zurückhaltend und zufrieden mit der Rolle der Zuschauerin. ... Welche Gefühle sind zugelassen? Welche Abwehrstrategien sind akut?" Außerdem bespricht Beate Scheder in der taz die im Berliner Museum Europäischer Kulturen gastierende Wanderausstellung "Fast Fashion".
Archiv: Design