Efeu - Die Kulturrundschau

Achtung, wir können Origami!

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30.09.2019. FAZ und SZ jubeln König Lears herzlosen Töchtern zu, die an den Münchner Kammerspielen den Systemwechsel herbeiführen, und zwar in ganz scheußlichen Klamotten. Die taz erlebt beim Filmfestival in San Sebastian das spanische Kino in politischer Hochform. Ähnlich sieht der Guardian auch die Nominierungen zum Turner Prize. Und ZeitOnline spricht mit dem Jazzklarinettisten Rolf Kühn über die Gehemmtheit des DDR-Jazz.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.09.2019 finden Sie hier

Bühne

Sie haben ihn gewarnt: König Lear und seine Töchter. Foto: Arno Declair / Münchner Kammerspiele 

In schön revolutionäre Stimmung hat sich SZ-Kritiker Egbert Tholl in den Münchner Kammerspielen versetzen lassen: Erst ließ Verena Regensburger die Jugendlichen von Fridays for Future ihre Panik herausschreien, dann inszenierte Stefan Pucher Shakespeares "König Lear" in einer Bearbeitung von Thomas Melle als "harten, klugen und aufregenden" Geschlechterkampf-Thriller: "Nach Stefan Puchers 'König Lear'-Inszenierung im Schauspielhaus hat man doch eher die leichte Panik, dass sehr schnell mit dem System etwas geschehen muss, sonst wird es übernommen von jungen Frauen in scheußlich-grellen Achtzigerjahre-Klamotten. Aber wer war je der Meinung, Emanzipation sei nur etwas für liebliche Geschöpfe? Auch Goneril und Regan haben Recht, und sie fordern es radikal ein, überleben als einzige den Abend. Die Energie, die Wucht, mit der Julia Windischbauer und Gro Swantje Kohlhof hier ihre Revolution vorantreiben, ist der der Jugendlichen ebenbürtig. Nur wo jene das System selbst zum Handeln und zur Veränderung auffordern, sind Lears Töchter Anarchistinnen."

Auch FAZ-Kritiker Hubert Spiegel hat lange keinen so jungen, witzigen und entschlossenen "Lear" gesehen, dessen Konzentration auf die herzlosen Töchter für Spiegel absoluten Sinn macht: "Bei Shakespeare nehmen sie alles und geben nichts. Bei Melle nehmen und geben sie alles für ihre Mission, denn sie sehen sich als die blutbefleckten Werkzeuge des historisch Notwendigen: Sie wollen den Systemwechsel herbeiführen, das Patriarchat beenden, dem Feminismus zum Sieg verhelfen. Männer sind für sie Abschaum, Idioten, Pappkameraden. Spielmaterial also, das nach Lust und Laune zusammengefaltet, aber immerhin vorher gewarnt wird: 'Achtung, wir können Origami!'" In der Nachtkritik bleibt Sabine Leucht etwas verhaltener.

Besprochen werden außerdem Pascal Dusapins "Macbeth Underworld" am Théâtre de la Monnaie in Brüssel (SZ), Huba de Graaffs "De Pornopera" in der Berliner Volksbühne (taz), Mel Brooks' fideles Musical "The Producers" (nach dem Sylvia Staude in der FR "Jeder Bazi woa a Nazi" singt), Rameaus "Les Indes galantes" der Opéra Bastille in Paris (für die Clément Cogitore absolut einleuchtend Barock und Streetdance verband, wie FAZ-Kritiker Marc Zitzmann erstaunt bemerkt), Verdis "Don Carlo" an der Grazer Oper (Standard) und Rikki Henrys "Hamlet"-Inszenierung in St. Pölten (Standard).
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Kunst

Im Pendlerzug von London nach Margate: Oscar Murillos erschöpfte Arbeiter

So politisch und so raffiniert wie in diesem Jahr waren die Nominierungen zum Turner Prize lange nicht mehr, meint Shahidha Bari, die sich für den Guardian die Ausstellung in der Turner Contemporary in Margate angesehen hat: Berührt haben sie Helen Cammocks Film "The Long Note" über Frauen, Nordirland und die schwarze Bürgerrechtsbewegung, aber auch die lebensgroßen Pappmaché-Figuren, die der kolumbianische Künstler Oscar Murillo mit dem Pendlerzug nach Margate schickte: "In der Galerie sitzen die klobigen Figuren auf Kirchenbänken und blicken niedergeschlagen durch die verhängten Fenster, um einen Blick auf die Nordsee zu erhaschen. Es ist eine säkulare Versammlung. Eher schmuddelig als reizend, eher verbeult als schön. Es steckt ein Pathos in ihrer reglosen Form, die, wie Murillo nahelegt, die kapitalistische Arbeit zeigt und die erschöpften Körper entfremdeter Arbeiter."

Schön ungemütlich wurde es für taz-Autor Raimar Stange im Steirischen Herbst, der unter dem Titel "Grand Hotel Abyss" rechtspopulistische und hedonistische Realitätsflucht thematisierte. Besprochen wird die Robert-Frank-Ausstellung "Unseen" im C/O Berlin (NZZ).
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Film

Das spanisch-baskische Kino zeigt sich beim Filmfestival in San Sebastián von seiner politischen Seite, berichtet Thomas Abeltshauser in der taz: Die neuen Arbeiten des Regietrios Aitor Arregi, Jon Garaño und Jose Mari Goenaga und des Filmemachers Alejandro Amenabár "treffen den Nerv einer verunsicherten und gespaltenen spanischen Gesellschaft auf der Suche nach einem neuen Selbstverständnis: Der Bürgerkrieg und das anschließende Franco-Regime sind auch über vier Jahrzehnte nach dem Tod des Diktators noch lange nicht aufgearbeitet. Der friedliche Wandel zur Demokratie, die Transición, beruht vor allem auf Verdrängung und Stillschweigen über die Gräueltaten."

Dass der Papst den Kindesmissbrauch in der Kirche Satan in die Schuhe schieben will, hält der Filmemacher François Ozon im Gespräch mit der Berliner Zeitung für "vollkommen wirklichkeitsfremd". Auch um das Problem, wie sich sexualisierte Gewalt auf die Leinwand darstellen lässt, ohne das Sujet zu fetischisieren - ein Problem, das sich auch in Ozons Missbrauchsdrama "Gelobt sei Gott!" (unsere Kritik) stellte - geht es: Ozon "wollte das jedenfalls nicht filmen. Ich halte es für gefährlich, da das Kino ein erotisierendes Potenzial besitzt. In der Literatur zum Beispiel ist das anders. Das Wort besitzt diese erotisierende Macht nicht. Mir ging es darum, zu zeigen, warum diese Kinder geschwiegen haben, all das mit sich geschehen ließen. Es ist so, dass Kinder in einer Opferposition sind und gar nicht wissen, wie ihnen geschieht. Der Körper ist wie gelähmt. Diese Erstarrung während der Tat wollte ich erklären."

In der NZZ feiert Elena Chizhova die amerikanische Miniserie über Tschernobyl, die in Russland mit vielen Halbwahrheiten und Lügen aufräume: "Von meinem Standpunkt aus - dem eines Menschen, der sein halbes Leben in der UdSSR verbracht hat - ist den Machern der Serie das beinahe Unmögliche gelungen: einen erschütternden Film über die Ereignisse zu drehen, der nicht nur in künstlerischer Hinsicht wahrhaftig ist, sondern auch jener Wahrheit gerecht wird, die wir damals, in jenen Tagen und Monaten, vergebens zu erfahren suchten."

Weitere Artikel: Für ZeitOnline hat Wenke Husmann Christian Schwochows Set von der Verfilmung von Siegfried Lenz' Roman "Deutschstunde" besucht. In der NZZ porträtiert Geri Krebs den kolumbianischen Regisseur Ciro Guerra, der in der Jury des Zurich Film Festivals sitzt.

Besprochen werden Thomas Heises Essayfilm "Heimat ist ein Raum aus Zeit" (Freitag, mehr dazu hier), der Mafiafilm "The Kitchen", in dem Tiffany Haddish, Melissa McCarthy und Elisabeth Moss als Gangster-Ehefrauen die Geschäfte ihrer Männer übernehmen (Welt), John Crowleys Verfilmung von Donna Tartts Bestseller "Der Distelfink" (Standard, Presse), der von den Obamas für Netflix produzierte Dokumentarfilm "American Factory" (Freitag), eine BluRay von Clive Donners Sixties-Komödie "What's Up, Pussy?" (SZ) und Eckhard Schmidts "Mein schönster Sommer" von 2017 (critic.de).
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Archiv: Film

Design

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Mit über 60 auf den Laufsteg und in die Fotostrecken der Magazine - zumindest Erwin Werder, der eigentlich aus der Architekur kommt, hat das geschafft, nachdem er in einem Club von einer Mode-Agentur angesprochen wurde. Judith Innerhofer hat sich für das ZeitMagazin mit ihm unterhalten. Er glaube "nicht, dass andere Menschen mich wegen meines Alters beurteilen, und ich hatte nie das Gefühl, dass mir mein Alter im Weg steht. Wenn, mache ich mir die Sorgen darüber selbst. Manchmal denke ich, da passe ich nicht hin und manchmal ist es zu keinem Zeitpunkt des Tages ein Thema. Das Alter ist für mich nur von Vorteil. Und ehrlich, wäre ich jetzt 40 Jahre jünger, dann müsste ich - als Model - wesentlich besser aussehen." Bleibt die Frage, wo die weiblichen Models über 60 bleiben.
Archiv: Design
Stichwörter: Model, Werder, Erwin

Literatur

"Als Jim Sams, clever, aber keineswegs tiefgründig, an diesem Morgen aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in eine ungeheure Kreatur verwandelt" - so beginnt Ian McEwans neue satirische Novelle "Cockroach", eine Kafka-Variation, in der sich unter den Eindrücken von Boris Johnsons Politik eine Kakerlake in einen Premierminister verwandelt. Bei der britischen Literaturkritik kommt das Werk so gar nicht gut weg, schreibt Sebastian Borger im Tagesspiegel. Auch Welt-Redakteur Wieland Freund fühlte sich beim Lesen eher matt: "Es ist zwar das meiste, aber immerhin nicht alles schlecht an Ian McEwans Brexit-Satire. Die Kafka-Sache führt zu wenig und gerät alsbald in Vergessenheit ... der 'Reversalismus' aber macht durchaus ein bisschen Spaß. Fortan nämlich soll der britische Sonderweg in der Umkehr des Geldflusses bestehen: Fürs fleißige Shoppen wird der gemeine Brite künftig entlohnt, während er fürs Arbeiten tüchtig zahlen soll."

Weiteres: Sarah Pepin plaudert in der Berliner Zeitung mit Fantasyautorin Cornelia Funke. Der Kulturpodcast von Dlf Kultur befasst sich mit der jungen ungarischen literarischen und intellektuellen Szene nach dem Tod von Ágnes Heller, György Konrád und László Rajk.

Besprochen werden Tillie Waldens Comic "West, West Texas" (Tagesspiegel), Catherine Laceys "Das Girlfriend-Experiment" (taz), Friederike Manners "Die dunklen Jahre" (SZ), Deniz Utlus "Gegen Morgen" (Tagesspiegel), Paulus Hochgatterers "Fliege fort, fliege fort" (Standard), der von Urs Stahel und Miriam Wiesel herausgegebene Band "Walter Keller - Beruf: Verleger" (NZZ), Robert Harris' "Der zweite Schlaf" (Welt), die von Sebastian Meschenmoser neu illustrierte Ausgabe von Michael Endes "Die unendliche Geschichte" (online nachgereicht von der FAZ), Tatiana De Rosnays "Fünf Tage in Paris" (Titelmagazin) und Bernhard Aichners Thriller "Der Fund" (Presse),

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Alexander Košenina über C. F. Gellerts "Der alte Dichter und der junge Critikus":

"Ein Jüngling stritt mit einem Alten
Sehr lebhaft über ein Gedicht.
Der Alte hielts für schön; der Jüngling aber nicht,
..."
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Musik

ZeitOnline hat ein großes Gespräch mit dem Jazzklarinettisten Rolf Kühn geführt, der gestern 90 Jahre alt geworden ist und noch lange nicht ans Aufhören denkt. Im Gespräch geht es insbesondere auch um Kühns Zeitzeugenschaft der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert - und dabei um die Jazzszene der DDR, die sich von derjenigen in der Bundesrepublik "an der Hemmschwelle" unterschied: "Fast alle jungen Musiker in der DDR waren zu meiner Zeit unsicher. Sie wussten nie, ob das, was sie da vortrugen, nun gut, schlecht oder mittelmäßig war - das genaue Gegenteil zu ihren Kollegen im Westen. Mittlerweile hat sich das enorm gewandelt. Der Gitarrist Ronny Graupe und der Schlagzeuger Christian Lillinger, mit denen ich zusammen mit dem Nürnberger Bassisten Johannes Fink in der Formation Unit zusammenspiele, kommen aus dem Osten. 30 Jahre nach dem Mauerfall gibt es da nichts Trennendes mehr. Wenn man denen sagt, dass sie morgen in der Carnegie Hall spielen dürfen, dann hätten die damit kein Problem." Stephan Lambys Porträtfilm über Rolf Kühn und dessen Bruder, den Pianisten Joachim Kühn, gibt es derzeit noch in der 3sat-Mediathek.

Für das ZeitMagazin ist Christoph Amend nach Georgien gereist, um sich ein genaueres Bild von der dortigen Clubszene zu machen: Sie steht einerseits für einen gesellschaftlichen Aufbruch im Kleinen, sieht sich andererseits aber erheblichen Anfeindungen durch die Obrigkeit ausgesetzt: "Wie leben die Jungen in diesem Land, das sich einerseits öffnet und doch noch immer von den Vorstellungen der orthodoxen Kirche dominiert wird? Seitdem Nia Gvatua vor zwei Jahren ihre Bar eröffnet hat, wird diese immer wieder überfallen, selbst die Security-Leute vor Ort wurden attackiert und beschimpft, sagt sie. Auch sie persönlich wurde auf der Straße angefeindet. Die Success Bar hat zwei kleine Räume, sie ist bislang der einzige öffentliche Ort in Georgien, an dem sich Schwule und Lesben treffen können."

Weiteres: In der Zeit berichtet Sinem Kılıç von seinem Treffen mit dem Pianisten Ivo Pogorelich. Gerrit Bartels schreibt im Tagesspiegel einen Nachruf auf den Radio-DJ Mike Korbik. Im ZeitMagazin träumt Lizzo. Besprochen werden John Coltranes "Blue World" (Pitchfork, mehr dazu bereits hier und dort), ein Konzert der Elektro-Pionierin Suzanne Ciani (taz) und weitere neue Musikveröffentlichungen, darunter eine Aufnahme von Mahlers Neunten unter dem Dirigat Herbert Blomstedts (FAZ).

In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Gisela Trahms über Procol Harums "A Whiter Shade of Pale":

Archiv: Musik