Efeu - Die Kulturrundschau

Nostalgie für die Gegenwart

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27.08.2019. Die taz erlebt in Berlin, wie sich die europäische Mode aus ihrer Einsamkeit befreit.  Und die NZZ verliebt sich auf der Vienna Biennale in die Küchenkuh. In der NZZ warnt Slavoj Žižek vor der Falle der Ideologie, in uns die Streamingdienste mit ihren dystopischen Produktionen locken. Die SZ verpasst sich mit Michel Houellebecq und Gérard Depardieu eine grandiose Schlammpackung. Welt und Republik diskutieren weiter über Karen Köhlers Roman "Miroloi" und die Frage, ob Emanzipation ohne Moderne möglich ist.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.08.2019 finden Sie hier

Design

Meschac Gaba: Perruques d'Architecture, 2019 © Charles Placide / Kunstgewerbemuseum
Mit Mode-Designerinnen und Designern wie Adama Ndiaye, Baay Sooley oder Laure Tarot unternimmt das Berliner Kunstgewerbemuseum mit seiner aktuellen Ausstellung "Connecting Afro Futures. Fashion. Hair. Design" eine Perspektiverweiterung - auch im Hinblick auf die Geschichte des eigenen Hauses: "Wie lässt sich die kreative Dynamik der ostafrikanischen und westafrikanischen Fashion-Hubs adäquat in den eigenen musealen Kontext übersetzen? Für ein Haus wie das Berliner Kunstgewerbemuseum, das historisch im 19. Jahrhundert und im Zeitalter des Kolonialismus gründet, das gewohnt war, ausschließlich europäische Dresscodes für der Mode würdig zu halten, transportiert diese 'leitende Frage' einen entscheidenden Schritt. Man ist spät dran. Dem europäischen Blick ist so vieles entgangen und unverständlich geblieben. Jetzt muss man mit der eigenen Einsamkeit leben oder, wie hier, anfangen, sich daraus zu befreien."


Ausstellungsansicht "Klimawandel!". Foto: Stefan Lux/MAK

Mit Begeisterung streift Viviane Ehrensberger durch eine Ausstellung im Wiener MAK, die mit spekulativem Design gegen den Klimawandel angeht. Auf den ersten Blick überzeugt, wenn nicht gar hingerissen ist sie von der Küchenkuh des Wiener Designstudios EOOS, die aus zerkleinertem Bioabfall Methangas produziert, das gespeichert und zum Kochen verwendet werden soll: "Die Ausstellungsprojekte bestechen nicht zuletzt durch ihre Ästhetik: Sie können dank einer einfachen Anleitung nachgebaut werden, und sollte ein Teil kaputtgehen oder sich abnützen, wäre es leicht zu ersetzen. Nichts ist zugeschweißt, kaschiert oder dekoriert. Das 'Social Vehicle' hat zudem eine Open-Design-Lizenz, was allen Interessierten den Bau, die Reparatur und die Weiterentwicklung des Gefährts ermöglicht. Mit dieser Haltung bildet das 'Social Vehicle' einen diametralen Gegensatz zu aktuellen Design-Tendenzen, wie sie zum Beispiel beim iPhone oder bei den Elektroautos von Tesla vorherrschen, und wirkt in seiner Rohheit erfrischend authentisch."

Außerdem hat der Tagesspiegel ein großes Gespräch mit dem Modedesigner Dirk Schönberger geführt.
Archiv: Design

Literatur

Über Karen Köhlers für den Buchpreis nominierten Roman "Miroloi" über eine junge Frau namens Alina in einer patriarchal-religiösen Lebensumgebung wird sich das Feuilleton so schnell nicht einig. Nicht wirklich gut, nicht wirklich schlecht wollte die Kritik das Buch bislang finden - aber rasch war klar: eine Kriteriendebatte muss her (unser erstes Resümee). Nicht nötig, meint dazu Welt-Redakteur Jan Küveler, denn dieses Buch sei einfach wirklich missglückt und die Kollegen, die herumdrucksen, hätten lediglich Furcht vor der eigenen Courage: "Der Vorwurf der Frauenfeindlichkeit ist furchtbar und bleibt hängen, als eine Art MeToo in schriftlicher Form, die Belästigung eines Textes durch einen anderen. Und das Thema des Feminismus und des Kampfs gegen das Patriarchat imprägniert einen Roman offenbar gegen Kritik." Dabei "ist man kein Feind des Feminismus und kein Verteidiger patriarchaler Strukturen, wenn man 'Miroloi' ablehnt. In seiner Komplexitätsreduktion und Scherenschnitthaftigkeit erweist der Roman dem Feminismus wie der Literatur einen Bärendienst."

Sehr ähnlich sieht das in der Republik auch Eva Behrendt, die sich bei mancher Sentenz mehr Lektorat gewünscht hätte: "So kämpferisch sich die Autorin mit Alinas Stimme über das drastische Unrecht ihrer patriarchalen Fiktion empört, so ungebrochen lässt sie ihre Heldin auch das Loblied des einfachen Lebens singen und die heile Schönheit der Inselnatur preisen. Landlust auf Griechisch, Melinzanes-Rezept inklusive. Aber ist Emanzipation ohne die Errungenschaften der Moderne überhaupt denkbar? Der Feminismus jedenfalls ist nicht schuld daran, dass Alinas Lese- und Schreibkompetenz hier bloß in die Regression führt."

Das neue Berliner Suhrkamp-Gebäude beherbergt zwischen 80- und 100.000 Erst- und Lizenzausgaben aus der eigenen Hausgeschichte. Auch ein Statement gegen die Immaterialisierung des Lesens, sagt Jonathan Landgrebe, Vorstandsvorsitzender des Verlags, im ausführlichen FAZ-Gespräch: "Das hier ist ein Haus des Lesens und der Lesenden, das ist mir eigentlich noch wichtiger als die Tatsache, dass es ein Haus des Verlegens von Büchern ist. Die Bücher müssen hier stehen, sie sind geistige, aber auch materielle, anfassbare Symbole unserer Kultur. Sie bedeuten uns alles. Ich habe schon Verlagshäuser gesehen, da sind die Bücher quasi aus den Büros verbannt. Dieses Gebäude will das Gegenteil."

Weitere Artikel: "Die Stimmen von Frauen wurden in der Narration der Großstadt lange ausgespart", schreibt Lea Sauer im Freitag angesichts dessen, dass der Flanierroman auch heute noch vor allem als männliches Genre mit Universalanspruch gehandelt wird: "Warum zum Beispiel soll das, was Virginia Woolf in ihrem Essay 'Street Haunting' (1927) beschreibt, keine Flânerie sein? Warum ist Mrs. Dolloway keine Flâneuse?" Heidi Rehn (SZ) und (Standard) erinnern an Erika Mann, die vor fünfzig Jahren gestorben ist. Für den Tagesspiegel liest Gregor Dotzauer die aktuelle Neue Rundschau, die sich im Schwerpunkt mit Donald Hall befasst. In den online nachgereichten "Actionszenen der Weltliteratur" erinnert Matthias Heine daran, wie Paul Fleming 1637 in Persien in eine gewalttätiges Scharmützel geraten ist und überlebte.

Besprochen werden Tereza Semotamovás "Im Schrank" ("manifestiert sich eine neue, höchst eigenwillige Stimme" der tschechischen Literatur, schwärmt Kathrin Hillgruber im Tagesspiegel), Isabel Allendes "Der Dritte Weg" (Presse), Lesley Nneka Arimahs "Was es bedeutet, wenn ein Mann aus dem Himmel fällt" (FR), Rafik Schamis "Die geheime Mission des Kardinals" (Standard), norwegische Scheidungsromane von Stig Sæterbakken und Per Petterson (NZZ), Arno Camenischs "Herr Anselm" (NZZ), Jérome Ferraris "Nach seinem Bilde" (Dlf Kultur), Architekturcomics von Agustín Ferrer Casas und Andreas Müller-Weiss (SZ) und Kristin Höllers Debütroman "Schöner als überall" (FAZ).
Archiv: Literatur

Film

In Guillaume Nicloux' Film "Thalasso", der gerade in Frankreich angelaufen ist, haben sich zwei gefunden, erfahren wir von Joseph Hanimann in der SZ: Zu sehen gibt es da Michel Houellebecq im Hotel, "im kuscheligen Bademantel, in der Schlammpackung dösend und immer mit diesem trostlosen Gott-hat-uns-verlassen-Gesicht." ... 'Haben Sie mal Feuer?', fragt er auf dem Strandweg einen Dickwanst. 'Gérard Depardieu!', entfährt es ihm, wenn dieser sich umdreht. Im strengen Spa bilden die beiden dann bald eine vergnügte Leidensgemeinschaft mit hereingeschmuggelten Tropfen aus aller Welt." Hintergrunddetail: "Mit lockerem Griff zur Flasche improvisierten sie bei den Dreharbeiten munter drauflos." Wir werfen einen Blick in den Trailer:



Mit schwerem analytischen Geschütz legt Slavoj Žižek in der NZZ auf dystopisch grundierte Serien wie "The Handmaid's Tale" und "Chernobyl" an, die in düstersten Farben fundamentalistische Theokratien oder sowjetische Umweltkatastrophen ausmalen. Wir wollen da nicht leben, und genau deswegen sehen wir uns dieses Elend so gern an. "Wer sich der Nostalgie für die Gegenwart hingibt, tappt in die Falle der Ideologie, weil er den Umstand ausblendet, dass dieses gegenwärtige, freizügige Paradies eigentlich langweilig ist. Und dass es - genau wie bei den Glückseligen im Paradies - eines Blicks in die Hölle zu den religiösen Fundamentalisten bedarf, um die Illusion des Paradieses aufrechtzuerhalten... Die beiden Serien bieten also Ideologie in ihrer Reinform, im einfachen und brutalen Sinn: die Legitimation der existierenden Ordnung und die Verschleierung ihrer Widersprüche."

Weitere Artikel: Axel Weidemann hat für die FAZ die aufwändigen Dreharbeiten zur neuen Netflix-Serie "Der dunkle Kristall" besucht, mit der Jim Hensons monumentaler Fantasy-Puppentrickfilm aus den 80ern eine Fortsetzung findet. Besprochen wird Brian de Palmas auf Heimmedien veröffentlichter Thriller "Domino" (Dlf Kultur, Filmdienst).
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Archiv: Film

Bühne

Im taz-Interview mit Astrid Kaminski erzählt der Choreograf James Batchelor vor seiner Expedition in die antarktische See. Zwei Monate lange reiste er, ohne Land zu sehen, zu den Heard- und McDonaldsinseln, die jeweils 4.000 Kilometer von Australien und Südafrika entfernt liegen, in völliger Stille, nur umgeben von Ozean und submarinen Vulkanen. Aber wie lässt sich das vermitteln? "Darum ist Tanz als Medium so gut. Es ist keine Sprache mit eindeutigen Bedeutungen, die wir direkt zuordnen können. Es schafft nicht unbedingt Inhalt, sondern eher eine Atmosphäre: eine Art zu sein, zu sehen, zu denken. Tanz macht eher neugierig auf eine Erfahrung, als dass er sie darstellt. Darum ist er vielleicht die beste Übersetzung dafür, was auf See geschieht."

Weiteres: Neun Stunden politische Bildung genoss taz-Kritiker Torben Ibs mit Nurkan Erpulats "Reichstags-Reenactment" beim Weimarer Kunstfest.

Besprochen werden Heiner Goebbels' multimediale Installation "Everything that happened and would happen" bei der Ruhrtriennale (taz), das Festival "Was der Körper erinnert" an der Akademie der Künste (Tsp), Stücke von Merce Cunningham mit dem Ballet de Lorraine beim Tanz im August (FAZ), Pietro Antonio Cestis Barockoper "La Dori" bei den Innsbrucker Festwochen Alter Musik (FAZ) und Romeo Castelluccis "Salome" mit Franz Welser-Möst bei den Salzburger Festspielen (über deren "fad-elegante" Musik nur der Gesang von Asmik Grigorian in der Titelrolle Standard-Kritiker Stefan Endler hinwegtröstete).
Archiv: Bühne

Kunst

Für die FR recherchiert Peter Iden die Preisbildungsmechanismen auf dem Kunstmarkt: "Die den Markt dominierende Käufergruppe waren die Dollar-Millionäre, etwa ein Prozent der Sammler, deren Anzahl von der Credit Suisse auf zur Zeit weltweit 42 Millionen beziffert wird, eine Steigerung um elf Prozent gegenüber 2011. Für die Preisbildung des Handels sind inzwischen allerdings die 0,01 Prozent der Milliardäre unter den Sammlern im Orient und in China wie in Russland und den USA immer einflussreicher geworden. Sie machen den Wahnwitz von Preisen für Werke der Klassischen wie der zeitgenössischen Moderne möglich."

Verstörend, zwischen Kälte und Kitsch oszillierend, findet SZ-Kritikerin Catrin Lorch die verschrobenen Fabeln, die der israelische Videokünstler Omer Fast im Salzburger Kunstverein zeigt: "Ihr Geruch hängt beim Verlassen in den Kleidern wie Desinfektionsmittel, wie Skiwachs oder Leukoplast."
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Stichwörter: Kunstmarkt

Musik

Die Debatte, ob es sich um eine Form von Neokolonialismus handelt, wenn westliche Labels  Aufnahmen von in Vergessenheit geratenen Musikern aus afrikanischen Nationen wiederveröffentlichen, wird "bezeichnenderweise nur im Westen geführt", stellt Jonathan Fischer in der Afropop-Kolumne der SZ fest: In den Ursprungsländern selbst hätte sich um diese Musik niemand gekümmert. Umso dankbarer ist er für das Vorhaben des britischen Labels BBE, den gesamten Katalog des nigerianischen Labels Tabansi wiederzuveröffentlichen, schließlich schlummern darin "einige ganz famose Fundstücke: Etwa Zeal Onyias 'Trumpet King Zeal Onyia Returns' ein energiestrotzendes, frisch-fröhliches Highlife-Album des von Louis Armstrong als 'highlife hep cat of Nigerian Jazz' gehypten Trompeters, er hatte zuvor in Deutschland klassische Musik studiert. Eine weitere Highlife-Preziose ist die von afrokubanischen Bläsersätzen angetriebene 'Dytomite Starlite Band Of Ghana'. Oder Ojo Balingos 'Afrotunes': eine Rarität, die repetitive, percussionlastige Juju Sounds mit Psych-Rock-Gitarren hochkocht." Da hören wir rein:



Weiteres: In der Jungle World ärgert sich Dierk Saathoff erheblich über den ästhetischen Richtungswechsel, den die in den Neunzigern groß gewordene, feministische Gitarrenrock-Band Sleater-Kinney auf ihrem neuen, von St. Vincent produzierten Album vollziehen: Die Band verzwerge sich zur "Parodie einer Rockband". Noch vor der ersten gesungenen Note "umspülte eine Welle der Sympathie, Verehrung und Exkulpation" den gerade der sexuellen Belästigung beschuldigten Placido Domingo bei seinem Auftritt in Salzburg, berichtet Lotte Thaler in der FAZ. Im ZeitMagazin spricht Herlinde Koelbl mit dem Dirigenten Christoph Eschenbach. Helmut Mauró zeichnet in der SZ den Werdegang des jungen Pianisten Dmitry Masleev nach.

Besprochen werden Missy Elliotts Comeback-EP "Iconology", die Standard-Kritiker auf ein neues Album hoffen lässt, das neue Album von Taylor Swift (Pitchfork), Igor Levits Auftritte beim Lucerne Festival (NZZ), das Debütalbum von Half Alive (FR), das Konzert des Kammerchors Tenebrae beim Rheingau Festival (FR) und der Abschluss des Jazzfests Saalfelden (Standard).
Archiv: Musik