Efeu - Die Kulturrundschau

Anthropologisches Monstrum

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.08.2019. Die NZZ entdeckt bisher unbekannte, expressionistische Zeichnungen von Franz Kafka. In der Welt erklärt Konstantin Khabensky, weshalb er für seinen Film "Sobibor" unbedingt den Massenmord in den Gaskammern zeigen muss. Die Berliner Zeitung lernt, wie man Geschichte tanzt. Tagesspiegel und Nachtkritik berichten von der Rufmordkampagne gegen Adolphe Binder. Und Zeit Online lauscht den Scheußlichkeiten der Taylor Swift.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.08.2019 finden Sie hier

Kunst

Nachlass Max Brod. National Library Israel

Nach jahrzehntelangem Hin- und Her ist der Rechtsstreit um den Kafka- und Max-Brod-Nachlass beendet (Unsere Resümees) und bietet nach wie vor Überraschungen, wie Andreas Kilcher in der NZZ berichtet. In den Banksafes der UBS Zürich fanden sich weitgehend unbekannte, expressionistische Zeichnungen von Kafka, in die die Israelische Nationalbibliothek in einem Blog nun Einblicke gewährt - keine Selbstverständlichkeit, wie Kilcher erinnert: "Die Zeit kolportierte 2009 eine Anekdote das Hanser-Verlegers Michael Krüger, der die Zeichnungen herauszugeben versuchte: 1981 habe Michael Krüger in Israel Ilse Ester Hoffe besucht, um mit ihr über eine Abdruckgenehmigung zu verhandeln. Worauf sie ihm gesagt habe, 'dass dies sehr teuer werde'. Als Krüger bei dem Zürcher Anwalt Elio Fröhlich nachfragte, wie teuer 'sehr teuer' sei, erhielt er zur Antwort: 'Es kostet 100 000 Mark, wenn Sie sich die Zeichnungen anschauen wollen. Über die Kosten der Druckgenehmigung könne man dann später reden.'"

Bestens gelaunt streift Sandra Dannicke in der FR durch die Skulpturen-Biennale in Bad Homburg, wenngleich sich der Kritikerin nicht alle Installationen erschließen: "Ebenfalls seltsam, wenngleich weit weniger beiläufig, erscheint die schier endlos lange Installation 'There Must Be a Way Out of Here' von Kaarina Kaikkonen. Hoch über dem Boden der breiten Brunnenallee im westlichen Kurpark hat die Finnin eine unheimliche Prozession arrangiert: 200 gebrauchte Jacketts fassen einander - sortiert nach Farbschattierungen - an den Schultern, es wirkt wie eine Geister-Polonaise."

Weiteres: In der NZZ hat Philipp Meier Zweifel, ob sich der vom Kunsthaus Zürich erworbene Tizian wirklich als Sensation erweist. Für die taz porträtiert Niklas Münch den Dresdner Klangkünstler Moritz Simon Geist, der mit seinen Musikrobotern auch auf der Biennale in Venedig zu Gast sein wird.
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Film

Für die Welt spricht Hanns-Georg Rodek mit dem in Russland immens populären Schauspieler Konstantin Khabensky, der mit seinem Film "Sobibor" über das Vernichtungslager der Nazis sein in Deutschland lediglich auf Heimmedien veröffentlichtes Debüt als Regisseur vorgelegt hat. Darin rüttelt Khabensky auch an das filmische Tabu, den Massenmord in den Gaskammern zu zeigen. "Es ist die Regel des Spiels mit dem Publikum", sagt der Regisseur. "Das Publikum glaubt nicht, was in den 'Duschen' wirklich geschieht, bis man es ihm zeigt. Es stopft Popcorn in sich hinein und glaubt es nicht. ...  Es war mir wichtig, dieser einen Figur bis zum Ende zu folgen, dieser schönen und lebenslustigen Frau. Es war auch notwendig wegen ihres Ehemanns, der von ihr getrennt wird und im Arbeitslager darauf hofft, sie wiederzusehen, bis er den Beweis für ihren Tod findet und den Verstand verliert." Der Holocaust als Liebesmelodram? Oh weh.

Besprochen werden Grant Sputores Science-Fiction-Film "I Am Mother" ("solide feministisch", meint Jenni Zylka im Tagesspiegel), Miriam Blieses "Die Einzelteile der Liebe" (Tagesspiegel), das italienische Mafiadrama "Paranza - Der Clan der Kinder" nach einem Roman von Roberto Saviano (online nachgereicht von der FAZ, mehr dazu bereits hier) und Sebastián Lelios "Gloria" mit Julianne Moore (Jungle World).
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Literatur

Sehr dankbar nimmt Hubert Spiegel die große, Peter Rühmkorf gewidmete "durchdachte, abwechslungsreiche" Ausstellung im Altonaer Museum zum Anlass, um in der FAZ über das reiche, Jahrhunderte umspannende Werk des vor elf Jahren gestorbenen Lyrikers zu philosophieren. "Der Dichter im Zeitalter seiner vermeintlichen Entbehrlichkeit, unter den Bedingungen der Warenförmigkeit aller Kunstproduktion, ist ein Anachronismus, ein Exot und 'anthropologisches Monstrum', wie Rühmkorf Mitte der siebziger Jahre schrieb." Aber "wenn er träumte, dann richtig. Einerseits von einem 'Individuum/aus nichts als Worten', andererseits von einer aufgeklärten Masse, zusammengesetzt und vermengt aus Einzelwesen, entsprungenen und gesprenkelten, vor allem aber aufgeklärten, mündigen, selbstbestimmten Einzelwesen, die sich aus Not, Überzeugung und freiem Willen zusammengetan haben, um den Umständen, also den politischen Verhältnissen, zu trotzen."

Weiteres: Christian Zaschke berichtet in der SZ von seinem Treffen in New York mit dem Schriftsteller André Aciman, der gerade seinen neuen Roman "Fünf Lieben lang" promotet. Peter von Becker erinnert im Tagesspiegel an das Geschwisterpaar Klaus und Erika Mann, die heute wohl "multimedial präsent wären, glichen sie doch in den rasanten Kommentaren zu ihrer Zeit auch Bloggern, lange bevor es das Internet gab."

Besprochen werden unter anderem Karen Köhlers "Miroloi" (FAZ, Zeit, Tell-Review hat das Buch einem Page-99-Test unterzogen, mehr zur Debatte um den Roman hier), Sally Rooneys "Gespräche mit Freunden" (FR), Matthias Brandts "Blackbird" (Berliner Zeitung), Anna Weidenholzers "Finde einem Schwan ein Boot" (Standard), Alain Claude Sulzers "Unhaltbare Zustände" (NZZ), Domenico Daras "Der Postbote von Girifalco" (SZ) und eine Ausstellung im Goethehaus Frankfurt über 200 Jahre "West-östlicher Divan" (FR).
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Bühne

Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend. © Matthias Horn. Ruhrtriennale 2019

"So radikal, so unkulinarisch und explizit zeitkritisch war Marthaler noch nie", jubelt Daniele Muscionico in der NZZ über Christoph Marthalers Ruhrtriennalen-Eröffnungsstück "Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend", für das der Regisseur antisemitische und rassistische Parlamentsreden europäischer Politiker wie Gauland oder Orban in  einen Dialog mit Kompositionen von im Nationalsozialismus ermordeten oder verfolgten jüdischen Komponisten setzt: "Wie so oft bei einer Inszenierung Marthalers ist dessen Sprache nicht das Wort, sondern der Klang. Wenn er am Ende Luigi Nonos Komposition über Auschwitz mit seinen eigenen Figuren der ermordeten Komponisten verbindet und sie in den leeren Rängen verteilt, wird aus der Synthese zwischen dem Bild des Leidens und Nonos Geräusch gewordenem Leiden ein Drittes - große Kunst." Nachtkritiker Gerhard Preußler gerät der Abend indes zu "disparat".

Im Interview mit Michaela Schlagenwerth (Berliner Zeitung) betont Johannes Odenthal, der in der Akademie der Künste, die Tanz-Ausstellung "Was der Körper erinnert. Zur Aktualität des Tanzerbes" als Programmleiter verantwortet, die Bedeutung von Tanzgeschichte: "Tanz hat ein unglaublich innovatives Potenzial, was grundsätzliche Fragen zum Umgang mit Geschichte betrifft. Die Tänze von Mary Wigman etwa oder von Valeska Gert sind nicht mehr eins zu eins aufführbar. Die Auseinandersetzung mit dem Erbe, die wir in unserem Programm zeigen, sind Aneignungsprozesse, in denen immer auch die sozialen Veränderungshintergründe mit thematisiert und sichtbar werden. Wir sehen gleichzeitig unterschiedliche Entwürfe davon, wie man mit Geschichte umgehen kann. Vergangenheit ist nicht statisch. Aber das Zementieren und Festfrieren, das In-Stein-Meißeln von Vergangenheit, wie exemplarisch mit der Schlossfassade, versucht, Vergangenheit statisch zu definieren."
 
Weiteres: Der Fall um die auch in zweiter Instanz rehabilitierte, gekündigte Intendantin Adolphe Binder erscheint zunehmend unappetitlicher, meldet Sandra Luzina im Tagesspiegel, eine "Rufmordkampagne" gegen Binder vermutend. Auch die Journalistin Nicole Bolz erzählt in der Nachtkritik von einem Geheimtreffen zwischen Stadtdirektor Johannes Slawig, dem Kulturdezernenten Matthias Nocke, dem damaligen Geschäftsführer Dirk Hesse, einer Arbeitsrechtlerin, dem damaligen Prokuristen Christoph Fries, einer Mediatorin und dem Bausch-Sohn und Vorsitzenden der Bausch Foundation, Salomon Bausch. In der NZZ beschwört Philipp Meier die Faszination des japanischen No-Theaters. Ganz beseelt berichtet Jens Nordalm in der Welt von den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik, bei denen ihn vor allem Händels "Ottone" und "Triumph" in den Bann geschlagen haben. In der SZ porträtiert Dorion Weickmann den Münchner Tänzer Luca Driesang, der nun von der Dresdner Semperoper zur Staatsoper von Jekaterinburg wechseln wird. In der SZ zeigt sich Jens Bisky ganz begeistert von Nurkan Erpulats "Reichstags-Reenactment" beim Kunstfest Weimar, für das der Regisseur die Nationalversammlung des Jahres 1919 wiederaufführte.

Besprochen wird Ursula Martinez' Perfomance "A Family Outing - 20 Years on" - beim Kampnagel-Sommerfestival (taz) und drei gesellschaftspolitische Stücke von Latifa Laabissi, Nora Chipaumire und Oona Doherty beim Tanz im August im Berliner HAU (taz).
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Musik

Taylor Swift ist einerseits eine begnadete Lyrikerin, hat andererseits aber auch ein beeindruckendes Talent dafür, sich in Fragen öffentlicher politischer Bekenntnisse zwar gutgemeint, aber eher etwas tappsig zu verhalten, meint Jens Balzer in seiner großen Besprechung auf ZeitOnline des neuen Swift-Albums "Lover". Darauf durchmisst sie zwar textlich "mehrmals den Zyklus der modernen Romantik", aber musikalisch gesehen bleibt man ungesättigt zurück. Das Stück "Me" zähle gar "zu den größten Scheußlichkeiten, die Taylor Swift in ihrer bislang 13-jährigen Karriere zu verantworten hat; es handelt sich allerdings auch um den Tiefpunkt des Albums, dessen klangliche Gestalt im Großen und Ganzen weder Liebe noch Hass hervorzurufen vermag, sondern lediglich schmerzfreie Indifferenz." Davon machen wir uns ein eigenes Bild:



Im September bietet sich im Berliner Gendarmenmarkt mit der Aufführung von Abel Gance' restauriertem Stummfilm "La Roue" (1923) und der Originalfilmmusik ein fast neunstündiges, aber sicherlich sehr exquisites Vergnügen, schreibt Christiane Tewinkel in der FAZ: Winrich Hopp, der künstlerische Leiter des Musikfests, verspricht jedenfalls "eine Tour de France durch die Musikgeschichte", denn zu hören bekommt das Publikum ein "Hybridwerk aus Aberdutzenden Nummern der französischen Moderne". Damit  "einen seinerseits avantgardistischen Film zu begleiten, das zeugt von aufführungspraktischem Ehrgeiz. ... Wenig hat dieses Konzept von Stummfilmmusik mit der Tradition der improvisierten Live-Begleitung zu tun, in allem verweist es stattdessen auf den Anspruch einer Tonkunst, die eben nicht mit dem Arbeitsziel der klanglichen Untermalung entstanden ist, sondern erst im Nachhinein, längst existent, zu intermedialer Verschwisterung gefunden hat."

Weiteres: Festival-Jetsetter Manuel Brug hat es mittlerweile zum Lucerne Festival verschlagen, wo er einen Mahler-Abend mit Bernard Haitink erlebte, von dem er in seinem Welt-Blog berichtet. Gerrit Bartels berichtet im Tagesspiegel vom Auftakt des Berliner Festivals Pop-Kultur. In der FAZ gratuliert Dietmar Dath dem früheren Rocker und heutigem Schauspieler Rick Springfield zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden Whitneys neues Album "Forever Turned Around", das für taz-Kritiker Jan Jekal schon mal den Herbst einläutet, die erstmalige Veröffentlichung in Gänze von Miles Davis' in den 80ern für Warner eingespieltem Album "Rubberband", das Welt-Kritiker Josef Engels zwar nicht gerade vom Hocker reißt, aber immerhin "interessante Details" offenbart, das neue Album von Bon Iver (Standard, mehr dazu bereits hier und dort), ein Auftritt von Khatia Buniatishvili in Salzburg (Standard) und Ludwig Güttlers Konzert beim Rheingau Musik Festival (FR).
Archiv: Musik