Efeu - Die Kulturrundschau

Himmelfahrt und Höllensturz

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.07.2019. Die Feuilletons trauern um Brigitte Kronauer, Peter Hamm und Art Neville. Die Berliner Zeitung staunt in der Leipziger Ostkunst-Ausstellung "Point of No Return", wie einig sich Staatskünstler und Dissidenten einst waren. Die Filmkritiker erliegen der flirrenden Intensität von Pedro Almodóvars autofiktionaler Nostalgiereise "Leid und Herrlichkeit". In der SZ erklärt Peter Sellars, weshalb er in seinem "Idomeneo" bei den Salzburger Festspielen ganze Arien strich: "Wir haben nicht 1936".
9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.07.2019 finden Sie hier

Literatur

Das Feuilleton trägt heute doppelt schwarz: Sowohl die Schriftstellerin Brigitte Kronauer, als auch der Literaturkritiker, Autor, Radiomacher und Handke-Verehrer Peter Hamm sind gestorben.

Kronauer "machte aus dem, was sie sah, hörte und sich ausdachte, Kunstwerke, die in der deutschen Sprache ihresgleichen suchen", schreibt Meike Fessmann im Tagesspiegel. "Sie liebte die langen Sätze, die Möglichkeiten von Para- und Hypotaxe, das Geflecht der Wörter, das riesige Reservoir der Tradition. ... Apollinische Klarheit und dionysische Trunkenheit waren bei ihr fein austariert." Schon mit ihren ersten literarischen Lebenszeichen "trat sie als fertige Schriftstellerin in die Welt, mit lauter nahezu perfekten Romanen", schreibt Thomas Steinfeld in der SZ, der ihrer Art zu schreiben "etwas Damenhaftes" attestiert, sofern man darunter "etwas Feines, Diskretes und Elegantes versteht. Das Ineinander von Himmelfahrt und Höllensturz aber kannte sie gewiss, und vermutlich durchaus nicht nur in der Literatur."

Kronauer war eine Dichterin, meint Jochen Hieber in der FAZ, auch wenn sie Romane schrieb, denn sie "konnte eine Aura ihr Eigen nennen, die durch und durch poetisch war." Die Autorin "hat mit der scharfkantigen Präzision der Wörter gearbeitet, um zu zeigen, was hinter ihnen schillert", würdigt Paul Jandl die Verstorbene in der NZZ: "Sie hat Gebirge aufgeschüttet und Meere geschaffen, um vom Größten bis ins Kleinste zu kommen und von der Immanenz zur Transzendenz." Und ein auf den ersten Blick etwas ungewöhnlich anmutendes Kompliment macht Standard-Kritiker Bert Rebhandl: "Wenn es so etwas gäbe wie substanzielles Dampfplaudern, dann wären ihre Werke damit gar nicht schlecht beschrieben. Gedankenmusik hat ein Kollege im Standard das einmal pointiert genannt: ein Schreiben an der Grenze, an der Sprache aufhören darf, etwas genau bedeuten zu müssen, und die Freiheit gewinnt, poetischer Ausdruck zu sein." Dlf Kultur hat ein 2010 geführtes Gespräch mit Kronauer wieder online gestellt.

Wechsel zu Peter Hamm: Bis zuletzt hat Michael Krüger den Kranken am Sterbebett besucht, schreibt der frühere Verleger in einem sehr persönlichen Nachruf in der FAZ: "Gestern auf seinem Totenbett sah er wie ein Dreißigjähriger aus, der Schmerz und die Melancholie waren verschwunden. Der letzte Satz, den er mir zuflüsterte, lautete: So viele Bücher, und keines kann ich mitnehmen. Ich habe mich nicht getraut, ihm mit einem Zitat von Simone Weil zu antworten, das er über alles geliebt hat: 'Hat man einmal begriffen, dass man nichts ist, so ist das Ziel aller Anstrengungen, nichts zu werden.'" Hamm "war im emphatischen Sinn ein Vermittler", schreibt Thomas Steinfeld in der SZ, "und dazu einer von der fleißigen, persönlich produktiven, schreibenden Sorte." Weitere Nachrufe schreiben Martin Ebel (Welt), Gregor Dotzauer (Tagesspiegel) und Stefan Gmünder (Standard).

Weitere Artikel: Schriftsteller Alain Claude Sulzer berichtet in der NZZ vom Scheitern an einem Roman. In seiner "Lahme Literaten"-Kolumne nimmt sich Magnus Klaue diesmal den Schriftsteller Georg Klein vor. Autorin Nora Bossong weint im Tagesspiegel dem Schöneberger Café Sur nach, das nach einem Pächterwechsel einfach nicht mehr dasselbe sei. Verleger Alexander Wewerka spricht in der Stuttgarter Zeitung über seine verdienstvolle Neu-Ausgabe der Krimis von Ross Thomas. Jan Küveler erinnert in der Welt an den vor 50 Jahren gestorbenen, polnischen Schriftsteller Witold Gombrowicz.

Besprochen werden neue Lyrikbände von Daniela Chana, Gerhard Falkner und Klaus Merz (taz), neue Comics von Pascal Rabeté und Jacques Tardi, die sich mit dem Zweiten Weltkrieg befassen (NZZ), Wioletta Gregs "Die Untermieterin" (Berliner Zeitung), Norbert Gstreins "Als ich jung war" (Standard), Norbert Scheuers "Winterbienen" (FR), Nicolas Mathieus "Wie später ihre Kinder" (SZ) und Leila Slimanis "All das zu verlieren" (FAZ).
Archiv: Literatur

Kunst

Wasja Götze. "Die reizende Mauer. 1988" Privatbesitz. Foto: Wasja Götze

Als "Meilenstein aller bisherigen Ausstellungen von Ostkunst" würdigt Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung die Ausstellung "Point of no Return" im Leipziger Museum der Bildenden Künste, die 300 Bilder, Plastiken und Installationen von 106 KünstlerInnen aus Ostdeutschland, darunter erstmals Dissidenten und Staatskünstler vereint, zeigt und Ruthe eindringlich die Notwendigkeit der gesellschaftlichen wie ästhetischen Gleichstellung der Ostkunst vor Augen führt: "Die Leipziger Malerin Doris Ziegler hatte nicht mehr gehofft, ihren im Atelier lagernden Zyklus zur 'Großen Passage' von 1989/90 mit derartigem Aplomb zeigen zu können. Nun gehört ihrem packenden Werk, das sich auf Walter Benjamin bezieht und auch auf die im Raum verschachtelte Figurensprache Max Beckmanns abhebt, ein ganzer Saal. Sie stellt sich dar als Tänzerin oder Pierrot im verwirrenden, chaotischen, turbulenten Umbruchgeschehen, scheinbar handlungsstarr, auch scheu, fast angstvoll vor dem, was kommt, nackt und verletzlich auf einer Brücke, auf der sich die Massen - ein ganzes Land - aufmachen in die große Passage. Aus dem realen Sozialismus in die Freiheit. Und in den realen Kapitalismus."

Leiko Ikemura. Eintauchen. 1999. Foto Lothar Schnepf.

In der NZZ lernt Angelika Affentranger-Kirchrath die "Schönheit der Zwischenbereiche" kennen im Werk der japanischen Künstlerin Leiko Ikemura, das derzeit im Kunstmuseum Basel ausgestellt wird. Vertraute Bedeutungen werden auf den Kopf stellt: "Der Engel im Werk 'Verkündigung', das die Retrospektivausstellung im Kunstmuseum Basel eröffnet, ist kein schöner, blonder Jüngling, sondern eine schwarzhaarige Frau mit spitzen Brüsten, die mit dem Kopf nach unten ins Bild ragt. Am Ende der Ausstellung erwartet uns eine eindringliche Skulptur in der Gestalt eines kleinen, auf dem Boden liegenden Mädchens - sein Leib ist halb Muschel, halb Mensch. Mit riesigen blauen Augen starrt es etwas an, das wir nicht sehen. Der Titel 'Memento mori' deutet es an, ohne es auszusprechen. Ikemuras Vorstellung des Todes ist nicht dunkel, nicht in die Gestalt eines alten Knochenmanns gekleidet, ihre Todesahnung erscheint als weiße Jungmädchengestalt."

Besprochen werden die Sigalit-Landau-Ausstellung im Museum der Moderne in Salzburg (Standard), die Ausstellung "Feministische Avantgarde der 1970er-Jahre. Werke aus der Sammlung Verbund, Wien" (Standard) und die Ausstellung "Henri de Toulouse-Lautrec" im Schweinfurter Museum Schäfer (FAZ).
Archiv: Kunst

Film

Rote Farbtöne m Kontrast: Penelope Cruz in "Leid und Herrlichkeit"

In Cannes gefeiert, läuft Pedro Almodóvars autofiktionale Nostalgiereise "Leid und Herrlichkeit" (mit Antonio Banderas als Almodóvars Alter Ego) in dieser Woche nun auch in den deutschen Kinos an. In SZ-Kritiker Rainer Gansera hat der spanische Auteur einen glühenden Verehrer gefunden: "Ohne exaltiertes Pathos, doch mit flirrender Intensität darf alles leuchten: die feinnervig gezeichneten Figuren, die Melodie einer Szene, die Farben, vor allem das Rot, das er in jedem Ambiente, kontrastierend zu Blau/Grün/Grau, zur Geltung bringt. Almodóvar dekliniert seine Lieblingsfarbe exzessiv, vom Purpur bis zum Pop-Rosa, und setzt damit auf der Leinwand der Erinnerung die Akzente der Leidenschaft." Schlicht umgeworfen ist auch Verena Lueken in der FAZ: "Almodóvar war immer ein Meister. Aber nie so sehr wie hier."

Etwas abwägender schätzt Andrey Arnold in der Presse den Film ein: "Manchmal hat die ausgestellte Melancholie auch etwas Selbstmitleidiges, wirkt wie das Luxuslamento eines gutbetuchten Großkünstlers (noch ist Almodóvars periphere Verwicklung in die Panama-Papers-Affäre nicht ganz vergessen). Doch die Gefühle schwappen nie über, und genau das berührt." Und für Tagesspiegel-Kritikerin Christiane Peitz steht dieser Film gleichberechtigt in der Tradtion von Filmen, in denen Regisseure über sich, ihr Werk und ihre Arbeit sinnieren.

Weitere Artikel: Dem Berliner Publikum rät Carolin Weidner in der taz dazu, heute Abend ins Lichtblick-Kino zu gehen, wo Just Jaeckins Verfilmung von Dominique Aurys SM-Klassiker "Die Geschichte der O" läuft. Besprochen wird außerdem Brady Corbets "Vox Lux" mit Natalie Portman (taz, critic.de).
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Archiv: Film

Bühne

"Wir leiden unter einem Meisterwerk-Komplex", sagt im SZ-Gespräch mit Egbert Tholl der Regisseur Peter Sellars, dessen Inszenierung von Mozarts "Idomeneo" am Samstag bei den Salzburger Festspielen Premiere feiert und der gemeinsam mit Dirigent Teodor Currentzis ganze Arien strich: "Wir stimmten beide darin überein, dass wir die Arie 'No, la morte io non pavento' hassen, die einzige, die von dieser Szene, von dem dramatischen Höhepunkt erhalten ist. Da singt Idamante, er werde gern sterben, wenn es seinen Vater und sein Vaterland glücklich macht. Wir haben nicht 1936, Hitler sitzt im Publikum und der Sänger ist blond. Ich kann diese Arie nicht auf der Bühne haben, sie ist ein Stück Müll."

Im FR-Interview mit Michael Schleicher blickt der desiginierte Direktor des Wiener Burgtheater Martin Kusej stolz auf seine Intendanz am Bayerischen Staatsschauspiel München zurück - und respektvoll in die Zukunft am Burgtheater in politisch aufgeregten Zeiten: "Von mir wird wahnsinnig viel erwartet in dieser Richtung, weil ich bekanntermaßen ein politisch agierender Mensch bin. Dieser Erwartungsdruck ist mir fast ein bisschen zu groß. Ich bin keine Bürgerbewegung oder Opposition."

Weitere Artikel: In der FAZ-Serie "Spielplanänderung" plädiert der Rechtsanwalt Peter Raue für Friedrich Hebbels Trauerspiel "Herodes und Marianne".
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Musik

Funk-Pionier Art Neville ist gestorben. "Wenn die Essenz der Musik aus New Orleans - mit ihrem Backbeat, den subtilen Gegenrhythmen, ja dem ganzen Straßen-Jazz - sich nach Afrika zurückverfolgen lässt, dann waren es Musiker wie Art Neville, die dieses Gefühl Ende der Sechziger in die Hip-Hop-Zukunft katapultierten, indem sie es abspeckten und verlangsamten", schreibt Jonathan Fischer in der SZ. Auf Youtube-Music stehen die gesammelten Alben von Nevilles Band The Meters, ein wunderbarer Soundtrack zu den heißen Temperaturen:



Besprochen werden Igor Levits Konzert bei den Salzburger Festspielen (Standard), Kelsey Lus Berliner Auftritt (taz, Tagesspiegel), George Bensons Berliner Konzert (Tagesspiegel), eine Vinyl-Edition von Iggy Pops ursprünglich im Jahr 1982 erschienenem Album "Zombie Birdhouse" (Jungle World) und neue Popveröffentlichungen, darunter die neue EP von Haiyti (SZ).
Archiv: Musik