Efeu - Die Kulturrundschau

Als wäre man ganz Auge

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19.07.2019. Luc Bessons coole Killerinnen haben sich irgendwie überlebt, findet die SZ. Phoebe Waller-Bridges' bitterböse Mörderinnen mit Sex-Appeal liegen dagegen im Trend, versichert die NZZ. Zeit online unterhält sich mit der queeren Schriftstellerin Eileen Myles. Die FAZ beobachtet Perfomance-Kunst durch eine VR-Brille. Die taz hört Rock'n'Roll-Musikerinnen. 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.07.2019 finden Sie hier

Film

Im Zombiestadium: Luc Bessons "Anna"

Coole Killerinnen und Agentinnen auf die Leinwand zaubern war einmal die Spezialität des französischen Regisseurs Luc Besson. Nur scheint dem Meister gerade ein bisschen das Händchen dafür zu fehlen, stellt SZ-Kritikerin Juliane Liebert nach der Sichtung von Bessons neuestem Film "Anna" fest: Dem Film mangelt es einfach an jeglicher Form von Esprit und Finesse, bedauert sie. "Bessons Kino der ikonisierten schönen jungen Frauen ist endgültig im Zombiestadium angekommen. ... Das mag daran liegen, dass Bessons Frauenvision von der Zeit überholt wurde. Seine Art, Frauen im Genre zu überhöhen, zu sexualisieren und gleichzeitig 'positiv' zu entmenschlichen, indem er sie mit irgendwelchen Superkräften versieht, wirkt angesichts der gesellschaftlichen Debatten und realen Veränderungen der letzten Jahre einfach albern."

Sehr viel heutiger wirkt dagegen die Drehbuchautorin Phoebe Waller-Bridges, um die sich nach zwei Staffeln "Fleabag" alle - sogar das Bond-Franchise - reißen, schreibt Marion Löhndorf in der NZZ: "Auf bitterböse Mädchen mit Sex-Appeal hat Waller-Bridge sich spezialisiert: Die erste Staffel der ebenfalls von ihr geschriebenen TV-Serie 'Killing Eve' (2016) gedieh zum derzeit beliebtesten Box-Set der BBC mit 53 Millionen Abfragen. ... Die typischen Männerrollen von Serienkiller und Verfolger sind hier weiblich besetzt, und die Klischees dieser Standard-Anordnung werden subtil ridikülisiert."

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel schreibt Andreas Busche über die FSK die dieser Tage ihr 70-jähriges Bestehen feiert und dringend reformbedürftig sei: Das "Jubiläum wäre also ein guter Anlass, über neue Strukturen nachzudenken." Für Artechock reist Rüdiger Suchsland mit dem Kino zum Mond.

Besprochen werden Cyril Schäublins "Dene wos guet geit" (Tagesspiegel, unsere Kritik hier), Yann Gonzalez' "Messer im Herz" (Artechock, mehr dazu bereits hier) und Jon Feavreaus Neuverfilmung des "König der Löwen" ("ein Monument der Fantasielosigkeit", schreit Daniel Kothenschulte in der FR auf).
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Literatur

Lara Konrad hat sich für ZeitOnline zu einem ziemlich epischen Gespräch mit der vom hiesigen Feuilleton bislang quasi nicht beachteten, 69 Jahre alten amerikanischen queeren Schriftstellerin Eileen Myles getroffen. Es geht darin sehr konzentriert um Fragen nach der gesellschaftlichen Position des Schreibens kreist, wenn die Position, von der aus man schreibt, eine marginalisierte ist. Unter anderem geht es um Nostalgie - oder gerade deren Abwesenheit: "Ich fand die Gegenwart immer toll", sagt Myles. "Ein Großteil meines Schreibens handelt vom Staunen, und vieles davon hat damit zu tun, dass ich eine queere Dichterin bin. Oder damit, welcher Klasse ich entstamme - wie gering die Wahrscheinlichkeit war, dass ich einmal eine Schriftstellerin werden würde, angesichts der gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen ich aufgewachsen bin … In jüngeren Jahren dachte ich, ich erlebte Dinge, die nicht in Büchern beschrieben wurden. Und das ist so, weil Leute wie wir eigentlich keine Schriftsteller werden." Auch der Merkur hat mit der Dichterin vor kurzem gesprochen.

Weiteres: In der FR schreibt Arno Widmann über den vor 200 Jahre geborenen Schweizer Schriftsteller Gottfried Keller, dem die SZ heute ihre Literaturseite widmet. Außerdem gratuliert Arno Widmann der Verlegerin Katharina Wagenbach-Wolff zum 90. Geburtstag.

Besprochen werden Maylis de Kerangals "Eine Welt in den Händen" (NZZ), Catherine Laceys "The Girlfriend Experiment" (online nachgereicht von der Welt), Georg Leß' Lyrikband "Die Hohlhandmusikalität" (Tagesspiegel) und Jörg-Dieter Kogels "Im Land der Träume - mit Sigmund Freud in Italien" (FAZ). Außerdem empfiehlt die NZZ 12 Bücher für den Sommer.
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Bühne

Trotz Grillengezirp, Regenguss und konventioneller Aufführungen - Reinhard J. Brembeck (SZ) liebt die Open-Air-Aufführung. Dorion Weickmann stellt in der SZ den Choreografen Benjamin Millepied vor, dessen "L.A. Dance Project" (LADP) beim Wolfsburger Tanzfestival "Movimentos" auftreten wird.

Besprochen wird Philipp Stölzls Inszenierung von Verdis "Rigoletto" bei den Bregenzer Festspielen ("bunte Kaffeefahrt-Unterhaltung", schnaubt Wolf-Dieter Peter in der nmz, Stefan Ender ist im Standard ein bisschen freundlicher)
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Stichwörter: Bregenzer Festspiele

Kunst

Whiteout, Still, Performance Christian Falsnaes © NRW-Forum Düsseldorf, New Scenario


Von Performances bleibt nach ihrem Ende nicht viel übrig, Aufzeichnungen auf Video sind einfach unbefriedigend, meint FAZ-Kritikerin Ursula Scheer. Man könnte natürlich am Geschehen auch über Virtual Reality teilnehmen. Im Düsseldorfer NRW-Forum wird das mit der VR-Schau "Whiteout" gerade ausprobiert. Also setzt Scheer VR-Brille und -Kopfhörer auf und stürzt sich - ohne virtuellen Körper - ins Geschehen: "Als wäre man ganz Auge oder ein Geist, gleitet man durch die weiße Raumillusion und rückt an die Akteure heran, ohne sie jedoch umrunden zu können. Eingreifen in das Gesehene kann der Zuschauer nicht. Aufgezeichnet statt live gesendet, läuft das Geschehen immer wieder unveränderlich ab. Unsichtbar für die Akteure wie andere Besucher, wird der Zuschauer auch nicht Teil einer Gemeinschaft. Stattdessen rückt ihn die Simulation entgrenzter Nähe in eine neue, unangenehme Position: die des einsamen Voyeurs."

Besprochen werden außerdem die Medienkunstausstellung "The Edge of Now" im ZKM Karlsruhe (taz-Kritiker Tom Mustroph ist ziemlich enttäuscht, weil ein Teil der Video-Kunst wegen technischer Pannen nicht funktioniert), eine Ausstellung von übermalten Fotografien im Hannoverschen Sprengel-Museum (taz) und eine Schau zur Kultur der Antikmetropole Baalbek im Sursock Museum in Beirut (FAZ).
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Architektur

Francine Speiser stellt die Schweizer Architektin Beate Schnitter vor, deren Villa Gelpke-Engelhorn kurz vor ihrem 90. Geburtstag der Abriss droht. In der Welt erinnert Dankwart Guratzsch an die 1913 erbaute aerodynamische Dresdner Luftschiffhalle.
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Musik

Klassischer Rock'n'Roll - Männersache. Irrtum, schreibt Julia Lorenz in der taz, die sich eingehend mit Leah Branstetters online zugänglichen Dissertation beschäftigt hat. Die amerikanische Musikwissenschaftlerin legt darin die Geschichte der Frauen in der ersten Rock'n'Roll-Welle der 50er offen, in der sich hunderte von Musikerinnen und Sängerinnen tummelten, deren Namen heute in Vergessenheit geraten sind, darunter Janis Martin, Wanda Jackson und Lillian Briggs. Gängige Fifties-Klischees von Rock'n'Roll-Rebellen und Petticoat-Püpchen "haben viele weibliche Erfolgsgeschichten verdrängt. Einige der Künstlerinnen in Branstetters Almanach waren zu ihrer Zeit nämlich nicht mal Undergroundphänomene, sondern durchaus erfolgreich in den Charts. 'Wir müssen unsere Scheuklappen bewusst abnehmen und nach den Künstlerinnen suchen, die wir ignoriert haben, weil sie nicht in unsere Wahrnehmung von Rock-'n'-Roll-Musik passen. .. Eine Herausforderung, von der mir viele Künstlerinnen erzählt haben, war die, Touren und Familienplanung zu verbinden. Vor allem in den 50ern", sagt Branstetter. Manche Frauen entschieden sich dafür, ihre Karriere auf Eis zu legen, während sie ihr Kind großzogen, oder setzten sich gleich ganz zur Ruhe. Das Dumme: Zu jener Zeit heirateten Frauen in den USA im Durchschnitt mit 18 Jahren." Hier hören wir Janis Martin:



Weiteres: Im Standard porträtiert Christian Schachinger die südkoreanische DJ Peggy Gou, die binnen kurzer Zeit zum Superstar unter den Plattenauflegern avanciert ist. Besprochen werden neue Alben von Kate Tempest (FR) und Bleached (taz) sowie Konzerte von Benjamin Appl (FR) und Bon Jovi (Presse, Standard).
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