Zum einzigen Ergebnis weitergeleitet

Efeu - Die Kulturrundschau

Poesie des Unheimlichen

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.05.2019. Die FAZ erkundet in Hannover und Basel das Zusammenspiel von KI und Kunst. Und Ian McEwan überlegt, wie Maschinen die besseren Menschen werden können. Die NZZ tritt in Zürich mit Barbara Frey und James Joyce in einen Dialog mit den Toten. Die Welt amüsiert sich mit einem Superflamingo in der New Yorker Camp-Ausstellung. Zeit online erinnert daran, dass Camp auch auf der Straße bestehen können muss. Die Filmkritiker in Cannes schwärmen für  Mati Diops Debütfilm "Atlantique".
9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.05.2019 finden Sie hier

Kunst

"Uncanny Mirror", Mario Klingemann, Bild via Twitter Mario Klingemann


Am Ende kommt es doch immer noch auf den Menschen an, seufzt erleichtert Ursula Scheer, die für die FAZ zwei Ausstellungen besucht hat, die zeigen, was sich mit KI in der Kunst anfangen lässt: "Artistic Intelligence im Kunstverein Hannover und "Entangled Realities - Leben mit künstlicher Intelligenz" im HeK Basel. Neben den Arbeiten von Anna Ridler, die in beiden Ausstellungen zu sehen ist, haben ihr besonders Mario Klingemanns Arbeiten imponiert, der in Basel seinen "Uncanny Mirror" vorführt, einen digitalen Spiegel, der Gesichter im Ausstellungsraum abscannt und mit Hilfe von Generative Adversarial Networks (GAN) zu reflektieren sucht. "Ein unendlicher Bildstrom wie aus einem Albtraum Francis Bacons entsteht: Die Netzwerke erkennen uns nicht, sondern unterwerfen uns ihren Mustern. Sie halluzinieren; in ihren 'Träumen' zerfließen Körper und Identitäten. In Hannover variiert Klingemann mit 'Mistaken Identity' das Spiel auf zwei altmeisterlich holzgerahmten Bildschirmen, in denen GAN kunsthistorische Porträts zu verzerrten Antlitzen verkneten: links maskulin-dunkel, wie in Öl gemalt, rechts feminin-pudrig, wie mit Pastellkreide gezeichnet. Peinture automatique - die Nähe zum Surrealismus unterstreicht eine Retro-Kommode, die den Rechner birgt. KI wirkt wie das Unbewusste, das uns nicht zugänglich ist, und schafft seltsame Verbindungen."

Auf Hyperallergic feiert Joseph Nechvatal die Retrospektive des rumänischen Künstlers Isidore Isou, die das Centre Pompidou ausgerichtet hat: Isou floh 1945 von Rumänien nach Paris, landete in Saint-Germain-des-Près unter den Surrealisten, wo er zusammen mit Gabriel Pomerand die Lettrismus-Bewegung begründete, "die theoretische Wurzeln in der surrealistischen literarischen Tradition und dem avantgardistischen Phonetismus des Dada hatte. Der Lettrismus inspirierte die phonetischen Klanggedichte von Tzara, Raoul Hausmann und Kurt Schwitters, deren nihilistisches Ziel es war, den Zusammenbruch der nationalen Kommunikation auszulösen, denn genau das war es, was zum Ersten Weltkrieg führte. Im Gegensatz zu den Dadaisten konzentrierten sich die Lettristen jedoch auf Blöcke von rhythmisch organisierten Buchstaben, abstrakten Symbolen und Klängen; für Isou waren die Lettristischen Gedichte atonalen, rhythmischen Musikkompositionen ähnlich."

Hier was zum Hören: Die Einführung ist auf Französisch, aber für die Klanggedichte werden auch deutsche Wörter benutzt.



Weiteres: In der New York Review of Books schreibt Colm Toibin über die "Wasserfall"-Gemälde von Pat Steir. Zachary Small berichtet auf Hyperallergic über die Whitney Biennale. Sarah Alberti schreibt im Freitag über Natascha Süder Happelmanns "steinigen Weg nach Venedig". Annett Gröschner schreibt auf Zeit online über die Ausstellung "Die Ostdeutschen" des Fotografen Roger Melis. In der Welt amüsieren sich Carlotta Vorbrüggen und Matthieu Praun mit Snapchat Genderswapping.
Archiv: Kunst

Literatur

"Mich fasziniert die menschliche Interaktion mit einer Maschine, die man in einem Moment nur als Computer wahrnimmt und im nächsten als Menschen behandelt", erklärt Ian McEwan im FAZ-Gespräch über seinen neuen, zwar in der Thatcher-Zeit spielenden, aber mit dem historischen Material frei hantierenden Roman "Maschinen wie ich", in dem unter anderem auch Computerpionier Alan Turing einen wichtigen Auftritt hat. Der Schriftsteller wollte weg vom Frankenstein-Motiv, "den überragenden Text der Moderne über den künstlichen Menschen. Frankensteins Monster wird zum Mörder. Er ist zur Metapher geworden für die Gefahren der Technologie. Mich beschäftigt die Möglichkeit, dass wir eine menschenähnliche Maschine herstellen, der wir unsere besten Eigenschaften überlassen. Denn wir wissen, wie wir gut sein können, aber es gelingt uns oft nicht, gut zu sein."

Weitere Artikel: Auf zwei SZ-Seiten bekennen sich Schriftstellerinnen und Schriftsteller zu Europa, darunter Jaroslav Rudiš, der die Reise durch Europa per Bahn sehr schätzt, und A.L. Kennedy, die mit pathos-schwerer apokalyptischer Geste dröhnt: "Entweder werden wir die Werte wiederentdecken, die Europa vereint haben und die der Mehrheit der Einwohner jahrzehntelang Bewohnbarkeit und Frieden beschert haben, oder wir werden in großer Zahl sterben." Die taz trauert weiterhin um Wiglaf Droste (weitere Nachrufe hier), einen der wohl schwierigsten Mitarbeiter und Autoren in der Geschichte des Blattes: Heide Oestreich kommt auf Drostes schwieriges Verhältnis zum Feminismus zu sprechen, das immerhin einige witzige Texte abwarf. Ralf Sotscheck erinnert sich an eine gemeinsame Reise nach Irland. Die Agenturen (hier auf ZeitOnline) melden außerdem, dass der Schriftsteller Herman Wouk gestorben ist. Die Literarische Welt veröffentlicht außerdem Romannotizen des kürzlich verstorbenen Modebloggers Carl Jakob Haupt.

Besprochen werden Preti Tanejas "Wir, die wir jung sind" (taz), Jochen Schmidts "Ein Auftrag für Otto Kwant" (taz), Manfred Maurenbrechers "Grünmantel" (taz), Heinrich Deterings Lyrikband "Untertauchen" (ZeitOnline), Jonathan Franzens Essayband "Das Ende vom Ende der Welt" (SZ) und Wolf Biermanns Novellensammlung "Barbara" (FAZ).
Archiv: Literatur

Bühne

"Die Toten". Foto © Matthias Horn


In der NZZ ist Daniele Muscionicoi hin und weg von Barbara Freys letzter Inszenierung als Intendantin am Zürcher Schauspielhaus: Mit ihrem James-Joyce-Abend "Die Toten" zeigt sie "ihren heißesten Glutkern bei aller rationalen Klarheit. Was sich hundertzwanzig Minuten lang auf der Bühne des Schauspielhauses zuträgt, ist zu hundert Prozent Barbara Frey, es ist ihr Bestes: überragende Musikalität bei kompromisslosem Formwillen. ... Mit ihrer Abschiedsinszenierung überlässt sie dem Publikum etwas, für das erst das Genre gefunden werden muss. Es ist die Sprache von James Joyce, die Stoff ist für ein Oratorium und eine Totenbeschwörung. Denn das ist und war ja stets das unbestechliche Ziel ihrer Kunst: Theater sollte, gemäß der alten griechischen Idee, auch ein Dialog mit den Toten sein."

Auch Valeria Heintges bewundert in der nachtkritik Freys Inszenierung, rutscht dabei aber auf ihrem Stuhl herum: "Ja, das ist perfekt auf den Punkt gespielt. Ja, das ist hochmusikalisch und hochgekonnt dargeboten, vom ganzen Ensemble, herausragend Elisa Plüss und Claudius Körber. Aber doch sind die Stühle im Pfauen selten so unbequem gewesen. Das Hochkünstlerische ist hochartifiziell. Es fehlt ihm ein wenig an Leben."

Weiteres: Der Freitag hat sein Interview mit She She Pop online nachgereicht. Besprochen werden Karin Henkels Inszenierung der "Großen Gereiztheit" nach Thomas Manns "Zauberberg" am Zürcher Schauspielhaus (nachtkritik und FAZ, die das Stück zusammen mit Barbara Freys Inszenierung von James Joyces "Die Toten" bespricht) sowie Gordon Kämmerers Inszenierung von Bernhard Studlars "Nacht ohne Sterne" in Leipzig (Freitag).
Anzeige
Archiv: Bühne

Film

Die Ungewissheit der Zurückgelassenen: Mati Diops "Atlantique"

Mati Diops in Cannes gezeigter Debütfilm "Atlantique" wurde gestern schon in der SZ besprochen (unser Resümee). Jetzt zeigen sich mehr Kritiker begeistert von diesem Film, der ein erstes großes Highlight in Cannes ist: Der Film "verbindet das reale Migrationsdrama, das sich seit Jahren im Mittelmeer abspielt, mit einer jugendlichen Liebes- und einer Geistergeschichte", erklärt Andreas Busche im Tagesspiegel und freut sich sehr: Denn hier "hat das Kino eine neue, ausdrucksvolle Erzählstimme gefunden." Spannend findet auch Beatrice Behn von kino-zeit.de den Film, der "alsbald die realistische Ebene verlässt und in die senegalesische Geisterwelt eintaucht, aus deren Tiefen die Stimmen der Toten und der Lebenden sprechen, die gequält von den repressiven Systemen sind, seien es das des postkolonialistischen, kapitalistischen Landes, das seine eigenen Kinder frisst, oder das der Religion."

Till Kadritzke bescheinigt dem Film auf critic.de "erstaunliches Gespür für Dauer und Rhythmus ... 'Atlantique' zieht seine Kraft aus dem Unbewussten und der Ungewissheit der Zurückgelassenen. Wir fragen inzwischen ja manchmal, immerhin, was diejenigen träumen, die fliehen müssen. Dieser Film fragt, was diejenigen träumen müssen, die bleiben." Und Tim Caspar Boehme lobt in der taz vor allem Fatima al-Qadiris Filmmusik, die entscheidenden Anteil an diesem Filmerlebnis hat: "Die suchenden digitalen Töne passen nicht so recht zum Rest, daher sind sie genau richtig. Ergebnis dieses Kontrasts von Bild und Ton ist eine wunderbar unaufgeregte Poesie des Unheimlichen." Bereits 2014 stellte Genevieve Yue die Filmeacherin Mati Diop, damals noch auf Kurzfilme und Experimentelles spezialisiert, im Film Comment als aufregendes neues Talent vor.

Außerdem aus Cannes: Lutz Meier lobt im Perlentaucher Waad-al-Kateabs Dokumentarfilm "For Sama" über Aleppo im Krieg: "Was Krieg bedeutet, ist schon oft erzählt worden, aber bei al-Kateab muss sich der Zuschauer vorstellen, wie es wäre, wenn es ihn selber träfe." Dokumentarfilme wie dieser, so Meier, könnten Cannes aus der Kunstkinokrise führen. Hanns-Georg Rodek hat für die Welt in Cannes derweil den neuen Film von Ken Loach und das Elton-John-Biopic "Rocketman" gesehen. Über letzteren schreibt auch SpOn-Kritikerin Hannah Pilarczyk. Aus Cannes berichten zudem Artechock, Kino-Zeit und critic.de, letztere auch mit täglichen Podcast-Lieferungen. Mehrfach täglich einen Blick wert: Der critic.de-Kritkerinnenspiegel. Mit Tweets vom Festival versorgen uns außerdem Jenny Jecke und Beatrice Behn.

Weitere Artikel: Sehr melancholisch blickt Dirk Knipphals in der taz darauf zurück, was aus "Game of Thrones" in den letzten Staffeln geworden ist: Die Serie habe viel zu viele ihrer ursprünglichen Qualitäten der "Logik der Entscheidungsschlacht" geopfert. Sabine Horst schreibt auf epdFilm über das Kino des japanischen Animationsfilmers Mamoru Hosoda, dessen neuer Film "Mirai" demnächst anläuft. Niki Stein (FAZ) und Christiane Peitz (Tagesspiegel) gratulieren Hark Bohm zum 80. Geburtstag. Besprochen wird die zweite Staffel der BBC-Serie "Fleabag" (SpOn).
Archiv: Film

Design


Links: Jeremy Scott (American, born 1975) for House of Moschino (Italian, founded 1983). Ensemble, spring/summer 2018. Courtesy of Moschino. Photo © Johnny Dufort, 2019. Rechts: Bertrand Guyon (French, born 1965) for House of Schiaparelli (French, founded 1927). Ensemble, fall/winter 2018-19 haute couture. Courtesy of Schiaparelli. Photo © Johnny Dufort, 2019

Man kann in der New Yorker Ausstellung "Camp - Notes on Fashion" versuchen zu ergründen, was Camp ist. Man kann sich dabei aber auch prächtig amüsieren wie Hannes Stein in der Welt: "Camp - das ist der Superflamingo, den das Maison Schiaparelli (offenbar in einem Anfall von kreativem Wahnsinn) aus rosa Plüsch geformt hat. Zwei schnäbelnde Vogelköpfe auf langen Hälsen, die zu einem gemeinsamen Körper verschmelzen, der dann seinerseits wieder ein monströser Vogelkopf ist. Umwerfend! Oder das Kleid, auf dem steht 'less is more' - allerdings bauscht sich das Kleid zu einer so gewaltigen Glocke aus lila gefärbtem Tüll, dass, wer es trüge, durch keine Tür mehr käme. Phänomenal!"

Auf Zeit online wird Tobi Müller etwas genereller, auch mit Blick auf den heute stattfindenden Eurovision Song Contest: "Camp ist Ironie, Performance, aber auch eine Künstlichkeit, die in der Realität bestehen muss: "Die Verkleidung wird dann zur ernsten Sache, wenn man nach dem Ball unbehelligt in öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause kommen will. Noch gefährdeter als eine Frau in der Subway war nur ein Mann, der wie eine Frau aussehen wollte. ... Man muss die Realitäten sehen: Wenn sich mehr als 200 Millionen Menschen das Finale [des ESC] ansehen, ist das wirklich kein Safe Space für Minderheiten mehr. Allerdings waren Schutzräume auch nie das Hauptanliegen von Camp. Camp sucht nicht die Abschottung, sondern probt die Anerkennung unter spielerischen Bedingungen. Camp will hinaus in die Welt und sucht Wege, die Dialektik von Zugehörigkeit und Autonomie auf dem Feld der Ästhetik aufzuführen. Auch dort, wo es unangenehm wird, etwa mit Politikern wie Netanjahu."
Archiv: Design

Architektur

Weitere Nachrufe auf den Architekten I.M. Pei: Ulf Meyer (NZZ), Nikolaus Bernau (Berliner Zeitung), Niklas Maak (FAZ), Peter Richter (SZ)
Archiv: Architektur

Musik

Durchaus nachvollziehbar und glaubhaft findet NZZ-Kritiker Christian Wildhagen die Gründe dafür, dass Michael Haefliger, Intendant des Luzerner Musikfestivals, die beiden Programmschienen zu den Ostertagen und im Spätherbst gestrichen hat: Mag auch der Aufschrei nachvollziehbar sein, Kulturinstitutionen, die sich Neuerungen und Reformen sperren, sind doch spürbar Verkrustungsrisiken ausgesetzt. Christian Schachinger porträtiert im Standard Marlene Engel, die in Wien das Hyperreality-Festival kuratiert. Von einer Kuriosität am Rande des Eurovision Song Contests spricht Julia Hoffmann in der Jungle World: Die isländische Band Hatari steht selbst der BDS-Bewegung nahe, tritt aber dennoch in Tel Aviv auf (auch mit der Agenda, Israel zu "kritisieren"), wird dafür aber nun ihrerseits vom BDS kritisiert. Im ZeitMagazin träumt Säusel-Komponist Ludovico Einaudi.

Besprochen werden das neue Album von Aldous Harding (SZ), ein Auftritt des Artemis-Quartetts in neuer Besetzung (Tagesspiegel), Kirill Gersteins Wiener Konzert (Standard), ein Konzert der Bamberger Symphoniker in Prag (FAZ) und Nola is Callings zwischen Jazz und Hip-Hop angesiedeltes, in New Orleans entstandenes Album "Sewing Machine Effects" (taz). Eine Hörprobe:

Archiv: Musik