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Efeu - Die Kulturrundschau

Weiches Raunen

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.05.2019. In Cannes haben die Filmkritiker mehr Spaß mit einer Wildlederjacke von Quentin Dupieux als mit den Zombies von Jim Jarmusch. Die FAZ blickt mit Rene Jacobs Einspielung der Missa Solemnis vom Boden aus staunend in den Himmel. Die Zeit schnauft, bebt und lebt mit  Sunn o)))s neuem Album "Life Metal". In der SZ erklärt uns Thomas Meinecke die ozeanische Schreibweise. Ausgerechnet eher rechts gewandte Künstler haben die Idee von der Kunstfreiheit von einer Linken übernommen, die davon kaum noch etwas wissen will, erkennt Wolfgang Ullrich in der Zeit.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.05.2019 finden Sie hier

Film

Iggy Pop, unwesentlich maskiert: "The Dead Don't Die"

Auch die nachgereichten Kritiken zu Jim Jarmuschs "The Dead Don't Die" (mehr dazu bereits im Efeu von gestern) sind nicht gerade überwältigt von diesem Festivalauftakt: Mitunter verströmt diese inkonsistente "Pop-Apokalypse" (so Hanns-Georg Rodek in der Welt) "den Mief des Altbekannten", meint Andrey Arnold in der Presse. Der eindrucksvolle Cast - zu sehen sind etwa Bill Murray, Tilda Swinton, Steve Buscemi, Adam Driver, Chloë Sevigny, Iggy Pop und Selena Gomez - entpuppt sich "als Bürde, weil Jarmusch sich zu sehr auf die Chemie seiner Darsteller und den Spaß am Set verlassen hat", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. Dem Zombiefilm-Subgenre fügt Jarmusch jedoch nichts Substanzielles hinzu außer "müden Popkultur-Witzchen und Bill Murrays charakteristischer Stoik", bedauert der Kritiker. FR-Kritiker Daniel Kothenschulte hat sich von diesem "Grusical" derweil gut unterhalten gefühlt: Im Wettbewerb zwar sowas von chancenlos, aber "doch ein Spaß." Weitere Besprechungen auf ZeitOnline, NZZ, taz und critic.de.

Der Hauptdarsteller ist die Jacke: Quentin Dupieuxs "Deerskin"

Sehr viel Freude hatte Frédéric Jaeger derweil in der Quinzaine des Réalisateurs mit Quentin Dupieuxs "Deerskin", für den der auf absurd-lakonische Komödien spezialisierte Filmemacher diesmal nach "Rubber" (wo ein Autoreifen die Hauptrolle spielte) eine Wildlederjacke ins Zentrum des Geschehens rückt. "Gleich in der ersten Szene gibt Dupieux einen Vorgeschmack auf den Spaß, den sich die Hirschlederjacke später noch macht: Georges fordert in ihrem Auftrag Wildfremde dazu auf, sich ihrer Jacken zu entledigen, sie in seinen Kofferraum zu packen und zu versprechen: Nie wieder werde ich eine Jacke tragen! Wie lang wird es dauern, bis die ach so schicke Fransenjacke die einzige ist auf dieser Welt? Es ist viel zu tun, im Zweifel mit Gewalt."

Wie sieht es derzeit im Kino jenseits der Festivalblase aus? Nicht gut, meint Nico Hoppe in der NZZ: Zwar bricht der Marvel-Blockbuster "Avengers: Endgame" gerade sämtliche Rekorde, aber es zeigt sich darin lediglich ein Kino im rasenden Leerlauf, in dem die oft auf Jahre geplanten und lancierten Großproduktionen einander die Klinke in die Hand geben: "Wo jedoch stets nur das Altbekannte in leicht angepasster Form wiederkehrt, wird das Ende der Kinogeschichte nicht verhindert, nur kaschiert. Das Kino findet seinen Untergang nicht in der Vereinsamung der Kinosäle - sondern gerade in der Fortsetzung des Immergleichen ohne Abschluss. Das Publikum scheint nur bereit, sich in einem Kinosaal niederzulassen, wo alte Geschichten neu erzählt oder weitererzählt werden. Filme, die mit gänzlich Neuem oder Originellem aufwarten, schrecken ab. Heute nehmen weder die Produzenten noch die Konsumenten Geld in die Hand für eine Geschichte, deren Umrisse noch im Dunkeln liegen." Dass die Marvel-Blockbuster durchaus ihre Komplexitäten haben, argumentiert derweil Barbara Schweizerhof im Freitag.

Weiteres: Fabian Tietke empfiehlt in der taz die Reihe "Bilder von drüben" im Berliner Zeughauskino über deutsch-deutsche Filme, die einen Blick ins jeweils andere Land werfen. Axel Timo Purr schreibt auf Artechock einen Nachruf auf Nollywood-Pionier Eddie Ugbomah. Besprochen werden Sion Sonos "Antiporno" (Perlentaucher, ZeitOnline), Hafsteinn Gunnar Sigurðssons "Under the Tree" (Perlentaucher, taz), Neil Jordans "Greta" mit Isabelle Huppert (critic.de, Standard, SZ), Marie Kreutzers "Der Boden unter ihren Füßen" (Tagesspiegel, SZ) und die HBO-Miniserie "Chernobyl" (taz).
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Literatur

Gibt es so etwas wie ein weibliches Schreiben? Durchaus, meint Thomas Meinecke im großen SZ-Gespräch anlässlich seiner Ricarda-Huch-Poetikdozentur an der TU Braunschweig. Im Widerspruch zu gängigen Gendertheorien über die Konstruktion von Geschlecht steht diese Überzeugung nicht, meint Meinecke und macht im Rückgriff auf Hélène Cixous Darlegungen zum weiblichen Lustempfinden den Begriff der "ozeanischen Schreibweise" stark: "Mit Begriffen wie 'Verströmen' oder dem nichtinvasivem Beschreiben der weiblichen Sexualität etwas, das man politisch hochrechnen kann auf eine andere Art des Schreibens und Liebens, die nicht gleich einen Herrschaftsanspruch mit abspritzt sozusagen. ... Das sind nicht abgeschlossene Texte, die nicht von Anfang an mit Definitionsmacht oder harter These auftreten und die am Schluss oft auch nicht viel schlauer sind als am Anfang, aber einen im Nachdenken über Sprache und die Person, die da gerade schreibt, mitgenommen haben. Das sehe ich auch unter heutigen Kollegen nicht allzu oft."

Besprochen werden unter anderem Christoph Heins Kinderbuch "Alles, was du brauchst" (Tagesspiegel), Michail Ryklins "Leben, ins Feuer geworfen" (SZ), James Sallis' Kriminalroman "Willnot" (Tagesspiegel), Xiao Bais "Die Verschwörung von Shanghai" (Zeit), Romane von Jochen Missfeldt (Zeit), Frank Goosens "Kein Wunder" (SZ) und Zadie Smiths Essayband "Freiheiten" (FAZ).

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Kunst

Ausgerechnet eher rechts gewandte Künstler haben die Idee von der Kunstfreiheit, der Autonomie der Kunst von einer Linken übernommen, die davon kaum noch etwas wissen will, erkennt Wolfgang Ullrich in der Zeit: "Paradoxerweise dient die Kunst vieler rechts stehender Künstler also gerade nicht dazu, rechte Thesen zu veranschaulichen. Wegen dieses Vakuums kommt es gelegentlich sogar vor, dass Kunstwerke aus ganz anderen weltanschaulichen Zusammenhängen herausgerissen und politisch besetzt werden. So verwendete der AfD-Politiker Nicolaus Fest auf seiner Website die Abbildung einer Stahlskulptur der Hamburger Künstlerin Rahel Bruns, die den Bundesadler in stark deformierter Form zum Gegenstand hat. Als die Arbeit 2007 entstand, war sie von Bruns als linksautonome Geste gegen Obrigkeit und Staatsmacht gedacht - zehn Jahre später geriet sie zum Logo für einen rechten Politiker, der damit zum Ausdruck bringen wollte, für wie skandalös ramponiert er den Zustand des Staates hält."

Im Tagesspiegel hat Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer kürzlich die Aktionen der rechtsextremen Identitären Bewegung mit den Interventionen der Künstlergruppe "Zentrum für Politische Schönheit" (ZPS) verglichen. Beides sei gleichermaßen "geschmacklos". Bei Monopol widerspricht Saskia Trebing: Das sei "eine Relativierung rechter Ideologie, die sich immer öfter beobachten lässt (und die genau so vage bleibt, dass sie sich je nach Stärke des Shitstorms damit einfangen lässt, man sei missverstanden worden). Im Hinterkopf dröhnen Donald Trump und seine 'violence on many sides' nach den Aufmärschen von Rechtsextremisten in Charlottesville. Die Aktionen der Identitären Bewegung haben nichts mit Kunstfreiheit zu tun, weil sie keine Kunst sind. Kunst diffamiert nicht pauschal Bevölkerungsgruppen und wird nicht von Hass angetrieben. Hier geht es nicht um Geschmacklosigkeit, sondern um rechtsextremes Gedankengut."

Arik Brauer, Mein Vater im Winter, 1983/84 - © Arik Brauer, Foto: Sebastian Gansrigler


Im Jüdischen Museum Wien staunt Hannes Hintermeier (FAZ) über die malerische Meisterschaft des Künstlers Arik Brauer und über die vielen Grautöne bei einem Mann, der allen Grund hätte, die Welt in Schwarz-Weiß zu sehen: "Den Tod des Vaters hat Brauer immer wieder thematisiert. Eines der berührendsten Bilder der Ausstellung trägt den Titel 'Mein Vater im Winter'. Es stammt aus den Jahren 1983/84 und zeigt einen ausgemergelten Mann in einen Mantel gehüllt, überlebensgroß vor einer Schneelandschaft, in der Krematorien stehen, aus deren Schloten schwarzer Rauch quillt. Auf der Brust trägt er einen leuchtenden Judenstern mit hebräischen Schriftzeichen, die man auch als 'Papa' lesen kann. Auf dem Kopf sitzt ein schwarzer Totenvogel, Symbol für den SS-Mann, der dem Sterbenden kurz vor dem Tod eine Decke spendierte, wie später Überlebende des Holocaust berichteten. Zu sehen ist auch eine Flöte, die eine geistig zurückgebliebene Achtjährige Brauer schenkte, bevor sie deportiert wurde. 'Dummerl sterben, nicht Flöte', sagte das Mädchen zum Abschied."

Weiteres: Geradezu obszön findet Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung den Betrag, der gerade auf einer Auktion für Monets "Meules" bezahlt wurde: 98,8 Millionen Euro. Jeff Koons kassierte immerhin noch 91 Millionen Dollar für einen aufblasbaren Hasen, meldet die Presse.

Katarzyna Kobro und Władysław Strzemiński
Besprochen werden eine Ausstellung des polnischen Avantgarde-Künstlerpaars Katarzyna Kobro und Władysław Strzemiński im Gemeentemuseum im Haag ("Was beide auszeichnet, ist ein messerscharfes Bewusstsein für das eigene Medium und eine wohltuende Klarheit, Reichtum durch Reduktion zu erzeugen", lobt Georg Imdahl in der FAZ) sowie die Ausstellung "Gil Yefman: Kibbutz Buchenwald" im Tel Aviv Museum of Art ("Man hört Vogelgezwitscher und nebenan kann man ins Bordell gehen", schreibt nicht unbeeindruckt Alexandra Föderl-Schmid in der SZ).
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Bühne

Besprochen werden die Uraufführung von Peter Lichts "Tartuffe oder das Schwein der Weisen" beim Berliner Theatertreffen (Tagesspiegel, nachtkritik), Martin Schulz' Inszenierung von Wagners "Rheingold" am MiR in Gelsenkirchen (nmz), Andreas Wilckes Backstage-Film "Macht das alles einen Sinn? Und wenn ja: Warum dauert es so lange?" über die letzte Volksbühnen-Saison unter Frank Castorf (nachtkritik), Markus Öhrns Theaterserie "3 Episodes of Life" mit Missbrauch im Namen der Kunst bei den Wiener Festwochen (nachtkritik), eine halb szenische Aufführung von Strawinskys "The Rake's Progress" mit der Dirigentin Barbara Hannigan (SZ), die Uraufführung von Marina Davydovas Stück "Checkpoint Woodstock" im Thalia Gaußstraße in Hamburg (SZ) und Leander Haußmanns Inszenierung des "Amphitryon" am Hamburger Thalia Theater (Zeit).
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Stichwörter: Wiener Festwochen

Musik

Beethovens komplexe "Missa solemnis" gehört zu den großen Herausforderungen der Musikgeschichte, der sich René Jacobs nun mit einer Aufführungsreihe stellt - und das Vorhaben glückt fulminant, frohlockt FAZ-Kritikerin Isabel Herzfeld nach dem Besuch in der Berliner Philharmonie. "Nie gehörte Details kommen zur Geltung, ergeben ein Beziehungsgeflecht von ständig wechselndem Ausdruck. Unendlich sanft ertönen die ersten Akkorde, von denen sich ein kraftvolles 'Kyrie eleison' abhebt. Diese Bitte um Erbarmen schwingt sich mit leuchtenden Sopranen auf, kennt unendlich lange Diminuendo-Abschwünge, vereinigt sich mit Naturhörnern, Flöten, Klarinetten zum weichen Raunen. Bewegend ist das in seiner zurückgenommenen Demut, nichts Aufdringlich-Pathetisches haftet dem an. ... Jede Affirmation hohlen Prunks ist dieser 'Missa' ausgetrieben, alles ist gefühlt, erlebt, geglaubt vom Menschen ausgehend, der vom Boden aus staunend in den Himmel blickt. "

Im Interview mit der Zeit erklärt die die britische Komponistin Rebecca Saunders, die im Juni mit dem Ernst von Siemens Musikpreis ausgezeichnet wird, welche Probleme sich ihr beim Komponieren stellen: "Ich habe zwanzig Jahre gebraucht, um das enorme emotionale Potenzial der Stimme zu begreifen. Ich wollte auch eine Lösung des Problems finden: Wie kann ich für Gesang schreiben, ohne konkret etwas zu sagen? Aber das ist gerade das Inspirierende. Es entsteht eine ungeheure Spannung, wenn man die Bedeutung der Worte zwar unterdrückt, sie aber hin und wieder doch zulässt. Ein Dialog von innen und außen."

In der Rausch- und Dröhn-Kathedrale, die Sunn o))) auch auf ihrem achten Album "Life Metal" errichten, fühlt sich Zeit-Kritiker und Fan der ersten Stunde Jens Balzer aufs Neue pudelwohl: Der verrauscht-bebende Minimalismus des Gitarrenspiels jenseits von Melodien mischt sich hier mit der "Ernsthaftigkeit des Spirituellen" und zudem noch "mit allerlei komischem Kokolores", was im Ergebnis zu "gebrochener Größe und Erhabenheit" führt. Dass Steve Albinis exquisite Produktion noch mit guten alten analogen Mitteln erfolgte und die Aufnahme in "in komplex mikrofonierten Räumen" stattfand, lässt den Kenner darüber hinaus mit der Zunge schnalzen. "Wer sich kontemplativ in die knapp einstündige Kakofonie versenkt, treibt durch fahl erleuchtete Räume, in denen es brummt und schnauft, bebt und lebt; in denen eine sonderbare Harmonie herrscht zwischen der reinen Materialität des elektrisch verstärkten Geräuschs und den Klängen des Atmens und der Präsenz. Stärker denn je, könnte man vielleicht sagen, rührt die Aura von SunnO))) auf diesem Album aus der Transformation ihres entsubjektivierten Krachs in einen Ausdruck von Echtheit und unmittelbarer Humanität." Diese Klang-Epiphanie wollen wir uns nicht entgehen lassen, auch wenn wir uns dafür der Youtube-Kompression ausliefern müssen:



Weitere Artikel: Punkhistoriker Jon Savage spricht im Dlf Kultur über Joy Division, über die er gerade eine Oral History zusammengestellt hat. In der NZZ porträtiert Corina Kolbe die Dirigentin Emmanuelle Haïm. Der Eurovision Song Contest wird immer diverser, freut sich Peter Rehberg im Freitag. Adrian Schräder stellt in der NZZ die brasilianische Soulsängerin Liniker vor. Besonders empfehlen aus ihrem neuen Album kann er das Stück "Bem Bom":



Besprochen werden Jamila Woods' "Legacy! Legacy!" (Pitchfork, mehr dazu hier), ein Giorgio-Moroder-Konzert (Standard, Presse), eine James-Last-Kollektion (online nachgereicht von der FAZ) und Rosie Lowes neues Album "Yu" (taz). Hier singt sie ihren "Birdsong":

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