Efeu - Die Kulturrundschau

Dieser Verzicht auf Härte

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10.05.2019. Die SZ lernt in Wien, dass Architektur schön, nachhaltig und günstig sein kann. Naiv finden SZ und Tagesspiegel Mohammad Farokhmaneshs und Frank Geigers Film "Kleine Germanen", Artechock dagegen lernt identifikatorisches Sehen. Die NZZ schwelgt bei den Badenweiler Musiktagen in Schumanns "Dichterliebe", vorgetragen von den beiden Hexenmeistern Christian Gerhaher und Gerold Huber.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.05.2019 finden Sie hier

Architektur

Xu Tiantian/DNA_Design and Architecture: Tofu Factory, Caizhai Village, Songyang, China, 2018 © Foto: Wang Ziling


Und Architektur bewirkt doch etwas, lernt Laura Weissmüller in der Ausstellung "Critical Care" im Architekturzentrum Wien (AzW). Architekten müssen nur raus aus ihren Büros und sich mit verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen treffen, meint sie. So kann man etwa lernen, wie Gebäude erdbebensicher, nachhaltig und gleichzeitig erschwinglich gemacht werden können: "Es ist faszinierend, wie dabei neueste Ansätze mit traditionellen Baumethoden verknüpft werden, etwa bei der chinesischen Architektin Xu Tiantian, die in Peking und Harvard studierte und sich seit 2014 für den Landkreis Songyang einsetzt. Zusammen mit der Bevölkerung des kleinen Bergdorfs Caizhai hat sie eine Tofufabrik entwickelt, die den Bauern mehr Einkommen ermöglicht, sich mit ihrer lichten Holzkonstruktion wunderschön in die Landschaft der Bergregion einpasst und die strukturschwache Gegend für einen sanften Tourismus öffnet."

Außerdem: Ralf Schönball berichtet im Tagesspiegel von Plagiatsvorwürfen gegen den Schöpfer des "Einheitsdenkmals" Johannes Milla. Die SZ hat Gerhard Matzigs Loblied auf den rechten Winkel online nachgereicht. Besprochen wird die Ausstellung "Ost-Berlin. Die halbe Hauptstadt" im Berliner Ephraimpalais (taz).
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Stichwörter: Tourismus

Film

Wer geht hier wem auf den Leim? Szene aus dem Film "Kleine Germanen"

Ziemlich zweifelhaft finden die Filmkritiker Mohammad Farokhmaneshs und Frank Geigers "Kleine Germanen", ein Experiment zwischen Dokumentar-, Interview-, Animations- und nachgespielten Szenen, mit dem die beiden Filmemacher erörtern wollten, wie rechtsextreme Familien ihre Kinder erziehen. Dahinter stand der gute Glaube, Rechtsextreme würden sich vor laufender Kamera entlarven. Jedoch "liefert der Film nur wenige Antworten über die politische Indoktrinierung von Kindern, aber relativ viele auf die Frage, wie Rechtsradikale seit einigen Jahren mit ihren als konservativen Sirenenklängen getarnten Erziehungsmethoden sehr erfolgreich mündige Erwachsene verführen", hält David Steinitz dem Film in der SZ vor. Auch Jan-Philipp Kohlmann vom Tagesspiegel ärgert sich: Der Film belege, "wie naiv manche Journalisten und Filmemacher mit Leuten wie Kubitschek umgehen und welche unreflektierten Bilder sie für rechte Themen nutzen. 'Kleine Germanen' steht beispielhaft für eine Medienöffentlichkeit, die in den letzten Jahren zur Legitimation rechter Akteure beigetragen hat."

Dietrich Kuhlbrodt hält den Film in der Filmgazette für "überfrachtet". Deutlich positiver fällt Axel Timo Purrs Besprechung auf Artechock aus: Diesem "klugen, zärtlichen, traurigen und sehr wichtigen Film" gelingt es, "so etwas wie identifikatorisches Sehen zu ermöglichen und verstehen zu lernen, was gerade mit uns und unserer Gesellschaft passiert." Im Dlf Kultur spricht Frank Geiger über seinen Film.

Im Kampf gegen das Drehbuch: Ronald Zehrfeld gelangt ans "Ende der Wahrheit"

Regisseur Philipp Leinemann gilt seit seinem Copthriller "Wir waren Könige" von 2014 als neue Hoffnung des deutschen Actionthrillers. Sein neuer Film, der Paranoiathriller "Das Ende der Wahrheit" mit Ronald Zehrfeld als BND-Agent, der sich nach einem Terroranschlag unversehens im Konflikt zu seinem Arbeitgeber wiederfindet, kann das Versprechen nicht so recht einlösen: Prinzipiell ist dieser Film durchaus "brisant", schreibt Rüdiger Suchsland auf Artechock, und das zumal vor Hintergrund der Causa Maaßen im vergangenen Jahr. Doch "wenn es um das Porträt der Menschen geht, dann verwandelt sich in diesem Film immer wieder Kino- in Fernsehästhetik - trotz allem Bemühen wird zu sehr gemenschelt, und Figuren eindeutig zu 'gut' oder 'böse' werden, anstatt doppelsinnig zu schillern. Dieser Verzicht auf Härte, auf Kühle und auf blauschwarze Noir-Atmosphären unterscheidet 'Das Ende der Wahrheit' dann doch von seinen Vorbildern aus Frankreich, Italien und Hollywood."

In Leinemanns Film "drängt sich das Drehbuch unentwegt in den Vordergrund", kritisiert Katrin Doerksen betrübt im Tagesspiegel. Auf FAZ-Kritiker Andreas Kilb wirkt der Film "immer wieder kleinkariert..., sowohl was seine Schauplätze als auch was die Story angeht. ... Man sieht nicht, dass 'Das Ende der Wahrheit' nur gut zwei Millionen Euro gekostet hat, aber man spürt in fast jeder Szene, dass er nicht über die nötigen Mittel verfügt, um zu erzählen, was er erzählen will." Offenbar ein anderer Film wurde Welt-Kritiker Hanns-Georg Rodek gezeigt, der sich jedenfalls an "großen Kinobildern" sattgesehen hat und überhaupt bester Laune ist, da sich das deutsche Thrillerkino gegenüber den Vorbildern aus den USA nun endlich einmal als satisfaktionsfähig erwiesen habe.

Weitere Artikel: Unter anderem der Tagesspiegel meldet, dass die frühere taz-Filmredakteurin Cristina Nord künftig das Forum der Berlinale leiten wird. Im Standard schreibt Bert Rebhandl über den unwahrscheinlichen Erfolg der Marvel-Superheldenfilme.

Besprochen werden Richard Billinghams Sozialdrama "Ray & Liz" (Perlentaucher, Artechock, critic.de, FR), Henrika Kulls Spielfilmdebüt "Jibril" (critic.de, Tagesspiegel, Berliner Zeitung, Artechock), Sherry Hormanns Ehrenmord-Drama "Nur eine Frau" (Tagesspiegel, Presse), Jon S. Bairds Biopic "Stan & Ollie", der laut Artechock-Kritiker Rüdiger Suchsland an keiner Stelle ans subversive Potenzial der Porträtierten heranreicht (SZ, Standard, FR, mehr dazu bereits hier) und Frant Gwos Netflix-Verfilmung von Liu Cixins Science-Fiction-Novelle "Die wandernde Erde" (Perlentaucher, Artechock).
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Bühne

In der NZZ berichtet Bernd Noack missmutig über Veränderungen beim Theatertreffen: Frauenquote, und auch "Klassiker in solide wiedererkennbarer, textgetreu ehrfurchtsvoller Machart wird es in Berlin nicht mehr geben".

Besprochen werden Burkhard C. Kosminskis Inszenierung des "Othello" am Schauspiel Stuttgart (Kosminski hat "die Blackfacing-Debatte elegant umgangen" lobt Adrienne Braun in der SZ. "Sein Othello ist weiß. Nicht nur die Haut, alles an diesem Kerl ist von der Ferse bis zur Schirmmütze so strahlend und unschuldig weiß, als habe man ihn frisch aus der Wäsche gezogen. Othello als unbeschriebenes Blatt und ideale Projektionsfläche"), die Ausstellung "Dance of Urgency" im Wiener Museumsquartier (Standard), Peter Brooks und Marie-Hélène Estiennes Stück "The Prisoner" bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen (nachtkritik), Regine Duras und Werner Kroesingers Stück "Schwarze Ernte" im Berliner HAU (taz), Sashko Bramas "Fall on Pluto" beim Stückemarkt des Theatertreffens (taz) und die Uraufführung der "Medusa" des Choreographen Sidi Larbi Cherkaoui in Covent Garden (deren "sanfte, weise Radikalität" Wiebke Hüster in der FAZ lobt).
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Kunst

Pablo Picasso, Mädchenbildnis, 1914. Centre Pompidou © Succession Picasso / 2019, ProLitteris, Zurich
Wie der Kubismus entstand, lernt Axel Christoph Gampp (NZZ) in einer großen Ausstellung im Kunstmuseum Basel, die alle Facetten dieser Kunstrichtung ausleuchtet: "Die Auflösung des Bildes in einzelne Farbfelder inspirierte nicht nur Picasso, sondern auch Braque ... Indem die beiden Maler, einander antreibend, aber weiter voranstreben, wird die Türe aufgestoßen zu jenem Kubismus, der zunächst Form auflöst und gleichzeitig Buchstaben und Zeichen, Collagen und Assemblagen bildwürdig macht. Braque, der als Dekorationsmaler begann, war für Typografie besonders empfänglich. Interessanterweise belegen die in der Ausstellung vereinigten Werke, dass sich - kaum hatte sich das Bild aufzulösen begonnen und waren formale Aspekte ganz in den Vordergrund getreten - mittels der Buchstaben sofort wieder Inhalte einschlichen, kryptisch zwar, aber doch voller Assoziationsangebote."

Weiteres: Auf der Biennale von Venedig sieht Niklas Maak (FAZ) allzu oft den "globalen Kunstüberblick zur Klischeeparade" gerinnen. "In Deutschland, das zeigt Süder Happelmann der Welt, beißt die Kunst die Hand, die sie füttert, und sei es mit klobigem Felsbrockenmaul. Und das ist wirklich etwas, worauf das Land stolz sein kann", meint Kia Vahland (SZ).
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Literatur

Nach Protesten (unser Resümee) hat die Buchmesse Turin den rechtsextremen Verlag Altaforte ausgeschlossen, meldet unter anderem der Tagesspiegel. Bei einem Frankfurter Abend diskutierten Isabelle Lehn und Lucy Fricke über das Älterwerden und die weibliche Anatomie, berichtet Melanie Mühl in der FAZ.

Besprochen werden unter anderem Asli Erdogans jetzt auch auf Deutsch vorliegender Roman "Das Haus aus Roman" aus dem Jahr 2009 und Mustafa Khalifas "Das Schneckenhaus", die darin beide Folter-Erfahrungen verarbeiten (NZZ) sowie Felwine Sarrs Essay "Afrotopia" (NZZ) und Axel Milbergs Romandebüt "Düsternbrook" (SZ).
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Musik

Mit Lotte Thaler mögen die Badenweiler Musiktage eine neue Leiterin haben, doch geändert hat sich an dieser Perle des Festivalbetriebs hinsichtlich des hochkarätigen Programms gottlob nichts, schwärmt Eleonore Büning in der NZZ. Ein Hochgenuss etwa ein Abend mit Schumanns "Dichterliebe", vorgetragen durch das Liedduo Christian Gerhaher und Gerold Huber. "Sie haben sich wieder weiter vervollkommnet, diese beiden alten Hexenmeister, in der Klarheit ihrer Diktion und der bekannt kompromisslosen Textausdeutung, mit der sie aus jedem Lied eine Szene machen. Aber auch in den weichen und den scharfen Farben, dem natürlichen Fluss der Dynamik, in ihrer einmaligen Symbiose von Klavier-Gesang und Sänger-Sprache. ... Man hört plötzlich deutlich, wie Schumanns Ironie die leicht-frivolen, erst recht die sentimentalen Züge der Lyrik Heines in ein gnadenlos helles Licht rückt."

Weitere Artikel: Julia Friese porträtiert im Tagesspiegel die deutsche Popmusikerin Mine. Oliver Keppel führt in der SZ durch die Münchner Jazzszene rund um den Posaunisten Roman Sladek. Darius Ossami schreibt in der taz über den Konflikt zwischen Polizei und dem in der mecklenburgischen Provinz stattfindenden Fusion-Festival. Thomas Kramar schreibt in der Presse einen Nachruf auf den Jazzsaxofonisten Fritz Novotny.



Besprochen werden das selbstbenannte neue Album des Singersongwriters Chris Cohen, in das wir mit dem vorangestellten Video hören (taz), Kate Tempests Auftritt beim Berliner X-Jazz-Festival (Berliner Zeitung), das Debütalbum der Schweizer Band Vsitor (NZZ) und Weyes Bloods Album "Titanic Rising": "ein Album wie ein geheimer Ort", schwärmt Jan Jekal in der SZ, das man ohne weiteres auch auf für "ein übersehenes Meisterwerk aus den Siebzigern" halten könnte. Daraus ein Video:

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