Efeu - Die Kulturrundschau

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15.04.2019. Die NZZ freut sich, dass Frank Castorf jetzt auch in Zürich einen echten Salonschreck hergibt. Was ist gewonnen, fragen Tagesspiegel und SZ, wenn "Othello" bei Michael Thalheimer weder schwarz noch weiß ist, sondern blutrot.  In der Berliner Zeitung bemüht sich Ines Geipel um Verständnis für die Erfahrungswuchten, mit denen der Osten klarkommen muss. In der Jungle World erkennt Jayrôme C. Robinet nach einer Geschlechtsumwandlung, dass auch Männer unter dem Patriarchat leiden. Und die taz möchte lieber keinen Kulturschuppen geschenkt bekommen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.04.2019 finden Sie hier

Literatur

Ines Geipel spricht in der Berliner Zeitung über ihr Buch "Umkämpfte Zone", in dem sich die in der DDR aufgewachsene Schriftstellerin eine Antwort zu geben versucht, was im heutigen Osten der Republik seit 2015 und dem anhaltenden Erfolg der AfD aufgebrochen ist: Der Osten "muss mit einer Erfahrungswucht klarkommen, die kaum zu bewältigen ist. Das haben wir doch alle unterschätzt: was mehr als 50 Jahre Diktaturerfahrung bedeuten, was diese Doppeldiktatur bedeutet. Das hat eine Dimension, die wir 1989 noch nicht so im Blick hatten. Weil sie ja nicht nur Menschen traumatisiert, sondern auch ihre Kultur. Vertreibungen, Flucht, Zuchthäuser, Mauertote. Es ist sehr viel Gewalt in dieser Geschichte, eben auch strukturelle Gewalt ... - und darunter liegt dann noch jener andere Teil Diktaturgeschichte, der Nationalsozialismus."

In der Jungle World spricht der französische Autor Jayrôme C. Robinet über die Erfahrungen nach seiner Geschlechtsangleichung, die aus einer französischen Brünette einen jungen Mann mit Migrationshintergrund und den damit einhergehenden Verdächtigungen gemacht hat: "Das ist eine allgemein männliche Erfahrung. Wir gelten als potentielle Vergewaltiger oder Gewalttäter. Ich habe nun zum ersten Mal am eigenen Leib erfahren, wie stark das Patriarchat auch Männer unter Druck setzt und bestimmte Dinge projiziert. Es schreibt uns Eigenschaften zu und erschafft so Wirklichkeiten."

Magnus Klaue verortet in der FAZ den einstigen, aber mittlerweile von den deutschen Gerichten und Jugendschutzbehörden wieder freigegebenen Skandalroman "Josefine Mutzenbacher" vor dem historischen Kontext seiner Entstehungszeit und erklärt, warum die Lesart der Zensoren, die das Buch wegen Kinderpornografie auf den Index gesetzt hatten, dem Werk nicht gerecht wird: "Die Kindfrau fungierte als Chiffre für die fortbestehende Unmündigkeit junger Frauen in der bürgerlichen Gesellschaft, die sie, ästhetisch verklärt, als entrückte Zauberwesen erscheinen ließ. Das der Figur zugeschriebene Handeln brachte eine gegenläufige Erfahrung zum Ausdruck: die wachsende geschlechtliche Autonomie von Mädchen, die sich der Neutralisierung zum Kind entzogen."

Weitere Artikel: Im Freitag empfiehlt Ute Cohen feministische Krimis von Christine Lehmann, Katja Bohnet und Camilla Läckberg. Besprochen werden Sheila Hetis "Mutterschaft" (taz), Samuel Becketts Briefe 1966-1989 (online nachgereicht von der Zeit), Nathaniel Richs "Losing Earth" (Standard), Han Kans "Deine kalten Hände" (online nachgereicht von der FAZ), Oleg Senzows "Leben" (Berliner Zeitung), der von Federico Italiano und Jan Wagner herausgegebene Band "Grand Tour. Reisen durch die junge Lyrik Europas" (Tagesspiegel), Preti Tanejas "Wir, die wir jung sind" (SZ) Michael Connellys Bosch-Krimi "Die Verlorene" (Freitag), Marie Darrieussecqss "Unser Leben in den Wäldern" (online nachgereicht von der FAZ), Judith W. Taschlers "Das Geburtstagsfest" (Presse) und neue Hörbücher, darunter eine Hörspiel-Edition mit Romanen von Theodor Fontane (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Hans Christoph Buch über Konstantin Kavafis' "Troer":

"Unsre Bemühungen, die von Schicksalsduldern,
Unsre Bemühungen sind wie jene der Troer.
Stückchen richten wir grade, Stückchen
..."
Archiv: Literatur

Film

Der Winter ist angebrochen: Die letzte Staffel von "Game of Thrones" (HBO)

Gestern startete die letzte Staffel der Fantasy-Serie "Game of Thrones" - Anlass für die Feuilletons, auf das wohl zentralste Serienereignis der letzten Jahre zurückzublicken, das seinen erzählerischen Bogen mit sechs Episoden in Spielfilmlänge begeht. Das muss man sich mal vorstellen, erklärt Carolin Ströbele auf ZeitOnline: Als die Serie 2011 begann, war HBO noch Serien-Platzhirsch, Netflix schickte sich gerade erst an, eigene Serien in Auftrag zu geben, und auch politisch herrschte in diesem Jahr noch, anders als heute, in der westlichen Welt noch weitgehend business as usual. "Man konnte sich als Zuschauerin und Zuschauer also relativ unschuldig an den Ränkespielen der Herrscherhäuser Stark, Lannister und Targaryen erfreuen ... So darf man den finalen Hype um die letzten sechs Episoden von 'Game of Thrones' vielleicht auch als einen wehmütigen Abschied vom unschuldigen Zusehen werten. Denn der defätistische Ausdruck Valar Morghulis ('Alle Menschen müssen sterben'), der für die Vergeblichkeit allen menschlichen Strebens in der fiktiven Welt von Game of Thrones steht, ist mehr und mehr zum Symbol der realen Gegenwart geworden."

FAZ-Kritiker Axel Weidemann war am Freitag bei der großen Premiere in Belfast und verlässt das Premierenkino dann doch spürbar unterwältigt: "Die Drehbuchautoren setzen auf humorige Spannungslöser, die mitten aus dem Marvel-Universum zu kommen scheinen und zu der tragisch-unbarmherzigen Welt von George R.R. Martin so gar nicht passen ... Es ist ja auch eine Mammutaufgabe, die oft brutal zerschnittenen Bande zwischen den Figuren nach so langer Zeit wieder zu verknüpfen, um sie im Angesicht des bevorstehenden Kampfes zu vereinen. Doch all dem filmischen Hochglanz und ausstattungstechnischen Bombast zum Trotz hätte eben genau das Zeit gebraucht." Sonja Thomaser verabschiedet sich in der FR schon mal von der von Lena Heady gespielten Figur Cersei Lannister, "einer feministischen Heldin" zwischen Gut und Böse. Und die NZZ-Autoren denken darüber nach, was eigentlich einen guten Serienschluss auszeichnet.

Weitere Artikel: Von ZeitOnline, Libération und anderen gemeldet wird der Tod der schwedischen Schauspielerin und Bergman-Ikone Bibi Andersson. Auf ZeitOnline skizziert Oliver Kaever die Marktlage von Netflix. Besprochen werden "Niemandsland" mit Keira Knightley (Tagesspiegel) sowie die Serien "Derry Girls" (Freitag) und "Veep" (Freitag).
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Architektur

New Yorks neues Kulturzentrum gleich neben dem Milliardärsspielplatz der Hudson Yards nennt sich ganz ganz bescheiden The Shed, Der Schuppen, und kann sich bei gutem Wetter spektakulär öffnen. In der taz kann sich Lukas Hermsmeier nicht für dieses Projekt erwärmen, schließlich hat auch dieser Bau fünfhundert Millionen Dollar gekostet und prunkt mit Künstlernamen von Steve McQueen über Gerhard Richter bis zu Katie Mitchell, Anne Carson und Björk im Programm. "Der Schuppen fühle sich wie das 'großzügige Geburtstagsgeschenk an, dass du von dem reichen Typen bekommst, der deine Frau gestohlen hat', schrieb die Kritikerin Ginia Bellafante in der New York Times. Ein Kulturzentrum als eine Art Alibi und Gewissensberuhigung also, für all jene Politiker, Investoren und sonstigen Verantwortlichen, die dafür sorgen, dass Manhattan immer unbezahlbarer, steriler und öder wird und die Bewohner von ihrer Stadt immer weiter entfremdet."
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Archiv: Architektur
Stichwörter: The Shed, New York

Bühne

Frank Castorfs "Justiz"-Inszenierung am Zürcher Schauspielhaus. Foto: Matthias Horn

Bisher fühlte sich Zürich vom Berliner Salonschreck Frank Castorf nicht wirklich angegriffen, weiß Daniele Muscionico in der NZZ. Doch das wird sich mit seiner Inszenierung von Friedrich Dürrenmatts "Justiz" am Zürcher Pfauen ändern: "Am Schauspielhaus lüpft er der feinen Stadtgesellschaft implizit den Rock und führt uns explizit das Milieu rund um den gesellschaftlichen Brennpunkt Bellevue als Stall des Augias vor: Castorf inszeniert Friedrich Dürrenmatts Kriminalroman 'Justiz' und entdeckt im Nationaldichter und -kritiker einen Schweizer Dostojewski. 'Logischer Selbstmord' und Sündenfall sind die Themen, eine Vergewaltigung ist es konkret und die Schweizer Waffengeschäfte um die Mirage-Jäger. Wie bei Dostojewski ist Gott auch bei Dürrenmatt ein Spieler, und das Spiel ist erst zu Ende, wenn es seinen schlechtestmöglichen Ausgang nimmt." In der Nachtkritik schreibt Maximilian Pahl.

Prachtexemplar eines Alpha-Mannes: Michael Thalheimers "Othello". Foto: Katrin Ribbe / Berliner Ensemble 

Mit seinem "Othello" am Berliner Ensemble hat Michael Thalheimer jede Black-Facing-Debatte umschifft, indem er sich für Blood-Facing entschieden hat. Für Christine Wahl macht das ebenso Sinn wie die schwachen Frauenfiguren, schließlich interessiere sich Thalheimer nicht für das Rassismus-Thema des Stücks, er lasse die reine toxische Maskulinität mit sich selbst ringen: "Wo der erfolgreiche schwarze Feldherr bei Shakespeare von einer neid- und ressentimentzerfressenen weißen Mehrheitsgesellschaft mit Fähnrich Jago an der Spitze zum Außenseiter zurechtkonstruiert, gebrandmarkt und schließlich qua Intrige zerstört wird, unternimmt Thalheimer eine deutliche Akzentverschiebung hin zum Militärischen; und zwar als Männlichkeitszuschreibung par excellence. Er erzählt das Stück - Othello wie Jago sind ja Soldaten in unterschiedlichen Dienstgraden - gewissermaßen als Männlichkeitstragödie; als Rachedrama des zurückgesetzten Beta-Mannes am erfolgreichen Alpha-Male."

SZ-Kritiker Till Briegleb sah in der Inszenierung eigentlich "alles Subtile und Schwache weggemetzelt" und fragt, sich was bei dieser brachialen Deutung vom Stück bleibt: "Ein Mackerkrieg um Trophäenfrauen in Hochzeitskleidern, bei dem am Ende nur Leichen zum Schlussbild bleiben? Ist das wirklich mehr als Freude durch Kraft?" In der Nachtkritik attestiert Falk Schreiber dem Regisseur "erwartbares Kraftmeiertheater".

Besprochen werden außerdem die Produktion "Chinchilla Arschloch, waswas" von Tourette und Rimini Protokoll im Bockenheimer Depot (FR), Prokofjews selten gespielte Opernkomödie "Die Verlobung im Kloster" mit Dmitri Tscherniakov an der Berliner Staatsoper (Tsp), das Gastspiel der israelischen Tanzkompanie Gauthier Dance in Berlin (Tsp), die Theaterbetriebskomödie "Der nackte Wahnsinn" mti dem RambaZamba-Theater in Berlin (taz) und Hans van Manens Ballettpremiere "Dances with Piano" in Berlin (die FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster mit "Glück, Schönheit und Melancholie" erfüllte).
Archiv: Bühne

Kunst

In der NZZ verteidigt auch Claudia Schwartz Angela Merkels Entscheidung, Emil Noldes Bilder aus dem Kanzleramt zu entfernen, schließlich müsse sie nicht jedem Staatsgast Debatten über Deutschlands Vergangenheit aufdrängen: "Die Diskussion über politische Verfehlung der Künstler ist Sache der Museen." Im Tagesspiegel findet Christiane Peitz dagegen, dass man die Widersprüchlichkeit eines Künstlers aushalten muss: "Ja, Wissen ist anstrengend, aber auch eine aufregende Sache. Gut, dass wir wissen, wie Brecht seine Mitarbeiterinnen schikaniert und seine Ko-Autorinnen verschwieg. Gut, dass die Provenienzrecherche vorangetrieben wird. Gut, dass es Ausstellungen gibt wie jetzt die kritische Nolde-Schau in Berlin im Hamburger Bahnhof, dass die Kunst auch mal unsanft aus ihrem Elfenbeinturm geschubst wird. Was keineswegs heißt, dass ihr Genuss sich verböte. Er ist nur nicht umsonst zu haben.  

Weiteres: In der NZZ begrüßt Melanie Keim, dass eine Ausstellung im Haus für Kunst in Uri die avantgardistische Furk'art der achtziger Jahre einem breiten Publikum eröffnet, das lange den Gästen des Hotels Furkablick auf der Furka vorbehalten war. Besprochen wird die Rembrandt-Ausstellung "Kassel... Verliebt in Saskia" im Schloss Wilhelmshöhe (FAZ).
Archiv: Kunst

Musik

Sehr zufrieden ist Jan Paersch mit dem neuen Album von Tellavision, hinter dem die Hamburger Musikerin Fee Kürten steckt: "'Add Land' hat die hypnotischen Qualitäten von Krautrock-Wertarbeit und die Dringlichkeit von metallischem Techno. Und ist dennoch: Pop. ... Die Künstlerin kreiert während des Songwriting-Prozesses zunächst die Bassline, dann die Melodie, und singt anschließend provisorische Nonsense-Texte dazu. Kürten lässt den Namen einer allseits vergötterten schwedischen Pop-Diva fallen: 'Robyn hat das 'yogurting' genannt. Das ist wie Träumen - nur du allein verstehst die Texte.'" Ein aktuelles Video:



Weitere Artikel: Für die SZ porträtiert Reinhard J. Brembeck den Barockmusiker und Dirigenten Sigiswald Kuijken, den er bei Generalproben in Leuven und Amsterdam besucht hat. Olaf Maikopf rät in der taz zum Besuch der Deutschlandkonzerte der Jazzer Jamie Saft, Steve Swallow und Bobby Previte. Martin Scholz und Jennifer Wilton plaudern für die Welt mit Popstar Dido. Jan Schmidt schreibt in der Berliner Zeitung einen Nachruf auf den Jazzmusiker Paul Raymond.

Besprochen werden Giorgio Moroders Berliner Auftritt (Tagesspiegel), das neue Album von Capital Bra (Tagesspiegel), ein Konzert von Hot Chip (taz) und der Auftakt der Staatsopern-Festtage mit den Wiener Philharmonikern unter Daniel Barenboim (Tagesspiegel).

In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Jens Buchholz über "In My Life" von den Beatles: "Der Song ist eine Singularisierungsmaschine."

Archiv: Musik