Efeu - Die Kulturrundschau

Die Wörter warten auf mich

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12.03.2019. Der Guardian feiert die hervorragenden Recherchen der Fotografinnen Susan Meiselas und Laia Abril. NZZ und SZ  jubeln über Kirill Serebrennikows mutige und pointierte Hamburger "Nabucco"-Inszenierung, die Verdi mit dem Krieg in Syrien kurzschließt. Reinster Agitprop, meint dagegen die Welt. In der taz erkennt der flämische Schriftsteller Jerome Olyslaegers in der Geschichte das ewige Jetzt. Und in der SZ erfreut sich Herta Müller am Reichtum und der Freiheit in ihrer Schublade.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.03.2019 finden Sie hier

Kunst

Porträt von Marta, die für eine Abtreibung von Polen in die Slowakei reiste. Foto: Laia Abril

Hervorragende Fotografie, aber mehr noch exzellente Recherchen sieht Guardian-Kritiker Andrian Searle in der Ausstellung zum Deutsche Börse Photography Foundation Prize in der Photographers' Gallery in London. Am stärksten findet Searle die Kurdistan-Arbeiten der großen Susan Meiselas, die historische Bilder aus der Kolonialzeit mit eigenen Aufnahmen von Massengräbern unter Saddam Hussein kombiniert. Interessant aber auch Arwed Messmers RAF-Geschichte "No Evidence/Kein Beweis" oder Laia Abril: "Abril zeigt eine Geschichte der Abtreibung und Geburtenkontrolle als Teil ihres größeren Projekts, einer Geschichte der Misogynie. Fotografien von Fischblasen-Kondomen, Vaginalduschen, Klumpen von getrocknetem Krokodildung (die im alten Ägypten zur Verhütung in die Vagina eingeführt wurden) und sogar eine kleine Drohne, mit der Abtreibungspillen über die deutsche Grenze nach Polen geflogen wurden (wo Abtreibungen noch immer illegal sind), daneben detaillierte Bilder von verzweifelten und gefährlichen Methoden einer Do-it-yourself-Abtreibung - ein metallener Kleiderbügel, Plastikstäbe, eine dampfende Badewanne."

Besprochen wird außerdem die Hans-Traxler-Schau "Paula, Emil, Willi & Eddy" im Karikaturenmuseum Wilhelm Busch in Hannover (FAZ).
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Musik

Alleine schon wegen eines erotisch klingenden Ellbogen-Dudelsacks in einer Marvin-Gaye-Coverversion ist eine neue Box mit neu gemasterten frühen Aufnahmen von Kate Bush ihr Geld wert, versichert Jan Kedves in der SZ-Retrokolumne. Ueli Bernays spricht für die NZZ mit dem Gitarristen Manuel Troller, der das Luzerner Festival Tak kuratiert. Jürg Zbinden porträtiert für die NZZ den Soundtrack-Komponisten und Musiker Yann Tiersen.

Besprochen werden Kilian Jörgs und Jorinde Schulz' philosophisches Buch "Die Clubmaschine" über das Berghain (Jungle World), Kamasi Washingtons Auftritt in Berlin (Tagesspiegel), eine Neuauflage von Neil Youngs Soundtrack zu Jim Jarmuschs "Dead Man" (Pitchfork), die Ärzte-Box "They've given me Schrott" mit bislang unveröffentlichtem altem Material und Songskizzen (taz), der Auftakt des Strawinsky-Festivals in Berlin (Tagesspiegel), Solange Knowles' Album "When I Get Home" (mit dem sich die Musikerin endgültig als "Musik-Superhirn" etabliert, frohlockt Johann Voigt in der taz) und das neue Album der Beasts (of Bourbon) (Standard).
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Bühne

Kirill Serebrennikows "Nabucco" an der Hamburgischen Staatsoper. Foto: Brinkhoff/Mögenburg

Ungeheuer lebendig und bewegend findet SZ-Kritikerin Julia Spinola Kirill Serebrennikows Inszenierung von Verdis Freiheitsoper "Nabucco", die der noch immer unter Hausarrest stehenden russische Regisseur ins Heute des UN-Sicherheitsrats verlegt hat. Zum Missfallen einiger Hamburger: "'Aufhören' donnert es in die zart gezupften Klänge der arabischen Oud-Laute. Eine Saaltür wird zugeknallt. Und noch Minuten später dringen verunsichernde Wutgeräusche aus dem Foyer in den leisen, melancholischen Ziergesang von Hana Alourbah und Abed Harsony. Auf einer Leinwand sieht man Fotografien des russischen Journalisten Sergey Ponomarev aus den Kriegsgebieten. Angstgeweitete Kinderaugen, die aus einer Aludecke herausblicken, Schwerverletzte, die auf blutbeschmierten Pritschen notdürftig versorgt werden, verzweifelte Mütter, gebrochene Männer und ringsherum nichts als Trümmer. 'Das sehen wir doch schon in der Tagesschau', beschwert sich ein Zuschauer." In der NZZ ist Marco Frei von Serebrennikows Regie überzeugt, nicht aber unbedingt von den eistungen der Solisten und des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg: "Unter der allzu handfest-direkten Leitung von Paolo Carignani wurde so manches Verdi-Klischee bedient, überbreit und mit reichlich 'Um-ta-ta'. Das blieb stilistisch und künstlerisch weit zurück hinter dem Anspruch von Serebrennikows mutiger und profilierter Regie."

"Willkommen im Serebrennikow-Business!", mosert dagegen in der Welt Manuel Brug, der "Witz, Delikatesse und Klangkultur" vermisste und die Misere der Welt in geradezu operettenhaftem Agitprop verhandelt sah: "In Hamburg mussten Publikum wie Verdi neuerlich das ganze Flüchtlingselend der Welt plus Klimawandel plus Trump-Bashing über sich ergehen lassen... Und das Publikum wird in Sippenhaft genommen, denn wie soll man authentische Flüchtlinge und einen Regisseur im womöglich unrechtem Arrest ausbuhen?" Ähnlich sieht das Jürgen Kesting in der FAZ, formuliert es aber vorsichtiger.

Weiteres: Im Standard fragt Christopher Erben entsetzt, ob bei der Renovierung der Wiener Staatsoper gepfuscht wurde, wie es ihm eine Kunsthistorikerin erklärt habe: "Im Vestibül seien bis zu 90 Prozent der historischen Goldoberflächen mit einer 'goldenen Schuhpasta', branchenintern als Vergolderwachs bezeichnet, überschmiert." Ebenfalls im Standard spricht die Schauspielerin Christiane von Poelnitz über Differenzen mit Burgtheater-Direktor Martin Kušej.

Besprochen werden das Stück "Früher war alles" am Dresdner Schauspiel, das die ausländerfeindlichen Proteste und Anschläge in Freital, aber auch die Gegenwehr rekonstruiert (SZ), Yael Ronens Neuauflage ihrer "Third Generation" am Maxim-Gorki-Theater (SZ, Tsp), Sasha Waltz' neues in der Berliner Volksbühne aufgebführtes Stück "Rauschen" (SZ, FAZ), Georges Aperghis' Stück "Avis de Tempête" am Staatstheater Mainz (FR) und Amsgar Haags Inszenierung von Othmar Schoecks Anti-Revolutionsoper "Das Schloss Dürande" am Staatstheater Meiningen (NMZ).
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Film

Besprochen werden Jonah Hills "Mid90s" (Tagesspiegel), Marcus H. Rosenmüllers Biopic "Trautmann" über den Fußball Bert Trautmann (Welt), die neue "American Gods"-Staffel (ZeitOnline) und Francis Reussers autobiografisches Roadmovie "La Séparation des traces" (NZZ).
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Stichwörter: Biopic

Literatur

In der SZ spricht Herta Müller über ihre Text-Bild-Collagen, von denen gerade eine Auswahl im Band "Im Heimweh ist ein blauer Saal" erschienen ist. Längst besitzt die Schriftstellerin einen ganzen Fundus an ausgeschnittenen Wörtern und die Arbeit daran - das Heraussuchen passender Bilder oder dazu passender Wörter - ist ein tägliches Ritual: "Manchmal bin ich richtig fiebrig, wenn ich ein Wort nicht finde, und wühle ewig in der Schublade herum. Bin ich mal ein paar Tage nicht zu Hause, mache ich mich danach sofort wieder ran, die Wörter warten auf mich. ... Ich empfinde die Wörter als Reichtum und als ein Stück Freiheit. Sie sind im Übermaß da, ich muss sie nur ausschneiden, aus Katalogen, Zeitungen, keiner kann sich da einmischen. Manchmal legen mir Nachbarn Prospekte oder Zeitschriften vor die Tür, sie sind bei mir gut aufgehoben. Jedes Wort, das ich ausschneide, ist ein Unikat."

Im taz-Gespräch mit Katharina Borchardt über seinen Roman "Weil der Mensch erbärmlich ist"  erläutert der flämische Schriftsteller Jerome Olyslaegers seine Überlegungen, warum er seine Geschichte über einen belgischen Nazi-Kollaborateur namens Wilfried Wils im Präsens verfasst hat: "Ich bin davon überzeugt, dass Geschichte niemals aufhört. Das ist mein politisch-philosophischer Standpunkt. Geschichte ist nicht nur in einer Stadt gespeichert, sondern auch in ihren Bewohnern. ... Für mich ist Geschichte ein ewiges Jetzt. Das wollte ich durch die Gegenwartsform auch fühlbar machen. Wilfrieds Erinnerungen sollten etwas Dringliches haben."

Weiteres: Für die Zeit plaudert Christoph Dallach mit dem Schriftsteller John Niven, der seiner alten literarischen Figur Steven Stelfox einen neuen Roman auf den Leib geschrieben hat. Die Agenturen melden, dass Sara Danius, die im Zuge des Nobelpreis-Skandals ihren Posten als Ständige Sekretärin der Schwedischen Akademie geräumt hat, es für einen Fehler hält, in diesem Jahr nachholend zwei Literaturnobelpreise zu verleihen.

Besprochen werden Marie Darrieussecqs Dystopie "Unser Leben in den Wäldern" (Tagesspiegel), Attica Lockes Krimi "Bluebird, Bluebird" (online nachgereicht von der FAZ) und Davide Enias "Schiffbruch vor Lampedusa" (FAZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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