Efeu - Die Kulturrundschau

Manchmal bekommt die Welt Risse

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01.03.2019. Als Ausstellung des Jahres und Kunstpflock im Brexit-Chaos feiern Berliner Zeitung und Tagesspiegel die große Schau "Mantegna und Bellini" in der Berliner Gemäldegalerie. Im Freitag fordert der Forscher Ludwig Fischer, dass Naturbuch-Autoren statt mit Bäumen zu plaudern auch das Bedrohliche der Natur erkennen. Der Filmdienst wünscht sich einen handfesten Streit über den Zustand der deutschen Filmszene. Und Dezeen weiß, unter welchem Berg Ötzi künftig liegen wird. 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.03.2019 finden Sie hier

Kunst

Giovanni Bellini. Die Darbringung Christi im Tempel, ca. 1472. Holz, 80 x 105 cm © Fondazione Querini Stampalia, Venedig / cameraphoto arte snc


Als Kunstausstellung des Jahres würdigt Bernhard Schulz im Tagesspiegel, für einen Moment alle Kritik an der Berliner Museenlandschaft vergessend, die große Londoner Schau "Mantegna und Bellini", die jetzt in der Berliner Gemäldegalerie gezeigt wird, und die ihm die enge Zusammenarbeit der verschwägerten Maler vor Augen führt: "Sie kennen die Bilder des anderen, so sehr, dass sie bisweilen über Jahrzehnte hinweg Kompositionen des Schwagers aufgriffen und abwandelten. So ergeben sich in der Ausstellung wundervolle Bildpaare, deren ergreifendstes die 'Darbringung Christi im Tempel' ist, ein Kernthema der christlichen Kunst. Es erlaubt die Darstellung der jungen Mutter Maria mit ihrem neugeborenen Kind inmitten würdiger Priester, mithin eine Bandbreite von Menschendarstellungen. Nicht zufällig begann sich das Porträt gerade erst als eigenständige Bildgattung herauszulösen. Nun ist aber Mantegnas Gemälde - auf dem sich der Künstler und seine frisch angetraute Ehefrau verewigt hat - kurz nach 1453 entstanden, Bellinis ganz ähnliches, etwas figurenreicheres Werk jedoch erstaunliche zwanzig Jahre später. Der Venezianer hat das Bild des Schwagers abgepaust und getreulich nachgemalt."

Angesichts des Ereignisses hat der Tagesspiegel auch Elke Linda Buchholz in die Gemäldegalerie geschickt, die anhand der Ausstellung das Arbeiten in der Familienwerkstatt der Bellini-Dynastie beleuchtet. Die "Schönheit des Daseins" feiert auch Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung in der Schau, die mit Leihgaben aus Florenz und Venedig und dank "harmonischer Kooperation" mit der Londoner Nationalgalerie für sie wirkt wie ein "Kunst-Pflock, der da bilderreich demonstrativ in den rissigen europäischen Gedanken eingeschlagen wird, mitten im derzeitigen fatalen Brexit-Chaos".

Weitere Artikel: Absolut sehenswert findet Frank Zelger in der NZZ auch die Ausstellung "Tizian und die Renaissance" im Frankfurter Städel, die ihm nicht zuletzt den Einfluss von Giovanni Bellini verdeutlicht. Anlässlich der im Dresdner Lipsius-Bau gezeigten Ausstellung "Medea muckt auf. Radikale Künstlerinnen hinter dem Eisernen Vorhang" denkt Rald Hanselle im monopol-magazin über die Widerborstigkeit ostdeutscher Maler in der Vorwendezeit nach.

Besprochen werden außerdem die Ausstellung "40 Jahre Kunst im Kontext" in der Berliner nGbK (taz), die Ausstellung "Gottfried Keller - Der träumende Realist"  im Zürcher Literaturmuseum Strauhof (NZZ), die Ausstellung "A Journey through Mud and Confusion with Small Glimpses of Air" mit Arbeiten von Nathalie Djurberg und Hans Berg in der Frankfurter Schirn (FR) und die Ausstellungen "Alle Rembrandts" im Rijksmuseum, Amsterdam und "Rembrandt" im Mauritshuis in Den Haag (SZ).
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Film

Immer wieder werden Manifeste und Erklärungen verlesen, die eine andere Filmkultur in Deutschland einfordern, aber sie verpuffen fortlaufend angesichts einer Kulturpolitik, die sich nicht rührt und Konflikte aussitzt, ärgert sich Lars Henrik Gass, Leiter der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen, im Filmdienst. Hinzu kommt, dass die Manifeste, gegründeten Verbände und Initiativen fortschreitend nebulös würden. "Nachdem viele Jahre lang gefordert und diskutiert worden war, müsste nun aber doch endlich mal aufgezeigt werden, wie richtige Forderungen politisch umgesetzt werden sollen ...  Ob die geistig-moralische Wende zurück zur 'Liebe zum Kino' den konkreten politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen begrifflich ernsthaft gewachsen ist, bezweifele ich. Der Aufmerksamkeitswettbewerb unter den oppositionellen Kräften droht sowohl die gründliche Analyse der Situation zu vernachlässigen als auch dem Alarmismus der tradierenden institutionellen Kräfte in die Hände zu spielen."

Auf Artechock freut sich Rüdiger Suchsland über diese Kritik sowohl an der Politik, als auch an den Trägern der Kinokultur: "Um das Kino zu retten, müssen wir uns vom Moralismus verabschieden und wieder lernen zu streiten. Sie wie ich den Text von Lars Henrik Gass verstehe, klagt er über den Zustand einer Filmszene, der sowohl jede Streitkultur und Wertschätzung für Auseinandersetzung fehlt, als auch jeder Sinn für Politik."

Weitere Artikel: Im Kinozeit-Feature erzählt Paul Katzenberger die Geschichte des Westerns im Kino der DDR. Besprochen werden Jia Zhang-kes "Asche ist reines Weiß" (FAZ, mehr dazu hier), George Tillmans "The Hate U Give" (Tagesspiegel, mehr dazu hier), Marc Dugains "Ein königlicher Tausch" (Tagesspiegel), David Schalkos Mini-Serie "M - Eine Stadt sucht einen Mörder" mit Udo Kier (Kinozeit), Chiwetel Ejiofors für Netflix entstandenes Regiedebüt "Der Junge, der den Wind einfing" (FAZ), Stefan Ruzowitzkys für Sky produzierte Endzeit-Serie "8 Tage" (taz, Presse), der Dokumentarfilm "Die Schule auf dem Zauberberg" (ZeitOnline), der Dokumentarfilm "Period. End of Sentence" (Zeit), die auf Romanen des Krimiautors Michael Connelly basierende Serie "Bosch" (NZZ), die Serie "I Am The Night" (online nachgereicht von der FAZ) und die Amazon-Serie "The Widow" mit Kate Beckinsale (FAZ).
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Literatur

Inge Wenzl führt für den Freitag mit dem Autor und Forscher Ludwig Fischer ein instruktives Gespräch über den Stand des Nature Writing in Deutschland: "Dieser ganze Naturbücherboom geht genau in die falsche Richtung, nach dem Motto: Wir verstehen Natur, indem wir sie vermenschlichen wie Peter Wohlleben (mit seinem Buch 'Das geheime Leben der Bäume'): Der Wald ist wie ein Freundeskreis, die Bäume verständigen und helfen sich gegenseitig. Das tilgt genau das Problem, das wir mit Natur haben... Natur ist immer auch das Befremdliche, das Unverständliche oder sogar das Bedrohliche."

Weiteres: Der frühere Man-Booker-Prize wird künftig, nachdem die Man-Group als Sponsor abgesprungen ist, The Booker Prize heißen und von der Wohltätigkeitsorganisation Crankstart finanziell unterstützt, melden die Agenturen. Im Freitag spricht Maxim Leo über seine jüdische Familiengeschichte und seine Zeit in Israel. Die FAS hat ihr Gespräch mit John Niven online nachgereicht, der über den gesellschaftlichen Wandel der letzten Jahre nachdenkt, mit dem er in seinem neuen Buch sein Scheusal Steven Stelfox aus "Kill Your Friends" konfrontiert.

Besprochen werden unter anderem Hanya Yanagiharas "Das Volk der Bäume" (NZZ), Tom Franklins Südstaatenthriller "Krumme Type, krumme Type" (Tagesspiegel), Julian Barnes' "Die einzige Geschichte" (taz), Ferdinand von Schirachs "Kaffee und Zigaretten" (Berliner Zeitung), Rocko Schamonis St.-Pauli-Roman "Große Freiheit" (online nachgereicht von der SZ) und Ines Geipels "Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass" (SZ).
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Musik

Der frühere Go-Betweens-Sänger -und Gitarrist Robert Forster meldet sich mit seinem Alterswerk "Inferno" zurück, das seinen Titel vielleicht ja auch dem heißen Berliner Sommer des letzten Jahres verdankt, unter dessen Eindrücken es entstanden ist. Noch immer beherrscht der Musiker "die Kunst, große, himmelhochjauchzende Popmelodien mit melancholischen Mollakkorden zu grundieren", steht im Tagesspiegel, der uns den Namen der Kritikerin oder des Kritikers allerdings zumindest online vorenthält. Was ein bisschen zum Tenor der Besprechung passt, in der es heißt: "'Sometimes the world has cracks I fell through', klagt Forster in der verhalten beginnenden, dann wuchtig beschleunigenden Hymne 'Remain'. Manchmal bekommt die Welt Risse und man fällt hinein. Wer verschwindet, kann aber auch wiederauferstehen. Triumphal." Für die taz hat Dirk Schneider mit Forster geplaudert, der sich nur weniges so sehr wünscht, wie mal in einem deutschen Film mitzuspielen. Hier ein aktuelles Video:



Weitere Artikel: Beim NPR verneigt sich Pophistoriker Simon Reynolds tief vor Mark Hollis. Im Standard schreibt Ronald Pohl einen Nachruf auf den Pianisten André Previn. Besprochen wird das neue Album "Wasteland, Baby" des Folkrockers Hozier (taz).
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Design

Daniele Muscionico klagt in der NZZ vom Leid, sich in zu engen Umkleidekabinen und unter dem strengen Blick hilfswilliger Verkäuferinnen für den Frühling ausstatten zu müssen.
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Bühne

Schier überwältigt ist SZ-Kritiker Reinhard J. Brembeck von der Oper "Diodati. Unendlich" am Theater Basel, für die die Dramatikerin Dea Loher und die Regisseurin Lydia Steier sich einen apokalyptischen "Amoklauf zwischen Drogen, Inzest, Sexbesessenheit, Spiritismus und Totenerweckung auf den Höhepunkt einer mythisch überhöhten Geburt des neuen Menschen" ausgedacht haben und der Komponist Michael Wertmüller avantgardistisch-virtuose "Musikorgasmen" beigesteuert hat.

Besprochen werden Christian Stückls "Hiob" am Wiener Burgtheater (SZ) und drei Solo-Abende mit André Dussollier, Sami Frey und André Marcon an Pariser Theatern (FAZ).
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Stichwörter: Burgtheater

Architektur

Museumsquartier Bozen. Entwurf Snohetta.
Für Dezeen hat Lizzie Crook einen ersten Blick auf die Entwürfe des norwegischen Architekturbüros Snohetta geworfen, die in den Bozner Bergen ein Museumsquartier planen, das künftig mit dem Südtiroler Archäologiemuseum und dem Stadtmuseum Bozen auch die Mumie von Ötzi beherbergen wird: "Snohettas Vorschlag stellt das Museumsquartier als langgestrecktes Gebäude vor, das aus dem Berg herausragt, um dessen Topographie wiederzugeben. Es wäre über einen zentralen Platz, der als Raum für Open-Air-Märkte und Konzerte genutzt wird, mit der ringförmigen Seilbahnstation verbunden. Dieser Platz wird von Sitzgelegenheiten gesäumt und führt hinauf zum Treppendach des Museums, von dem aus man einen Panoramablick auf Bozen und seine Bergwelt hat. Ein abgelegener Eingang zu den beiden Museen durchbohrt den Hang und führt in einen gemeinsamen Foyerbereich."

In der Welt rauft sich der Schweizer Architekt Marc Jordi die Haare angesichts einer "hyperindividualistischen" Architektur in städtischen Neubau-Quartieren, etwa im Prenzlauer Berg, in Wien-Aspern oder in Köln-Ehrenfeld, die dank Mitbestimmungsrecht der Miteigentümer wirke, als "stünde sie vor einer längst fälligen ADHS-Therapie": "Da schreit eine Balkonplatte knapp über Kopfhöhe, dort quietscht eine signalgelbe Tür, optische Fallen und Wirrungen wohin das Auge reicht. (…) In diesen neuen Supersiedlungen kann von den eigentlich partizipatorischen und kollektiven Errungenschaften unseres Kulturerbes wie städtischer Eleganz, gestalterischer Zurückhaltung und Mitwirkung zur Verschönerung des Straßenbildes die Rede nicht mehr sein." Wie schön waren doch die Gründerzeit-Stadtquartiere vor hundert Jahren, seufzt er.

Weitere Artikel: Im Gegensatz zu den Anwohnern findet Stefan Weiss im Standard die von den Architekten Bernhard und Stefan Marte entworfene, fischartige neue Landesgalerie Niederösterreich in Krems, die dieses Wochenende eröffnet, zumindest "mutig".
Archiv: Architektur