Efeu - Die Kulturrundschau

Die Wände hochtanzen

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.02.2019. Mit verhaltener Begeisterung wird die gestrige Oscar-Vergabe auifgenommen, bei der Peter Farrellys versöhnliches Rassismus-Drama "Green Book" zum besten Film gekürt wurde.  FAS und taz kommen noch einmal auf den moralischen Defekt von Florian Henckel von Donnersmarcks "Werk ohne Autor" zurück, der erwartungsgemäß leer ausgegangen ist. Die FAZ taucht überdies mit Ellen Gallagher in die schwarzen Wasser des Mississippi. Und in der SZ kündigt das Kollektiv Ruangrupa für die Documenta 15 eine Crypto-Währungsreform an.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.02.2019 finden Sie hier

Film



Letzte Nacht wurden die Oscars vergeben: Perer Farrellys "Green Book", von vielen als seichtes, klebrig versöhnlerisches Rassismus-Drama kritisiert, gewann die Trophäe als "bester Film", die eigentlichen Abräumer waren allerdings Alfonso Cuaróns "Roma" und das Freddy-Mercury-Biopic "Bohemian Rhapsody" (hier alle Gewinner auf einen Blick). Das Branchenblatt Variety resümiert den Abend. In der FAZ bezeugt Dietmar Dath einen beinahe geglückten Abend. Was auch daran lag, dass es diesmal keine Moderation gab, so dass schale Polit-Bekenntnisse die Ausnahme blieben und es allem um die Filme als solche ging. So durften zahlreiche Auszeichnungen "eben nicht wie Manifestationen von Wohlwollen seitens der Abstimmenden für Schwarze, Frauen, indigene Menschen aus Mexiko oder sonstige Benachteiligte, Unterdrückte, Ausgebeutete, Alleingelassene, Eingeschlossene, Ausgegrenzte wirkten, sondern wie Preise für Kunst." Bis dann der Schock auf der Zielgeraden kam: "Ein laulinksliberales Fernsehspiel (mit einem wie immer faszinierenden Mahershala Ali, der auch eine Büttenrede zur Selbstneukonstruktion nutzen könnte) soll der beste Film des Jahres sein. 'Ach?' (Loriot). Das Werk ist mehr oder weniger antirassistisch gemeint. Herzlichen Glückwunsch, Academy. Da wird er zittern, der Rassismus." Für die Presse fasst Peter Huber den Abend zusammen.

Mehr Oscar-Content: Die Oscars waren in diesem Jahr mehr vom Wunsch nach sozialer Repräsentation geprägt als je zuvor, schrieb Bert Rebhandl gestern vorab in der FAS. Wenke Husmann spricht auf ZeitOnline mit Christian Bale, der für seine Leistung in "Vice" als bester Darsteller nominiert war. Freitag-Kritikerin Barbara Schweizerhof hätte lieber Marielle Hellers Satire "Can You Ever Forgive Me?" ausgezeichnet gesehen. Marietta Steinhart fragt sich auf ZeitOnline, warum Florian Henckel von Donnersmarcks "Werk ohne Autor" in Deutschland verrissen, in den USA aber für den Oscar nominiert wird.

Apropos Henckel von Donnersmarck: "Gebt ihm den Oscar nicht", rief gestern im FAS-Feuilletonaufmacher die israelische Schriftstellerin Ayelet Gundar-Goshem, die dem Regisseur vorwirft, mit "Werk ohne Autor" einen Film auch über Nazi-Deutschland gedreht zu haben, in dem der Mord der Deutschen an den Juden keine Erwähnung findet - für Gundar-Goshem eine "Geschichtsfälschung. In der taz greift Brigitte Werneburg Gundar-Goshems Text auf und erinnert daran, dass die Familie Henckel von Donnersmarck, die der Filmemacher gerne als viel zu nobel für die Nazis ausweist, durchaus in die Verbrechen Nazi-Deutschlands verstrickt war: "Polnische und arbeitsfähige jüdische Häftlinge vom Außenlager Kressendorf (Krzeszowice) des Konzentrationslagers Auschwitz leisteten in den Kalkwerken Henckel von Donnersmarck Zwangsarbeit. Gleiches ist für das Außenlager Hindenburg belegt, wo die Häftlinge in der Kokerei und bei der Waffen- und Munitionsherstellung in der Hütte Donnersmarck arbeiteten (siehe www.tenhumbergreinhard.de)."

Und ach, Stanley Donen ist tot. Der Großmeister des Musicals, der Regisseur von "Singin' in the Rain", "Charade" und vielen weiteren Klassikern war der letzte Überlebende des klassischen Hollywoodkinos, schreibt Rüdiger Suchsland auf Artechock: In seinen Filmen "wurde das Kino zum dritten Mal neu geboren: Als Medium der reinen Bewegung, der Leichtfüßigkeit, als Ort, in dem Menschen wirbeln, die Kamera fliegt, und die Farben sprühen." Wie Orson Welles war er ein Wunderkind des Kinos, hält Fritz Göttler in der SZ fest und schwärmt: Donens Musicals "sind muskulöser, athletischer, zupackender als die der Kollegen Vincente Minnelli, Charles Walters, George Cukor - die inszenieren und choreografieren dekorativ. ... Donens Kino ist pure Energie, seine Figuren sind dynamisch und kühn, gehen raumgreifend vor, Gene Kelly, der durch Pfützen tanzt im Regen (die man durch Löcher im Boden extra groß machte), oder die akrobatischen Holzfäller in 'Seven Brides for Seven Brothers'. Selbst wenn Donen mal mit dem eher distinguierten Fred Astaire arbeitete, in 'Royal Wedding', musste der tatsächlich die Wände hochtanzen." Ein Klacks für Astaire. Weitere Nachrufe in der Berliner Zeitung, Welt und Tagesspiegel.



Weitere Artikel: Robert Zwarg erinnert in der Jungle World an die drei Western, die Fritz Lang in den USA gedreht hat. Besprochen werden Jonas Akerlunds Black-Metal-Film "Lords of Chaos" (Tagesspiegel, Jungle World) und Mélanie Laurents auf Heimmedien veröffentlichte Verfilmung von Nic Pizzolattos Thriller "Galveston" (SZ).
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Bühne

Wo waren Sie Samstagabend gegen 20 Uhr? Herbert Fritschs Krimi-Revue "Totart Tatort" am Schauspielhaus Zürich

Mit seiner Krimi-Parodie "Totart Tatort" am Schauspielhaus Zürich kann Herbert Fritsch immerhin NZZ-Kritikerin Daniele Muscionico für sich gewinnen: "Fritsch segelt mit 'Totart Tatort' auf dem Satire-Niveau des 'Tatortreinigers', parodiert Krimiklischees, imitiert Doppelgängermotive, persifliert die obligaten Täter- und Opfermilieus - und beruft sich schließlich auf die Kraft, die Kunst schafft und nicht nur im Fernsehen wirkt: die Behauptung, die Phantasie." In der SZ fand Christine Dössel die Inszenierung mit ihren 50er-Jahren-Trenchcoats zwar hübsch anzusehen, aber auch arg inhaltlseer. In der Nachtkritik notiert Andreas Klaeui: "Die Drôlerie zündet nicht."

Weiteres: In der FR gratuliert Sylvia Staude dem Choreographen John Neumeier zum Achtzigsten.

Besprochen werden Mareike Mikats "Baal"-Inszenierung am Staatstheater Augsburg, die Brechts Frühwerk in das Milieu einer alternden Punkband verlegt (Nachtkritik), eine Bühnenfassung von Elena Ferrantes Roman "Meine geniale Freundin" am Nationaltheater Mannheim (Nachtkritik, FAZ), Antú Romero Nunes' Inszeneirung von Tracy Letts' "Familie" am Thalia Theater Hamburg (Nachtkritik) Erich Kästners "Fabian" im Deutschen Theater (Berliner Zeitung), Webers "Freischütz" im Heimathafen Neukölln (Tsp) und Waleri Fokins nach allen Seiten abgesicherte Inszenierung "Stalins Geburt" am Alexandrinski-Theater in St. Petersburg (Standard).
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Musik

Mit der Wiederveröffentlichung der späteren Soloalben des Neu!- und Harmonia-Musikers Michael Rother wird nicht gerade ein großer Krautrock-Schatz gehoben, meint ein ziemlich skeptischer Leon Ackermann in der Jungle World. Hinter die kreativen Leistungen seiner Bands fällt Rother weit zurück, bedient werden vor allem etablierte Standards, also pastorale Sounds und "zum Klischee gewordene monotone Drums und kitschige Farfisa-Synths, über die Gitarrenmelodien hinwegplätschern, die erschreckend nichtssagend sind." Immerhin nutzt Ackermann den Anlass für einen kompakten, aber lesenswerten, den strategisch-ästhetischen Abwehrbewegungen des Krautrocks durchaus kritisch gegenüber stehenden Abriss über die Geschichte des Genres.

Weitere Artikel: Für die Welt plaudert Michael Pilz mit Jason Williamson von den Sleaford Mods. Besprochen werden Leyla McCallas "The Capitalist Blues" (NZZ), der letzte Abend im Brahms-Zyklus des Deutschen Symphonie-Orchesters unter Robin Ticciati (Tagesspiegel), Sun Araws Berliner Konzert (taz), Billie Eilishs Zürcher Auftritt (NZZ) und ein Konzert von RAF Camora (Standard).
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Literatur

In der FAZ gratuliert Lena Bopp dem Schriftsteller Amin Maalouf zum 70. Geburtstag. Besprochen werden die von Klaus-Jürgen Liedtke herausgegebene Anthologie "Die Ostsee" (taz), Igorts Comic "Berichte aus Japan" (Tagesspiegel), der dritte und letzte Teil aus Jaon Lutes' Comic-Epos "Berlin" (SZ) und neue Kinder- und Jugendbücher, darunter Angie Thomas' "On the Come Up" (FAZ). Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Marleen Stoessel über Galaktion Tabidses "Mtazmindas Mond":

"Nie noch war der Mond dem All so stumm und still erstanden!
Der Dämmerung Harfe, wie in Stille auch gewandet,
..."
Archiv: Literatur
Stichwörter: Jugendbuch

Kunst

Ellen Gallagher & Edgar Cleijne: Highway Gothic, 2017. Ausstellungsansicht, WIELS, 2019

Alexandra Wach lässt sich in der FAZ nicht täuschen. Einen "hypnotischen Eskapismus" zelebrieren die Werke der Künstlerin Ellen Gallagher nur vordergründig, wie die Kritikerin in der Schau "Liquid Intelligence" im Wiels in Brüssel erkennt: "Was zunächst nach einer archaischen Kathedrale aussieht, getragen von psychedelischer Rockmusik, entpuppt sich als erschütternde Anthropozän-Kritik. Zwei Filme zeigen in Dauerschleife die Interstate 10, den südlichen Highway von der Ost- zur Westküste, der das im Mississippi-Delta liegende Atchafalaya Basin über eine Hochbrücke überquert, ein labyrinthisch bis zum Meer verzweigtes Netz aus Flussläufen, Seen und Tümpeln, in dem Hunderte von Pipelines Öl und Gas weiterleiten. Weil das Sumpfbecken regelmäßig von Überschwemmungen heimgesucht wird, versucht man die Wassermassen des Mississippi River umzuleiten. Die Folgen sind Sauerstoffmangel und schwarzes Wasser."

Der Künstler Ade Dawarman und der Architekt Farid Rakun, die beide zum indonesischen Kollektiv Ruangrupa gehören, erklären im SZ-Interview mit Catrin Lorch, wie sie die Documenta neu erfinden wollen: "Es wird darum gehen, in bestehende Systeme einzudringen. Wir werden in realen Zusammenhängen auftreten, nicht auf der symbolischen Ebene. Und nicht nur an Kunstorten, vielleicht auch in Krankenhäusern. Wir werden uns viel Hilfe holen, beispielsweise für Medienstrategien oder in technologischer Hinsicht. Man kann nicht über Ökonomie sprechen, ohne mit Crypto-Währungen zu arbeiten, vor allem wenn man als Netzwerk global operiert. Diese Vorgänge müssen wir so schnell wie möglich in Bewegung setzen."

Weiteres: Peter Schönberg rekonstruiert in der FAZ die Geschichte der Glasfenster aus der Zwickauer Marienkirche.
Archiv: Kunst