Efeu - Die Kulturrundschau

Bedrückend gehäkeltes Kaffeeservice

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14.02.2019. Im Standard wünscht der nach Salzburg zurückgekehrte Intendant Carl Philip von Maldeghem den Kölnern nach ihrer "Schmutzkübelkampagne" viel Spaß beim Karneval. Die Presse erfährt in einer Wiener Art-Brut-Ausstellung, wie elend Frauen um die Jahrhundertwende in Nervenkliniken behandelt wurden. Das "Fest des stählernen Penisses" feiern, aber Nobuyoshi Araki Sexismus vorwerfen, entgegnet die taz  japanischen Frauenrechtlerinnen. Zeit Online möchte erstmal keinen Ton mehr über die Elbphilharmonie hören.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.02.2019 finden Sie hier

Kunst

Judith Scott, Ohne Titel, o. J. Wolle und gefundene Objekte, abcd / Bruno Decharme collection. Creative Growth Art Center, Foto: César Decharme

Eine faszinierende, auch erschütternde "Explosion aus Farben und Fantasie" erlebt Almuth Spiegler in der Presse in der Ausstellung "Flying High" im Wiener BA Kunstforum, die erstmals Künstlerinnen der Art Brut vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart in solcher "Dichte" präsentiert. Es dauerte, bis Art-Brut-Künstlerinnen wahrgenommen und Stars wie Guo Fengyi oder Judith Scott gewürdigt wurden, so Spiegler, der Museumsdirektorin Ingried Brugger erklärt: "Frauen waren damals das Letzte unter den Letzten in den 'Irrenanstalten'." Spiegler schreibt: "Diese Ausstellung ist auch emotional ein harter Brocken, manche Arbeiten erzählen von den Zuständen, etwa das unsäglich bedrückende gehäkelte Kaffeeservice mit Zwangsernährungskanne von Hedwig Wilms von 1913/15. Oder die Fotos der Muster, die Marie Lieb 1894 aus zerrissenen Leintüchern auf den Boden ihres Krankenzimmers legte, die erste textile Rauminstallation überhaupt vielleicht."

Kiki Smith, Litter, 1999. Lithographie mit Vergoldung auf Arches, Cover White-Papier. Staatliche Graphische Sammlung München

Tief beeindruckt betrachtet Gottfried Knapp in der SZ das einzigartige grafische Werk der amerikanischen Künstlerin Kiki Smith, die ihre Druckgrafiken der Münchner Pinakothek der Moderne schenkte und sich vor allem in späteren Arbeiten mit den "Existenzformen zwischen Leben und Tod" beschäftigte: "In einem der eindrucksvollsten Radier-Zyklen hat Kiki Smith die Beileidsblumensträuße, die zum Begräbnis ihrer Mutter eintrafen, im leicht ramponierten Zustand, in dem sie sich nach den Feierlichkeiten befanden, aufs Papier gebannt und unter dem Titel 'Touch' zu einem Kompendium des Mitgefühls und des Dahinsiechens verdichtet. Das Sterben der Mutter in der Klinik aber ist in einem Zyklus großformatiger schwarzer Holzschnitte eindrucksvoll ausschnitthaft angedeutet."

In der taz nimmt Johanna Schmeller den japanischen, vor allem für seine Kinbaku-Fotos bekannten Fotografen Nobuyoshi Araki, dessen Werke derzeit im c/o Berlin zu sehen sind, vor den Sexismus-Vorwürfen der Frauenrechtlerinnen der "Angry Asian Girls Association" in Schutz: "Dass es mehr mit Sexismus zu tun hat, jede Auseinandersetzung mit weiblichen Genitalien zu vermeiden, als weibliche Lust öffentlich darzustellen, betont die Kulturhistorikerin Mithu M. Sanyal: Ein Schulkind, das einen Penis zeichnen kann, sollte auch eine Vulva hinbekommen. Die japanische Künstlerin Rokudenashiko wurde sogar festgenommen, als sie in einem Kanu, das einen vergrößerten Abguss ihrer Vulva darstellt, durch Tokio paddelte, um auf die Unterrepräsentation weiblicher Lust hinzuweisen. Bei einem jährlichen Fest des stählernen Penisses werden in Japan dagegen Lutscher in Penisform verteilt."

Besprochen werden die Ausstellung "Tizian und die Renaissance" im Frankfurter Städel (FR, Dlf), eine Ausstellung mit Werken von Maryam Jafri im Innsbrucker Taxis Palais (Standard) und die Ausstellung "Torture" mit Arbeiten des Fotografen Andres Serrano in der Stills-Gallery in Edinburgh (Guardian).
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Literatur

Das Logbuch Suhrkamp bringt ein Gedicht von Friedrich Ani. Besprochen werden unter anderem eine Zusammenstellung von Joseph Roths Briefen und Feuilletons aus Paris (NZZ) und Kenah Cusanits "Babel" (taz).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Stichwörter: Cusanit, Kenah

Musik

Von den langsam, aber sicher doch spürbar zu ermüden beginnenden Debatten darum, ob die Elbphilharmonie denn nun akustisch ein Debakel ist oder nicht, hat Florian Zinnecker auf ZeitOnline nun langsam mal wirklich genug und, ja, wer könnte es ihm verdenken. "Ein Konzertsaal ist kein Musikinstrument mit eigenem Klangcharakter", schreibt er seinen Kollegen ins Gebetbuch, "sondern der Rahmen für ein Kunstwerk, für dessen Gelingen in jedem Fall die ausführenden Künstler zuständig sind." Und er berichtet von den Umstände jenes die Debatte neu entfachenden Konzerts im Januar, als Jonas Kaufmann an manchen Orten im Saal nicht zu hören war: Der Tenor sang mitunter Stücke außerhalb seiner Stimmlage, "begleitet wurde Kaufmann vom Sinfonieorchester Basel unter der Leitung eines Dirigenten, der zwar das Werk und den Solisten, nicht aber den Saal gut kannte. Kaufmann stand vorn an der Rampe, den Dirigenten und das Orchester im Rücken und drei Viertel des Auditoriums neben, hinter und über, aber nicht vor sich. Das Orchester, unter dem Schallreflektor, blühte auf, Kaufmanns ohnehin sehr dunkle Tenorstimme war zugedeckt."

Sehr dankbar zeigt sich Wilhelm Sinkovicz in der Presse über eine sorgfältige digitalen Restaurierung von Furtwängler-Aufnahmen der Berliner Philharmoniker aus den Vierzigern, die nun auf CD erschienen sind: "Was Furtwängler in seinem Stammrepertoire mit den ganz auf ihn eingeschworenen Musikern erreichte, zählt zum Aufregendsten, was uns die Aufnahmegeschichte zu bieten hat." Ein der Edition beigelegtes Buch kläre zudem darüber auf, was an Furtwängler und den 40ern problematisch ist.

Weiteres: Ji-Hun Kim porträtiert im Freitag den Elektro-Musiker Philipp Sollmann, der sich unter dem Namen Efdemin im Spannungsfeld zwischen Rave und Klangkunst bewegt. Besprochen werden Neues vom LCD Soundsystem, mit dem Standard-Kritiker Karl Fluch sehr viel Spaß hat, Ariana Grandes neue Kommerzpop-Scheibe "Thank U, Next" (Presse), Mikhail Pletnevs Konzert in Wien (Standard) und Liz Harris' unter dem Namen Nivhek veröffentlichtes Ambient-Epos "After its own death / Walking in a spiral towards the house", das auf Bandcamp in voller Länge steht (Pitchfork).

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Architektur

Ziemlich verstört ist Oliver Wainwright im Guardian nach der Schau "Is this tomorrow?" in der Londoner White Chapel Gallery, die als Hommage an die wegweisende, unter dem gleichen Titel 1956 gezeigte Ausstellung angelegt ist: "Eine Dosis subversiven Unfugs kommt von Andrés Jaque und Jacolby Satterwhite, die einen großen schwarzen Berg aus dunklem Schaum und Plastikblumen gebaut haben, in dem eine Reihe von Monitoren eine Bewusstseinsstrom-Collage am unwahrscheinlichen Schnittpunkt von High-End-Immobilien, Grindr, Pornografie und Verschmutzung in New York zeigt. Es ist ein berauschender Cocktail, aber es lohnt sich, das ganze Video anzusehen, um einen Blick auf einige der unsichtbaren Kräfte zu werfen, die die Skyline von Manhattan prägen."

Weitere Artikel: Das für etwa 200 Millionen Euro errichtete auf 732 "Instant-Märchenschlösser" angelegte, sogenannte "Tal der Türme" im türkischen Bolu wird wohl als Horrorfilmkulisse enden, glaubt Christian Schachinger im Standard. Ziemlich verstört ist Oliver Wainwright im Guardian nach der Schau "Is this tomorrow?" in der Londoner White Chapel Gallery, die als Hommage an die wegweisende, unter dem gleichen Titel 1956 gezeigte Ausstellung gedacht ist
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Film

"Varda par Agnès", außer Konkurrenz im Wettbewerb
Der sechste Berlinale-Tag in unserer Presseschau: Alle lieben Agnès Varda, die rüstige Elder Stateswoman der Nouvelle Vague. Sehr lauwarm besprochen wird Isabel Coixets kunstgewerbliches Drama "Elisa y Marcela". Auch ansonsten alles sehr lau, lauten die Zwischenbilanzen vor dem letzten Drittel des Festival.

Abseits der Berlinale: Sehr beeindruckend findet Nina Jerzy es in der NZZ, wie selbstbewusst Barry Jenkins mit seiner Verfilmung von James Baldwins "If Beale Street Could Talk" umgeht: "Sein Tribut endet nicht im Kniefall und schon gar nicht im Staub. Er wagt es, seinem Idol auf Augenhöhe zu begegnen, und ehrt Baldwin auf die bestmögliche Weise: mit Kunst, die auf eigenen Beinen steht. ... Regisseure mit Talent, Gespür und Mut können die Vorlage mit den Mitteln des Films in etwas Eigenständiges transformieren. Weniger ambitionierte Filmemacher geben sich mit einer Art cineastischem Malen nach Zahlen zufrieden."

Besprochen werden Robert Rodriguez' Mangaverfilmung "Alita" (Presse, Tagesspiegel, der außerdem an die Vorlage erinnert), Nino Jacussos Dokumentarfilm "Fair Traders" (NZZ) und die deutsche Sky-Serie "Acht Tage" (ZeitOnline).
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Design

Für das ZeitMagazin spricht Claire Beermann ausführlich mit Natacha Ramsay-Levi, der ersten französischen Leiterin von Chloé seit 1992. Sie plädiert für Entschleunigung im Markt: "Man kann auf eine ernsthaftere Art einkaufen, bei der es nicht darum geht, das Allerneuste zu besitzen. So, wie es im Moment ist, mit den dauerkonsumierenden Kunden und den Modehäusern, die immer mehr Kollektionen zeigen, beißt sich die Katze doch in den Schwanz. Wir Designer sind ständig unter Druck, deshalb sind die Kollektionen weniger durchdacht, weniger gut produziert. Wenn wir etwas Nachhaltiges schaffen wollen, brauchen wir mehr Zeit."
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Bühne

Nach siebentägiger medialer Beschimpfung (Unser Resümee) reichte es dem Kurzzeit-Intendanten des Kölner Schauspiels, Carl Philip von Maldeghem: Salzburg nahm seinen "Auslastungskönig" mit Kusshand zurück, schreibt Margarete Affenzeller im Standard, die sich mit Maldeghem unterhalten hat: "Der Salzburger Intendant sieht offenbar das Image seiner Landeshauptstadt irrtümlich auf sich projiziert: ihre Lieblichkeit. Dabei erstaunt es ihn nicht wenig, dass Menschen hemmungslos und durchaus boulevardesk über jemanden urteilen, dessen Arbeit sie eingestandenerweise gar nicht kennen. 'Wenn das dort Standard ist, wünsche ich viel Freude beim Karneval.' Von Maldeghem empfand das Vorgehen als 'Schmutzkübelkampagne'. Auch deshalb, weil sie von Leuten ausgegangen ist, die mit dem Schauspiel Köln assoziiert waren oder sind."

Weitere Artikel: In der Berliner Zeitung hat sich Christine Matschke mit der Choreografin Colette Sadler getroffen, deren Performance "Temporary Store" in den Sophiensälen zu sehen ist. Für die SZ porträtiert Julia Spinola die mexikanische Dirigentin Alondra de la Parra, die Mozarts "Zauberflöte" an der Berliner Staatsoper dirigiert. Im Standard ist Ljubisa Tosic schon gespannt auf das von Jukka-Pekka Sarraste dirigierte und Calixto Bieito inszenierte "Elias"-Oratorium im Theater an der Wien. In der FAZ-Serie "Spielplanänderung" wünscht sich Hans-Magnus Enzensberger eine Inszenierung von Alexander Suchovo-Kobylins Zarenfarce "Tarelkins Tod". In der NZZ spürt Daniele Muscionico dem Erfolg des zunächst von Sönke Wortmann in Düsseldorf inszenierten und nun von Andreas Zogg auf die Bühne des Zürcher Theater am Hechtplatz gebrachten Stückes "Willkommen" nach, das sich mit Idealismus, Realismus und Rassismus im Zuge der Willkommenskultur beschäftigt.

Besprochen wird eine eine Weimarer "Wilhelm-Tell"-Inszenierung von Jan Neumann, der zwei Schauspieler in einen Apfel steckt und über Versuchungen durch Äpfel und Apple abstimmen lässt (Tell-Review).
Archiv: Bühne