Efeu - Die Kulturrundschau

Zigguraten, Zickzacke und gestufte Dreiecke

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.10.2018. Monopol freut sich auf den deutschen Beitrag zur Biennale 2019 in Venedig, von Natascha Süder Happelmann. Der Tagesspiegel feiert die völlig entfesselten Collagensequenzen des Kameramanns Wolf Wirth. Die SZ besucht die Jazz Kissaten in Tokio. Die Welt macht Party mit positivem Deutsch-Rap.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.10.2018 finden Sie hier

Kunst

Neben der Kuratorin Franciska Zólyom wird Deutschland auf der nächsten Biennale in Venedig von der Künstlerin Natascha Süder Happelmann vertreten, die ihren richtigen Namen - Natascha Sadr Haghighian - charmant zuvorkommend der gängigsten Falschschreibung angepasst hat. In Monopol ist Elke Buhr hochzufrieden, zumal die Künstlerin auch sonst politisch, aber nie eindeutig sei: "In mehreren Arbeiten hat sich Sadr Haghighian mit offenen Geheimnissen beschäftigt, Tabus der zeitgenössischen Gesellschaft, wie dem Waffenexport. Dass Deutschland der drittgrößte Waffenproduzent der Welt ist, wird hierzulande selten thematisiert. Sadr Haghighian baute 2013 einen Panzer des Typs Leopard 2A7+, der damals in großer Zahl nach Saudi-Arabien verkauft wurde, in rudimentärer Form nach, mit einem Tarnmuster aus Legoplatten verkleidet. In der Mitte der Installation 'pssst Leopard 2A7+', die 2013 in der Berliner König Galerie ausgestellt und seitdem in unterschiedlichen Kontexten gezeigt worden ist, kann man über Kopfhörer verschiedene Soundarbeiten hören: Texte über Rüstungsexporte, über den Arabischen Frühling, aber auch eine Art Selbstvergewisserung des Leopard-Panzers als fiktives Ich."

Anni Albers: Muster für den Teppich im Camino Real
Im Artforum feiert Lynne Cooke, Kuratorin der National Gallery of Art in Washington, DC., die Kunst der Annie Albers, die nach einer allzu kurzen Ausstellungszeit im Düsseldorfer K20 jetzt in der Tate Modern zu sehen ist. Albers fand auf ihren Reisen nach Südamerika einen Weg, die Inspirationen der präkolumbianischen Kunst zu verarbeiten, ohne sie zu kolonisieren, lobt Cook: Ihre Reiseerfahrungen "förderten das Verständnis einer 'anderen Ordnung des Verhältnisses der Moderne zur alten Vergangenheit', wie [Briony] Fer in ihrem Katalogaufsatz scharfsinnig argumentiert. Und dieses Verständnis wiederum setzte sie ab von ihren Kollegen in Europa, deren reduktive Primitivisierung der kolonialistischen Aneignung entsprach, wie auch von den Nachkriegsmodernen, die sehnlichst mit der Vergangenheit zu brechen wünschten - eine Tabula Rasa. In den 60er Jahren, als sie beauftragt wurde, einen großen Wandteppich für die Lobby-Bar von Ricardo Legortas stilvollem Hotel Camino Real in Mexiko-Stadt zu entwerfen, entstand ein überaus zeitgenössisches Werk, das sich durch seine funkelnd chromatische räumliche Vibration auszeichnet. Als komplexe, mehrschichtige Struktur aus rosa, roten und purpurroten Zigguraten, Zickzacken und gestuften Dreiecken verschmolz sie geschickt das Ethos einer aufstrebenden Generation von abstrakten Künstlern wie Bridget Riley mit dem indigenen Erbe Mittelamerikas."

Weitere Artikel: Das Art Institute of Chicago stellt über 44 000 Kunstwerke in hoher Auflösung online, meldet open culture. Auf artsnet empfiehlt Sara Cascone unbedingt eine Reise nach Wien: Denn so wie jetzt im Kunsthistorischen Museum wird man Brueghel möglicherweise nie wieder sehen können. Der Käthe-Kollwitz-Preis 2019 geht an Hito Steyerl, meldet der Tagesspiegel.
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Bühne

Besprochen werden Herbert Fritschs Inszenierung von Feydeaus Vaudevillekomödie "Champignol wider Willen" an der Berliner Schaubühne (Tagesspiegel, nachtkritik), eine Aufführung der Handspring Puppet Company aus Kapstadt in Halle (Tagesspiegel) und die Uraufführung von Bernhard Mikeskas "Antigone :: Comeback" am Theater Chur (nachtkritik).
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Film

Im Tagesspiegel empfiehlt Katrin Doerksen die Wolf Wirth gewidmete Reihe im Berliner Zeughauskino: Als einziger Kameramann unter den Unterzeichnern des Oberhausener Manifests stellte Wirth (1928-2005) seinen experimentell-verspielten Stil allerdings nicht nur in den Dienst des Jungen Deutschen Films, sondern arbeitete auch mit Vertretern der Altbranche zusammen, insbesondere Rolf Thiele. In der satirischen Farce "Moral 63" mit Nadja Tiller und Mario Adorf spießen Thiele und Wirth "die bigotte Nachkriegsgesellschaft" exzessiv auf: "Bei einem Karnevalsumzug kippt die Kamera wild von links nach rechts, dreht sich beinahe auf den Kopf und kulminiert schließlich in völlig entfesselten Collagensequenzen, in denen sich verschiedene Bildebenen kunstvoll überlagern: Die posierende Nadja Tiller, Feiernde in grotesken Tiermasken, glänzende Insekten und Reptilien in Großaufnahme. Vordergründig mögen diese Bilder den Exzess aburteilen, aber die Lust an ihm können sie auch nicht verbergen." Im Berlinteil der taz von gestern legte uns Thomas Groh die Reihe ans Herz.

Apropos deutsche Filmgeschichte: "Erstaunlich kümmerlich" im Vergleich zum internationalen Maßstab ist, was die Filmarchive bislang an Filmen aus dem Fundus der Filmgeschichte digitalisiert und online gestellt haben, stellt die Initiative "Filmerbe in Gefahr" in einer Pressemitteilung zum morgigen Welttag des Audiovisuellen Erbes fest.

Besprochen werden Ziad Doueiris "Der Affront" (FR, Zeit), Dexter Fletchers und Bryan Singers Queen-Biopic "Bohemian Rhapsody", das FR-Kritiker und Freddie-Mercury-Fan Daniel Kothenschulte weitgehend achselzuckend zur Kenntnis nimmt, Frederick Wisemans Dokumentarfilm "Ex Libris" (Standard, mehr dazu hier) und die Netflix-Serie "The Bodyguard" (FAZ).
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Literatur

Besprochen werden Ahmet Altans "Ich werde die Welt nie wiedersehen: Texte aus dem Gefängnis" (NZZ), Andreas Thalmayrs launiger Ratgeber "Schreiben für ewige Anfänger", Lucas Hararis Comic "Der Magnet" (taz), Wolfgang Herrndorfs postum veröffentlichter Band "Stimmen" (Berliner Zeitung), Frank Millers und Geof Darrows Comic "Hard Boiled" (Tagesspiegel), Joshua Ferris' Erzählungsband "Männer, die sich schlecht benehmen" (SZ) und Lafcadio Hearns Reisereportage "Die Inseln über dem Winde" (Tagesspiegel).
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Architektur

In der taz stellt Sabine Seifert die Wiener Architektin Caroline Palfy vor und den Berliner Architekten Tom Kaden, die beide Hochhäuser aus Holz bauen, wie zum Beispiel das Hoho Wien: "Die großen Fenster im Besprechungsraum geben den Blick frei auf den schmalen Betonkern, der vor Ort gegossen wird und noch nicht seine volle Höhe von 84 Metern erreicht hat. Für die gelernte Baumeisterin ist die Hybridbauweise mit Holz und Beton 'die ideale Kombination'. Man müsse die Materialien so einsetzen, wie sie am sinnvollsten ihre positiven Eigenschaften entfalten können. 'Nachhaltigkeit hat auch mit Logik zu tun. Das Stiegenhaus', sagt sie österreichisch, 'muss nicht unbedingt aus Holz sein. Es sollte ja ökonomisch bleiben.' Viele Häuser sind außen durch Holz verkleidet, erklärt Palfy, bloß um ökologisch zu wirken. Mit dieser Art von Beplankung will sie nichts zu tun haben. Was wie Holz aussieht, da ist beim HoHo Wien auch Holz drin oder dahinter. Das gilt vor allem für den Innenausbau. 'Wir sind ein Edelrohbau', sagt sie und weist mit einer Vierteldrehung ihres Stuhls auf den Raum."
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Musik

Wer Andrian Kreyes schöne, leider hinter einer Paywall versteckte SZ-Reportage über die Jazz Kissaten in Tokio gelesen hat, den packt unweigerlich die Lust, sofort ein Flugticket nach Japan zu lösen. Jazz Kissaten, erklärt Kreye, sind kleine, oft in versteckten Winkeln der Stadt gelegene Jazz-Cafés, in denen man sich nach Bestellen eines Getränks hinsetzt und - das gebietet der Ehrenkodex - schweigt, während der Betreiber ein Jazzalbum aus seiner umfangreichen, penibel kuratierten Vinyl-Sammlung auflegt, dem man dann in voller Länge konzentriert lauschen kann: Oasen des Hör-Glücks und Rückzugsort innerhalb der lauten Großstadtkultur. Ihren Ursprung haben diese Cafés in der Nachkriegszeit, so Kreye, als Schallplatten sehr teuer waren. "In den Jazz-Cafés versammelten sich all jene zum schweigenden Anhören, die verstanden, was ihnen diese neue Musik von der anderen Seite des Pazifik zu sagen hatte." Die japanischen Connaisseure empfanden Jazz nicht so sehr als "Musik der Befreier", sondern als "Musik der Afroamerikaner, der ewigen Außenseiter im Siegerland, mit denen sich viele identifizieren konnten, die sich im Konformismus und Korpsgeist der japanischen Gesellschaft nicht geborgen, sondern gefangen fühlten." Auf Instagram gibt es ein paar Eindrücke, wie man sich diese Jazz-Cafés vorstellen muss.

Der migrantisch geprägte Deutsch-Rap legt sein Gangsta-Image ab, frohlockt entzückt Cigdem Toprak in der Welt. Stattdessen gibt es Liebe, Hedonismus, neu entdeckte Zärtlichkeit - und ein Gefühl, im Land angekommen zu sein. Zu beobachten "ist ein Wandel in den migrantischen und sozial schwachen Communities, insbesondere bei den jungen Menschen, die sich immer stärker zugehörig zu dieser Gesellschaft fühlen. Die immer mehr an dieser Gesellschaft und den Vorzügen des Jungseins in dieser teilnehmen dürfen. ... In der Sprache des Landes, zu dem wir lange glaubten, dass wir nicht dazu gehören dürfen und sollen, dröhnt es jetzt laut in unsere Wohnungen, in unsere Autos. Wir feiern auf Deutsch. Wir sprechen nicht nur deutsch. Wir sind deutsch, auch weil wir auf Deutsch singen."

Mit ihrem Song "Missing U" hat Robyn nach nur acht Jahren den perfekten Popsong geschmiedet, meint Daniel Gerhardt auf ZeitOnline: Zugleich befolgt das Stück aber auch "eisern die Lehren der Algorithmusritter", denn "jede Bewegung scheint am Lineal entlanggezogen zu sein, jedes Element mit der Stoppuhr getimt. Spotify und Co. könnten sich das Lied ihrer Träume nicht hymnischer ausmalen." Auf Pitchfork geht Stacey Anderson vor dem dazugehörigen Album "Honey" auf die Knie. Wir hören in den perfekten Popsong rein:



Weitere Artikel: In der NZZ stellt Adrian Lobe den brasilianischen Komponisten Eduardo Miranda vor, der für seine "Neuromusic" genannten Arbeiten Computer und Mikororganismen miteinander in wechselseitiger Beziehung aufeinandertreffen lässt (in diesem Videovortrag stellt er seine Konzepte und Anordnungen vor). Im Standard spricht Amira Ben Saoud mit Anja Plaschg, die als Soap & Skin gerade ihr neues Album veröffentlicht hat. Elias Pietsch hat sich für den Tagesspiegel mit der Berliner PsychRock-Band Kadaver getroffen.

Besprochen werden Julia Holters "Aviary" ("ein durch und durch sinnliches Album", schwärmt Jana Sotzko in der Jungle World), eine neue EP der Sleaford Mods (taz), das neue Cat-Power-Album (NZZ), Foxtrotts "Meditations I-II-III" (taz), ein Buch über die Geschichte der Bigband des Hessischen Rundfunks (FR), der Auftakt zu Daniel Barenboims Beethoven-Sonaten-Zyklus in Berlin (Tagesspiegel), ein Jubiläumskonzert zum 25-jährigen Bestehen des Moskauer Studios für Neue Musik (FAZ) und neue Popveröffentlichungen, darunter Thom Yorkes Soundtrack zu Luca Guadagninos Remake von Dario Argentos "Suspiria" (ZeitOnline). Daraus eine Hörprobe:

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