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Efeu - Die Kulturrundschau

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12.10.2018. Die Literaturkritiker schämen sich für Rowohlt bei der Vorstellung von Rudolf Borchardts vor 80 Jahren verfasstem pornografischen Nachlass-Roman "Weltpuff Berlin": Musste das so herrenabendartig ablaufen, fragt die SZ. In der Welt berichtet der georgische Dichter Zviad Ratiani von Polizeiübergriffen und Missständen in seinem Land. Die Musikkritiker streiten über die Teilnahme an der Red Bull Music Academy. Die SZ entdeckt italienische Malerei der Zwanziger.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.10.2018 finden Sie hier

Literatur

Eine Sensation versprach der Rowohlt-Verlag bei der Frankfurter Buchmesse: Das Geheimnis wurde gelüftet - im Frankfurter Hof präsentierte Alexander Fest dem Publikum eine Edition von Rudolf Borchardts vor 80 Jahren verfasstem pornografischen Nachlass-Roman "Weltpuff Berlin", gegen dessen Veröffentlichung sich die Erben lange gesträubt hatten, der nun aber wegen des auslaufenden Urheberrechts veröffentlicht werden konnte. Bei der Präsentation des Buches war es manchem Zuhörer im Publikum allerdings zum Fremdschämen zumute: Von herrenabendartigen Zuständen berichtet etwa Marie Schmidt in der SZ, gerade so, als hätte es keine MeToo- und ähnliche Debatten gegeben: "Der 'Weltpuff' sagte Gerhard Schuster zu Beginn, habe durchaus 'frauenfreundliche Seiten', und wer ihn verschenke, 'muss damit rechnen, dass unsere Freundinnen ganz neue Intensitäten einfordern'. Es passiert einem in letzter Zeit gar nicht mehr so oft, dass man erlebt, wie über Frauen in einem Ton gesprochen wird, als seien keine im Saal. Keinesfalls darf man sich natürlich den Fehler erlauben, solche Stilprobleme dem im Januar 1945 verstorbenen Rudolf Borchardt anzulasten. Dessen 'Weltpuff' wird im Kontext seiner Zeit und Ästhetik hoch interessant zu lesen sein. Die Geheimnis-Sause des Rowohlt-Verlags machte indes einen bizarr aus der Zeit gefallenen Eindruck."

Der Abend war "ganz schlimm", sagt auch Kolja Mensing im Dlf Kultur: Geschwärmt wurde "von einem 'saftigen Porno', von 'deftigen Details' und - das Schlimmste dann - von einer angeblich 'berührenden Deflorationsszene', die man doch bitte alleine lesen möge. Das war tatsächlich schlimmer als alles, was Karasek und Reich-Ranicki in ihren schlechtesten Momenten in den 80er-Jahren zusammenfantasiert haben." Gregor Dotzauer möchte im Tagesspiegel differenzieren: Zwar gilt Borchardts "wahre Aufmerksamkeit doch dem sexuellen Detail. Der Glanz seiner Satzperioden konkurriert immer wieder mit glitschigen Land- und Meeresmetaphern, die Abwechslung im Immergleichen schaffen sollen." Doch "nur eine sorgfältige Lektüre kann entscheiden, ob unter der historischen Firnis dieses Kuriosums etwas liegt, an das sich heute noch anknüpfen lässt. Gibt es womöglich ein reicheres Frauenbild, als es das Genre nahelegt? Oder hat eine derartige Form der sprachlichen Imagination irgendeinen Vorzug gegenüber YouPorn-Videos? Es ist zu früh, darüber jetzt den Stab zu brechen."

In der Welt porträtiert Inga Pylypchuk den georgischen Dichter Zviad Ratiani, der, nachdem er selbst im vergangenen Jahr Opfer eines brutalen Polizeiübergriffs war, die Missstände in seinem Land geißelt: "Wie die meisten georgischen Künstler hält er die aktuelle Regierung für schwach, weil diese unter direktem Einfluss des georgischen Oligarchen Bidsina Iwanischwili steht. Die Kirche sieht die Regierung als ihren Verbündeten. Darauf habe auch Russland einen großen Einfluss, meint der Dichter. 'Die georgische orthodoxe Kirche ist praktisch eine Filiale des Moskauer Patriarchats, sie ist ein sehr regressives Element in der georgischen Gesellschaft.'" Mehr zu Ratiani in unserer Lyrikkolumne "Tagtigall".

Weitere Artikel: Clemens J. Setz staunt im Logbuch Suhrkamp darüber, wie sehr die Übertragung der Landung einer Sojus-Kapsel in der kasachischen Steppe einem "von alteuropäischer Bildsymbolik geprägten Jahreszeiten-Mysterienspiel" gleicht. Die FAS hat Tobias Rüthers Lektüre von Nabokovs "Lolita" unter den Eindrücken der #MeToo-Debatte online nachgereicht. Für die SZ hat sich Roswitha Budeus-Budde einen Überblick über die georgische Kinderbuchszene verschafft. Stefan Scholl zeichnet in seiner FR-Reportage ein Stimmungsbild des Gastlandes der Frankfurter Buchmesse. Die NZZ meldet, dass der Schweizer Schriftsteller Jonas Lüscher zu Demonstrationen gegen Nationalismus aufgerufen hat. Für die taz schlendert Nina Apin über das Buchmessengelände und sammelt Eindrücke.

Besprochen werden Dima Wannous' "Die Verängstigten" (NZZ), William T. Vollmanns "Arme Leute" (Intellectures), Heinz Strunks "Das Teemännchen" (FR), Eduard von Keyserlings Erzählband "Landpartie" (Tagesspiegel), Steffen Menschings "Schermanns  Augen" (FR) und Iunona Gurulis "Wenn es nur Licht gäbe, bevor es dunkel wird" (FR).
Archiv: Literatur

Kunst

Silvana Cenni by Felice Casorati, 1922, tempera on canvas, 205 x 105 cm
Faszinierende Entdeckungen macht Alexander Menden in der SZ im Folkwang Museum, das sich in der Ausstellung "Unheimlich real" italienischer Malerei der zwanziger Jahre widmet. Nicht immer war die Haltung jener Künstler zum Faschismus eindeutig, so Menden, meint aber: Lieber nicht "zu sehr auf den konzeptionellen Überbau, sondern auf einzelne Künstler wie Felice Casorati" schauen: "Der - später von den Faschisten verhaftete und in Mauthausen ermordete - Kunstkritiker Raffaello Giolli beschrieb dessen Kunst sehr treffend so: 'Die Volumina haben kein Gewicht, die Farben keinen Körper. Alles ist fiktional, nichts steht fest oder ist endgültig.' Man findet diese verstörenden Eigenschaften in Casoratis 'Silvia' wieder, dem lebensgroßen Porträt einer sitzenden Frau, die gesenkten Blicks an einem mit einem Teppich bedeckten Tisch lehnt."
 
Weitere Artikel: Die Käuferin, die Banksys "Girl with Balloon" für 1,2 Millionen Euro bei Sotheby's ersteigerte, will das Werk trotz Banksys Schredderaktion (Unser Resümee) erwerben, meldet Zeitonline. Warum gibt es kaum Nietzsche-Denkmäler, fragt Christian Saehrendt in der NZZ: "Es umgibt ihn bis heute eine schillernde Aura, er gilt als schwieriges Erbe. Dazu trägt die Tatsache bei, dass er gelegentlich von nihilistischen Gewalttätern als Pate aufgerufen wird, so beispielsweise 1999 von den Highschool-Amokläufern von Columbine oder 2011 von dem norwegischen Terroristen Anders Breivik."

Besprochen werden die Ausstellung "Walter Ophey. Farbe bekennen" im Düsseldorfer Museum Kunstpalast (FAZ) und die Helen-Levitt-Ausstellung in der Wiener Albertina (Standard).
Archiv: Kunst

Film

Kino der Interventionen: Bernadett Tuza-Ritters "Eine gefangene Frau"

Moderne Sklaverei: Eine Frau besorgt den Haushalt für eine Familie, dient den Kindern derselben als Sündenbock und muss ihr schmales Gehalt aus Fabrikarbeit noch bei der Familie abgeben. So geschehen in Ungarn, worüber Bernadett Tuza-Ritter mit "Eine gefangene Frau" einen Dokumentarfilm gedreht hat. Ein gutes Beispiel für ein gelungenes "Kino der Interventionen", lobt FR-Kritiker Daniel Kothenschulte. Zu dessen Merkmalen zählt es, "schon beim Filmen in das Gezeigte einzugreifen. In diesem Fall in einen unglaublichen, aber keineswegs außergewöhnlichen Fall von Ausbeutung. Der sachte und zurückhaltende Ton, die leisen, erklärenden Monologe der Protagonistin haben etwas Konspiratives. Daraus entsteht unterschwellige Spannung: Wann wird der Ausbruch gelingen? ... Wie jede Avantgarde überwindet auch das 'interventionalist cinema' eine Grenze. Was dieses bemerkenswerte Debüt indes respektiert, sind die Grenzen von Scham und Respekt."

Für die taz plaudert Benjamin Moldenhauer mit dem Filmhistoriker Christian Keßler, der sich in seinem neuen, sehr persönlichen Buch seiner Leidenschaft für Horrorfilme widmet: "'The Eye' habe ich mit Freunden zusammen geschaut. Als die Oma im Krankenhausflur erscheint, bin ich kreischend rücklings an die Heizung geflogen. Ein Triumph."

Besprochen werden Drew Goddards "Bad Times at the El Royale" (FR, Tagesspiegel), Christian Alvarts Thrillerverfilmung "Abgeschnitten" (ZeitOnline), Michael Moores trump-kritischer Dokumentarfilm "Fahrenheit 11/9" (NZZ), die französische Komödie "Verliebt in meine Frau" (Berliner Zeitung) und Matthew Weiners neue Amazon-Miniserie "The Romanoffs" (FAZ).
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Archiv: Film

Bühne

Wie steht es nach Chris Dercons Weggang um den Tanz an der Volksbühne, fragen Astrid Kaminski und Elena Philipp in der nachtkritik. Dercons Verdienste für die Verbindung von Tanz, Bildender Kunst und Sprechtheater erkennen sie durchaus an: "Zugespitzt könnte man sagen, das Verdienst Dercons ist es, das Schimpfen über Tanz so weit herausgefordert zu haben, bis es in sich selbst zusammenfiel. Nun können wir wieder in Qualitäten denken. Die Ästhetiken von Theater und Tanz sind in den letzten 50 Jahren nicht ohne einander denkbar. Vielmehr als sich künstlerisch zu bekriegen, inspirieren sie sich gegenseitig, ergänzen einander oder setzen sich durchaus produktiv voneinander ab."

Weitere Artikel: Vom zunehmenden Verfall des norwegischen Nationaltheaters berichtet Aldo Keel in der NZZ. Besprochen wird Michael Thalheimers Inszenierung von Ödön von Horvaths "Glaube Liebe Hoffnung" am Wiener Burgtheater (SZ).
Archiv: Bühne

Musik

Vor kurzem hatte sich Philipp Rhensius in der taz darüber geärgert, dass zahlreiche Musiker sich von der Red Bull Music Academy fördern lassen - wo doch Konzernchef Dietrich Mateschitz Rechtspopulisten unterstütze (unser Resümee). Jetzt kommt doch noch Bewegung in die Sache: In Berlin, wo die Academy derzeit residiert, hat das Label Live From Earth davon Abstand genommen, die heutige Abschlussparty der Academy zu kuratieren. Zur Freude von tazler Klaus Walter: "Dass man die Arbeit einer Tochterfirma nicht losgelöst vom Mutterkonzern beurteilen kann, das gehört zum kleinen Einmaleins des Kapitalismus. Umso erstaunlicher, dass viele integre, politisch wache KünstlerInnen und AutorInnen plötzlich nicht mehr bis drei zählen können. Oder wollen. Sie bemerken keine 'Verknüpfung' der Red Bull Academy mit der Politik des Red-Bull-Chefs. Kein Imagetransfer? Kein Kultursponsoring zu Werbezwecken? Kein Whitewashing durch subkulturelle Credibility?"

Das Berliner Line-Up ist im übrigen "erstaunlich alternativ", wundert sich Hannes Soltau im Tagesspiegel: "DJ Tanith, Urgestein der Berliner Clubkultur. Die Österreicherin Electric Indigo, Produzentin und Gründerin des feministischen Musiknetzwerks female:pressure. Der ehemalige Chefredakteur des Zentralorgans der Poplinken, der Spex, Arno Raffeiner, ist ebenso dabei wie Marcus Staiger, Wegbereiter des Berliner Raps und bekennender Antifaschist. Selbst das Berliner CTM-Festival, das explizit auf Diversität und politische Inhalte setzt, kooperiert mit dem Großkonzern."

In der SZ wirbt Jan Kedves jedoch für Differenzierung und Verständnis: Erstens seien die Betreiber der Red Bull Music Academy glaubhaft auf Distanz zu den Äußerungen ihres Chefs gegangen und zweitens sei es doch wohl besser, Mateschitz gibt sein Geld an kritische Musiker denn an rechte Politiker. Es "dominiert der Gedanke, dass Geld von einem Unternehmer, der in seinem Sender österreichischen Rechtspopulisten ein Forum gibt, zwingend jede künstlerische Äußerung befleckt. Dabei ließe sich genauso sagen, dass entscheidend ist, was auf der Bühne passiert, und auch, was die Künstler mit dem Geld später anstellen. Dietrich Mateschitz kann es nun anderen geben. Sollte er jemals auf die Idee kommen, ähnlich konsequent, wie er seit zwei Jahrzehnten elektronische Musik fördert, eine Red-Bull-Rechtsruck-Akademie zu finanzieren - es müsste einem angst und bange werden."

Weitere Artikel: Jan Paersch plaudert in der taz mit Kurt Dahlke von den Fehlfarben über die "Monarchie & Alltag"-Revival-Tour seiner Band. Für die SZ spricht Christian Jooß-Bernau mit dem bayerischen Songwriter Hans Söllner über dessen neues Album. Thore Barfuss sprach für die Welt mit dem Rapper Pusha T. Für Das Filter legen Martin Raabenstein und Thaddeus Herrmann nochmals Jóhann Jóhannssons Album "Fordlandia" von 2008 auf den Plattenteller.

Besprochen werden die wiederveröffentlichte Zusammenstellung "The Singles" von Bikini Kill (Pitchfork), ein von Paavo Järvi dirigiertes Konzert des Tonhalle-Orchesters Zürich (NZZ), das neue Album von Element of Crime (Spex), Phosphorescents Album "C'est La Vie" (taz), Tim Heckers Berliner Konzert (Tagesspiegel), ein Konzert von Low (Tagesspiegel), ein Vivaldi-Konzert des Geigers Daniel Hope (Tagesspiegel), ein Konzert des Jazzpianisten Shai Maestro (FAZ) und weitere neue Pop-Veröffentlichungen, darunter das neue Album der religionsskeptischen Metalband Behemoth, zu deren Leitmotiven laut ZeitOnline-Kritiker Jens Balzer "gut gelaunte Gotteslästerei" zählt.

Archiv: Musik

Architektur

Bei einem Spaziergang über den frisch sanierten Dizengoff-Platz in Tel Aviv stellt Welt-Korrespondent Gil Yaron erstaunliche Ähnlichkeiten mit Entwürfen fest, mit denen die Brüder Hans und Wassili Luckhardt im Jahre 1929 den Architektur-Wettbewerb für die Gestaltung des Berliner Alexanderplatzes gewannen.  Dass die Architektin Genia Awenbuch, einst verantwortlich für den Dizengoff-Platz, bei den Luckhardts abkupferte, ist nicht anzunehmen, so Yaron, aber viele jüdische Architekten kamen in den dreißiger Jahren nach Tel Aviv und brachten das von den Nazis verbotene Bauhaus zu neuer Blüte: "Nach der Machtergreifung Hitlers flohen Zehntausende deutsche Juden nach Palästina. Das Ha'avara-Abkommen zwischen der zionistischen Führung und den Nazis ermöglichte es diesen Flüchtlingen, Teile ihres Vermögens in Form deutscher Produkte oder Industriegüter nach Palästina zu retten. In Tel Aviv bauten sie ihr neues Heim mit deutschen Kacheln, Fensterscheiben, Türen, Lichtschaltern. Sie brachten auch deutsches Baufachwissen mit. Bis heute nutzen israelische Bauarbeiter Worte wie 'Putz', 'Unterkante' oder 'Schalter'."

Weitere Artikel: In der NZZ ist Michael Klein sehr zufrieden mit der Wahl der diesjährigen Mies-van-der-Rohe-Preisträger, die sich auch dem sozialen Wohnungsbau widmeten: "Viele von ihnen warten mit grundsoliden Lösungen auf, nur manchmal schimmert eine Sehnsucht durch nach einer Zeit, in der die Welt noch einfacher begreifbar schien, bisweilen in einer Architektur, die in ihrer Nüchternheit dem Diktum der Wirtschaftlichkeit fast schon erlegen scheint."
Archiv: Architektur