Efeu - Die Kulturrundschau

Wachstum der Depotbestände

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09.10.2018. Auftakt Frankfurter Buchmesse: Den Buchpreis für Inger-Maria Mahlke und ihren bei Rowohlt erscheinenden Teneriffa-Roman "Archipel" wertet der Tagesspiegel auch als Betriebspolitikum. Die FAZ fragt, warum deutsche AutorInnen eigentlich politisch so leise treten. Die SZ feiert eine große Pieter-Bruegel-Schau in Wien. Die NZZ plädiert für unsentimentale Entsorgung überflüssiger Kunstwerke. Der Guardian lernt von Peter Barber: Architektur kann lustig sein.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.10.2018 finden Sie hier

Literatur

Inger-Maria Mahlke hat für ihren Roman "Archipel" den Deutschen Buchpreis erhalten. "Ein kleines Literaturbetriebspolitikum", meint dazu Gerrit Bartels im Tagesspiegel, schließlich verdeutliche die Auszeichnung nochmals die Qualitäten der von Rowohlt geschassten Verlegerin Barbara Laugwitz, der Mahlke denn auch ihre Dankesrede widmete. Schade findet es Bartels nur, dass Maxim Billers Roman "Sechs Koffer" nicht ausgezeichnet wurde: Vielleicht sprach "das Geschlechterverhältnis dieser Shortlist dagegen (bei vier Frauen und zwei Männern den Roman eines Mannes wählen?); vielleicht auch die Angst, Biller würde in seiner Dankesrede (die er bestimmt vorbereitet hatte) auf die deutschsprachige Gegenwartsliteratur und den Literaturbetrieb schimpfen." (Biller freilich nahm es gelassen und tröstete nach der Verleihung seinen Verleger.)

Von Mutmaßungen in Richtung Gender-Parität hält Mara Delius in der Welt nichts: "Schon vor der Preisvergabe war der Smalltalk im Frankfurter Römer, dass nun gerade 'in Zeiten von MeToo' aber 'mal eine Frau dran' sei, was natürlich so naheliegend wie unfair war. Inger-Maria Mahlke ist nun erstens eine Frau und zweitens eine, die schreiben kann, was sich in 'Archipel' weniger in der von der Gegenwart rückwärts in die Vergangenheit erzählten Geschichte als in mikroskopisch gearbeiteten Bildern bemerkbar macht." Dennoch: Gerade diese rückwärts ablaufende Chronologie findet FR-Kritikerin Judith von Sternburges "virtuos".

Im Leitartikel der FAZ fragt Andreas Platthaus, warum sich deutsche SchriftstellerInnen politisch so zurückhalten? Die Diskussion über den Populismus etwa bestreitet Bundespräsident Frank-Walter Steinmeiner mit der kroatischen Autorin Ivana Sajko und dem Belgier Stefan Hertmans. Liegt es an der neuen moralischen Unübersichtlichkeit? "Eine Neuorientierung aber ist mit Hilfe der Literatur einfacher möglich als mit der Politik, weil literarische Aussagen unverbindlicher sind als politische, ohne dabei weniger anregend oder bisweilen auch abstoßend zu sein. Die Entlastung der Literatur liegt in ihrer Fiktionalität, die allerdings schon immer eine Schutzbehauptung war: Unpolitisches Schreiben gibt es so wenig, wie es nichtmenschliches gibt; noch in der Verweigerung einer Haltung liegt eine solche. Wie generell in unserer Gesellschaft ist das bedrückendste Symptom nicht der Hass, von welcher Seite auch immer, sondern die Gleichgültigkeit ihm gegenüber. Sie scheint in Deutschland ausgeprägter als in den Nachbarländern und -literaturen, in denen es jeweils schon länger brodelt."

Weitere Artikel: Ein beträchtlicher Teil georgischer Literatur wurde erst in den vergangenen acht Jahren ins Deutsche übertragen, hat sich Tilman Spreckelsen erkundigt. Umso interessanter der Blick in dieses literarische Land, versichert er in der FAZ. Der Freitag hat Expertinnen und Experten um Einschätzungen und Buchtipps gebeten. Unseren Überblick über Literatur aus und über Georgien finden Sie hier. Gerrit Bartels spricht im Tagesspiegel mit María Cecilia Barbetta ausführlich über deren Roman "Nachtleuchten" und die Geschichte ihres Heimatlandes Argentinien, insbesondere die Jahre vor dem Militärputsch 1976, in denen auch ihr Roman angesiedelt ist. Krimi-Autorin Simone Buchholz berichtet im Logbuch Suhrkamp, wie sie in Schottland ihre Seele in einem Kebab-Laden erst vergaß und dann wiederfand.

Besprochen werden unter anderem Romane von Naira Gelaschwili und Davit Gabunia (taz), Dirk Knipphals' Roman "Der Wellenreiter" (Tell), J.G. Ballards im Original bereits 2003 erschienener, jetzt auf Deutsch vorliegender Terrorismus-Roman "Millennium People" (SZ), dazu passend eine englisch-sprachiger Aufsatzsammlung über Ballard (SZ), Michael Chabons "Moonglow" (NZZ), W. S. Merwins Gedichtband "Nach den Libellen" (NZZ), George Pelecanos' Krimi "Das dunkle Herz der Stadt" (Tagesspiegel), Susanne Röckels "Der Vogelgott" (Standard), Bücher von Lina Wolff (Intellectures) und Dawit Kldiaschwilis "Samanischwilis Stiefmutter" (FAZ).

Zur Frankfurter Buchmesse bringen SZ und taz außerdem ihre Literaturbeilagen, die wir in den kommenden Tagen an dieser Stelle auswerten. In der taz besprochen werden unter anderem Bücher aus dem Gastland Georgien, Anke Stellings "Schäfchen im Trockenen", Heinz Helles "Die Überwindung der Schwerkraft", Karen Duves "Fräulein Nettes kurzer Sommer" und Leonard Cohens Gedichtband "Die Flamme".
Archiv: Literatur

Architektur

Aufwärmen in die Mikrowelle: Cottages für Obdachlose in der Holmes Road. Bild: Barber Architects.

Kann Architektur nicht auch mal lustig sein? Im Guardian stellt Oliver Wainwright den Briten Peter Barber als den originellsten Architekten unser Zeit vor: "In den vergangenen zehn Jahren hat er sich einen Namen gemacht mit seinen genialen Wiederentdeckungen traditioneller Haustypen und seiner Fähigkeit, aus vernachlässigkeiten Quartieren charaktervolle Brocken Stadt herauszuschlagen. Wo die meisten vielleicht nur nutzlosen Grünstreifen oder einen vergessenen Parkplatz sehen, erkennt Barber eine Reihe von Häsuern, die Rücken an Rücken stehen oder eine Ansammlung kleiner Cottages. Er ist ein Meister der humanen Verdichtung und entwirft diese selten gewordene Sache: Neue Wohnhäuser, die mit dem Charakter der Stadt übereinstimmen, die weder befremdliche Plattenbauten noch billiger Türme sind und auch nicht zum Pastiche werden. 'Die meisten vergessen', sagt Barber, als wir uns in seinen Studio bei King's Cross treffen, einem winzigen Dickens-artigen Ladenlokal voller Pappkartons und Gipsmodelle, 'dass Wohnhäuser siebzig Prozent aller Gebäude in London ausmachen. Wenn wir das Wohnen gestalten, gestalten wir Städte'."
Archiv: Architektur
Stichwörter: Barber, Peter, Verdichtung

Film

Im Cargo-Blog veröffentlicht Bert Rebhandl seine Notizen vom Filmfestival in Toronto. Im Freitag sprechen Pepe Egger, Christine Käppeler mit den Autoren Jana Burbach und Oliver Kienle über ihre Arbeit an der zweiten Staffel der Banker-Serie "Bad Banks". Gary Budden blickt für The Quietus zurück auf Martin Rosens vor 40 Jahren veröffentlichten Animationsfilm "Watership Down", der eine ganze Generation von Kindern traumatisiert haben dürfte.

Besprochen werden Ruth Beckermanns Dokumentarfilm "Waldheims Walzer" (Tagesspiegel) und Wojciech Smarzowskis kirchenkritischer Film "Klerus" (SZ).
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Archiv: Film
Stichwörter: Beckermann, Ruth

Kunst

Der Kunsthistoriker Christian Saehrendt plädiert in der NZZ dafür, ausrangierte Kunstwerke zu entsorgen, anstatt sie verschämt in Depots zu lagern: "Merkwürdig ist, wenn man sich unter Museumsleitern umhört: Das unaufhörliche Wachstum der Depotbestände wird dort offenbar gar nicht als Problem betrachtet, sondern als Naturgesetz angesehen: Alles wird eben immer mehr. Offenbar möchte niemand als Barbar erscheinen, der vom Wegwerfen von Kunst redet. Wie unfein! Damit werden die Probleme aber nur in die Zukunft verschoben, wenn Entscheidungen über das Aussortieren unumgänglich werden. Denn: Nichts ist konstant in der Kunstgeschichte und auf dem Kunstmarkt, weder die Preise noch die Wertschätzung."

Pieter Bruegel d. Ä.: Bauernhochzeit, um 1567, Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie. © KHM-Museumsverband

Als Jahrhundertausstellung feiert nun auch Gottfried Knapp in der SZ die große Pieter-Bruegel-Schau im Kunsthistorischen Museum in Wien (mehr hier). Dem Flamen Bruegel verdankte die Renaissance eine ganz neue Tiefe in der Darstellung von Menschen und Landschaften: "Pieter Bruegel, der wahrscheinlich bereits mit 45 Jahren starb, hat als Menschen-Kenner und -Beobachter nicht nur der Landschaftsmalerei völlig neue Inhalte vermittelt, er hat auch die gängigen Genres seiner Zeit mit elementarer Menschlichkeit aufgeladen und zu Sinnbildern des irdischen Daseins verdichtet, die unsere Psyche bis in die schmutzigsten Winkel ausleuchten. Der Lebensroman, den er zu erzählen hatte, beginnt mit den 'Kinderspielen' und 'Sprichwörtern', den Wimmelbildern, in denen die Höhen und Niederungen des menschlichen Denkens und Trachtens mit anthologischer Gründlichkeit und feinen ironischen Spitzen dargestellt sind.

Weiteres: In der NZZ schreibt Ai Weiwei zur Frage was es heißt, ein Mensch zu sein. Marlen Hobrack berichtet in der taz von einer Diskussion zur Freiheit der Kunst im Kunsthaus Dresden. FR-Autor Julius Tamm besucht im Fotografie Forum Frankfurt eine Ausstellung zu junger georgischer Fotografie.
Archiv: Kunst

Bühne

Besprochen werden Andrea Breths Inszenierung von Cherubinis "Medea" mit Sonya Yoncheva an der Berliner Staatsoper, bei der Daniel Barenboim einen Sturz in den Souffleusenkasten unverletzt überstand (Welt, Tagesspiegel, Berliner Zeitung, taz und FAZ besprechen sie zusammen mit dem verkorksten "Wozzek" an der Deutschen Oper), Mohammad Al Attars und Omar Abusaadas Stück "The Factory" über die Profite eines französischen Konzerns im Syrien-Krieg (Tagesspiegel), Alize Zandwijks Adaption von Theodor Storms Novelle "Der Schimmelreiter" am Theater Bremen (Nachtkritik) und Stephanie Mohrs Inszenierung des "King Lear" in Klagenfurt (Standard, FAZ).
Archiv: Bühne

Musik

Beachtlich findet es Andreas Busche im Tagesspiegel, dass Taylor Swift sich auf Instagram im Hinblick auf die Midterm-Wahlen und unter den Eindrücken des Brett-Kavanaugh-Skandals für einen Kandidaten der Demokraten stark macht: "Inmitten einer erhitzten Debatte hat die brave Taylor Swift nun mit einem einzigen Post ihren Girl-Power-Feminismus 'waffenfähig' (weaponized) gemacht - um ein Wort Trumps aus den vergangenen Tagen zu benutzen. Viele ihrer Fans gehören zu den Erstwählern." Rassisten, die Taylor Swifts Musik in den letzten Jahren für sich gekapert haben, weinen bereits bittere Tränen, schreibt Erin Durkin im Guardian.

Mit gerade einmal 16 Jahren hatte Hilary Hahn die ersten von Bachs Violin-Soli aufgenommen und damit für Aufsehen gesorgt - jetzt, 22 Jahre später, schließt sie den Zyklus zu Harald Eggebrechts Vergnügen ab: "Natürlich kann es nicht mehr jene umwerfende Unbekümmertheit der 16-Jährigen geben, nicht mehr jene ungetrübte Selbstverständlichkeit von damals in Klangbalance, Akkordik und architektonischem Aufbau der Stücke", schreibt er in der SZ. "Jetzt prägt eine sofort auffallende Angespanntheit den Höreindruck, diese Geigerin, inzwischen Weltstar und auch Mutter zweier Kinder, weiß um das Heikle nicht nur dieser Bachschen Musik, sondern auch um die Distanz zu ihrer früheren apollinischen Direktheit."



Weitere Artikel: Frederik Hanssen freut sich im Tagesspiegel darüber, dass immer mehr Dirigentinnen Orchester leiten. Besprochen werden ein Prokofjew-Abend der Wiener Philharmoniker (Standard), ein Auftritt von Sophie Hunger (NZZ), eine dem Komponisten und Videkünstler Ryoji Ikeda gewidmete Ausstellung im Filmmuseum Amsterdam (FAZ), der Soundtrack zu Lady Gagas Film "A Star is Born" (Pitchfork), eine neue Edition des 1988 erschienenen The-Fall-Albums "I Am Kurious Oranj" (The Quietus) und neue Wiederveröffentlichungen, darunter eine Deluxe-Edition des Weißen Albums der Beatles (SZ).
Archiv: Musik