Efeu - Die Kulturrundschau

Die Ränkespiele bleiben vorhersehbar

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01.09.2018. Die NZZ beklagt, dass nur noch körperpolitische Musik Revolutionen entfachen kann. Außerdem erliegt sie der bedrohlich unvertrauten Erotik von Balthus. Die FAZ lässt sich beim Tanz im August von Noé Soulier ganz verzaubert die Metaphysik des Tanzens zeigen. Im DlF-Kultur und in der taz erzählen Ai Weiwei und Adrian Piper von ihren Fluchterfahrungen. Und die Filmkritiker berichten von Tag zwei in Venedig.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.09.2018 finden Sie hier

Film



In Venedig haben sich die Filmkritiker großzügig über die Sektionen verteilt. Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche ist erstaunt, dass die Coen-Brüder in ihrem für Netflix produzierten Quasi-Western "The Ballad of Buster Scruggs" in den "großen amerikanischen Genres ... immer noch Neues entdecken. Ihre inspirierten Routinen werden nie langweilig." Busches erster großer Festival-Favorit ist aber "The Favourite" von Yorgos Lanthimos, in dem "über die Zukunft Großbritanniens zwischen Fußmassage und Cunnilingus entschieden wird". Taz-Kritiker Tim Caspar Boehme zeigt sich gegenüber solchen Spektakeln allerdings ziemlich abgebrüht: "Die Ränkespiele bleiben vorhersehbar. Das ginge überraschender."

SZ-Kritiker Thomas Steinfeld war dagegen begeistert. Jäh aus dem Sessel gerissen hat ihn insbesondere eine Szene, in der sich der Held der Geschichte vermittels gekonntem Schlag auf einen Tisch aus einer ausweglosen Revolver-Situation herausschlawinern konnte: "Diese Szene, in rasender Geschwindigkeit und mit einer unglaublichen Sicherheit der Bewegungen dargeboten, ist viel mehr als die Steigerung einer Genreszene ins Fantastische. Denn sie zeugt zugleich von einem absoluten Vertrauen in die ästhetische Elementarsituation. Sie ist zugleich Bildkritik oder Reflexion auf das Gemachte. Und sie vollzieht sich in völliger Beiläufigkeit, so als gäbe es hier gar nichts zu beweisen."

Dietmar Dath gesteht im FAZ-Blog nach der Sichtung von Rick Alversons Psychiatrie-Drama "The Mountain": "Ich hatte wirklich schon lustigere Depressionen als während der letzten zwanzig Minuten der Vorführung. ... Insgesamt verhält sich dieses finster-klare Zeug zu dem Kuckucksnest, über das Jack Nicholson einst geflogen ist, wie ein Tiefseegraben zu eine Pfütze. Tiefe Verzweiflung, ruhig ausgerollt, toll fotografiert; ob das einen Preis kriegt oder nicht, man wird's nicht so bald vergessen." Die FR hat Daniel Kothenschultes Text über die ersten Wettbewerbsfilme "First Man" und "Roma" online nachgereicht.

Weitere Artikel: Im Filmdienst-Blog ärgert sich Siegfried-Kracauer-Stipendiat Lukas Foerster darüber, dass es in modernen Kinosälen kaum noch richtig dunkel wird und Filme mitunter nicht mehr auf klassischen Leinwänden gezeigt, sondern von Bildschirmen heruntergestrahlt werden: "Wenn der Film nicht mehr durch den gesamten Kinosaal projiziert wird, sondern lediglich auf einem überdimensionierten Bildschirm (beziehungsweise einer Konstellation diverser Bildschirme) aufleuchtet, dann verliert er ein Stück weit die Definitionsmacht über den Raum, in dem er vorgeführt wird." Madeleine Bernstorff empfiehlt im Tagesspiegel eine Reihe im Berliner Zeughauskino mit in Deutschland entstandenen Filmen ausländischer Filmemacher. Im ZeitOnline-Interview rechnet Martina Gedeck harsch mit der hiesigen Fernsehproduktion ab: Für sie ist es kein Wunder, dass alle lieber amerikanische Serien schauen.

Besprochen werden Jon M. Chus "Crazy Rich Asians" (Standard), Detlev Bucks "Asphaltgorillas" (Welt) und die Serie "The Fall" (Freitag).
Archiv: Film

Kunst

Balthus, Thérèse, 1938. © Balthus, Foto: The Metropolitan Museum of Art/Art Resource/Scala, Florenz

Balthus' Bilder dürfen trotz ihrer Skandalträchtigkeit keineswegs aus Museen verbannt werden, meint Philipp Meier in der NZZ beim Betrachten der Gemälde, die aktuell in der Fondation Beyeler ausgestellt werden und die ihn immer wieder an Emily Brontës Roman "Wuthering Heights" erinnern: "Diese Bilder jedenfalls irritieren, weil sie stark erotisch aufgeladen sind. Auch jene, auf welchen der Blick nicht auf weiße Unterwäsche unter einem arglos hochgerutschten Rock fällt. Es ist eine bedrohlich unvertraute Erotik, die hier dargestellt wird - weder die uns bekannte von Erwachsenen noch jene präpubertäre von Kindern. Es ist vielmehr die Erotik der Poesie, rein, unkörperlich - jene Erotik, wie sie in 'Wuthering Heights' mit dämonischer Wucht beschworen wird: als bedingungslose Liebe bis in den Tod. Darin ist das Skandalon von Balthus' Malerei zu sehen."

Im Dlf-Kultur-Interview mit Max Oppel erklärt Ai Weiwei sein aktuelles Projekt "Priceless", für das er gemeinsam mit dem irischen Konzeptkünstler Kevin Abosch Momente aus seinem Leben verkauft, um den Wert menschlichen Lebens zu vermessen und spricht über die Aufgabe von Kunst und unseren Umgang mit Geflüchteten: "Ich bin aus meiner Heimat vertrieben worden, vor der ich bis heute Angst habe, die mir nach dem Leben trachtete. Ich denke aber, auf der Flucht zu sein, das ist ein weit verbreiteter, allgemeiner Zustand. Wenn wir keine Flüchtlinge sind, dann unsere Eltern oder Großeltern. Oder später unsere Kinder. Fluchtbewegungen sind ein natürlicher Zustand auf der Welt - und sie haben viele positive Entwicklungen bewirkt. Also sollten wir sie nicht als angebliche widernatürliche Durchmischung betrachten, sondern als Chance, dass die Menschheit daraus gestärkt hervorgeht."

Weiteres: Im taz-Gespräch erzählt die afroamerikanische Künstlerin und Philosophin Adrian Piper, die gerade den Käthe-Kollwitz-Preis verliehen bekommen hat und mit einer Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste gewürdigt wird, weshalb sie 2005 endgültig aus den USA emigrierte. Im Tagesspiegel schaut Nicola Kuhn auf Pipers Werk zurück. Besprochen wird die Käthe-Kollwitz-Ausstellung "Verzet en Verdriet in Beeld" (Widerstand und Leid in Bildender Kunst) im Haus Doorn im Utrecht (FR).
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Bühne

Bild: Noe Soulier. "TheWaves". Tanz im August. German Palomeque.

Mit Tanz muss man nicht immer Wale retten oder gegen Rassismus und Klassensysteme antanzen, macht sich Wiebke Hüster in der FAZ Luft, um dann die beim Berliner Tanz im August aufgeführte Performance "The Waves" des französischen Choreografen Noé Soulier hymnisch zu besprechen. Ein "Metaphysiker" sei Soulier, der "Tanz über Tanz" mache. In "The Waves", schwärmt sie, "spricht die Choreographie darüber, dass der Tanz rhythmisierte, stilisierte Alltagsbewegungen enthält, was ihn nahbar und unserem Leben zugewandt macht".

Anlässlich des Umzuges der Berliner Schauspielschule "Ernst Busch" hat sich Peter Laudenbach in der SZ mit der Schauspielerin Steffi Kühnert, dem Regisseur Simon Kubisch und der Schauspielabsolventin Monika Freinberger über Performance, Hierarchien und Sexismus an deutschen Bühnen unterhalten. Freinberger sagt: "Die liberalen Geschmacksvorlieben im bürgerlichen Stadttheater sind mir fremd. Da werden Distinktionsspiele zelebriert. Ich kann am Stadttheater keine politische Wirkung entwickeln. Die Auswahlkriterien für das Engagement von Schauspielern sind rassistisch und sexistisch. Ich möchte kein System unterstützen, das diese Diskriminierungs- und Privilegierungsmechanismen bedient."

Weiteres: Nachtkritikerin Shirin Sojitrawalla erlebt bei der Wiesbaden Biennale des Hessischen Staatstheaters auch jenseits des Skandals um die Erdogan-Statue viel Aufruhr. Besprochen werden Nicole Oders Stück "Peter Pan" im Heimathafen Neukölln (taz), Thomas Bockelmanns Inszenierung von Lucy Kirkwoods Stück "Moskitos" am Staatstheater Kassel (nachtkritik) und Hip-Hop-Performances beim Berliner Tanz im August (Tagesspiegel).
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Literatur

"Die deutscheste aller dramatischen Kunstformen blüht", begeistert sich Elmar Krekeler in der Welt angesichts Walter Adlers umfangreicher, mit 220 Stimmen bewältigter Hörspiel-Adaption von Hilary Mantels in der Französischen Revolution spielenden Roman "Brüder", die der WDR ab Montag in voller Länge online stellen will. Bei dem Hörspiel-Epos handelt sich nicht um ein "Radiokolleg der 'Grande Terreur' und seiner Ursachen, keine Volkshochschule, auch eigentlich keine Literaturverhörspielung. Es ist ein ganz eigenes Kunstwerk, das 'House of Cards'-Ähnlichste, was man aus Robespierres Revolution machen kann. Ein Stück über Menschen, ihre Sehnsüchte, Affären, Schwächen, ihre Gier nach Leben, Liebe, Macht. Ein Netzwerk von Privatem und Politischem. Ein Hörfilm darüber, was aus Menschen werden kann, wenn ihnen Macht in die Hände gegeben wird und die Ideen die Gefühle auslöschen. Einunheimlich menschliches Spiel über Unmenschlichwerden."

Weitere Artikel: In der NZZ verneigt sich Hans Maier vor den neun Eugen-Rapp-Romanen von Hermann Lenz, der wie kein anderer Romanzyklus das deutsche 20. Jahrhundert durchmesse. Der Lyriker Norbert Hummelt befasst sich im Literatur-Feature für Dlf Kultur mit georgischer Lyrik. Entgegen ersten Medienberichten kehren Sara Danius, Peter Englund und Kjell Espmark nun doch nicht in die Schwedische Akademie zurück, sondern werden nur gelegentlich mitentscheiden, wie die NZZ meldet. Für den Tagesspiegel plaudern Lorenz Maroldt und Oliver Voß mit Bestseller-Autor Frank Schätzing. Außerdem bringt die SZ eine Liebesgeschichte von Ian McEwan zur Frage, ob wir Menschen von Androiden eines Tages nicht mehr unterscheiden können. Und die FAZ bringt auf ihrer Literaturseite Auszüge aus Elias Canettis Briefband "Ich erwarte von Ihnen viel", der Ende des Monats bei Hanser erscheint.

Besprochen werden unter anderem Tom Franklins Krimi "Krumme Type, krumme Type" (Dlf Kultur, unsere Kritik hier), Maruan Paschens "Weihnachten" (taz), Isak Samokovlijas "Der Jude, der am Sabbat nicht betet" (NZZ), Frank Behnkes Storyband "Natürliche Auslese" (Freitag), Jennifer Egans "Manhattan Beach" (taz), die von Christiane Collorio und Michael Krüger herausgegebene Hörbuch-Box "The Poets' Collection" (taz), Ursula Poznanskis "Thalamus" (online nachgereicht von der FAZ), Michael Köhlmeiers "Bruder und Schwester Lenobel" (Standard), eine Hörbuchadaption von Michail Sostschenkos "Wie mit Gabeln aufs Wasser geschrieben" (Zeit), María Cecilia Barbettas "Nachtleuchten" (Welt) und Nino Haratischwilis "Die Katze und der General" (FAZ).
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Musik

In einem großen NZZ-Essay geht Philipp Rhensius der Frage nach, ob Musik überhaupt noch in der Lage ist, Protest zu artikulieren und loszutreten. Klassisch revolutionäre Musik - von Ernst Busch über die Musik der 68er bis zu Punk, Hardcore und Rap - hat es heute, Kendrick Lamars Erfolg zum Trotz, schwer. Oft wirkt das Anprangern von Missständen wie ein Déjà-vu. Fürs Erste eine Lösung bietet die körperpolitische Musik, empfiehlt Rhensius und versteht darunter die experimentelle, teils drastische Musik, die wie einst der Freejazz "das Atonale und die Apotheose des improvisierten Augenblicks feiert" und "heute vor allem in experimenteller Klubmusik weiterentwickelt wird. ... Sie soll den Körper aus seiner alltäglichen Disziplinierung lösen und gleichzeitig das Denken aus seinen Blockaden. Dabei ist diese Musik offen für individuelle Beteiligung und Interpretation - vorab beim Tanzen."

Sein Beispiel lässt den Tänzer in uns allerdings leicht zweifeln:



Um Fragen des Politischen geht es auch im großen Interview, das Martin Hufner für die NMZ mit der Komponistin Charlotte Seither geführt hat, die sich neben ihrer künstlerischen Arbeit auch um zahlreiche kulturpolitische Anliegen kümmert. Mit ihrer Kunst verbindet sie ein eigenes Anliegen: "Ich möchte nicht zeigen, wie die Welt ist. Ich möchte, dass wir einen neuen Blick auf die Welt gewinnen, so wie sie ist - das sind zwei sehr verschiedene Dinge. Beim ersten bilde ich ab, eins zu eins. Das muss nicht zwingend auch zu guter Kunst führen. Beim zweiten überlasse ich dem Hörer die Freiheit, selbst zu entscheiden, was er wie hören und wie er die Welt wahrnehmen will. Hören macht stark. Wenn es aber um wirklich politische Fragen in unserer Gesellschaft geht, dann genügt das Hören nicht, dann muss man auch und zuallererst handeln."

Weitere Artikel: Christina Mohr ärgert sich in "10 nach 8" auf ZeitOnline darüber, wie männliches Musikchecker-Nerdtum Frauen vom Popdiskurs ferntreibt. In der taz hält Eleonore Büning ausführlich Rückschau auf ihren Klassikfestival-Sommer zwischen Tanglewood, Luzern, Bayreuth und Salzburg. Airen taucht für die Welt mit Jürgen Laarmanns Podcast "1000 Tage Techno" tief in die Geschichte der Rave-Musik der 90er ein: Dass viele Protagonisten der damaligen Loveparade-Sonnenblumen-Familie seit vielen Jahren völlig zerstritten sind, macht die Sache nur noch spannender. NZZ-Kritiker Florian Bissig staunt beim Jazzfestival Willisau über den Auftritt der Trompeterin Jaimie Branch aus Chicago. Dlf Kultur bringt ein Lange Nacht von Barbara Giese über Franz Liszt. Katharina Koser porträtiert in der FAZ die venezolanische Pianistin Gabriela Montero. MDR Klassik hat eines ihrer Konzerte online gestellt:



Besprochen werden Eminems überraschend veröffentlichtes neues Album "Kamikaze", auf dem der Rapper mit den Kritikern seines letzten, von der Presse ziemlich zerrissenen Albums nach Strich und Faden abrechnet (SZ, Welt), Sophie Hungers "Molecules" (ZeitOnline, Standard), Anna Calvis "Hunter" (FAZ.net), ein Konzert des Orchestre Philharmonique de Radio France unter Mikko Franck (Standard), ein Konzert des Pianisten Saleem Ashkar (FR) und leider auch der Berliner Auftritt von U2 (Tagesspiegel). Außerdem bringt das Logbuch Suhrkamp die 59. Folge von Thomas Meineckes "Clip//Schule ohne Worte":

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