Efeu - Die Kulturrundschau

Im Schweigen erstarrte Primärformen

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21.08.2018. Die FAZ verzweifelt an Berlins gedenkpolitischem Unverstand, der sich gerade am Checkpoint Charlie manifestiert. Die SZ sorgt sich um das austrocknende Gartenreich Wörlitz. Mit düstersten Klängen besingt die Welt das Bauhaus in Dessau. Der Tagesspiegel muss sich trösten: Hedy Lamarr hatte so viel Schönheit und Intelligenz, da wird sie ein mittelprächtiges Filmporträt verschmerzen. Und der Guardian beteuert: Mit ihrer Diversität setzen die Hugo Awards für Science-Fiction- und Fantasy-Literatur Maßstäbe.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.08.2018 finden Sie hier

Architektur

Eine Brache mit Pommes-Buden toppt jeden Bebeuaungsplan. Foto: Adrian Purser, London, CC Wikipedia

Niklas Maak schlägt in der FAZ die Hände über dem Kopf zusammen bei dem gedenkpolitischen Unverstand, der sich in Berlin ballt. Erst holen sie die Einheitswippe vom "Schrottplatz für Symbolkitsch" zurück, jetzt wollen sie auch noch ein Hardrock-Café am Checkpoint Charlie bauen! "Seit den neunziger Jahren hatte die Stadt, angetrieben vom Wirtschaftssenat, öffentliche Liegenschaften in den besten zentralen Lagen unter Wert versilbert, um kurzfristige Erfolge bei der Auffüllung der leeren Kassen zu erzielen. Die Stadtplaner mussten machtlos zusehen, wie ganze Areale etwa am Potsdamer Platz, wo eine wegweisende, auch kleinteiligere Bebauung hätte entstehen können, in großen Tranchen an internationale Investoren verkauft und mit entsprechenden Großkomplexen bebaut wurde, die auch in Downtown Atlanta oder am Flughafen von Omsk stehen könnten. Die Folgen kommen die Gesellschaft teuer zu stehen: Das Zentrum wurde verödet durch kommerziell nicht einmal umwerfend erfolgreiche, bloß von Touristenlametta umspülte Geschäftsbauten".

Und noch mehr Dessau: Das Gartenreich Wörlitz hat nicht nur unter diesem trockenen Sommer sehr gelitten, bedauert Gustav Seibt in der SZ, sondern auch unter einer Leitung, die vergaß, die Welt auf sich aufmerksam zu machen: "Das Naturkulturdenkmal Wörlitz ist ein begehbares Buch, das man lesen muss, um hier die Zivilisations- und Schönheitsideale der europäischen Aufklärung in deutscher Brechung - es gibt eine Herder-Insel - zu erkennen. Die Wörlitzer Welt spannt sich nicht nur zwischen Neapel und dem britischen Yorkshire aus, sie gehörte zugleich in den Verbund von Weimar, Wolfenbüttel oder Marbach." FAZ-Kritiker Andreas Kilb besucht im Wörlitzer Haus der Fürstin die Ausstellung zur Malerin Angelika Kauffmann.

Studenten auf der Brüstung der Mensa-Terasse um 1931. Stiftung Bauhaus Dessau. Foto: unbekannt

Mit dem nächsten Jahr nähert sich das hundertjährige Jubiläum des Bauhaus, Welt-Kritiker Dankwart Guratzsch wird auch aus diesem Anlass keinen Frieden mit der Architekturmoderne machen. Für ihn bleibt sie das Sinnbild reiner Funktionalität, für die Unterwerfung des Menschen unter die Maschine: "Was diese neuartige Architektur für die Zeitgenossen so faszinierend machte, das war die Ungeheuerlichkeit und Schwärze der Fantasie, die alles Dagewesene in den Schatten stellte. Auffällig ist der Totenkult, die große Zahl von Grabmonumenten und Kenotaphen, die Huldigung an das Kosmische, das auf die Erde heruntergeholt und kultisch gefeiert wird. In diesen Bildern ist alles Artifizielle, sind Dekoration, Schmuck, Vielfalt, abgetötet. Eine autistische Geometrie, im Schweigen erstarrte Primärformen, eine schonungslose Nacktheit treten monumental, maßstabslos, in weltraumeisiger Fremdheit und Unnahbarkeit ins Bild."

Weiteres: In der NZZ freut sich Sarah Pines über das neue Schweizer Kulturinstitut in New York, das von Soho an den St. Marks Place gezogen ist: "Das Swiss Institute in Manhattans East Village ist nicht das schickste Gebäude, aber es ist luftig und hell."
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Kunst

In der taz trifft Brigitte Werneburg den Fotografen Michael Ruetz, der mit seinen Bildern von 1968 bekannt wurde und der noch immer die Zeit lebendig werden lassen kann: "'Es war ein richtig schönes öffentliches Leben 1968.' Denn der Spiegel und Die Zeit, später auch Time Magazine, Life und Paris Match druckten seine Aufnahmen. 'Ich fuhr jeden Tag nach Tempelhof zur Luftfracht, lieferte meine Fotos direkt bei British Airways oder Pan Am ab, und in Hamburg holten die das ab. Die hatten innerhalb einer Stunde ihre Bilder.'"

Weiteres: Im Tagesspiegel-Interview mit Susanne Kippenberger verrrät die amerikanische Künstlerin Roni Horn, was sie immer wieder nach Island zieht: "Das Gefühl des Unwohlseins, das ich dort habe. Die exquisite Natur zieht mich stark an - aber ich fühle mich nie behaglich dort. Es ist stimulierend und gleichzeitig verstörend." Besprochen werden Arbeiten der Künstlerin Eva Schlegel in der Kunsthalle Krems (Standard).
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Literatur

Vom hiesigen Feuilleton unbemerkt, wurden in der Nacht von Sonntag auf Montag in Kalifornien die Hugo Awards verliehen, mit die bedeutendste Auszeichnung für Science-Fiction- und Fantasy-Literatur. Jungskram? Von wegen. Seit einiger Zeit ist dort ein einschneidender Wandel zu beobachten: Die Diversität, mit der sich etwa die Oscars so schwer tun, ist dort mittlerweile Standard. So hat die schwarze Autorin N.K. Jemisin (die für den New York Times eine SF- und Fantasykolumne schreibt) dort nun für den dritten Teil ihrer postapokalyptischen "Broken Earth"-Reihe (der erste Teil erschien gerade auf Deutsch), wie auch schon für die beiden vorangegangenen Teile, die Auszeichnung für den besten Roman des Jahres erhalten, berichtet David Barnett im Guardian, für den mit dieser Preisverleihung die sogenannte "Sad Puppies"-Gruppe, die rechte, weiße Science-Fiction lancieren (mehr dazu hier), endgültig geschlagen ist. Hier Jemisins einerseits sympathisch humorvolle, andererseits politisch entschlossene Dankesrede:



Besprochen werden unter anderem Inger-Maria Mahlkes "Archipel" (NZZ, FAZ), Ayòbámi Adébáyòs "Bleib bei mir" (taz), Caroline Rosales' "Single Mom" (Freitag), eine zweisprachige Ausgabe von Julio Cortázars Erzählung "Die Katzen" (Tagesspiegel), Helene Hegemanns "Bungalow" (Welt), Adolf Muschgs "Heimkehr nach Fukushima" (Zeit), Claudia Piñeiros Thriller "Der Privatsekretär" (Standard), Hans Christoph Buchs "Stillleben mit Totenkopf" (taz), Andreas Thalmayrs "Schreiben für ewige Anfänger" (FR), Christina Dalchers "Vox" (ZeitOnline) und Olivier Guez' "Das Verschwinden des Josef Mengele" (SZ).
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Bühne

Grandios findet Egbert Tholl, SZ-Festivalreporter im Dauereinsatz, Christoph Marthalers Mammutproduktion zu Charles Ives' Menschheitssinfonie "Universe, Incomplete" bei der Ruhrtriennale in Bochum. "Über zwei Stunden reiner Charles Ives! Toll!", freut sich Manuel Brug in der Welt noch, um dann aber doch unleidlich zu werden: "Alles schöne, eindrückliche Bilder, aber irgendwie auch wie geklont, von der Marthaler-Stange, spröde, beliebig, durch ewige Reihung und Variation nach Bedeutung heischend."
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Film

Die Hollywoodschauspielerin als Ingenieurin: Hedy Lamarr (Bild: NFP)
Hedy Lamarr ist eine Legende der Filmgeschichte mit einem faszinierenden Lebenslauf, darin sind sich alle Kritiker einig: Strahlende Schönheit, funkelnde Intelligenz, der erste weibliche Orgasmus auf der Leinwand, Bannfluch durch die Nazis, Zorn im Vatikan, Migration in die USA, Entwicklung des Frequenzsprungverfahrens, das heute noch in unserer WLAN-Technologie schlummert, und fast schon nebenbei ein riesiger Blumenstrauß an Hollywoodfilmen, von denen einige Klassiker wurden, andere floppten. In der Welt listet Tilman Krause zahlreiche Anekdoten aus diesem Leben auf - vielleicht auch, um nicht allzu lange darüber schreiben zu müssen, dass Alexander Deans dokumentarisches Porträt "Geniale Göttin" nicht rundum gelungen ist: "Emotionale Momente sind rar in einem Film, der atemlos von Einstellung zu Einstellung jagt, bei niemandem länger verweilt, um nur ja alle möglichen Zeitzeugen zum Sprechen zu bringen, auch wenn diese nicht immer etwas zu sagen haben." Auch Andreas Busche zeigt sich im Tagesspiegel einerseits zwar höchst fasziniert von Lamarr, will den Film andererseits aber ebenso nicht voll goutieren: Er "bleibt unentschlossen zwischen Klatsch-Doku und Hommage. Der Film überspielt viele offene Fragen, etwa warum Lamarr ihre jüdische Herkunft verleugnete. Auch ist sich Alexandra Dean nicht zu blöd, Lamarrs labilen psychischen Zustand und ihre sechs gescheiterten Ehen halbherzig mit einem vergeblichen Schrei nach Liebe zu erklären."

Weitere Artikel: Für den Freitag porträtiert Maxi Leinkauf die Drehbuchautorin Laila Stieler, die gerade das Buch für Dresens Film über Gerhard Gundermann geschrieben hat. Besprochen wird Damian John Harpers "In the Middle of the River" (SZ).
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Musik

Eine Ausnahmeerscheinung ist das People Festival im Berliner Funkhaus, berichten unisono alle, die dort gewesen sind. Das Besondere: Keine Band, auch prominentere wie Bon Iver und The National nicht, auf deren Initiative das Festival zurückgeht, ist Headliner, vielmehr treffen sich alle Musiker vorab zu einem einwöchigen Workshop, aus dem verschiedene Sessions entstehen. Diese werden dann in wechselnden Konstellationen der Musiker auf die Bühne gebracht, das Publikum wird von Saal zu Saal geführt, ohne zu wissen, wer als nächstes spielt oder wer da überhaupt auf der Bühne steht. Um den Verzicht auf Smartphone-Daddelei wird zudem gebeten. Von "einer großen Frische" berichtet eine glückliche Juliane Liebert in der SZ: "Die Existenz des Projekts wichtig, denn Kreativutopien sind heute besonders bedroht, weil sie vom Start-up-Kapitalismus gekapert werden. Alle behaupten ja gern, die Welt zu einem kreativeren und also besseren, freieren Ort machen zu wollen. Nur nehmen das eigentlich nur Projekte wie dieses wirklich ernst, weil sie die Freiheit nicht als Substantiv verstehen, sondern als Verb, als eine fortlaufende, wirklich erfüllende, weil soziale Tätigkeit." Da stellt sich nur die Frage: War irgendjemand dieser kreativ zusammengestellten Gruppen so gut wie Bon Iver allein?

Johannes von Weizsäcker zeigt sich in der Berliner Zeitung deutlich abgeklärter: Ihm ist das schlussendlich doch alles viel zu schluffig und zu kuschelig: "Ein nettes Festival-Format, aber besser als bei anderen Mainstream-Festivals ist die Musik auch nicht." Jan Jekal atmet in der taz hingegen auf: "Das Kontextualisieren, das sonst in der Popmusik so wichtig ist, das Verbinden der Musik mit einer größeren, identitätssttiftenden Erzählung, ist hier nicht vorgesehen." Und mit einem Mal steht da draußen Justin Vernon zwischen ein paar Sträuchern und "spielt ein überragendes Set, für vielleicht zweihundert Zuschauer. Danach verschwindet er. Er war da, ich war da, und die anderen waren auch da."



In der NZZ spricht der Schriftsteller und Essayist Karl-Heinz Ott all jenen konservativen Briten (etwa hier), die sich vom Brexit erhoffen, dass die britische klassische Musik durch die Loslösung vom europäischen Festland ein eigenes, brillantes Profil entwickelt, ein wenig Trost zu: Schließlich sei britische Musik doch ohnehin schon weit besser als ihr Ruf: "Der Spectator hätte sich auch auf Komponisten berufen können, die weniger zum Fanfarischen tendieren als zum Klassisch-Komplexen. Doch weder fällt der Name Benjamin Britten noch der des Zeitgenossen George Benjamin." Und schließlich gab es ja noch die von den Beatles und den Rolling Stones befeuerte Popmusik, die "von England aus die Welt erobert hat".

Besprochen werden Animal Collectives "Tangerine Reef" (Spex), der Sonntag beim Lucerne Festival (NZZ), ein Sibelius- und Bruckner-Abend mit den Wiener Philharmonikern unter Herbert Blomstedt bei den Salzburger Festspielen (Standard), ein Konzert des NDR Elbphilharmonie Orchesters unter Christian Gerhaher beim Rheingau Musik Festival (FR), ein Auftritt des Jazz-Posaunisten Nils Landgren (Tagesspiegel), ein Konzert des West-Eastern Divan Orchestras unter Daniel Barenboim (Tagesspiegel), das Leipziger Konzert von First Aid Kit (FAZ) und neue Klassikveröffentlichungen, darunter eine Auswahl des Cuarteto Casals aus Beethovens 16 Quartetten (SZ).
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