Efeu - Die Kulturrundschau

Abwesenheit von Dämonie

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18.08.2018. Schafft die Ruhrtriennale einfach ab, fordert die Welt. In der FAZ erklärt der Schriftsteller Murathan Mungan, wie man im Türkischen homosexuelle Liebesgeschichten erzählt, ohne dass die Leser es merken. Die taz trifft sich mit Ex-Punk und Bankräuber Gilles Bertin in Toulouse. In der taz erklärt Andreas Dresen, warum er einen Film über Gerhard Gundermann machen wollte. Und die SZ träumt vom Leben im Ko-Dorf.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.08.2018 finden Sie hier

Literatur

Im literarischen Wochenend-Essay der FAZ macht der türkische Schriftsteller Murathan Mungan auf Eigenarten seiner Muttersprache aufmerksam: In manchen Fällen lässt das Personalpronomen keine Rückschlüsse auf das Geschlecht der bezeichneten Person zu. Und viele Vornamen werden sowohl von Männern, als auch von Frauen getragen. Davon ausgehend unternimmt er einen kleine Streifzug durch die Literaturgeschichte queeren Begehrens: Immer wieder haben Autorinnen und Autoren Strategien finden müssen, homosexuelle Liebesgeschichten zu tarnen. "In einem meiner ersten Bücher, 'Vierzig Zimmer', heißt die Hauptfigur einer Erzählung Ümit, was 'Hoffnung' bedeutet. ... Während sich in meiner Fantasy-Erzählung, einer anrührenden Liebesgeschichte, die Dinge immer mehr zuspitzten, gab ich keinerlei Hinweis auf das Geschlecht von Ümit und überließ alles der Wahrnehmung des Lesers." Die Auflösung "hat bei einigen Lesern heftige Reaktionen ausgelöst. Manche fühlten sich regelrecht betrogen. Sie wollten von einer Beziehung zwischen Romeo und Julia hören, aber nicht von Romeo und Romeo oder von Julia und Julia."

Im Berlin-Friedrichshainer Nordkiez ist taz-Autor Andreas Hergeth auf ein gut gehütetes Geheimnis jenseits des offiziellen Literaturbetriebs gestoßen: Auf den von Florian Günther herausgegebenen DreckSack, die "lesbare Zeitschrift für Literatur". Der Untertitel ist dem Herausgeber wichtig: "'Ich will eine Zeitschrift machen, die den Dreck unserer Gesellschaft, den sprichwörtlichen, aufnimmt, all die Probleme dieser Zeit, die Korruption, die Verdrängung, das wachsende Elend.' ... Deshalb schreibt für DreckSack zum Beispiel ein Obdachloser" und "eine Kolumne der Zeitschrift sticht besonders hervor: 'Briefe aus dem Knast'. Darin schreibt der Bankräuber Thomas Meyer-Falk, der seit zwanzig Jahren im Gefängnis sitzt, über seinen Alltag und wie es so zugeht hinter Mauern und Gittern."

Über den Versuch der Zeit, mit dem Vorschlag eines neuen Kanons eine leidenschaftliche Debatte zu lancieren, kann taz-Redakteur Dirk Knipphals nur müde lächeln: "Die Kernleserschaft dämmert über so einen Titel entspannt nickend ein, eingelullt dadurch, dass sich die Konflikte der Gegenwart aus der Welt träumen lassen. Und die versierteren LeserInnen hinterfragen das Verfahren."

Weitere Artikel: Für die Welt fährt Oliver Driesen mit Sten Nadolny Zug und lässt den Autor, der 1981 in "Netzkarte" seinen Romanhelden per Zug durch die Bundesrepublik fahren ließ, rekapitulieren, wie sich das Land von der Bahnreise her gesehen verändert hat. Denis Scheck ergänzt seinen Welt-Literaturkanon um Derek Walcotts "Omeros". Dlf Kultur bringt Eva Pfisters Lange Nacht über die Schriftstellerin Irmgard Keun. Außerdem befasst sich Astrid Mayerle im Feature mit Dichtern, die über ausgestorbene Tiere dichten.

Besprochen werden unter anderem Maxim Billers "Sechs Koffer" (Zeit), Oliver Guez' "Das Verschwinden des Doktor Mengele" (FAZ, Welt), Michael Ondaatjes "Kriegslicht" (SZ), Michael Kleebergs "Der Idiot des 21. Jahrhunderts" (Welt), Arthur Koestlers "Sonnenfinsterni" (Tagesspiegel), Gianna Molinaris "Hier ist noch alles möglich" (Freitag), Christina Dalchers "Vox" und Meg Wolitzers "Das weibliche Prinzip" (taz), neue Veröffentlichungen von und über Alexander von Humboldt (NZZ), Helene Hegemanns "Bungalow" (Welt) und Benjamin von Wyls "Land ganz nah" (FAZ).
Archiv: Literatur

Bühne

Bild: Salzburger Festspiele. Bernd Uhlig
Als "szenisches und musikalisches Gesamtkunstwerk" erlebt NZZ-Kritiker Marco Frei bei den Salzburger Festspielen Krystof Warlikowskis Neuinszenierung der 1966 uraufgeführten "Bassariden" von Hans Werner Henze, der einst vor allem die Aufarbeitung der NS-Zeit im Sinn hatte: "In seiner Regie macht Warlikowski unmissverständlich deutlich, wie viel erschreckend aktuelle Zeitkritik in Henzes Opernstoff schlummert - an die populistischen Blender unserer Tage, die allenthalben Hochkonjunktur haben, denkt wohl jeder bei dieser Aufführung." Der Stoff behält bei Warlikowski "mythische Kraft", schreibt Jan Brachmann in der FAZ und hebt vor allem Kent Naganos Dirigat hervor: "Die Vielfalt dessen, was Musik in 'The Bassarids' ist oder sein kann, blüht dabei auf." Nur dank Nagano werden die politischen Momente des Stücks offenbar, meint indes Reinhard J. Brembeck in der SZ, der der Inszenierung ansonsten wenig abgewinnen kann: "Hier arbeitet Dionysos bloß mehr seinen unbewältigten Mutterkomplex ab, und Regisseur Krzysztof Warlikowski ist ihm dabei Erfüllungsgehilfe."

Die Ruhrtriennale ist längst überflüssig geworden, findet Manuel Brug in der Welt - und zwar nicht wegen der Querelen um Intendantin Stefanie Carp, sondern weil das Ziel, die Region mit vielen Millionen Euro kulturtauglich zu machen, längst erreicht sei: "Die Lokalpolitiker haben ihren Partyspaß gehabt. Und all die stillgelegten Hallen zwischen Bochum, Essen, Gladbeck, Duisburg, Dinslaken, Bottrop und Mülheim sind längst wieder ertüchtigt, vermieten als eigenständige GmbHs zum Teil aberwitzige Locations an Eventveranstalter und Familienfeiern. Die Ruhrtriennale brauchen sie nicht mehr, andere Kulturveranstalter können sie sich gar nicht leisten." Im Dlf-Kultur-Interview wiegelt Stefanie Carp jegliche Kritik ab. Und auch NRW-Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen hält im Dlf-Kultur-Gespräch nicht viel von "Alarmismus".

Weitere Artikel: Im besten Sinne abscheulich findet Daniele Muscionico in der NZZ das Eröffnungsstück der Zürcher Theaterspektakels der polnischen Regisseurin Marta Gornicka, die mit "Hymne an die Liebe" polnischen Nationalkonservatismus aufspießt. In der taz zieht Astrid Kaminski eine nüchterne Zwischenbilanz der 30. Ausgabe von Tanz im August. Anlässlich der heutigen Premiere seiner Inszenierung von Aischylos' "Die Perser" bei den Salzburger Festspielen hat sich Christine Dössel (SZ) mit Ulrich Rasche getroffen und mit ihm über seine spektakulären Inszenierungen und den Unterschied zu Frank Castorf gesprochen.
Archiv: Bühne

Film

Andreas Dresen hat lange gebraucht, um seinen Film "Gundermann" über denn Baggerfahrer und DDR-Liedermacher Gerhard Gundermann, der lange Zeit für die Stasi spitzelte, dann aber selbst bespitzelt wurde, durchzusetzen, erklärt der Filmemacher im großen taz-Gespräch: "Warum einen Film über den? Diese Fragen hätte niemand bei einem Rio Reiser gestellt. ... Es gab immer so einen gewissen Rechtfertigungszwang, warum uns der Film wichtig ist. Dabei konnte man ja im Drehbuch sehen, was für eine schillernde Persönlichkeit das ist. Aber weil die Leute aus dem Westen diesen Sänger aus dem Osten - auch noch Arbeiter und zwanzig Jahre tot - nicht kannten, wurde schnell mal geurteilt, der interessiere doch keinen."

Sonntag läuft der vorletzte Polizeiruf mit Matthias Brandt, inszeniert hat Jan Bonny. Elmar Krekeler sah in der Welt in dem Fall um einem Mord an einem syrischen Flüchtling einen "beinahe klassischen Noir". Tagesspiegel-Kritiker Nikolaus Festenberg lobt: "Bonny verkneift sich jedes Pathos und setzt auf die Abwesenheit jeder Dämonie. In seiner streng sachlichen Perspektive erscheint die Rechte als Bestandteil einer primitiven Spaßgesellschaft." SpOn-Kritiker Christian Buß sah "Bilder aus einem deutschen Abgrund". Holger Gertz schreibt in der SZ.

Weitere Artikel: Andreas Busche spricht im Tagesspiegel mit dem Filmwissenschaftler Tobias Haupts über die Frage, ob es heute noch Videotheken braucht. Tal Leder hat für die Jungle World israelische Porno-Drehs besucht. Für die taz wirft Andreas Hartmann einen Blick ins Programm der Langen Nacht der Filmfestivals in Berlin.

Besprochen werden Jakob Lass' "So was von da" (Zeit), Matt Groenings neue Animationsserie "Disenchantment" (ZeitOnline, FAZ), Philippe Le Guays "Ein Dorf zieht blank" (Freitag), Marc Forsters "Christopher Robin" (FAZ) und Annekatrin Hendels Dokumentarfilm "Familie Brasch" (FR).
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Archiv: Film

Musik

Nicht nur wegen seines afrofuturistischen Gehalts mit zahlreichen Referenzen, die sich nachzugooglen lohnen, sondern auch wegen seiner musikalischen Brückenschläge ist das neue Album "Your Queen is a Reptile" der Jazzband Sons of Kemet ein "beglückenden Kunstwerk" geworden, schreibt Klaus Walter in der SZ. Die Band ist typisch für die Londoner Szene, die "frei ist von allem, was ranzig schmeckt am Jazz: Reinheitsgebote, hoher Ton, ausgestelltes Virtuosentum. Stattdessen weht der Wind von Postpunk, No Wave, Fake Jazz. ... Die Sons Of Kemet und alle anderen Projekte von Shabaka Hutchings sind Bündel aus dem postkolonialen Sound-Kontinuum, gegen die der weiße Rock der Herren Gallagher, Weller & Co so alt aussieht wie die Reptilienkönigin Elisabeth gegen die ins hermeneutische Fenster gestellten Königinnen der Sons Of Kemet."



"Aretha Franklin hatte in jeder Sekunde das, was man Würde nennt", schreibt Jan Feddersen im großen, nachgereichten taz-Nachruf auf die verstorbene Soulsängerin (mehr dazu hier): Sie "war keine Ranschmeißerin. Sie schenkte dem Publikum ihre Kunst in der Sie-Form."

Für die taz ist Elise Graton nach Toulouse gereist, um sich mit Gilles Bertin zu treffen, der wahrscheinlich ein wahnwitziges Leben wie kein Zweiter geführt hat: Frühe Karriere in einer französischen Punkband, Absturz ins Gefängnis, schließlich ein spektakulärer Bankraub Ende der 80er mit erfolgreicher Flucht. 2010 wurde er von den Behörden für tot erklärt, 2016 stellte er sich - jetzt schreibt er an seinen Memoiren. "An den Coup 1988 erinnert er sich gut: 'Alle sprachen nur davon, sowohl die Zeitungen als auch das Milieu, das wild darüber spekulierte, welche Bande wohl hinter dem Überfall steckte.' Als herauskam, dass es keine Profigangster waren, sondern ein Haufen Punker, Drogenabhängiger und Anarchisten, fiel allen die Kinnlade herunter."

Weitere Artikel: In der taz fasst Julian Weber ein Panel der Berliner Pop-Kultur zum Thema Rechtsruck und Pop zusammen. Elias Pietsch besucht für den Tagesspiegel eine Probe des West-Eastern Divan Orchestras. Besprochen werden Brian Wilsons Konzert im Berliner Admiralspalast (Tagesspiegel), Konzert von Chic (Tagesspiegel), ein Auftritt von Justin Timberlake (NZZ), das Konzert der Londoner Southbank Sinfonia bei Young Euro Classic (Tagesspiegel) und eine Arte-Doku über Debbie Harry (FR).
Archiv: Musik

Kunst

Bild: Oliver Herring. Wade 1, 2006. Digitale C-Prints, Polystyrol, Museum Board. © Oliver Herring
Fasziniert berichtet Tobias Krone im Dlf-Kultur von der heute in der Münchner Hypo-Kunsthalle startenden Ausstellung "Lust der Täuschung", die sich optischen Täuschungen von der Antike bis zur Virtual Reality widmet - etwa der Kopie: "Politisch relevant wird das Prinzip Copy and Paste beim Gegenwartskünstler Philipp Messner. Der Südtiroler spazierte 2014 durch den Münchner Hauptbahnhof und trug dabei eine 3-D-Maske seines eigenen Gesichts. Der Clou: Überwachungskameras können noch nicht unterscheiden zwischen Maske und echtem Gesicht. Theoretisch hätte sich Messner also auch die Maske eines Freundes ausdrucken können."

Weitere Artikel: In der FAZ stellt Bettina Wohlfahrt die von der französischen Kuratorin Corinne Morineau gegründete Vereinigung aware vor, die in Form einer Datenbank zu wenig beachtetete Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts in die Kunstgeschichte hineinschreibt. Besprochen werden die Ausstellung"Mensch! Skulptur" im Kunstforum im Alten Rathaus, Ingelheim (FAZ) und Hanno Rauterbergs Essay "Wie frei ist die Kunst?" (monopol-magazin)
Archiv: Kunst
Stichwörter: Virtual Reality

Architektur

Angesichts von Wohnungsnot und Mietpreisexplosion wächst eine neue Generation von Siedlern heran, die ihre Dörfer einfach selbst erfindet, berichtet Gerhard Matzig im Feuilleton-Aufmacher der SZ. Etwa in Form eines Ko-Dorfes, wie es dem Journalisten Frederik Fischer vorschwebt: Diese "'bestehen aus 50 bis 150 kleinen Häusern und einigen größeren Gemeinschaftsgebäuden. Dies können sein: Coworking Spaces, Gemeinschaftsküchen, Kinos, Seminarräume, Bars, Restaurants oder Clubs - kurzum, alles, was Großstädter in der Stadt hält.' Die somit temporär gegen das Land eingetauscht werden könnte. Auf Zeit also, denn, so Fischer, 'Ko-Dörfer sind nicht als fester Wohnsitz gedacht.'"
Archiv: Architektur