Efeu - Die Kulturrundschau

Bis zur geplatzten Hose agil

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06.08.2018. In der FAZ blickt der Literaturwissenschaftler Hans Richard Brittnacher auf die Verdüsterung der Geschichte im Noir-Roman. Cargo tuckert mit Sterling Hayden im Schleppkahn über Frankreichs Kanäle. Mit seiner sechsstündigen Knut-Hamsun-Orgie "Hunger" kann Frank Castorf in Salzburg immerhin die Welt begeistern. Und die SZ sieht das Ende des Drills im Tanz nahen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.08.2018 finden Sie hier

Bühne

 Marc Hosemann, Kathrin Angerer und Sophie Rois in Frank Carsorfs "Hunger". Foto: Salzburger Festspiele / Matthias Horn

Auf dem Obersalzberg traf Knut Hamsun einst seinen verehrten Führer, jetzt inszeniert Frank Castorf für die Salzburger Festspiele in der Salinenhalle der Halleiner Pernerinsel Hamsuns Selbstporträt als junger Künstler "Hunger". In der Welt ist Manuel Brug begeistert von dieser Schrei-, Film- und Hakenkreuz-Orgie, schon wegen des Bühnenbilds von Aleksandar Denic, aber auch weil Castorf jetzt so gut Oper kann: "Wie in Gesangssolonummern und raffiniert verschränkten Ensembles, mit permanenter, mal trompetenstopfjazziger, mal rockiger, dann hawaiigitarrenverliebter Filmmusik sein bewährtes Ensemble, bisweilen im Regen stehend, brilliert und anrührt. Die superdisziplinierte, raustimmige Sophie Rois als Diva inter pares, die zarte Görensomnambule Kathrin Angerer, der aasig joviale Josef Ostendorf, der voluminöse, doch bis zur geplatzten Hose agil kreischige Daniel Zillmann und der traurig-schrille Lars Rudolph. In den 'Mysterien'-Episoden teilen sich Männer wie Frauen die Identitäten. Sie reden mit sich im Konjunktiv-Duett, ohne dass Castorf den Regiefaden jemals verliert."

Im Standard findet Ronald Pohl die Inszenierung zwar nur leidlich geglückt, nimmt aber zwei Botschaften des "klugen Anarchisten vom Prenzlauer Berg" mit: "Armut ist (auch) ein spirituelles Phänomen." Und: "Hinter der Ideologie des 'Übermenschentums' flackert die nackte Angst vor den Frauen." SZ-Kritikerin Christine Dössel lernt in sechs Stunden, was es heißt, "unter Hunger zu leiden". NZZ-Kritiker Bernd Noack war der Abend zu dürftig und zu zäh. Martin Lhotzky winkt in der FAZ gleich ganz ab. In der Nachtkritik fühlt sich Martin Thomas Pesl niedergeschrien wie einst Adolf Hitler vom schwerhörigen Hamsun, als der ihm seine Ideen für ein deutsches Norwegen darlegte.

In New York setzte die Belegschaft des Alvin Ailey American Dance Theater eine bessere Bezahlung durch, in Paris probte das Corps de Ballet den Aufstand, und auch in Berlin erstreikte sich das Staatsballet mit Verdis Hilfe eine bessere Ensemblestruktur. Für SZ-Kritikerin Dorion Weickmann kündigt sich damit auch das Ende des Drills und der absolutistischen Herrschaft im Tanz an: "Wer im Tanz Karriere machen wollte, benötigte einen idealen Körper, sehr viel Disziplin, Unterwerfungsbereitschaft und die Fähigkeit, den Mund zu halten. Also abzunicken, was Lehrer und Ballettmeister verlangten, und nichts zu hinterfragen. Nun aber geht die Ära der Autokraten zur Neige. Der Zeitgeist und zuletzt die 'Me Too'-Debatte sorgen dafür, dass die nachwachsende Tanzgeneration nicht mehr willens ist, jeden Preis zu zahlen für einen Beruf, der als Berufung idealisiert wird. Weil der Job im Alltag eben maximale Anstrengung bei oft minimalem Verdienst bedeutet."

Weiteres: Im Standard berichtet Julian Bernstein, wie Aktivisten jetzt auch in Montreal dem kanadischen Regisseur Robert Lepage "kulturelle Aneignung" vorwerfen, da in seinen Stücken "Slav" und "Kanata" zu wenig Angehörige von Minderheiten repräsentiert seien. Besprochen wird Bruno Berger-Gorskis "Freischütz" an der Kammeroper Rheinsberg (Tagesspiegel).
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Film

Sterling Hayden in "Leuchtturm des Chaos" (Bild: Locarno Filmfestival)

Für Cargo berichtet Lukas Foerster vom Filmfestival in Locarno, wo ihn Wolf-Eckart Bühlers Porträtfilm "Leuchtturm des Chaos" von 1983 über den Hollywoodschauspieler Sterling Hayden beeindruckt hat. Der längst verstorbene Hayden tuckert darin noch als Schiffskapitän durch Frankreichs Kanäle: "Auf diesem Schiff hat Bühler ihn ausfindig gemacht und hier filmt er ihn auch. Neben vielem anderen ist 'Leuchtturm des Chaos' ein verspäteter, verschrobener Nachtrag zum französischen Genre des Schleppkahnfilms. Der hühnenhafte, nach wie vor gutaussehende Sterling als Binnenschifffahrtskapitän: Ein einsamer Fels, der allerdings nicht mehr allzu viel Lust dazu verspürt, der Brandung zu trotzen."

Im Standard berichtet Michael Pekler vom Auftakt des Festivals: "Dem Eröffnungsfilm "Les Beaux Esprits" mit Jean-Pierre Darroussin, einer gefälligen französischen Komödie, einen 20-minütigen Stummfilm mit Stan Laurel und Oliver Hardy voranzustellen, verdient Respekt." Für die NZZ beobachtet Susanne Ostwald vom Wetter an der Piazza Grande. Und critic.de-Kritiker Frédéric Jaeger hat in Locarno Bruno Dumonts neue Serie "" gesehen.

Weiteres: In der NZZ plaudert Dani Levy über sein gestern ausgestrahlten, in Echtzeit gedrehten "Tatort" (hier Matthias Dells Besprechung auf ZeitOnline). In der Textreihe "Deutschland im Film" denkt André Malberg auf Eskalierende Träume über Harald Reinls "Kommissar X jagt die roten Tiger" von 1971 nach. Und: Rainer Knepperges' Screenshot/Text-Collage "Auge und Umkreis" steht auf New Filmkritik zwar schon ein paar Tage online, ist aber, wie immer, sehr lohnenswert.

Besprochen werden der chinesische Actionhit "Wolf Warrior 2" (SZ), Denis Côtés Dokumentarfilm "A Skin so Soft" (Freitag) und David Lynchs Autobiografie "Traumwelten" (SZ).
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Kunst

In der FR berichtet Sandra Danicke von der Kunstbiennale in Riga. Daniele Muscionico besingt in der NZZ den Mont Soleil als Labor einer anderen Schweiz: Eine Freiluft-Ausstellung zeigt dort jetzt junge Fotokunst.

Besprochen werden die Schau "Entfesselte Natur" in der Hamburger Kunsthalle (Tagesspiegel), die Ausstellung "Bacon Giacometti" in der Fondation Beyeler bei Basel (SZ), eine Schau der Sammlung des Weltreisenden Georg Forster im Wörlitzer Park (Welt), die Ausstellung "Weiß, weiß ich" in der Galerie Weißer Elefant (taz) und eine Schau des Künstlers Jochen Traar in der Stadtgalerie Klagenfurt (Standard).
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Stichwörter: Riga, Kunstbiennalen

Musik

Besprochen werden die Ausstellung "Nineties Berlin" in der Alten Münze über das Party-Berlin der 90er (taz, Berliner Zeitung), Emma Steels und Matt Skas Musikbuch: "Ska im Transit"  (taz), das Konzert des Bundesjugendorchesters bei Young Euro Classic in Berlin (Tagesspiegel), zwei Konzerte von Ed Sheeran (NZZ) und Igor Levits Beethoven-Konzert bei den Salzburger Festspielen ("Welch ein unfasslicher Abend!", jubelt Jürgen Kesting in der FAZ). Für Pitchfork hat Brad Nelson George Michaels Album "Faith" wieder aus dem Plattenschrank gezogen.

In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Christina Dongowski über "Wuthering Heights" von Kate Bush:

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Stichwörter: 90er, Emma, Levit, Igor

Literatur

Der Philologe Hans Richard Brittnacher durchstreift für die FAZ die Begriffswelt von "noir", mit dem im Buchhandel derzeit fast inflationär drastische Kriminalromane ausgewiesen werden. Der Krimi, schreibt er, ist längst im post-optimistischen Zeitalter angekommen, in dem gewiefte Gauner und gentlemen-artige Ermittler britischen Einschlags nur noch hausbacken wirken: "Noir-Krimis haben ihre Impulse ... auch aus den Korrekturen der literatur- und kulturgeschichtlichen Programmatiken des letzten Jahrhunderts bezogen. Die Einsicht, dass alles, was geschieht, auch anders hätte geschehen oder unterbleiben hätte können, aber sich keinesfalls zwangsläufig aus Vorangegangenem entwickelt hat, führt zur Anerkennung einer unerklärlichen, das heißt aber auch literarisch oder ästhetisch schwer erträglichen Bedrohlichkeit."

Überhaupt, der Optimismus, der sich angeblich verflüchtigt: Dass in Film und Literatur die Dystopien fröhliche Urständ' feiern, hat manchen Kommentator zuletzt befürchten lassen, dass der stete Konsum solcher Werke in Resignation münde. Alexander Sperling winkt in der FAZ ab: Wenigstens die literarischen Dystopien sind nämlich längst nicht mehr so schwarzweiß wie noch zu Orwells Zeiten. "So gesehen sind Dystopien deutlich optimistischer, als es die vorschnelle Diagnose eines 'Radikalpessimismus' vermuten ließe. Und ist dieser einseitige Boom nicht gerade Ausdruck einer Gesellschaft, die deutlich mehr zu verlieren als noch zu gewinnen hat? Immerhin entfaltet utopisches Denken jenseits der westlichen Welt nach wie vor sein großes Kraftpotential. Statuserhalt als letztmögliche Utopie des gesättigten Abendlandes?"

Weitere Artikel: Hannah Lühmann führt in einem online nachgereichten Artikel aus der Literarischen Welt durch die Welt der Online-Buchclubs, die weibliche Stars zuletzt vermehrt ins Leben rufen.

Besprochen werden unter anderem Maggie Nelsons "Bluets" (taz), Waguih Ghalis "Snooker in Kairo" (FR), das von Christoph Buchwald und Nico Bleutge herausgegebene 32. Jahrbuch der Lyrik (SZ) und Dan Chaons Thrillers "Der Wille zum Bösen" (FAZ). Außerdem präsentieren Dlf Kultur und die FAS die Krimibestenliste des Monats (an der auch Perlentaucherin Thekla Dannenberg mitwirkt).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Ralph Dutli über Welimir Chlebnikows Gedicht "Ich bin gestorben und in Lachen ausgebrochen"

"Ich bin gestorben und in Lachen ausgebrochen.
Das Große ist einfach klein, das Kleine groß geworden.
..."
Archiv: Literatur
Stichwörter: Noir, Dystopie, Nelson, Maggie