Efeu - Die Kulturrundschau

Unwirkliche Slowness

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04.08.2018. Wo bleibt bei den Debatten um Identität, Dekolonisierung und kulturelle Aneignung eigentlich die Kunst?, fragt die FR. In der taz erklären die Kuratorinnen Birgit Bosold und Carina Klugbauer, was "lesbisches Sehen" bedeutet. Die FAZ erlebt in Leipzig, wie dänisches Design nach dem Krieg die Zivilisation rettete. Die NZZ sehnt sich nach Literatur, die über die Gegenwart hinaus wirksam bleibt. Und die taz flieht in die spätkalifornische Anarchie von Todd Barton.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.08.2018 finden Sie hier

Kunst

Debatten um Identität, Dekolonisierung und kulturelle Aneignung haben die Ausstellungspolitik von Museen und unsere Wahrnehmung von Kunst verändert, konstatiert Michael Kohler in der FR. Das ist mit Blick etwa auf die Entdeckung einer Künstlerin wie Carmen Herrera erfreulich, angesichts "militanter Identitätspolitik" aber meist absurd, meint er: Diese wolle "auf ein Bilderverbot hinaus, zumal, wenn man die zahlreichen einander 'ausschließenden' Identitäten von Rasse, Geschlecht, sexueller Orientierung, Klasse oder Nationalität zugrunde legt. Er markiert zudem einen radikalen Bruch mit der westlichen Kunstgeschichte, die über Jahrhunderte gleichsam dem Gebot 'Du sollst dir ein Bildnis machen' folgte und darauf setzte, dass bildende Künstler die Grenzen des eigenen Erfahrungshorizontes durch ihre Fertigkeiten überschreiten können. Wie sonst sollte sich jemand die Leiden Christi am Kreuz ausmalen? Es ist bereits abzusehen, dass die Identitätspolitik nicht nur angeblich privilegierte Männer (und jetzt auch: Frauen) in ihrer künstlerischen Freiheit beschränkt, sondern dass sich gerade innerhalb der von der Identitätspolitik verteidigten Gruppen der Anpassungsdruck erhöht."

Im taz-Interview mit Dorothee Robrecht entschuldigen sich die beiden Kuratorinnen Birgit Bosold und Carina Klugbauer, die im Schwulen Museum aktuell die Schau "Lesbisches Sehen" mit 33 Künstlerinnen, darunter Hannah Höch, aus den letzten 100 Jahren organisieren, auch gleich, dass sie in ihrer Ausstellung ausschließlich weiße Künstlerinnen zeigen. Außerdem erklären sie, was sie mit lesbischem Sehen eigentlich meinen: "Wir definieren lesbisch als weibliche Queerness, als einen Lebensentwurf, der sich nicht an heterosexuelle Normen hält. Und wir haben uns gefragt: Wie prägt ein solcher Lebensentwurf die Sicht auf die Welt?"

Für den Standard hat sich Anne Katrin Fessler mit Elizabeth Peyton, deren Porträts derzeit in der Salzburger Galerie Thaddaeus Ropac gezeigt werden, über ihr Angela-Merkel-Porträt, Schönheit und Weiblichkeit in der Kunst und in ihren Porträts von Männern unterhalten: "Wahrscheinlich sind die Menschen, die ich malen will, oft gar nicht so verängstigt bezüglich ihrer femininen Seiten. In anderen Zeiten war es für Männer völlig in Ordnung, sich feminin zu zeigen - mit Poesie, Samt, Blumen - und dennoch Mann zu sein. Beide Qualitäten waren okay. Jetzt - ich verallgemeinere jetzt total - nutzen Frauen männliche Qualitäten, um mächtig zu werden."

Weitere Artikel: Die große Werkschau der Video- und Performancepionierin Joan Jonas fällt aus Geldmangel im Münchner Haus der Kunst aus, meldet Ira Mazzoni in der taz. Ohne Vorwarnung ist Ai Weiweis Atelier in Peking abgerissen worden, meldet der Tagesspiegel.
Archiv: Kunst

Literatur

Soll man das Internet ausdrucken und als buchstäbliche Weltliteratur anbieten? Felix Philipp Ingold winkt in der NZZ angesichts solcher und ähnlicher Plagiats- und Kopie-Experimente, wie sie unter anderem Kenneth Goldsmith vorschlägt, um eine von neuen Medientechnologien gestützte neue Avantgarde zu bilden, lustlos ab: "Die 'unkreative', mithin autorlose Herstellung eines sekundären Makrotexts bleibt ohne Sinn und Witz, solang nicht geklärt und erprobt ist, was damit zu geschehen hat, worin sein Nutzungs- und Unterhaltungspotenzial besteht, wie und wieso man ihn überhaupt rezipieren, also 'lesen' sollte. Doch dies scheint Goldsmith weniger zu kümmern als die Technik derartiger unpersönlicher Textproduktion und die dadurch bewirkte Entmächtigung des Autors als 'Schöpfer von Neuem' − ein Minuseffekt, der einerseits zur Entlastung der Literaten (Erzähler wie Dichter) beitragen und anderseits die Funktion literarischen Schreibens völlig neu definieren würde. ... Doch wo bleibt die Literatur, die dem Zeitgeist nicht adäquat ist, ihm vielmehr zuwiderläuft, sich markant von ihm absetzt, ihn souverän konterkariert − eine Literatur, die nicht unbedingt zeitgemäß sein will und somit die Chance behält, über die Gegenwart hinaus wirksam zu bleiben?"

Weitere Artikel: Im Freitext-Blog auf ZeitOnline schreibt Katerina Poladjan über ihre Eindrücke eines bislang achtmonatigen Istanbul-Aufenthalts. Für die NZZ besucht Rainer Moritz die letzte verbliebene deutschsprachige Buchhandlung in Paris. Im Standard verflucht die Schriftstellerin Julya Rabinowich die literarische Muse, die allenfalls On/Off-Beziehungen führt. Martin Reichert besucht den früheren "Tatort"-Kommissar Peter Sodann, der in einem alten Rittergut Bücher aus der DDR sammelt. Angela Schader meldet in der NZZ, dass das US-Literaturmagazin The Strand eine bislang unbekannte Kurzgeschichte von Ernest Hemingway veröffentlicht.

Besprochen werden unter anderem Cixin Lius "Der dunkle Wald" (taz), Mana Neyestanis Comic "Die Spinne von Maschhad" (Tagesspiegel), Jonathan Eigs Biografie von Muhammad Ali (Tagesspiegel), Julia von Lucadous Debütroman "Die Hochhausspringerin" (FR), Denis Johnsons Erzählband "Die Großzügigkeit der Meerjungfrau" (ZeitOnline), Walter Kaufmanns "Die meine Wege kreuzten" (Freitag), neue Editionen der Schriftstellerin Marina Zwetajewa (NZZ), Marcel Prousts "Les Poèmes / Die Gedichte" (NZZ), Francisco Cantús "No Man's Land" (SZ), der Briefwechsel zwischen Roman Jakobson und Claude Lévi-Strauss (Welt) und der von Anne-Christin Saß, Verena Dohrn und Britta Korkowsky herausgegebene Band "...die Nacht hat uns verschluckt" mit Texten jüdischer Autoren im Berlin der 20er- und 30er-Jahre (FAZ).
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Design

Bild: Affe. Kaj Bojesen. Entwurf: 1951. Foto: Esther Hoyer
Das "filigrane, schwungvolle" Design der dänischen Nachkriegsmoderne, das man derzeit im Grassi-Museum in Leipzig ausgestellt erleben kann, wirkt auf FAZ-Kritiker Andreas Platthaus "wie eine Zivilisationsrettung nach den totalitären europäischen Exzessen". Vor allem die Keramiken haben es ihm angetan: "Knud Kyhns tollender Bär oder Theodor Christian Madsens abstrahierter Tukan, beide aus der Zwischenkriegszeit, sind Meisterwerke der Naturauffassung. Und der schöne Begriff der 'knorpelhaften Ornamentik', den die Ausstellungsmacher für die Vasen von Thorvald Bindesböll gefunden haben, bringt das organische Formverständnis zum Ausdruck, das vom dänischen Design bis 1950 in Gegenbewegung zum internationalen Bauhaus-Ideal der industriellen Klarheit gepflegt wurde."
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Archiv: Design

Film

Manfred Riepe erklärt in epdFilm die Regionalisierungsstrategie von Netflix: "Die kalifornische Onlinevideothek versucht sich an einer stilistisch breit gefächerten Kultivierung regionaler Vielfalt. Frei nach dem Motto: 'Act global, think local'. ... Die Ausrichtung der Macher hat sich entsprechend auf einen multikulturellen Ansatz verschoben. 'Wir treffen uns mit Experten, Kreativen und Regisseuren aus den jeweiligen Ländern und schauen, welche Filme es dort gibt. Wir studieren natürlich die Sensibilität der einzelnen Länder, suchen dann aber nach deren besten Storytellern'", erklärt ihm Cindy Holland von Netflix. Vom einstigen künstlerischen Impulsgeber, als der sich der Anbieter zuvor vermarktet hat, scheint dabei allerdings nichts mehr übriggeblieben zu sein: "Die lokalen Produktionen von Netflix verdeutlichen bislang eines: Hier wird ganz bewusst das Rad nicht neu erfunden. Keine der genannten Serien ist eine ästhetische Selbstverwirklichung im Sinne eines verstiegenen Arthousefilms. Andererseits zeigt sich auch, dass die Globalisierung bei dem Streaminganbieter Netflix interessanterweise nicht zu jener seriellen Gleichschaltung geistloser Massenprodukte führt. "

Weitere Artikel: Urs Bühler hat sich für die NZZ am Rande des Filmfestivals in Locarno mit der Schauspielerin Marthe Keller getroffen. Dunja Bialas porträtiert im Filmdienst die Schauspielerin Alicia Vikander. Für Kino-Zeit erzählen Katrin Doerksen (hier) die Geschichte der japanischen Regisseurin Tazuko Sakane und Maria Wiesner die der Stummfilmpionierin Alice Guy-Blaché (hier). Im Dlf Kultur widmet sich Josef Schnelle in einer "langen Nacht" Billy Wilder.

Besprochen werden Christian Krönes' und Florian Weigensamers Essayfilm "Welcome to Sodom" über eine Elektroschrottdeponie in Ghana (Freitag), Nelson Carlo de Los Santos Arias' "Cocote" (Standard), Victor Levins Komödie "Destination Wedding" mit Winona Ryder und Keanu Reeves (Standard), Carla Simóns "Fridas Sommer" (Zeit), Franz Fühmanns Briefwechsel mit Ingrid Prignitz (Berliner Zeitung), eine neue BluRay-Edition von David Lynchs "Eraserhead" (Filmdienst) und Christopher McQuarries "Mission Impossible 6" (SZ, unsere Kritik hier).

Und ein Filmtipp: Auf SpiegelOnline kann man an diesem Wochenende Rudolf Thomes "Rote Sonne" sehen.
Archiv: Film

Bühne

In der SZ ärgert sich Egbert Tholl über das Hin und Her um die Band Young Fathers, die von Intendantin Stefanie Carp erst zur Ruhrtriennale eingeladen, dann, nach Bekanntwerden ihres Engagements für die BDS-Bewegung wieder ausgeladen, schließlich wieder eingeladen wurden und dann absagten: "Geht es hier tatsächlich um Antisemitismus? Eine aggressive Clique - der BDS - beschädigt renommierte Kulturveranstaltungen wie die Ruhrtriennale, die seit Jahren für Offenheit und Toleranz steht. Dabei ist es nicht sehr hilfreich, dass einige jüdische Vertreter bereits auf den bloßen Verdacht hin gegen Künstler und Festivalleitung zu Felde ziehen."

Weitere Artikel: "Wo verläuft die Grenze zwischen Straftat, unverzeihlichem Benehmen und schweren Fehlern?", fragt Christiane Peitz im Tagesspiegel mit Blick auf den nach Belästigungsvorwürfen am Amsterdamer Royal Concertgebouw Orchestra entlassenen Dirigenten Daniele Gatti. Im Standard porträtiert Margarete Affenzeller anlässlich von Frank Castorfs "Hunger"-Inszenierung bei den Salzburger Festspielen die Schauspielerin Sophie Rois. In der taz blickt Katrin Bettina Müller sehr persönlich auf 30 Jahre Tanz im August zurück. Besprochen wird Anna Maria Krassniggs Doppelpremiere mit von Marie von Ebner-Eschenbachs "Maslans Frau" und Anna Polonis "Tiefer als der Tag" beim Thalhof Festival in Reichenau (Nachtkritik).
Archiv: Bühne

Musik

In der taz freut sich Diederich Diederichsen sehr, dass Todd Bartons Kompositionen "Music and Poetry of the Kesh", die in den 80ern als Begleitmaterial zu Ursula K. LeGuins Science-Fiction-Roman "Always Coming Home" erschienen sind, jetzt auf Vinyl vorliegen. Der Roman handelt von einer anarchistisch in Abgrenzung zu einer urban lebenden Kultur und atmet den Geist der Hippie-Ära. Bartons Musik wiederum soll die Musik dieser Kommunenkultur darstellen: "Die unwirkliche Slowness langsam vor sich hin glühender Synthesizerflächen kommt ganz ohne Meditations-Imperativ aus, bleibt bei sich und überlässt es den Hörer_innen, sich einen Reim zu machen. Gedichte in der erfundenen Kesh-Sprache, tribalisierende Ornamente und einige auf sehr angenehme Weise referenzimmune Alienismen vervollständigen ein spätkalifornisch-anarchistisches Kunstwerk, das nicht nur von erfundenen Welten spricht, sondern selbst längst wie ein archäologisches Fundstück wirkt. Zeugnis einer Herrschaftskritik mit Spiritualität zusammendenkenden Szene, deren Resilienz gegen den eigenen Anachronismus sich heute im Überleben durch ihre Aktualisierung etwa bei Donna Haraway und ihren Schüler_innen zeigt." Einen Eindruck bietet Bandcamp:



"Antisemitismus ist fester Bestandteil der Popkultur", erklärt Julia Lorenz in der taz, "und das ist reichlich paradox, denn die Popkultur des 20. Jahrhunderts, ob Mainstream oder Underground, Pop oder Punk, wäre ohne jüdischen Einfluss schwer denkbar."

Weitere Artikel: Im Freitag fragt sich Christine Käppeler, wo die Protestsongs gegen den Brexit bleiben. Thomas Mauch berichtet in der taz vom "A'larme"-Festival in Berlin, bei dem unter anderem Laurie Anderson auftrat. Martin Pfnür erzählt in der SZ die Geschichte, mit welchen Tricks das Techno-Duo Underworld den Techno-Hasser Iggy Pop dazu gebracht hat, auf deren Album zu singen. Und das klingt dann unter anderem so:



Besprochen werden Masayoshi Fujitas "Book of Life" (Pitchfork), Helena Hauffs "Qualm" (Pitchfork), das Konzert einiger Musiker des Bayerischen Staatsorchesters in der Villa Schönberg in Zürich (NZZ), die Konzerte von Arcadi Volodos und Jewgeni Kissin in Salzburg (FAZ) und die Ausstellung "nineties Berlin" im DDR Museum über Berlins Partykultur der 90er (SZ).

Und im Logbuch Suhrkamp führt Thomas Meinecke wieder durch seine "Clip//Schule ohne Worte":

Archiv: Musik