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Efeu - Die Kulturrundschau

Ein Echo in der Geschichte

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02.08.2018. Die SZ sucht einen architektonisch anspruchsvollen Bahnhof in Deutschland und findet nur "Erlebniszentren mit Gleisanschluss". Die FAZ ist schockiert vom Bayreuther Buh-Konzert für den die "Walküre" dirigierenden Placido Domingo. Dabei wird's im zweiten Aufzug doch besser, versichert die neue musikzeitung. Wim Wenders neuen Kriegsfilm "Grenzenlos" kann man gut beim Candle-Light-Dinner" diskutieren, versichert die SZ. Die übrigen Filmkritiker feiern das letzte Hurra des handgemachten Big-Budget-Actionkinos, Tom Cruises neue "Mission Impossible".
9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.08.2018 finden Sie hier

Bühne

Szene aus der "Walküre". Foto: Bayreuther Festspiele


In der FAZ ist Jan Brachmann schockiert über das Publikum in Bayreuth, das "bis zur Gehässigkeit gnadenlos" Placido Domingo auspfiff, der dort die "Walküre" dirigierte. Gut war er allerdings wirklich nicht, meint Brachmann: "Domingo, klug, lernbegierig, vielseitig, liebt die Musik von Richard Wagner. Er hat in Bayreuth den Siegmund in der 'Walküre' und die Titelpartie in 'Parsifal' gesungen. Doch als Dirigent mutet er sich nun zu viel zu. Die akustischen Verhältnisse mit dem gedeckten Orchestergraben und der verzögerten klanglichen Ansprache - der Ton kommt mit größerem Abstand als andernorts nach dem Schlag des Dirigenten - sind heikel. Man darf als Dirigent den Sängern gegenüber nicht nachgiebig sein, muss führen, sonst verlangsamt sich das Tempo immer mehr."

In der neuen musikzeitung rudert Peter P. Pachl, sichtlich um Ausgleich bemüht: "Dass Domingos Debüt in Bayreuth erfolgt, ist ein Wagnis. Insbesondere im verdeckten Orchestergraben konnte es nur partiell aufgehen. Obgleich Domingo von Hause aus Sänger ist, schienen gerade die Solisten nicht im Fokus seiner Interpretation zu liegen, worauf zahlreiche Diskrepanzen zwischen Graben und Bühne deutlich hörbar verwiesen. Nach einem überaus domestizierten Vorspiel und ersten Aufzug, der dann prompt auch im Bühnengeschehen mehr konzertante Attitüde denn fesselndes Spiel entfachte, verdichtete sich der musikalische Fluss im zweiten Aufzug, insbesondere beim langen Monolog Wotans, den John Lundgren mit großer Souveränität ausdrucksstark verkörperte."

Außerdem: Gustav Kuhn, Festivalchef in Erl, musste jetzt wegen der Vorwürfe, er habe Sängerinnen und Musikerinnen sexuell bedrängt, zurücktreten, meldet die Welt. Das heißt nicht unbedingt, dass er aufhören wird: "Gegenwärtig wird für seine Nachfolge eine Frau (!) gehandelt, die gegenwärtige Gran-Teatre-del-Liceu-Chefin Christina Scheppelmann. Kuhn will trotzdem weiterdirigieren, bei Regie und Besetzungen mitbestimmen."
Archiv: Bühne

Architektur

Vor zwanzig Jahren versprach Heinz Duerr - damals Chef der Deutschen Bahn - neue Bahnhöfe mit echter, visionärer Architektur. Schluss sollte sein mit den alten "Erlebniszentren mit Gleisanschluss". Was ist aus dem Versprechen geworden? Immer mehr "Erlebniszentren mit Gleisanschluss", stellt Till Briegleb auf einer Doppelseite der SZ fest. "Selbst mit schlichten Vorstellungen von der Zeichenhaftigkeit einer Architektur, wie sie Sonderbauten verdienen, findet man in Deutschlands Bahnhofsnetz keinen einzigen neuen Haltepunkt, der wegen seiner Baukunst in Erinnerung bliebe. Es gibt kein beeindruckendes Flugdach wie beim neuen Bahnhof von Rotterdam, keine gefaltete Alpenlandschaft wie in Wien, keinen dynamischen Silberstrudel wie in Arnhem oder eine blaue Grotte wie in Neapel. Es gibt in Deutschland einen Hundertwasser-Bahnhof in Uelzen. Das war's in anders. Der Rest sind uniforme Zweckbauten in der Primärfarbe Grau. Die typischen Tugenden deutschen Effizienzdenkens - Schnellabfertigung, Standard und Schmutzangst - bestimmen das Design deutscher Bahnhöfe, nicht ästhetische Kriterien."

Außerdem: Dankwart Guratzsch würdigt in der Welt den "letzten Großfürsten architektonischer Welterklärungs- und Weltentwicklungsmodelle", den Wiener Architekten Otto Wagner zum Hundersten.
Archiv: Architektur

Design

In der SZ porträtiert Gerhard Matzig den Designer Luigi Colani, der gerade Neunzig wird und das krasse Gegenteil deutscher Bahnhofsarchitekten verkörpert: "Denn genau darum geht es dem Designer Colani schon immer: Für das Praktische und Nützliche gibt es überhaupt keinen triftigen Grund, nicht auch formvollendet in ästhetischer Hinsicht zu sein. Im Gegenteil möchte man behaupten: Wenn etwas hässlich ist, ist es vermutlich auch nicht sonderlich praktisch. Zum Beleg dieser These blicke man in das Habitat der Schöpfung. Hier gibt es nur sehr selten etwas, was sich nicht der Evolution gemäß als zugleich naturschön und höchst sinnvoll erwiesen hat. Es ist daher sinnlos, Schönheit und Nützlichkeit, Form und Funktion gegeneinander ausspielen zu wollen. Das ist unter anderem die Lehre des Biomorphismus. Auf dem Gebiet der Gestaltung ist Luigi Colani einer der prägenden Gestalter dieser Lehre..."
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Archiv: Design

Musik

Maike Brülls unterhält sich in der taz mit Gizem Adı yaman und Lucia Luciano, die in Berlin die feministische Hiphop-Partyreihe "hoe_mies" organisieren. Thomas Schacher wirft in der NZZ einen Blick voraus auf die Kyburgiade, die morgen erstmals unter der Leitung des Pianisten Markus Schirmer beginnt. In "10 nach 8" auf ZeitOnline schreibt Theresa Seraphin über Männer, die sich in ihrem Musik-Auskennertum sonnen, und Frauen, die das unsicher macht, sich zu Musik zu äußern. Angela Schader schreibt in der NZZ über die Herausforderungen, die damit einhergehen, wenn man mit einer Geige verreisen will. Rita Argauer informiert in der SZ über die Hintergründe, warum Gustav Kuhn als Leiter der Tiroler Festspiele nach Vorwürfen sexuellen Missbrauchs von seinem Posten zurückgetreten ist.

Besprochen werden die Aufführungen von Beat Furrers Werken bei den Salzburger Festspielen (SZ), RP Boos Album "I'll Tell You What" (FR) und ein Konzert der Punkband Bad Religion (taz).
Archiv: Musik

Film

Anflüge transzendentaler Vergeistigung: Szene aus Wim Wenders' "Grenzenlos"

Mit "Grenzenlos" hat Wim Wenders den Roman "Submergence" des Kriegsreporters J.M. Ledgard verfilmt. Es geht um die Liebesgeschichte zwischen einer Biomathematikerin mit Leidenschaft für den Ozean und einem britischen Geheimagenten, der sich einer islamistischen Terrorzelle an die Fersen heftet. Für SZ-Kritikerin Anke Sterneborg liefert dieser Film über zwei Weltretter auf unterschiedlichen Missionen zwar "zwischen Philosophie, Religion und Wissenschaft jede Menge Stoff für Gespräche beim Candle-Light-Dinner", doch "ein wenig mehr Luft und Leichtigkeit" hätte dem Film wohl auch gut getan.

Für ziemlich blauäugig hält derweil Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche den Film: Wenders könne sich nicht entscheiden: "Auf die Esoterik seines Gedankenspiels will er sich nicht komplett einlassen, dann müsste der Film in die Sphären transzendentaler Vergeistigung - wie der späte Terrence Malick - aufsteigen. Das wäre zumindest eine streitbare Position. Oder er bleibt dem Ermessensspielraum der Realpolitik treu. Aber auch dieser Schritt hat bei Wenders den Beigeschmack moralischen Dünkels." Immerhin, wirft Andreas Kilb in der FAZ ein, finden sich in diesem Film, mit dem allerdings auch Kilb ein paar Probleme hat, "einige der besten Szenen, die Wenders seit langem gedreht hat, Bilder, in denen der Geist seines Frühwerks mit Händen zu greifen ist."

Hier fährt (und fällt) der Chef noch selbst: Tom Cruise in "Mission Impossible: Fallout"

Zum Glück gibt es da noch den neuen "Mission Impossible"-Film mit Tom Cruise, der die Feuilletons ein Loblied auf das Actionkino alter Schule singen lässt: Für Cruise, immerhin auch schon 56 Jahre alt, sind Stunts noch (mitunter schmerzintensive) Chefsache, freut sich Andreas Busche im Tagesspiegel angesichts des dargebotenen Spektakels. Auch die Inszenierung ist zeitgemäß: Im Vergleich zu Jason-Bourne- und James-Bond-Filmen "inszeniert Christopher McQuarrie seine Actionszenen 'erdiger', die Kamera ist nicht bloß Werkzeug, sondern eigenständige Protagonistin. ... Besonders wirkungsvoll kommt McQuarries Inszenierung im Showdown über dem Himalaja zur Geltung, in dem Cruise nicht nur einen Helikopter im Sturzflug steuert, sondern gleichzeitig die Kamera bedienen muss. Die Auszeichnung 'Mitarbeiter des Monats' ist ihm nicht mehr zu nehmen."

Für taz-Kritikerin Barbara Schweizerhof verleiht der Thrill der physischen Präsenz des Star-Körpers in den Spektakelszenen "den Bildern einen Sog, eine Unmittelbarkeit ..., die kein noch so raffinierter Schnitt nachträglich herstellen kann". Cruise hat sich mit diesem Film über den Olymp gesetzt, meint Lukas Foerster im Perlentaucher mit - bei aller Bewunderung - leisem Spott: "Die Mitglieder seines Teams sind keine Kollegen, sondern Fans, und so ziemlich alle Frauen im Film sind verhinderte Groupies. Verhindert, weil Cruise, anders als die Götter der Antike, inzwischen nicht einmal mehr für ein Sexabenteuer in die Welt der Sterblichen herabsteigt. Es bleibt bei dem einen, kurzen Moment der sexlosen Intimität". Weitere Besprechungen im Standard, in der NZZ und in der FAZ.

Weitere Artikel: In der taz empfiehlt Andreas Hartmann die Peter Lorre gewidmete Filmreihe im Berliner Zeughauskino. Anke Leweke schreibt in der Zeit über die Filme von Leo McCarey, dem das Festival in Locarno eine Retrospektive widmet. Vom Auftakt des Festivals berichtet Urs Bühler in der NZZ. Für ZeitOnline hat sich Marc Hairapetian zum Gespräch mit Artur Brauner getroffen, der gestern 100 Jahre alt geworden ist (den dazu gehörigen Arte-Porträtfilm bespricht die FR).

Besprochen werden Denis Côtés Bodybuilder-Dokumentarfilm "A Skin So Soft" (taz), Florian Weigensamers und Christian Krönes' Dokumentarfilm "Welcome to Sodon" über eine riesige Elektroschrottdeponie in Ghana (SZ), das auf DVD wiederentdeckte, tschechoslowakische Holocaustdrama "Der Boxer und Tod" mit Manfred Krug (taz, unsere Kritik hier), Eugene Jareckis im Ersten gezeigter Dokumentarfilm "The King - Elvis und der amerikanische Traum" (NZZ, FR) und Ying Liangs beim Festival in Locarno gezeigter Film "A Family Tour" (NZZ).
Archiv: Film

Literatur

Für die NZZ wirft Claudia Kramatschek einen Blick auf die junge südafrikanische Lyrikszene, die nach dem Ende der Apartheid geboren wurde. Insbesondere die Lyrikerin Koleka Putuma verleiht mit ihren "subversiven Gedichten" dem Lebensgefühl dieser Generation Ausdruck. Dass diese junge Generation sich zunehmend mittels Identitätspolitik über die Hautfarbe abgrenzt, beobachtet die ältere Schriftstellerin Antje Krog unterdessen mit Unbehagen: "Sie ist erzürnt - und, so scheint es, resigniert - angesichts solch schier unüberwindbaren Beharrens auf ebenjenen Denkweisen, die ihre Generation noch vehement bekämpft hat. Auf Festivals, erzählt Krog, höre man nun Schwarze laut sagen: 'Oh, da ist eine Weiße - sie nimmt mir den Atem, Hilfe! Sie bedrängt mich.' Noch dominiere die Hautfarbe alles. ... Imraan Coovadia, Schriftsteller und Professor an der Cape Town University, teilt diese Sorge: Verantwortlich für diese Form der Abschottung, die von der schwarzen Community nun als bewusst politisches Signal praktiziert werde, sei - so Coovadia - vor allem eine Form des afrikanischen Nationalismus, der mit dem Ende der Amtszeit von Thabo Mbeki obsolet geworden schien, nun aber offenbar wieder salonfähig sei. "

Weitere Artikel: Die SZ setzt ihre Reihe mit "Stimmen aus Syrien" mit weiteren Notizen von Adel Mahmoud fort. Für Dlf Kultur spricht Shanli Anwar mit dem in Frankreich lebenden iranischen Comiczeichner Mana Neyestani über dessen Comic "Die Spinne von Mashhad", der die echte Geschichte eines fanatischen Serienmörders erzählt, der aus religiösen Beweggründen Prostituierte ermordet hat. Alexandra Föderl-Schmid meldet in der SZ, dass die palästinensische Dichterin Dareen Tatour in Israel zu fünf Monaten Haft verurteilt wurde, nachdem sie auf Youtube ein Gedicht vorgetragen hat, das von den Gerichten als Aufruf zur Gewalt gedeutet wurde. Konrad Hummler schreibt in der NZZ über das letztmalige Besteigen eines Alpenkamms, bei dem sich ihm erstmals eine himmlische Offenbarung preisgab. Dirk Vaihinger erinnert sich in der NZZ daran, wie T.C. Boyle sich mal in den Wäldern rings um Zürich im Dunkeln gruselte. Tim Caspar Boehme gratuliert in der taz der Comicreihe "Clever & Smart" zum 60-jährigen Bestehen.

Besprochen werden unter anderem Griffin Dunnes Netflix-Doku über Joan Didion (Freitag), Ayobami Adebayos Debüt "Bleib bei mir" (online nachgereicht von der FR), Erich Hackls "Am Seil" (Standard), Flix' Comic "Spirou in Berlin" (FR), Eberhard Rathgebs "Karl oder Der letzte Kommunist" (SZ) und Reiner Kunzes Gedichtband "die stunde mit mir selbst" (FAZ).
Archiv: Literatur

Kunst

Leonhard Finks "Die Karte von der Stadt Linz in Oberösterreich", 2014. Foto: galerie gugging


Roman Gerold besucht für den Standard das Gugginger Haus der Künstler, eine psychosoziale Einrichtung, die Teil des Art-Brut-Centers Gugging ist. Dort ist eine neue Sammlungspräsentation zu sehen, "Gehirngefühl", die ältere Bilder mit jüngeren mischt: "Man taucht ein in jene Privatmythologie, mit der August Walla seinen Lebensraum überzog. Man bestaunt aber auch 'Landkarten' von Leonard Fink. In opulent befüllten Blättern empfindet der 36-jährige Topografien nach. Einige Monate brauchte er für eine alternative Kärntenkarte: Autobahnen schlängeln sich nebst originellen Ornamenten über das Blatt, Kirchen stehen kopf. Über dem Großglockner ist noch Platz für den Himmel: Hier fliegt ein Hubschrauber herum. Zu beobachten, wie zielsicher Fink bei einer kleinen Führung auf winzige Details in seinen Bildern zusteuert, lässt vermuten: Er hat jeden Augenblick dieses Bildes erlebt."

Bewundernswerte Susan Meiselas. Berühmt wurde sie mit Fotos vom Aufstand in Nicaragua vor vierzig Jahren (siehe Thierry Chervels Artikel im "Fotolot"), nun ist sie erneut nach Nicaragua gefahren, um den Aufstand gegen den damals siegreichen und heute korrupt herrschenden Daniel Ortega zu protokollieren - mit der gleichen Nüchternheit und Technik der Immersion. Im Kunstblog Hyperallergic spricht sie mit Emily Wilson : "In gewisser Weise gibt es ein Muster - als ich zum ersten Mal fünf, sechs Wochen dort war, arbeitete ich mit lokalen Reportern, weil es fast keine internationale Presse gab. Und nun vor zwei Wochen - sehr wenig internationale Presse. Also 40 Jahre dazwischen und in gewisser Weise die gleiche Arbeitsweise mit lokalen Teams. Das ist ein Echo in der Geschichte, oder?" Bei Hyperallergic ist ein aktuelles Foto Meiselas' aus Nicaragua zu sehen.

Weiteres: In der nachtkritik legt die Genderforscherin Andrea Geier dar, wann es in ihren Augen eventuell legitim sein könnte, weiße Schauspieler schwarz zu schminken. Anne Katrin Feßler trifft für den Standard das Künstlerduo Gilbert & George, die gerade in der Salzburger Galerie Ropac ausstellen. Petra Kohse besucht für die Berliner Zeitung das Hexendenkmal in Bernau. Besprochen werden eine Ausstellung der ersten Preisträgerin des C/O Berlin Talent Award, Stefanie Moshammer, im  C/O Berlin (Tagesspiegel) und die Schau "Was war Europa?", die im Berliner Kunsthaus Dahlem eine Münchner Skulpturen-Ausstellung von 1950 rekonstruiert (Tagesspiegel).
Archiv: Kunst