Efeu - Die Kulturrundschau

Mir san Weltbürger, mir san Kosmopoliten

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26.07.2018. In der taz feiert Franz Dobler das Trikont Label, ohne das Bayern auf dem kulturellen Stand von Ende Mai 1945 wäre. Im Standard wünschte sich Autorin Melanie Raabe etwas weniger Arroganz bei Kritikern und manchen Buchhändlern. Dissidenz ist, wenn man behauptet, man habe sein Gedicht auf den Penis des regierenden Autokraten tätowiert, lernt der Guardian von der Künstlerin Shilpa Gupta. Die FAZ sieht in Avignon Milo Raus Inszenierung "la Reprise" - brutal, aber ein Highlight, versichert sie.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.07.2018 finden Sie hier

Kunst

Shilpa Gupta, "For, in your tongue I cannot hide". Courtesy of the artist.


Für den Guardian hat sich Andrew Dickson mit der indischen Künstlerin Shilpa Gupta getroffen, die derzeit beim Edinburgh Art Festival ihre Installation "For, In Your Tongue I Cannot Hide" zeigt: "Das Stück überblendet die Stimmen von hundert Dichtern, die eingesperrt und in vielen Fällen hingerichtet wurden. Der älteste stammt aus dem 8. Jahrhundert; der jüngste ist der burmesische Schriftsteller Maung Saungkha, der 2016 im Alter von 22 Jahren von den Behörden festgenommen wurde, weil er ein Gedicht geschrieben hatte, in dem er behauptete, Myanmars Präsident auf seinem Penis tätowiert zu haben (er tat dies nicht, saß aber sechs Monate ein). Ihre Worte werden zu einem Stück eindringlicher Klangkunst verwandelt (…) Unter jedem Lautsprecher befindet sich ein Ausdruck ihres Gedichtes, aufgespießt auf eine Metallspitze. Darunter zu stehen, die Lichter sind niedrig, fühlt sich ein bisschen an, wie in einem Verlies zu stehen. Die Stimmen drücken und drängeln sich. Wir werden nicht zum Schweigen gebracht, sagen sie."

Weiteres: Im Standard streiten der Wiener Foto-Galerist Johannes Faber und die Kunsthistorikerin Monika Faber darüber, weshalb sie für beziehungsweise gegen ein österreichisches Museum für Fotografie plädieren. In der SZ trifft sich Bernd Graff mit Daniel Birnbaum, der ab 2019 für das Londoner Start-up "Acute Art" tätig sein wird. Besprochen wird eine Ausstellung der Körper-Kunst der polnischen Bildhauerin Alina Szapocznikow in der Kunsthalle Baden-Baden (Zeit).
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Film

Der Tagesspiegel stellt das Programm des Wettbewerbs bei den Filmfestspielen von Venedig vor. Mit dabei die Coen-Brüder, Alfonso Cuaron und Mike Leigh, Florian Henckel von Donnersmarck mit "Werk ohne Autor" und Jennifer Kent als einzige Frau.

Besprochen werden Michael Noers Remake des Gefängnisklassikers "Papillon" (Tagesspiegel, Presse), Silvio Soldinis "Die verborgenen Farben der Dinge" (Berliner Zeitung), Marvels "Ant-Man" (SZ), Drew Pearces "Hotel Artemis" mit Jodie Foster als Leiterin eines Krankenhauses für verletzte Verbrecher (taz), die spanische Fernsehserie "La Peste" (NZZ), Marco Dutra und Juliana Rojas' Werwolf-Film "Gute Manieren" und Jody Hills Netflix-Film "The Legacy of a Whitetail Deer Hunter" (beide Perlentaucher).
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Musik

"Ohne ein paar Institutionen wie Trikont wäre Bayern auf dem kulturellen Stand von Ende Mai 1945", behauptet in der taz Franz Dobler in seiner Laudatio auf das Trikont-Label, das in diesem Jahr mit dem Münchner Musikpreis ausgezeichnet wird. "Vollkommen absurd ist allerdings, dass sich kein anderes Label, Heimatmuseum, Trachtenverein oder CSU-Kulturkommando dermaßen mit Münchner und Bayerischer Musikgeschichte beschäftigt hat wie dieses total rot-grün-68er-versiffte Label - natürlich wie immer rein aus kommerziellen Gründen. Im Mittelpunkt die riesige 'Stimmen Bayerns'-Serie, herausgegeben von Bergmann, Mair-Holmes und Andreas Koll, angebahnt mit der Serie 'Rare Schellacks', flankiert von Bally Prell bis Kraudn Sepp und Karl Valentin sowieso, komplettiert mit den Rock-'n'-Rollern von Tommi Busse, Sparifankal, Well-Buam oder Sigurd Kämpft und den einzigartigen Embryo bis in die Gegenwart von Coconami bis Koflgschroa, deren Herr Mücke sagt, 'Mir san Weltbürger, mir san Kosmopoliten', wie die Herausgeber, deren Sammlungen weltweit gefeiert wurden, allen voran Jonathan Fischer mit seinem Black-Music-Arsenal, Hias Schaschko, der auch viele Cover gestaltet hat, Christos Davidopoulos, Thomas Meinecke, Jay Rutledge oder JJ Whitefield - that's my Munich, brothers and sisters!"

Kofelgschroa anyone?



Weiteres: Markus Ganz stellt in der NZZ den Berner DJ und Musikproduzenten Pablo Nouvelle vor, der in der Zürcher Konzertreihe "Stadtsommer" auftreten wird. Besprochen werden ein Konzert des Klangforums Wien mit Musik von Galina Ustwolskaja (Presse), Erroll Garners "Nightconcert" (Standard) und ein Konzert von Rufus Wainwright in Frankfurt (FR).
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Literatur

Warum kaufen immer weniger Menschen Bücher? An der Literatur liegt es nicht, glaubt die Schriftstellerin Melanie Raabe im Standard, und an den Lesern eigentlich auch nicht: "Ich glaube, das hat viel mit der Art und Weise zu tun, wie wir über Bücher reden und mit ihnen umgehen. Man könnte meinen, dass wir alle nur das eine wollten: Menschen für Literatur, für Geschichten zu begeistern. Das ist nur die halbe Wahrheit. 'Die Leute' sollen nicht nur endlich wieder (mehr) lesen. Sie sollen auch das lesen, was wir vermeintliche Experten uns so vorstellen. Für gewöhnlich ist das etwas Sperriges, idealerweise von einem verstorbenen Autor. Zwar sind sie selten geworden, aber es gibt immer noch Buchhändler, die über manche Wahl ihrer Kundschaft offen die Nase rümpfen."

Weitere Artikel: Rainer Moritz macht sich - mit Kurt Tucholskys Erzählung in der Hand - für die NZZ auf nach Rheinsberg. Kerstin Decker erinnert im Tagesspiegel an die vor hundert Jahren gestorbene Franziska zu Reventlow. In der FAZ empfiehlt Andreas Platthaus vier kommende Romane über "Gewalterfahrungen" des 20. Jahrhunderts: Steffen Menschings "Schermanns Augen", Ursula Krechels "Geisterbahn", Michael Lentz' "Schattenfroh" und Nino Haratischwilis "Die Katze und der General".

Besprochen werden Katharina Adlers Roman über ihre Urgroßmutter Ida Bauer (Berliner Zeitung), Madeleine Albrights Buch "Faschismus" (Berliner Zeitung), Maggie O'Farrells Band "Ich bin, ich bin, ich bin" (NZZ), Axel Doßmanns und Susanne Regeners Buch "Fabrikation eines Verbrechers - Der Kriminalfall Bruno Lüdke als Mediengeschichte" (taz) und Edouard Louis' dritter, bisher nur auf Französisch erschienener autobiografischer Roman "Qui a tué mon père?" ("Louis hat eine Obsession. Er will eine literarische Form finden, die Menschen wie seinen Vater in die Mitte der Gesellschaft zurückholt. Was er erfunden hat, ist eine hybride Form. Es ist Erinnerungsprosa, Milieu-Ethnografie und Politanklage", lobt Miryam Schellbach in der taz.)
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Architektur

Einen erstaunlichen Blick in die Skizzenbücher von Architekten wie Le Corbusier oder Hans Poelzig wirft taz-Kritiker Ronald Berg in der Berliner Tchoban Foundation: "Skizzenbücher wie die von McLaughlin erlauben stattdessen einen fast voyeuristischen Blick auf ein Medium, in dem sich durch Skizzen, Notizen, mitunter auch Busfahrscheine und Kassenzettel Ideen entwickeln und zu Formen gerinnen. Der Blick in die Seiten der Skizzenbücher ist wie der Blick in die Gedankenwerkstatt des architektonischen Entwerfens. Nirgends ist man der Genese der Ideen so nahe wie bei den Skizzen, hier hat man so etwas wie den Geburtsvorgang dokumentiert, wenn die Gedanken aus dem Kopf hervorkommen und der Geist eine Form gebiert."
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Stichwörter: Skizzen, Mclaughlin, Niall

Bühne

Milo Rau. Szene aus "La Reprise - Histoire(s) du théâtre" © Christophe Raynaud de Lage

Zu den Highlights des diesjährigen Theaterfestivals in Avignon zählt für FAZ-Kritikerin Grete Götze - Julien Gosselins zehnstündige Montage dreier früher Romane von Don DeLillo - Milo Raus Inszenierung "la Reprise", für die er den Fall des homosexuellen Ihsane Jarfi inszenierte, der in Belgien von drei Männern zu Tode geprügelt wurde: "Als es zur eigentlichen Mordszene kommt, in der die Autoinsassen das Opfer aus dem Kofferraum zerren, ausziehen, auf es eintreten und urinieren, bis man nur noch das Geräusch von Regen hört, ist der Zuschauer auf diese Art von Grausamkeit gar nicht vorbereitet. Rau spielt virtuos mit seinen Gefühlen, er zeigt Tabus, eine Vergewaltigung, nackte ältere Menschen, die Sex miteinander haben, einen bestialischen Mord - und bricht die Szenen brechtisch auf, indem die Darsteller aus ihrer Rolle heraustreten."

Weitere Artikel: Für die Welt porträtiert Manuel Brug den Berliner Schauspieler, Autor und Filmregisseur ("Dicke Mädchen", "Tatort") Axel Ranisch, der nun an der Bayerischen Staatsoper Joseph Haydns "Orlando paladino" inszeniert hat. Im Standard berichtet Stefan Weiss von einem offenen Brief, in dem fünf ehemals bei den Festspielen Erl tätige Künstlerinnen dessen künstlerischen Leiter, Gustav Kuhn, der sexuellen Belästigung beschuldigen. Auf Zeit Online erzählt Christina Rietz, wie sie sich mit "Tristan und Isolde" für Wagner-Opern begeistern will.

Besprochen wird die von Katharina Wagner in Auftrag gegebene Uraufführung von Klaus Langs Oper "der verschwundene Hochzeiter" im Rahmenprogramm der Bayreuther Festspiele (Tagesspiegel, FAZ).
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