Efeu - Die Kulturrundschau

Grübeleien eines hypertrophen Ich

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.07.2018. Die SZ feiert die Wiener Fotografin Stefanie Moshammer, die genauso schöne Americana fotografieren kann wie Penn oder Meyerowitz. Die NZZ liest Knausgards "Jahreszeiten" als literarische Selfies. Der Standard würdigt das Filigrane in der Musik Beat Furrers. Die FAZ pilgert zum Grab von Blues-Legende Robert Johnson am Mississippi. Die taz setzt sich den otoakustischen Emissionen des Technomusikers Jung an Tagen aus.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.07.2018 finden Sie hier

Kunst

Foto: Stefanie Moshammer


In der SZ freut sich Peter Richter über den C/O Berlin Talent Award für die Fotografin Stefanie Moshammer, deren Bildessay "Not just your face honey" man jetzt auch im C/O Berlin sehen kann. Hintergrund ist der Brief eines Amerikaners namens Troy, der einen Liebesbrief schreibt an das "'Upper Most incredible, sensational, Amazing, and Beautiful girl/woman or anything I've seen!!' ... Dann beginnt auf den Bildern eine Reise ins Umland von Las Vegas, Wüste, Kakteen, Parkplätze, Tankstellen, Motelzimmer, das Haus von Troy, nachts heimlich durchs Autofenster fotografiert. Ein klassischer Roadtrip mit der Kamera, nur hier als Dokumentation aufgemacht und mit einem Narrativ unterlegt, das aus einem Film von David Lynch stammen könnte." Für Richter "eine wundervolle kleine Ausstellung, die praktisch fast nahtlos an die wundervollen großen Ausstellungen von Irving Penn und davor Joel Meyerowitz anschließt und zeigt, dass es für klassische Americana offensichtlich gar nicht die großen alten weisen Männer aus Amerika braucht: Das kann eine junge Frau aus Wien schon auch, wenn sie lange genug mit einem Arbeitsstipendium in Las Vegas sitzt."

Weiteres: Sandra Dennicke besucht für die FR die Manifesta in Palermo.

Besprochen werden eine Ausstellung über Grenzen,"Sag Schibbolet!", im Jüdischen Museum Hohenems (Standard - "Ausgangspunkt für die Auseinandersetzungen mit diesem Thema", so Stefan Enders, "ist eine kurze Bibelerzählung: Die Gileaditer unterziehen alle, die den Jordan überqueren, einem Sprachtest. Wer das Wort 'Schibbolet' (Strömung, Fluss) falsch ausspricht (wie 'Sibbolet'), entlarvt sich als verfeindeter Ephraimit und wird umgebracht."), Leoredana Nemes' Ausstellung "Gier Angst Liebe" in der Berlinischen Galerie (taz), die Ausstellung "Lucky" des queer-feministischen Kurator*innenkollektivs Coven Berlin in der nGbK (taz), die Fotografie-Ausstellung "Vom Verschwinden und Erscheinen" in der Berliner Alfred-Ehrhardt-Stiftung (Tagesspiegel), eine Ausstellung von Olaf Nicolai, der mit Stoffbahnen an den Wänden, geputzten Fenstern und einer Glasperlenkette an den Außenwänden den 50 Jahre alten Neubau der Kunsthalle Bielefeld von Philip Johnson würdigt (FAZ), eine Ausstellung im Gemeentemuseum in Den Haag, die zeigt, wie einst Modernisierer und Konservative darüber stritten, ob der holländische Jugendstil zur nationalen Identität passt (SZ) und zwei Ausstellungen auf der Suche nach der Kreativität des Computers - Pendoran Vinci, Kunst und künstliche Intelligenz heute im NRW Forum, Düsseldorf und Ian Chengs "Emissaries" in der Serpentine Gallery in London (SZ).
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Architektur

Im Freitag berichtet Stefan Heidenreich von der 10. Berlin-Biennale. Tom Schulz besucht für die NZZ die Insel Giudecca, einst Verbannungsort für Venedigs Juden. Besprochen wird Sigrid Neuberts Buch "Architekturfotografie der Nachkriegsmoderne" mit Fotografien von Bauten der fünfziger bis siebziger Jahre (Tagesspiegel).
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Bühne

Besprochen werden der "Jedermann" bei den Salzburger Festspielen mit Nanni Moretti in der Hauptrolle (Presse, Standard, daneben gibts einen "kleinen 'Jedermann'-Katalog für Glaubensschwache").
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Literatur

Auch nach seinem großen autobiografischen Romanzyklus kann Karl Ove Knausgård buchstäblich nicht von sich lassen, erklärt Franz Haas in der NZZ nach der Lektüre von Knausgårds Jahreszeiten-Tetralogie, die neuerlich "eine unendliche Geschichte aus literarischen Selfies, Prosaminiaturen und Grübeleien eines hypertrophen Ich" darstellt. Manches davon ist zwar gewohnt brillanz, doch mitunter sind manche "Miniatur-Dissertationen doch nicht viel mehr als intellektueller Ersatz für Katzenvideos oder bemüht verspielte Philosophie in kurzen Hosen."

Weitere Artikel: Im taz-Gespräch mit Ute Evers hält der Verleger, Schriftsteller und Alt-68er Volkhard Brandes Rückschau auf sein Leben. Besprochen werden Lisa Hallidays "Asymmetrie" (SZ), Meg Wolitzers "Das weibliche Prinzip" (Zeit, SZ), David Mitchells Slade House" (NZZ, FAZ), Francesca Melandris "Alle außer mir" (online nachgereicht von der FAZ), Khaled Khalifas "Der Tod ist ein mühseliges Geschäft" (taz), Waguih Ghalis "Snooker in Kairo" (Tagesspiegel) und Milena Michiko Flašars "Herr Kato spielt Familie" (FAZ).
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Film

Besprochen wird Alejandro Jodorowskys "Endless Poetry" (SZ, unsere Kritik hier).
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Musik

Im Standard porträtiert Ljubisa Tosic den Komponisten Beat Furrer, dem die Salzburger Festspiele in diesem Jahr einen Schwerpunkt widmen: "Jedes Verklingen eines Tones ist für Furrer 'schon ein Drama.' Das Filigrane seiner Musik wird zur Einladung, sich dem Diskreten, dem Überhörten zu stellen." Von "existenziellen, die Hörer fordernden Erfahrungen" berichtet derweil Michael Stallknecht in der NZZ nach der "Ouverture Spirituelle" mit unter anderem Krzysztof Pendereckis "Lukaspassion".

Beim Hören von "Agent im Objekt" des Technomusikers Jung an Tagen ist Bastian Tebarth der "körpereigene Endorphinspiegel explodiert", erfahren wir in der taz. Ursache dieser Ekstase-Wallung: "Zwei hochfrequente Sinuswellen schrauben sich durch den Raum und dann in das eigene Innenohr. Die leicht zueinander verstimmten Sinuswellen produzieren dort das, was man fachsprachlich otoakustische Emission nennt: eine dritte Schwingung mit einer eigenen Frequenz, die nur im eigenen Gehörgang leise kitzelnd zu hören ist. ... Die Oberflächenstimmungen erinnern an frühe Elektronik und die warm reflektierenden Ambient-Produktionen der frühen 1980er Jahre, die jegliche Baustatik außer Kraft setzende Architektur verweist auf experimentellen Industrial und den Glitch der IDM-Ära." Das klingt dann so und wird auf eine Weise visuell begleitet, dass man Epilektikern eine Warnung aussprechen muss:



Für die FAZ ist Peter Kemper nach Greenwood am Mississippi, zum Grab von Blues-Legende Robert Johnson gepilgert. Herausgekommen ist dabei eine schöne Reportage mit vielen stimmungsvollen Bildern: Wer in diese Region reist, "ist von der Landschaft überwältigt: Ihre endlose Ödnis, die malerische Einsamkeit der Baumwollfelder - flach bis zum Horizont und von zu heftigem Regen im Frühjahr noch teilweise überschwemmt -, all das weckt Gefühle einer verführerischen Verlassenheit. Diese scheinbar immerwährende Weite scheint die Quelle tiefer Empfindungen gewesen zu sein, wie sie sich in den besten Blues-Songs mitteilten. Nicht zufällig erzählen sie von der Isolation des Einzelnen in einer Welt, in der er längst keinen Einfluss mehr auf sein Schicksal hat."

Weitere Artikel: Florian Bissig resümiert in der NZZ das Festival da Jazz in St. Moritz, wo er unter anderem Norah Jones und Jan Garbarek sah. Anna Gyapjas plaudert für die Berliner Zeitung mit Marcus Staiger über die Geschichte der Rapmusik in Deutschland. In der taz erklärt Sara Geisler, dass man auf halblegale Berliner Techno-Partys heute via Bitcoin-Schürfen und andere Online-Netzakvititäten kommt. Amira Ben Saoud porträtiert für den Standard die Popsängerin Mavi Phoenix. In der FAZ berichtet Kerstin Holm von der Sommerakademie des Nachwuchsorchesters der Philharmonie in Jekaterinburg, wo in diesem Jahr in Zusammenarbeit mit 20 in Deutschland studierenden Musikern das "Tschaikowsky-Orchester" entwickelt wurde.

Besprochen werden ein Kraftwerk-Konzert (Standard), Neil Youngs Live-Album "Roxy - Tonight's the Night Live" mit Aufnahmen von 1973 (SZ) und neue Klassikveröffentlichungen, darunter Debussy-Aufnahmen des Philharmonia Orchestra London unter Pablo Heras-Casado (SZ).
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