Efeu - Die Kulturrundschau

Klärung statt Verklärung

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30.06.2018. Beim Münchner "Parsifal" fällt Georg Baselitz als Bühnenbildner durch, Pierre Audi als Regisseur ebenfalls, Kirill Petrenkos musikalische Interpretation lässt einige Kritiker allerdings immer noch schweben. Wer bei der RAF feuchte Augen kriegt, sollte beim Thema Stasi die Klappe halten, meint Leander Haußmann im Interview mit der Berliner Zeitung. In der Welt fordert Feridun Zaimoglu das Ende der Mittelstandsprosa: Arsch hoch und raus. Die Musikkritiker staunen über das durchtherapierte Paar Beyonce und Jay Z.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.06.2018 finden Sie hier

Bühne

Szene aus Parsifal. Foto: Ruth Walz

An der Bayerischen Staatsoper in München hatte Wagners "Parsifal" Premiere. Das Bühnenbild kam von Georg Baselitz, Regie hatte Pierre Audi, am Pult stand Kirill Petrenko. Für die Kritiker von FAZ und NZZ war es ein rundweg ermüdender Abend. Langweilig schwarz die Bühne, und dass das Bühnenbild einmal auf dem Kopf steht, hilft auch nicht: "Mag sein", meint Christian Wildhagen in der NZZ, "dass sich Baselitz eine Menge gedacht hat bei seiner Beschäftigung mit dem vieldeutigen 'Parsifal'-Stoff. Nur gewinnt diese Auseinandersetzung eben keinerlei theatralische Wirksamkeit, geschweige denn Leben. Hier gegenzusteuern, wäre die Aufgabe von Pierre Audi gewesen. Doch der scheidende Intendant der Amsterdamer Oper beschränkt sich auf ein In-Szene-Setzen der biedersten Art, ohne eine einzige Handlungsaktion, die über das Nachzeichnen von Stück und gesungenem Text - das berüchtigte 'Mickey-Mousing' - hinausweisen würde."

Im Freitag ist das Wolfgang Herles ganz wurscht, denn vor der Musik, wie Petrenko sie dirigiert, wird ihm alles andere bedeutungslos: "Klärung statt Verklärung. Man versteht den Parsifal noch immer nicht. Nur ist das jetzt herzlich unwichtig. Das Mysterium öffnet sich dem Verstand. Petrenkos Speer heilt die Wunde, wie der Speer des Amfortas Wunden heilt, die dieser Speer einst selbst geschlagen hat. Wagners Musik heilt Wagners Text. Darf man das so hart sagen? Ja, denn das Heil liegt nicht in Entsagung. Das Gegenteil ist der Fall. Diese Musik ist das Gegenteil von Entsagung. Sie ist die hellste Ekstase." Reinhard Brembeck sieht das in der SZ ähnlich.

In der FR ist Judith von Sternburg tief beeindruckt von Christian Gerhahers Amfortas: "Wie er näher hinkt, mühevoll, aber auch zügig, da entnervt und todesgierig, macht er den Baselitz-Wald zu dem, was er sein sollte: Kulisse eines darstellerischen Geschehens. Und als Gerhaher zu singen beginnt, singt er nicht bloß, sondern liefert die Charakterstudie eines Zerquälten, mit Sprechgesang und Deklamation. Wenig Sonores ist an diesem Amfortas, wenig baritonalen Wohlklang erlaubt das zermürbend lange Leid. Er muss lange daran gearbeitet haben, alles klingt anders, aber es ist keine Provokation, es nimmt der Oper nichts weg, es gibt ihr ausschließlich etwas dazu." Weitere Kritiken in der Abendzeitung, der Welt und im Standard.

Im Interview der Berliner Zeitung über die Zukunft der Berliner Volksbühne verweist Leander Haußmann auf die Zuständigkeit des Kultursenators uns sagt den witzigen Satz: "Er müsste was riskieren." Er selbst arbeitet gerade an einem Stück über die Stasi - und nein, das Ost-West-Thema ist nicht erledigt, bescheinigt er Interviewer Ulrich Seidler: "Ich bin kein tattriger Zeitzeuge, ich weiß, dass das bis heute ausgreift, was ich erlebt habe. Und nicht nur ich, sondern Millionen von Menschen. Das DDR-Paket, geschnürt mit Hass, Selbsthass, Minderwertigkeitsgefühl, Verarbeitung, Suche nach einem Platz in der Gesellschaft - das lebt und wirkt heute und hier und auch auf das Leben der Westler. Die müssten doch sehen, dass einem das was bedeutet, dass das zu unserem Leben gehört, und die stellen sich vor dich hin und gähnen dir voll in die Fresse. Aber wenn irgendwer zum hunderttausendsten Mal was über die RAF macht, dann kriegen sie feuchte Augen.

Weitere Artikel: In der nachtkritik unterhält sich Esther Slevogt mit der Schauspielerin Linda Pöppel über ihre Rolle als Prostituierte in Sebastian Hartmanns umstrittener Inszenierung von "In Stanniolpapier".

Besprochen werden Mozarts "Don Giovanni" am Staatstheater Wiesbaden (FR), Henri Hüsters Inszenierung von Roman Sikoras Stück "Schloss an der Loire" am Staatstheater Nürnberg (nachtkritik) und die Wiederaufnahme der 1974er Produktion von Ponchiellis "La Gioconda" an der Deutschen Oper Berlin (Tagesspiegel)
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Literatur

Im Interview für die Literarische Welt haut Feridun Zaimoglu kräftig auf den Putz: Ihr Fett kriegen paritätisch alle weg - unter anderem Migranten, die Ausländer bleiben wollen, die rechte Flanke der Öffentlichkeit, die ihr nationalistisches Herz wiederentdeckt, die linke Flanke, die sich im allgemeinen Laissez-faire gefällt, aber auch Literaten und Kritiker, die einander im Mittelstandsprosa-Zirkel umkreisen und die Gesellschaft damit schon für literarisch ausgelotet halten, sowie der Maskulinismus, der an Ranzigkeit seinesgleichen nicht kenne. Was tun? "Arsch hoch und raus. Es ist immer unbekömmlich, im wahrsten Sinne des Wortes, wenn man auf seinem Hintern hocken bleibt und in seiner Stube und immer dasselbe schreibt. Noch einmal: Wir sind in einer Hochzeit der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, und wir sind in einer Krise der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur." Die Literatur für den Mittelstand allerdings "verwest. .. Man verknirpst und verknilcht, wenn man bei sich bleibt. All die herrlichen deutschen Geschichten da draußen. Es ist wirklich so einfach.

Dietmar Dath würdigt in der FAZ den Science-Fiction-Autor Harlan Ellison: Er hat das Genre "aus dem Spinnereckchen des Eskapismus gelockt und als diejenige Literaturgattung bei der Kritik und der Literaturwissenschaft des (damals günstigen) kulturgeschichtlichen Moments durchgesetzt, die seiner (und unserer) verwissenschaftlichten, technisierten, hocharbeitsteiligen und global vergesellschafteten Epoche die trübe Seele klären helfen kann wie keine andere Kunst." In der Welt würdigt Wieland Freund insbesondere die von Ellison verfasste Star-Trek-Episode "The City On The Edge Of Forever".  Der Dlf sprach mit dem SF-Autor Hartmut Kasper über Ellison.

Weittere Artikel: Lea Diehl und Waltraud Schwab bringen in der taz Hintergründe dazu, warum Anna Seghers' Sommerhaus südöstlich von Berlin in seiner Existenz bedroht ist. "Der literarische Kuss ist ein Betrug, eine Katastrophe, ein zentraler Wendepunkt, ist ein erotisches und dramatisches Ereignis", erklärt Alem Grabovac in der taz. Denis Scheck ergänzt seinen Welt-Literaturkanon um Anton Tschechows "Die Dame mit dem Hündchen" (die Langversion des Textes gibt es beim WDR). In der Europäischen Kulturhauptstadt Leeuwarden pflegt man die friesische Sprache, berichtet Katharina Borchardt in der taz. Außerdem bringt die FAZ Ilija Trojanows für das Goethe-Institut-Projekt "Freiraum" verfasste Erzählung "Der gefressene Zoo".

Besprochen werden unter anderem Bodo Kirchhoffs "Dämmer und Aufruhr" (SZ, Welt), Hans Platzgumers "Drei Sekunden jetzt" (taz), Maximilian Hillerzeders Comic "Maertens" (Tagesspiegel), Gabriele Tergits "Etwas Seltenes überhaupt. Erinnerungen" (SZ) und David Szalays "Was ein Mann ist" (FAZ).
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Film

In der SZ porträtiert Tobias Kniebe Henning Gronkowski, in den letzten Jahren Klaus Lemkes erste Wahl für jugendlich-verpeilte Rollen, der mit "Yung" nun seinen ersten eigenen Film über vier junge, durchs Nachtleben driftende Mädchen gedreht hat: "Der Aufstieg zum Filmemacher, aber überhaupt zum Typus Mensch, der auch mal was gebacken kriegt, führt vom Drifter zum Disziplinator. Ist leider so. Das wurde Henning Gronkowski nach jeder Beinahe-Katastrophe in seiner 'Yung'-Community klarer, nach jedem Zwergenaufstand seiner Darstellerinnen, nach jedem wegen eskalierenden Schlendrians verlorenen Tag. Er schlief kaum noch, er fühlte sich wie ein 'verdammter Herbergsvater'." Am Wochenende feiert der Film auf dem Filmfest München Premiere.

Weitere Artikel: Dirk Knipphals schreibt in der taz angesichts der aktuellen Debatten um die US-Flüchtlingspolitik über das im US-Kino oft anzutreffende Motiv allein gelassener Kinder. Sascha Westphal führt in epdFilm durch das Kino Stefano Sollimas, der mit "Sicario 2" sein US-Debüt vorlegt. Im Standard porträtiert Michael Pekler die Schauspielerin Eva Green. Für ZeitOnline hat Elisabeth Wellershaus den im brandeburgischen Buckow lebenden, syrischen Filmemacher Maan Mouslli  besucht. Patrick Straumann ergründet in der NZZ das Wesen der Nahaufnahme in Filmtheorie und -geschichte: In dieser filmischen Ausdrucksform erreiche "die Kristallisation der Gefühle eine maximale Intensität". Im Filmdienst schreibt Rüdiger Suchsland darüber, was Fußball und Filmhandwerk gemeinsam haben. Ralf Schenk stellt im Filmdienst eine DVD-Reihe mit seltenen Berlin-Filmen vor.

Besprochen werden Greg Berlantis "Love, Simon" (FR, unsere Kritik hier), eine Box mit Filmen von Jacques Becker (Filmdienst) und neue Filmbücher (Filmdienst).
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Kunst

Besprochen werden eine Installation "Gaia Mother Tree" des brasilianischen Künstlers Ernesto Neto in der Halle des Zürcher Hauptbahnhofs (NZZ), die Ausstellung "Gerhard Richter. Abstraktion" im Potsdamer Museum Barberini (Welt, Tagesspiegel), eine Retrospektive des Künstlers Christoph Faulhaber in der Kunsthalle Osnabrück (taz) und Installationen von Lynn Hershman Leeson in den Berliner Kunst-Werken (Freitag).
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Musik

Das Berliner Konzert von Beyoncé und Jay-Z rettet die Popkritik fürs Erste vor dem Sommerloch. Mit viel audiovisuellem Bombast zelebrierte das Paar im Olympiastadion wiedergefundene Liebe - allerdings vor nicht vollends ausverkauften Rängen, wie das in stattlicher Zahl anwesende Pop-Feuilleton bemerkt. "Die Anfangseuphorie verflacht denn auch schnell", notiert Daniel Gerhardt auf ZeitOnline. "Der Bass ist zu bollerig, die Band, die meistens vom Band kommt, bleibt zu leise. Der Wind weht die Feinheiten aus dem Stadion." NZZ-Kritikerin Anthe Stahl zerriss es angesichts dieses ausgestellten Paartherapie-Erfolgs dennoch, wenn auch unter Vorbehalt, "das Herz". Die Beziehungs-Seifenoper der Popstars ist auch eine gut geölte Geschäftsbeziehung, hält Felix Zwinzscher in der Welt fest: "Die ganze Videoshow mündet am Ende in Hochglanzbildern von Beyoncé und Jay-Z in einem tropischen Paradies. Die Bilder sind so werbeschön, dass man die ganze Zeit darauf wartet, dass endlich Name des beworbenen Produkts eingeblendet wird. Bis man merkt, dass der ja auf der Eintrittskarte steht." SZ-Kritiker Jan Kedves sieht in Jay-Zs biografischer Neuerfindung einen neuen Typus des Rappers: "durchtherapiert, für seine Gefühlswelt sensibilisiert, geläutert." Skeptisch bleibt tazlerin Diviam Hoffmann: "Vor lauter Liebesbeweis gerät die sozialpolitische Wucht, mit der sich die Carter-Knowles-Interessengemeinschaft als black power couple durch die Welt bewegt, schnell in den Hintergrund."

Weiteres: Ken Münster (Tagesspiegel) und Arne Löffel (FR) plaudern mit Jazzanova, die nach zehn Jahren ein Comeback-Album veröffentlicht haben.

Besprochen werden John Coltranes erstmals veröffentlichte Aufnahmen "Both Directions at once" (NZZ, mehr dazu hier), Jorja Smiths "Lost & Found" (taz), ein Konzert der Hard-Ons (taz), die Doku "The King - Mit Elvis durch Amerika" (Standard) und das neue Album der Gorillaz (FAZ, Tagesspiegel).

Archiv: Musik
Stichwörter: Beyonce, Jay-Z, Rap