Efeu - Die Kulturrundschau

Ganz neue Dichter bauen

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15.06.2018. Klaus Dörr bleibt bis 2020 Interimschef der Volksbühne. In der Stuttgarter Zeitung spricht er über weitere Pläne. Der Tagesspiegel erfreut sich mit Luigi Ghirri an der Vergnügungssucht im Nachkriegsitalien und feiert Kindergeburtstag mit Iron Maiden und Winston Churchill. Die FAZ durchschaut Steve Bannons Agitprop in Rotterdam. Und die NZZ spielt mit einem Playmobil-Fontane.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.06.2018 finden Sie hier

Kunst

Luigi Ghirri. Modena, 1979 © Eredi Luigi Ghirri 

Im Tagesspiegel freut sich Benjamin Paul über die Wiederentdeckung des italienischen Fotografen Luigi Ghirri, dessen frühen Arbeiten das Museum Folkwang aktuell eine Schau widmet. Geprägt vom Kulturpessimismus der Sechziger und Siebziger zeige Ghirri "die Wahrnehmung als eine von Bildern medialisierte und damit als eine um wirkliche Erfahrung beraubte" - jedoch frei von Zynismus, meint Paul: "Sie charakterisieren mit warmer Ironie und Liebenswürdigkeit die kleinbürgerliche Welt des Nachkriegsitalien mit ihrer Vergnügungssucht, die dem Versprechen von Glanz und Gloria erlegen ist. Das naive Gefallen an täuschenden Simulakra wird besonders deutlich in der Serie 'In Scala' über einen Vergnügungspark in Rimini mit Modellen von touristischen Sehenswürdigkeiten wie dem Eiffelturm und dem Palazzo Vecchio in Florenz. Auf subtilere Weise schimmert es durch in Aufnahmen von Bonbonpapier, das mit einem blauen Sternenhimmel bedruckt ist, oder einer mit Michelangelos David verzierten Schale."
 
In der Rotterdamer Ausstellung "Steve Bannon: A Propaganda Retrospective" versucht der niederländische Aktivist Jonas Staal die "Mechanismen zeitgenössischer Propagandakunst" im künstlerischen Werk von Steve Bannon zu analysieren - anhand von ikonografischen Stereotypen, die Bannon in seinen Filmen nutzt, um einen deterministischen Gang der Geschichte zu suggerieren, wie FAZ-Kritiker Georg Imdahl erklärt: "In Bildern von Sturm und Orkan kündigt sich der blutige clash of civilizations an, den Bannon herbeisehnt. Raubtiere symbolisieren sozialen Habitus: Dinosaurier stehen für das Establishment, Haie für die 'Party of Davos' und eine verhasste Wirtschaftselite (…) Schließlich das 'Biest', eine Lieblingsmetapher Bannons: Gemeint sind damit alle inneren und äußeren Feinde der Vereinigten Staaten, vom Liberalismus bis zum Islamismus: Dafür stehen Hippies in Woodstock bis zu politischen Gewalttätern von Hitler bis Usama Bin Laden."

Weitere Artikel: Der Pariser Louvre zeigt derzeit eine große Ausstellung mit 180 Werken von Eugene Delacroix - "ein Saisonhöhepunkt der europäischen Museumslandschaft", schwärmt Franz Zelger in der NZZ.

Literatur

"Es braucht mehr Playmobil-Schriftsteller", ruft Paul Jandl in der NZZ mit Grüßen aus dem Sommerloch, nachdem er darauf gestoßen ist, dass der namhafte Plastikspielzeug-Hersteller im August einen Theodor Fontane in 25.000er Auflage in die Läden bringt. Die Tatsache, dass die Fontaniana-Details an der Figur abnehmbar sind, weckt Jandls Kreativität: Man könne sich ja "vielleicht ganz neue Dichter bauen. Schon im Hinblick auf solches Material aus Künstleraccessoires sollte man sich bei Playmobil nicht lumpen lassen. Es braucht die Blusen der Ingeborg Bachmann, Günter Grassens Pfeife, die Brille von Max Frisch und die Augenbrauen von Martin Walser."

Weitere Artikel: Am Montag wird das von der Bundesregierung gekaufte Thomas-Mann-Haus in Los Angeles für Fellows geöffnet, berichtet Thomas Ribi in der NZZ. Klaus Bartels blättert sich in der NZZ durch die antiken Quellen zum Ursprung des Wortes "elektrisch". Der Tagesspiegel bringt einen Auszug aus Judith Kerrs Autobiografie "Geschöpfe".

Besprochen werden Simone Buchholz' Kinderbuch "Johnny und die Pommesbande" (Tagesspiegel), Lore Bergers "Der barmherzige Hügel" (NZZ), Tom Callaghans Thriller "Mörderischer Sommer" (Standard), ein Comic von Voloj & Campi über die Entstehung von Superman (SZ), François Chengs "Über die Schönheit der Seele" (SZ) und der Briefwechsel 1940 bis 1968 zwischen Joseph Breitbach und Jean Schlumberger (FAZ).

Bühne

Klaus Dörr wird die Berliner Volksbühne bis zum Sommer 2020 als Interimschef leiten. Im Interview mit der Stuttgarter Zeitung spricht Dörr über die Gentrifizierung in Mitte und Prenzlauer Berg und über die nahe und ferne Zukunft der Volksbühne, für die er sich ein "paritätisches Modell" vorstellen kann und die er unter anderem wieder zum Repertoire- und Ensembletheater machen will: "Das ist der Wille aller Beteiligten, auch meiner. Wir bauen das Haus zurück, das von Anfang an strukturell und personell auf Ensemble und Repertoire angelegt war. Diese Strukturen wurden bei der Berufung von Dercon nicht beachtet. Aber der Rückbau bedeutet kein künstlerisches Rollback."
 
Weitere Artikel: Im Interview mit Nachtkritiker Christian Rakow erklärt der neue Leiter des Freie-Szene-Festivals "Impulse", Haiko Pfost, die freien Arbeitsweisen jenseits des Stadttheaterbetriebs. Wenige Highlights können FAZ-Kritiker Reinhard Kager nicht über die, wie er findet, ziemlich misslungenen Wiener Festwochen hinwegtrösten: "Sieht man vom Gastspiel der Münchner Kammerspiele mit Christoph Marthalers 'Tiefer Schweb' einmal ab, so dümpelte das Festival nämlich vier Wochen lang in den Niederungen oft geradezu dilettantischer Performances, die mit den ursprünglich politischen Ideen dieser aus dem Fluxus hervorgegangenen Kunstform nur noch das Etikett gemein haben."
 
Besprochen werden Georgette Dees und Cora Frosts Programm "Dee Frost Welt" im Tipi am Kanzleramt (Berliner Zeitung), Karin Henkels Inszenierung von Prokofjews Oper "Der Spieler" im belgischen Gent (taz) und Thorleifur Örn Arnarssons und Albert Ostermaiers "Die verlorene Oper. Ruhrepos" nach Ideen von Bertolt Brecht bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen (nachtkritik).
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Film

Für den Standard spricht Dominik Kamalzadeh mit Shirin Neshat über ihren Film "Auf der Suche nach Oum Kulthum" (unser Resümee hier). Und Hanns-Georg Rodek unterhält sich für die Welt mit Shahrbanoo Sadat, Afghanistans einziger Regisseurin, deren Film "Wolf and Sheep" diese Woche in die Kinos kommt.

Besprochen werden eine Ausstellung über Chris Marker und 1968 in der Cinematheque Francaise in Paris (Standard), Ari Asters Horrorfilm "Hereditary" (FR, Tagesspiegel), Raymond Depardons Psychiatrie-Dokumentarfilm "12 Tage" (Tagesspiegel, unsere Kritik hier), Wim Wenders' Film über den Papst (ZeitOnline, FR, SZ), Chloé Zhaos "The Rider" (Zeit) und die von Arte online gestellte BBC-Serie "Three Girls" (FR).

Design

Daghild Bartels führt in der NZZ durch das Programm der 13. Ausgabe der Design Miami/Basel.

Musik

Rockmusik ist Missbrauch von Heeresgerät, lautet ein berühmter Satz des Medientheoretikers Friedrich Kittler, der am vergangenen Dienstag 75 Jahre alt geworden wäre. Eine sehr konkrete Veranschaulichung dieser These bot allem Anschein nach das britische Heavy-Metal-Urgestein Iron Maiden bei seinem Berliner Konzert, wo das Bühnenbild vor britischer Militaria nur so strotzte. Zu Beginn gab es eine Durchhalterede von Winston Churchill vom Band, "die perfekte Textvorlage für einen Song von Iron Maiden", schreibt Andreas Busche nach dem Headbanging euphorisiert im Tagesspiegel: "ein wenig martialische Kriegsrhetorik, etwas theatralisches Pathos, Blut, Schweiß und der brüderliche Schwur im Kampf gegen das Böse Schulter an Schulter zusammenzustehen. ... Scheinwerfer feuern Lichtsalven in die Menge, über der Bühne baumelt ein aufblasbarer Kampfjet. Die Shows von Iron Maiden sind legendär für ihre Megalomanie, die immer auch ein wenig gaga daherkommt: halb Probebühne, halb Kindergeburtstag."

Auch Johannes von Weizsäcker von der Berliner Zeitung kommt sehr satt nach Hause, erlebt man bei Iron Maiden doch stets mustergültig, "wie man Tod, Krieg und Feuer durch professionell druckvolles Gniedeln und Brüllen in Vermengung mit teuren Schultheater-Vibrationen zu ansprechender Abendunterhaltung (...) verarbeitet" Einen kleinen Eindruck bietet dieser Live-Mitschnitt:



Weitere Artikel: In der taz stellt Juliane Fiegler die Rapperin Lisaholic vor. Stefan Weiss berichtet im Standard vom Auftakt des Nova Rock Festivals, das ihn zu originellen Forderungen treibt: "Dem Erfinder des Rindenmulchs sollte man posthum den Nobelpreis für praktische Physik verleihen." Karl Fluch stürzt sich für den Standard todesmutig in die Welt der WM-Songs. Die Tagesspiegel-Redakteure fassen die Beiträge der vom eigenen Haus ausgerufenen Konferenz "Agenda Musikwirtschaft" zusammen. Wolfgang Sandner schreibt in der FAZ zum Tod des Jazzschlagzeugers Jon Hiseman.

Besprochen werden ein Textband zur Emeritierung des Komponisten Heiner Goebbels (taz), das Comeback-Album des Berliner Krautrockers Günter Schickert (taz), Christina Aguileras Comeback-Album "Liberation" (ZeitOnline), das neue Album des Rappers Nazar (Standard), ein Konzert des Pianisten Jan Lisiecki mit dem  Zürcher Kammerorchester (NZZ), ein Auftritt von Arcade Fire (NZZ) und Janelle Monaés Album "Dirty Computer", das in Skug-Kritiker die Einsicht reifen lässt, dass uns "erst Erinnerungen an exzessive Partys und guten Sex zu Menschen machen." Hier Monaés dreiviertelstündiger Film zum Album:

Architektur

Wehmütig blickt Bernhard Schulz im Tagesspiegel nach Tschernjachowsk, ins einst ostpreußische Insterburg, wo von Hans Scharouns Frühwerk zumindest noch die allerdings ebenfalls zunehmend verfallende "Bunte Reihe" erhalten ist: "Sie ist in jener gemäßigt expressionistischen Formensprache gehalten, die damals in Deutschland weit verbreitet war, und für die sich in Berlin manche zumeist jedoch überformte Beispiele finden. Es sind Bauten, die expressive Formen als Ausweis einer neuen Zeit verwenden. Sie gehen den großen Leistungen der Weimarer Zeit voran, jenem 'Neuen Bauen', wie es Scharoun selbst mit der Siedlung Siemensstadt in Berlin verwirklicht hat."
 
Stichwörter: Scharoun, Hans