Efeu - Die Kulturrundschau

Das übliche Trompeten-Trara

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29.05.2018. Simon Rattles Abschied von den Berliner Philharmonikern naht. Die FAZ blickt auf  gesamtphilharmonische Gewaltorgien zurück. Der Standard bewundert die raubtierhafte Herablassung, die Peter Simonischek in Ayad Akhtars Komödie "The Who and the What" seiner Tochter gegenüber an den Tag legt. Außerdem porträtiert er Susanne Kennedy. Der Tagesspiegel sieht für die  Schwedische Akademie keinen Weg aus der verfahrenen Situation. Die Welt erlebt mit Paolo Sorrentinos Berlusconi-Film "Loro" den Neonrealismus.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.05.2018 finden Sie hier

Musik

Ein bisschen Zeit ist ja noch bis zum 24. Juni, wenn Simon Rattle sich mit einem Konzert von den Berliner Philharmonikern verabschiedet. Ein Berliner Abend mit Bruckners unvollendet gebliebener Neunter inklusive der Rekonstruktion des vierten Satzes bietet den Feuilletons allerdings schon mal die Möglichkeit, sich für das große Resümee der Ära Rattle aufzuwärmen. So recht zufrieden sind die Kritiker allerdings nicht: Gerade das Unabgeschlossene der Neunten fordert die Belastbarkeit des Zuhörers, meint Peter Uehling in der Berliner Zeitung. "Warum drei starken Sätzen noch einen anhängen, der das Niveau nicht halten kann, aber wieder im üblichen Trompeten-Trara endet?" Im Tagesspiegel erlebte Christiane Peitz gar ein Zuviel an Intensität: "Ein Kessel Hochdruck: Das zeitigt irre Effekte, wenn die Streicher ein ohrenbetäubendes Insektengesumm aoder sämtliches Melodieschlagwerk ein mechanisch-rasendes Geklöppel veranstalten. Aber das dauerhafte Forcieren erscheint wenig sinnfällig - und auch den Musikern nicht sonderlich einzuleuchten. Die Geburt der Orchestermusik aus dem kollektiven Schrei?"

FAZ-Kritiker Clemens Haustein sieht in der Intensität auch Rattles Erbe: "Viele Aufführungen der vergangenen Zeit hatten etwas Forciertes, so, als wolle Rattle mit aller Kraft beweisen, dass er doch stärker sei als sein Ensemble, oft begleitet von der Mimik und Gestik eines Schlagzeugers, der aufgestaute Aggression an seinem Instrument auslässt." Ein Strawinsky-Abend "konnte da zur philharmonischen Gewaltorgie werden: Ich schlage euch, bitte schlagt mich auch! Und die Philharmoniker schlugen kräftig zurück."

Techno ist wieder politisch, lautet Laura Ahas in der Welt gezogenes Fazit unter den Eindrücken des vergangenen Wochenendes, an dem Zehntausende unter dem Motto "AfD wegbassen" auf die Berliner Straßen gegangen sind. Alles nur Hedonisten? "Diese Party war vielleicht politischer als jede Demo des sogenannten Schwarzen Blocks." In der taz bringt Doris Akrap durchaus Vorbehalte an: Sie sieht in dem Protest vor allem Hauptstadt-Imagepolitur in der Tradition des Lichterketten-Kitsches der 90er: "Ich bin gespannt, ob Berlin auch so laut und dolle glitzert und wummert, wenn die Ankerzentren eingeführt und die Grundlagen für schnellere Abschiebungen geschaffen werden."

Sehr viel konkreter und dringender ist der Protest zehntausender Clubgänger im georgischen Tiflis, deren Clubs vom Staat in drakonischen Maßnahmen geschlossen wurden - und das unter dem Vorwand einer rigorosen Anti-Drogenpolitik. In Tiflis ist Clubbing tatsächlich wieder politisch geworden, erfahren wir im taz-Interview mit Beqa Tsiqarishvili und Paata Sabelashvili: "Der Clubbesuch ist zum politischen Statement geworden", sagt Letzterer. "Alles Leid der Armut, der Ungerechtigkeit, der Menschen im Gefängnis wird auf der Tanzfläche in positive Energie umgewandelt... Die Clubkultur hier hat nichts mit dem oberflächlichen Hedonismus zu tun, den man sonst bei Partys vorfindet. Bei uns bedeutet Club immer auch gleichzeitig politische Diskussion, Austausch und soziales Netzwerken."

Weitere Artikel: Jens Uthoff erkundigt sich für die taz bei Adrian Tonon vom Bürgeramt Detroit über die Lage der Musikszene in der von wirtschaftlichen Krisen geschüttelten Stadt. In der SZ porträtiert Jan Kedves den Bodybuilder und derben Strommusiker Rummelsnuff. Für die FR plaudert Christian Bos mit dem Chansonnier Charles Aznavour.

Besprochen werden ein Konzert von Philip Glass (Skug), ein Mahler-Abend mit dem Budapest Festival Orchestra unter Iván Fischer (Standard), ein Konzert des Deutschen Symphonie-Orchesters mit Martin Helmchen unter Andrew Manze (Tagesspiegel), das Comeback der Modern Soul Band (Berliner Zeitung), ein Schubert-Abend mit Mauro Peter und Helmut Deutsch (Tagesspiegel), die Uraufführung von Tan Duns "Buddha Passion" in Dresden (FAZ) und neue Klassikveröffentlichungen, darunter Francesco Piemontesis Aufnahme von  Franz Liszts "Années de pèlerinage" (SZ).
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Bühne

Die Tochter gehört gemaßregelt: Ayad Akhtars "The Who and the What" mit Peter Simonischek, Irina Sulaver, Aenne Schwarz und Philipp Hauß. Foto: Reinhard Werner/Burgtheater

Vielleicht mischt sich etwas Gönnerhaftes in das Lachen über Ayad Akhtars Komödie "The Who and the What" über die Nöte muslimischer Migranten, räumt Ronald Pohl im Standard ein, dennoch findet er die Inszenierung am Akademietheater der Wiener Burg niederschmetternd, traurig und komisch zugleich. Und auf Peter Simonischek lässt er eh nichts kommen: "Akhtars Spielanordnung ist von beinahe unverschämter Raffinesse. Als Intellektueller (mit pakistanischen Wurzeln) zwingt er abendländische Schauspieler zum Aufsetzen erborgter ethnischer Masken. Afzal gebärdet sich wie der liberalste Vater der Welt. Und Simonischek schiebt seine hoch aufgeschossene Gestalt wie ein Begmassiv über die Bühne. Nimmt er den scheuen Gemeindehelfer Eli (Philipp Hauß) als Ehekandidaten für Zarina ins Visier, beäugt er das 'Opfer' mit der elastischen Herablassung eines Raubtiers, das ohnehin nicht zubeißt. Simonischek bildet eine Idealbesetzung. Seine stolze Eleganz (im Cordsakko), seine wohltemperierte Gutmütigkeit bezeugen den Anwert eines Menschen, der es gewohnt ist, sich in jeder Kultur durchzusetzen, und sei sie noch so fern vom Hindukusch."

Intendant und Regisseur Armin Petras verlässt zum Ende der Spielzeit das Stuttgarter Schauspiel. Wie Jürgen Berger in der taz berichtet, haben ihm die Schwaben übel genommen, dass er seine wichtigsten Inszenierungen an anderen Bühnen produzierte: "In Berlin funktionierte das. Der Intendant reiste und inszenierte, etablierte sich als Opernregisseur und schrieb unter dem Namen Fritz Kater Theaterstücke, die er häufig selbst zur Uraufführung brachte. Das Hauptstadtpublikum interessierte sich nicht sonderlich dafür, ob der Chef anwesend ist oder nicht. In Stuttgart dagegen änderte sich das."

Weitere Artikel: Standard-Kritikerin Margarete Affenzeller porträtiert die Regisseurin Susanne Kennedy, die ihre Figuren wie auch das Publikum in den "Würgegriff eines betörenden Posthumanismus" nehme: "Sie will keiner Aufklärung dienen, keine Botschaften verkünden oder mit konkreten Miseren unserer Zeit konfrontieren. Kennedy glaubt nicht mehr an das Theater als moralische Anstalt, sie begreift es wieder als Ritual." Der Kölner Stadtanzeiger greift die massiven Mobbing-Vorwürfe gegen den Schauspiel-Intendanten Stefan Bachmann auf, der unter Mitarbeitern eine Atmosphäre der Angst verbreitet haben soll. In seinem Kommentar kann Christian Bos nicht glauben, dass es sich nur um "Zerrbilder" handeln sollte, wie Bachmann meint.

Besprochen werden Lydia Steiers Inszenierung von Igor Strawinskys Oper "The Rake's Progress" in Basel (SZ), Verdis "Macht des Schicksals" in der Inszenierung von Fabio Luisis und Andreas Homoki am Opernhaus Zürich (NZZ), Nestroys "Freiheit im Krähwinkel" am Bochumer Schauspiel (FAZ), "Tristan und Isolde" am Staatstheater Kassel (FR).
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Kunst

taz-Kritiker Max Florian Kühlem besucht die Ausstellungen zum Thema Kunst und Kohle in insgesamt siebzehn Museen des Ruhrgebiets. SZ-ler Till Briegleb sieht sich im Hamburger Kunstverein futuristische Dokumentarfilme des Kanadiers Jeremy Shaw an, die etwa von perfekten Cyborgs erzählen, die wieder fehlbare Menschen werden wollen.

Besprochen werden die Schau "On the Road" über die Via Emilia von 187 v.Chr. bis heute im Palazzo dei Musei in Reggio Emilia (SZ), die vom Hamburger MKG übernommene Ausstellung "Food Revolution 5.0" im Berliner Kunstgewerbemuseum (Welt), die Doppelschau Bellini/Mantegna in der Fondazione Querini Stampalia in Venedig (FAZ).
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Stichwörter: Kunst und Kohle

Film

Dirk Schümer staunt nicht schlecht, dass Berlusconi Paolo Sorrentino die eigene Villa für die Dreharbeiten des zweiteiligen Biopics "Loro" zur Verfügung gestellt hat. "Der erklärte Sorrentino-Fan Berlusconi will zeigen, dass er ein Filmkenner ist, der über allen Moralurteilen steht", schreibt Schümer in der Welt. "Was dann aber der dekadente Sittenbildner Sorrentino aus dieser Steilvorlage macht, ist vorhersehbar und trotzdem überwältigend: ganz großes, ganz tristes Bunga-Bunga. ... Diese Paraden kokainierter Models, die Ergebenheitsbesuche abgehalfterter Politiker, der Kuhhandel mit Geschäftsleuten und Hinterbänklern wirken härter und gemeiner als ein Sittenbild à la Fellini: Neo-Neorealismus in Bonbonfarben."

Weitere Artikel: Verena Lueken gratuliert Agnès Varda in der FAZ zum morgigen neunzigsten Geburtstag. Besprochen werden Jason Reitmans "Tully" (SZ) und die Serie "Patrick Melrose" mit Benedict Cumberbatch (Welt, FAZ).
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Literatur

Wie geht es weiter mit dem Literaturnobelpreis? So unversöhnlich zerstritten, wie sich die Schwedische Akademie derzeit präsentiert, darf mit einer Erneuerung aus dem Inneren heraus wohl nicht gerechnet werden, meint Gerrit Bartels im Tagesspiegel. In Schweden verdichten sich zudem die Hinweise darauf, dass die Nobelstiftung "die Verantwortung für den Literaturnobelpreis anderen Institutionen übertragen" könnte, während in den Feuilletons die vollständige Auflösung der Akademie gefordert wird. Diese aber hält beharrlich an ihrer Position fest: "Die Situation wirkt verfahren, zumal die schwedische Regierung, die als einzige die Statuten der Akademie verändern kann (nicht der König!), bislang keine Anstalten macht, juristisch entscheidend in die Literaturnobelpreisbelange einzugreifen. Es bleibt die Hoffnung auf die Einsicht der Mitglieder, eines Tages ihre attraktiven Positionen doch selbst dranzugeben, um das verlorene Vertrauen in das Gremium wiederherzustellen."

Ursula März liest für die Zeit in Romanen von Eric Nil, Verena Lueken und Annette Mingels nach, wie es derzeit um die Darstellung von Familien in der Gegenwartsliteratur bestellt ist. Mitunter dringen die Bücher "zum Unruhekern des Systemwandels vor, der Ablösung biologischer durch soziale Verwandtschaft. Dass sie im Sinn liberaler Gesellschaftspolitik zu begrüßen ist, ändert nichts an ihrer herausfordernden, ja verstörenden Wirkung auf das Bewusstsein. ... Die derzeitige Familienliteratur erzählt zugleich davon, dass die neuen Familienvarianten emotionaler Umwege bedürfen und mühevoller sind als gedacht. Aber machbar."

Weitere Artikel: In der NZZ sinniert Roman Bucheli über das verlorene Paradies, Flucht und Vertreibung und erinnert auch daran, dass Johannes Hofer 1688 in Basel erstmals die Krankheit Nostalgia (oder "Heimwehe") diagnostizierte. "Mit der Nostalgie kam das Paradies vom Himmel hinunter zur Erde." Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift für Ideengeschichte widmet sich dem Intelligenzbad Ahrenshoop am Ostseestrand, wo sich einst prominente Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler der DDR erholten, meldet Peter Richter in der SZ. Petra Pluwatsch hat sich für die FR mit Krimi-Autor Martin Walker getroffen.

Besprochen werden David Schalkos "Schwere Knochen" (SZ), Tommi Kinnunens finnischer Bestseller "Wege, die sich kreuzen" (NZZ), Connie Palmens "Die Sünde der Frau" (Freitag) und Thomas Stangls "Fremde Verwandtschaften" (FAZ).
Archiv: Literatur