Efeu - Die Kulturrundschau

Komik für Fortgeschrittene

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16.05.2018. Lars von Trier kann es immer noch: Scharenweise sind die Kritiker in Cannes aus dem Kino gelaufen. SZ und Standard fanden seine Serienmörderfilm saubrutal, aber klug reflektiert. Die NZZ sieht Trier schon auf dem Weg in die Hölle. Die FAZ erholt sich mit Spike Lees Farce "BacKkKlansman". Die taz erkundet derweil in Essen mit Luigi Ghirri Karte und Gebiet der Fotografie. Und große Trauer herrscht über den Tod von Autor und Stil-Ikone Tom Wolfe. Wir verlinken auf seine Reportage über Leonard Bernsteins Party für die Black Panther.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.05.2018 finden Sie hier

Literatur

Die Feuilletons trauern um Schriftsteller, Stil-Ikone und Reporter Tom Wolfe. Arno Widmann schwärmt in der Berliner Zeitung von der "frechen Eleganz dieser Reportagen über völlig nebensächliche Themen, die aber die Augen öffneten für die wirklichen Träume Amerikas." Wolfe "zerlegte die Wirklichkeit in aufregende Details, in Handbewegungen und Klänge." Thomas Leuchtenmüller meldet in der NZZ allerdings dringend Skepsis an, ob Wolfes künstlerisches Projekt - "das chaotische und zersplitterte Daseinsgefühl zu verschriftlichen" - tatsächlich geglückt ist: "Der Wunsch, mit sprachlichen Extravaganzen Farbe und Authentizität zu erzeugen, verselbständigt sich gern zum Wortgeklingel eines Mannes, der seine immense kommunikative Begabung feiert und sich verkaufsfördernd inszeniert."

Hannes Stein kommt in der Welt vor allem auf Wolfes Romane zu sprechen, von denen er sich auch aus dem Jenseits weitere Lieferungen erhofft, etwa einen "in dem steht, dass Gott ein alter Langweiler ist." Mit den Romanen kann Dirk Peitz auf ZeitOnline gar nichts anfangen, nicht einmal mit den "Fegefeuer der Eitelkeiten", das wahre Gold finde sich in den Reportagen, meint Peitz, in denen Wolfe "auch nur das geile Geschwätz der jungen Leute" aufgriff. Weitere Nachrufe schreiben Willi Winkler (SZ) und Gregor Dotzauer (Tagesspiegel).

Im Archive des New York Magazine findet man immer noch Wolfes sensationelle Reportage über die Party, die Leonard Bernstein 1970 in seinem 13-Zimmer-Penthouse auf der Park Avenue für die Black Panthers gab. Naja, vielleicht nicht unbedingt eine Reportage in dem Sinne, dass Wolfe selbst dabei gewesen ist: "Deny it if you wish to, but such are the pensées métaphysiques that rush through one's head on these Radical Chic evenings just now in New York. For example, does that huge Black Panther there in the hallway, the one shaking hands with Felicia Bernstein herself, the one with the black leather coat and the dark glasses and the absolutely unbelievable Afro, Fuzzy Wuzzy-scale in fact - is he, a Black Panther, going on to pick up a Roquefort cheese morsel rolled in crushed nuts from off the tray, from a maid in uniform, and just pop it down the gullet without so much as missing a beat of Felicia's perfect Mary Astor voice..." Außerdem spricht Wolfe in diesem Video ausführlich über den Medientheoretiker Marshall McLuhan, den er in den 60ern mit einer großen Reportage einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht hatte. Vanity Fair brachte vor einigen Jahren ein riesiges Porträt über Wolfe.

Weitere Artikel: Im Logbuch Suhrkamp schreibt Raimund Fellinger einen Nachruf auf den Literaturtheoretiker Gérard Genette. Der afghanische Schriftsteller Taqi Akhlaqi staunt in der NZZ über die Fortschritte in seinem Heimatland, was die fortschreitenden Lesekompetenzen betrifft: Die Zahl insbesondere der jungen Leute, die lesen und schreiben können, steigt enorm.

Besprochen werden unter anderem Haruki Murakamis "Die Ermordung des Commendatore" (taz), Susanne Lenz' "Die Gabe" (FR), Ulla Berkéwicz' Essay "Über die Schrift hinaus" (Zeit), Matthias Wittekindts Krimi "Die Tankstelle von Courcelles" (FR), Kristine Bilkaus "Eine Liebe, in Gedanken" (NZZ), Waguih Ghalis ursprünglich in den 60ern erschienener Roman "Snooker in Kairo" (SZ) und Sigrid von Massenbachs Neuübersetzung von François-René de Chateaubriands "Atala" (FAZ).

Archiv: Literatur

Film


Lars von Triers Serienmörderfilm "The House That Jack Built"

Der verlorene Sohn ist nach Cannes zurückgekehrt: Unter frenetischem Jubel haben die Filmkritiker Lars von Trier, der nach seinem Nazi-Eklat vor sieben Jahren (mehr hier und hier) vom Festival zur Persona Non Grata erklärt wurde und nun mit "The House That Jack Built" wieder einen Film an der Croisette zeigen darf, willkommen geheißen. Einige von ihnen haben den Saal dann aber auch wieder rasch verlassen, denn von Triers Serienmörderfilm ist "saubrutal", wie Tobias Kniebe in der SZ schreibt. Dennoch: Ein Triumph für die Filmkunst, denn "wie Trier sich hier wirklich allen dramaturgischen und ästhetischen Konventionen entzieht, hat man so radikal lange nicht mehr im Kino gesehen. Immer wenn man denkt, jetzt könne man voraussehen, was als Nächstes passiert, schlägt er einen neuen Haken, und immer wenn man denkt, krasser geht's nicht mehr, setzt er noch eine neue Pointe oben drauf."

Dominik Kamalzadeh vom Standard hält den Film indessen für gar nicht so blutrünstig, schließlich zielten die Mordszenen, in ein diskursives Gerüst eingepasst, gerade nicht "auf die Überwältigung des Zuschauers". Eher handele es sich um eine reichlich schwarze Meta-Komödie: "Nennen wir es Komik für Fortgeschrittene, wenn Jack einen ermordeten Buben zu einem diabolisch grimassierenden Zwerg umgestaltet." Wie immer bei von Trier hat auch dieser, im übrigen vor hochkulturellen (aber auch Nazi-)Anspielungen berstende Film vor allem auch mit ihm selbst zu tun, erklärt Susanne Ostwald in der NZZ: "Die Geister, die im Kopf dieses Mörders herumspuken, seine elaborierte Reflexion über die eigene mentale Störung - das ist einem Hirn entsprungen, das ebenfalls von Dämonen umgetrieben wird. ... Womöglich sieht sich der Regisseur in einer mentalen Spirale, die ihn geradewegs in die Hölle führt, so wie seine Hauptfigur." Allerdings warnt Hanns-Georg Rodek in der Welt: Der Filmemacher "lockt uns in die Falle der Küchenpsychologie".

Ebenfalls nach langer Zeit zurückgekehrt ist Spike Lee, der sich mit seiner Farce "BlacKkKlansman" so stark wie seit Jahren nicht mehr präsentiert, erklärt Verena Lueken in der FAZ: Der mit zahlreichen Bezügen auf den US-Rassismus der Gegenwart angereicherte Film handelt davon, wie ein schwarzer Polizist in den 70ern den Ku Klux Klan infiltriert - angeblich basierend auf einer wahren Geschichte: "Subtil mögen andere sein. Spike Lee wirft sich mit voller Energie in diese Geschichte. ... Vielleicht ist dies für Amerika der Film der Stunde. Mit allen Bezügen zu den Exploitation Movies der Siebziger, mit demselben Spaß, demselben tödlichen Ernst gedreht." Tazler Tim Caspar Boehme findet den Schlag mit dem Holzhammer ein bisschen arg grob, doch "als Komödie klappt das durchaus." Für Beatrice Behn von Kino-Zeit ist klar: Spike Lee und sein gerechter Zorn werden "mehr gebraucht denn je."

Cannes beugt sich in diesem Jahr zum Kummer von NZZ-Kritikerin Susanne Ostwald dem Gebot zur Diversität. Darunter leide jedoch die Filmkunst: "Das Wettbewerbsprogramm hat aufgrund der Bemühungen, ein möglichst breites Spektrum an Werken zu integrieren, noch nie ein so großes Qualitätsgefälle gehabt wie in diesem Jahr. Neben Meisterwerken wie jenen von Godard und Pawlikowski tummeln sich solche Filme, die es wohl vor allem aufgrund einer angestrebten ethnischen Vielfalt in diese Auswahl geschafft haben."

Weitere Artikel: Für die FR hat Simon Berninger den Filmhistoriker Martin Koerber nach der Restaurierung zweier Stummfilme von G.W. Pabst befragt. Besprochen werden Lukas Feigelfelds Hexenfilm "Hagazussa" (FAZ) und der neue, in Cannes gezeigte "Star Wars"-Film "Solo" (Welt).

Archiv: Film

Bühne

Besprochen werden Dimitris Papaioannous Stück "Seit sie" für das Tanztheater Pina Bausch (NZZ, Tagesspiegel), Akram Khans Choreografie "Xenos" im Festspielhaus St. Pölten (Standard), Aufführungen bei den Wiesbadener Maifestspielen (FR), Stücke beim Fidena Festival für Figurentheater (Nachtkritik) und Antú Romero Nunes' Hamburger "Odyssee" mit Paul Schröder beim Theatertreffen in Berlin (taz).
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Stichwörter: Bausch, Pina

Kunst


Luigi Ghirri: Marina di Ravenna, 1972. © Eredi Luigi Ghirri

Überfällig findet Max Florian Kühlem in der taz die Ausstellung "Karte und Gebiet", die das Folkwang Museum dem Fotografen und gelernten Landvermesser Luigi Ghirri widmet, der allein wegen seiner Bescheidenheit keine große Bekanntheit genießt. Kühlem beschreibt ihn als den melancholischen Intellektuellen unter den Fotografen: "Ghirri rückt fast nie Menschen in den Mittelpunkt seiner Bilder. Lichtet er sie ab, dann meist von hinten und aus der Distanz heraus. Sein Interesse gilt nicht einem Typen oder Charakter, sondern der Einrichtung von Räumen. Selbst seine Bilder von Touristenstränden und -attraktionen sind meist fast menschenleer, als hätte er auf den Moment gewartet, die gestaltete Welt frei von jeder Person zu zeigen. Doch in einem gleichsam dialektischen Schritt lenkt er den Fokus des Betrachters so auf die - wie es Georges Perec in seinen 'Träumen von Räumen' ausdrückt - 'Wahrnehmung einer Handschrift der Erde, einer Geografie, von der wir vergessen haben, dass wir ihre Schöpfer sind'."

Die SZ setzt die Debatte um Joseph Beuys fort: Der Kunsthistoriker und frühere Museumsdirektor Eugen Blume verteidigt Beuys gegen die "inquisitorischen" Anwürfe des Biografen Hans Peter Riegel. Beuys habe weder alten Nazis geistig nahegestanden noch unreflektiert Rudolf Steiners anthroposophischen Idee. Seine Maxime sei gewesen: "Die Mysterien finden im Hauptbahnhof statt und nicht im Goetheanum." Und Klaus Staeck wirft ein, dass Beuys einfach mit jedem sprach.

Besprochen werden die Ausstellung "Hello World", mit der der Hamburger Bahnhof in Berlin seine Sammlung selbstkritisch revidiert (Welt), eine Monet-Schau in der National Gallery in London (Tagesspiegel).

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Musik

Der Avantgarde-Gitarrist Glenn Branca ist tot und damit "einer der Fixsterne der No-Wave-Ära", schreibt Karl Fluch im Standard. Branca konzentrierte sich in seinem Spiel "auf die trickreichen und kaum steuerbaren Obertöne, die entstehen, wenn man mit mehreren E-Gitarren repetitiv dieselben elektrisch verstärkten Töne spielt", erklärt Max Dax auf Spiegel Online. Was von dem Musiker bleibt, ist "eine Konzeption von Musik, die explizit den Zufall umarmte und der Welt der Experimentalmusik ein zutiefst menschliches Element schenkte, ein lange anhaltendes, in die Seele einsickerndes Nachklingeln im Ohr." Pitchfork empfiehlt essenzielle Alben des Verstorbenen. Hier ein Auszug aus Brancas Album "The Ascension" von 1981:



Weitere Artikel: In der SZ stellt Michael Stallknecht den im englischsprachigen Ausland bereits gefeierten Pianisten Benjamin Grosvenor vor, der gerade sein Münchner Debüt gegeben hat. Erlebt hat der Kritiker "einen vom ersten Moment an außerordentlich poetischen Pianisten, der mit einer faszinierend weichen, dabei zugleich immer kernhaften Anschlagskultur unmittelbar für sich einnimmt". Thomas Schacher Ana Popescu stellt in der FAZ das Ural Philharmonic Orchestra vor, das ab heute Deutschland besucht. Finnland sucht seine Metal-Hauptstadt, berichtet Jens Uthoff auf ZeitOnline. Außerdem erinnert sich Karl Fluch im "Unknown Pleasures"-Blog des Standard an das Album "Call of the West" von Wall of Voodoo.

Besprochen werden ein Konzert von Daniil Trifonov (Standard), Janelle Monáes "Dirty Computer" (FR), Autechres "NTS Sessions 1-4" (Pitchfork), ein Konzert des Kuss-Quartetts mit der Sopranistin Mojca Erdmann (NZZ) und das Album "Decoy" der Zürcher Jazzband District Five (NZZ).
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