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Efeu - Die Kulturrundschau

Stärker als jeder Kontext

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04.05.2018. Aktualisiert: Der Literaturnobelpreis fällt dieses Jahr aus. Im Theater geht's nicht um Identität, sondern um Fiktion, beharrt der Dramaturg Bernd Stegemann in der FAZ. Die NZZ erinnert daran, wie sehr die Kritik an "kultureller Aneignung" nach hinten losgehen kann, und tanzt dann in Saint-Louis bis zum Morgengrauen zu Mbalax. In der SZ warnt der Brüsseler Kurator Dirk Snauwaert vor der weltumspannenden Kulturindustrie. In Berlin-Lichtenberg droht ihr Bezirksstadträtin Birgit Monteiro mit saftigen Geldstrafen. Die Filmkritiker feiern Sergei Loznitsas "Die Sanfte".
9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.05.2018 finden Sie hier

Bühne

Das Moralisieren um Identitätsbegriffe gründet auf einem Fundamentalismus, der Theaterarbeit unmöglich macht. Die Argumentation gleicht der des türkischen Präsidenten Erdogan, der Berichterstattung über Terrorismus mit Terrorismus gleichsetzt, meint Bernd Stegemann, Professor für Dramaturgie an der "Ernst Busch"-Schauspielschule in Berlin, in der FAZ. Ein Beispiel: Beim Theatertreffen 2017 verbot die Festivalleitung den Darstellern in Peter Richters Stück "89/90", das Wort "Neger", das im Stück vorkommt, auf der Bühne auszusprechen: Die Begründung "ging folgendermaßen: Wenn das Wort 'Neger' ausgesprochen wird, dann wird die in diesem Wort enthaltene rassistische Beleidigung schwarzer Menschen wiederholt. Und für diese Wiederholung ist es egal, ob das Wort in der fiktiven Situation eines Dramas ausgesprochen wird und deutlich als Figurenaussage eines rassistischen Neonazis gekennzeichnet ist. Das Wort und seine Kraft zur Beleidigung sind stärker als jeder Kontext, und es kann nicht ausgeschlossen werden, dass ein Zuschauer sich dadurch gekränkt fühlen könnte. Oder in den knappen Worten von Erdogan: 'Wenn Sie die Gedanken eines Terroristen abdrucken, ist das die Veröffentlichung des Terrorismus selbst.'"

Weiteres: Im Tagesspiegel stellt Patrick Wildermann das Programm des diesjährigen Theatertreffens vor. Eröffnet wird es mit Castorfs "Faust" - ein Klassiker, meint Rüdiger Schaper nicht ganz unironisch. Besprochen werden die Performance "Creation (Pictures for Dorian)" von Gob Squad im Hebbel am Ufer (Berliner Zeitung, nachtkritik), zwei Einakter von Rachmaninow in Kiel (nmz) und Bernd Alois Zimmermanns Oper "Die Soldaten" in Köln (nmz).

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Musik

Angela Schader ärgert sich in der NZZ über den Kultur-Essenzialismus, der aus mancher Kritik an kultureller Aneignung spricht: "Von den 44 zur diesjährigen Menuhin Competition geladenen Geigerinnen und Geigern stammten 18 aus asiatischen Ländern, bei 14 weiteren verrieten die Namen asiatische Wurzeln. ... Was also? Müssten wir den Kandidatinnen und Kandidaten aus Fernost nahelegen, doch bitte ihre zauberisch flinken Finger von 'unserer' Musik und 'unseren' Instrumenten zu lassen und stattdessen artig die chinesische Erhu, die japanische Kokyu oder die koreanische Haegeum zu streichen? Wie stünden wir dann da? Als verdammte Rassisten, natürlich."

Bei seinem Besuch des Jazzfestivals im senegalesischen Saint-Louis - "eines der schönsten der Welt" - hatte NZZ-Kritiker David Signer bei den Off-Konzerten in den Bars mitunter mehr Freude als vor der Hauptbühne: Hier wurde "getrunken, gejohlt und getanzt bis zum Morgengrauen, die Stimmung ist heiß und afrikanischer als auf der Place Faidherbe." Außerdem lernte Signer hier den senegalesischen Mbalax kennen. Ein Youtube-Mix klärt uns auf, was darunter zu verstehen ist:



Weitere Artikel: Für die Zeit spricht Christoph Dallach mit Janelle Monáe über deren neues Album "Dirty Computer" (mehr dazu hier und hier).Marco Frei berichtet in der NZZ von den Tagen für neue Kammermusik in Witten, die sich in diesem Jahr mit einem Schwerpunkt auf den Komponisten Mark Andre "erfreulich stark" zeigten: "Aus fragilen Klangpartikeln lässt Andre intensive Hördramen erwachsen, vielfach geräuschhaft und mikrotonal gebrochen." Julia Spinola empfiehlt in der NZZ ein Konzert von Grigory Sokolov. Christian Schachinger lässt im Standard den Mythos Gibson-Gitarre nochmals aufleben, nachdem der Gitarrenhersteller zuletzt in die wirtschaftliche Krise geraten ist. Marco Schreuder schreibt im Standard über Portugal in der Geschichte des Eurovision Song Contests.

Besprochen werden Yung Hurns Debütalbum "1220" (taz), ein von Sir Roger Norrington dirigiertes Konzert des Deutschen Symphonie-Orchesters (Tagesspiegel), ein Konzert des Schlagzeugers Tony Allen (Tagesspiegel) und neue Popveröffentlichungen, darunter "The Blackest Joy" von Akua Naru (ZeitOnline). Daraus ein Video:


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Kunst

Das Pariser Centre Pompidou und die Brüsseler Regionalregierung wollen im Brüsseler Stadtteil Molenbeek einen Ableger des Centre Pompidou eröffnen. Im Interview mit der SZ erklärt der belgische Kurator Dirk Snauwaert, warum er davon gar nichts hält: "Überhaupt sind das einfach Projekte einer weltumspannenden Kulturindustrie, die zwischen Schanghai und Brüssel nicht groß unterscheidet. Das sind Guggenheim-Packages, die man um die Welt schickt - als gäbe es ausgerechnet in Belgien nicht auch bedeutende öffentliche Sammlungen."

In Berlin-Lichtenberg möchte die Bezirksstadträtin Birgit Monteiro (SPD) die Kunst offenbar am liebsten gleich ganz entsorgen. Wie Peter Richter in der SZ berichtet, wurde dem dort ansässigen Sammler-Ehepaar Barbara und Axel Haubrok jetzt bei Androhung einer Strafe von 500.000 Euro verboten, in der sogenannten Fahrbereitschaft, die auf einem Industrieareal liegt, Ausstellungen durchzuführen. Monteiro "wurde in der RBB-Sendung "Abendschau" zitiert, dass 'neue coole Straßen' auf Kosten von Arbeitsplätzen gingen und durch Haubroks Aktivitäten die 'Interessen von 800 Unternehmen mit knapp 10 000 Arbeitnehmern beeinträchtigt' würden. ... Axel Haubrok hält dagegen, dass sich seines Engagements wegen dort eine ganze Menge Firmen erst angesiedelt hätten, die ihrerseits mehr als hundert Arbeitsplätze nach Lichtenberg gebracht haben: Architekten, Bootsbauer, eine Werbeagentur, das Tonstudio, die Bilderrahmen-Manufaktur. Die seien aber nur gekommen, weil es eben auch um Kunst ging auf dem Gelände."

Besprochen werden die Ausstellung "Hello World" im Hamburger Bahnhof in Berlin (taz), die Otto-Waalkes-Ausstellung im Frankfurter Caricatura Museum (FAZ) und die Ausstellung "Margiana. Ein Königreich der Bronzezeit in Turkmenistan" mit Fotografien von Herlinde Koelbl im Neuen Museum Berlin (FAZ).
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Literatur

Der Literaturnobelpreis wird in diesem Jahr ausgesetzt, das hat die schwedische Akademie bekanntgegeben, berichtet die SZ in einer Eilmeldung. Hans Magnus Enzensberger denkt in der NZZ über Graffiti-Sprayer nach. Die NZZ dokumentiert eine am Jubilate-Sonntag gehaltene Kirchenpredigt von Adolf Muschg, in der der Schriftsteller über das Verhältnis zu seinen Eltern nachdenkt.

Besprochen werden unter anderem die Wiederveröffentlichung von Apuleius' "Metamorphosen oder Der goldne Esel" (Tagesspiegel), Daniel Galeras "So enden wir" (NZZ) und Claudia Rankines Langgedicht "Citizen" (SZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Film



Sergei Loznitsa
kennt man eher als spröden Dokumentaristen. Mit "Die Sanfte" kommt jetzt ein Spielfilm ins Kino, der sich in ein "visuelles Delirium" steigert, "das sich der Surrealist Luis Buñuel nicht besser hätte ausdenken können", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. Im Mittelpunkt steht eine junge, passive Frau, die quer durchs russische Hinterland wandert. Loznitsa schildert dies "in kurzen Vignetten, aus denen er von Etappe zu Etappe skrupulös ein niederschmetterndes Gesellschaftspanorama herausarbeitet. ... Die verlebten, aufgedunsenen, verzerrten Gesichter der Menschen in seinen Wimmelbildern ergeben ein Pandämonium der russischen Gesellschaft. Ein Menschenfreund ist Loznitsa nicht." Beim Perlentaucher hält Sebastian Markt fest, dass "die Erzählung um ein Undarstellbares der abstrakten Gewalt von Herrschaft kreist." Für FAZ-Kritiker Bert Rebhandl handelt es sich bei "Die Sanfte" um "einen der wichtigsten europäischen Filme der jüngeren Zeit. Wobei es nicht zuletzt um die Frage geht, ob und in welcher Form Russland an europäischen Standards gemessen werden kann, in diesem Kunstwerk, das zivilisatorische Bruchlinien erkennbar macht, die nur durch gute Politik überwunden werden können."

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel empfiehlt Katrin Doerksen die im Berliner Kino Arsenal gezeigte Reihe mit jungen algerischen Filmen. Für die SZ plauderte Anke Sterneborg mit Daniel Brühl, der in José Padilhas, von Daniel Kothenschulte in der FR besprochenem Terrorismus-Thriller "7 Tage in Entebbe" zu sehen ist (unsere Kritik hier). In Cicero sprechen Thor Kunkel und Oskar Roehler über die Entstehung des Films "HERRliche Zeiten" nach Kunkels Roman "SUBs". In Zürich zeigt die Filmwissenschaftlerin Seraina Rohrer mexikanische B-Movies, berichtet Geri Krebs in der NZZ. Zu sehen gibt es unter anderem die mexikanische Version von Batwoman:



Besprochen werden Sonia Kronlunds Dokumentarfilm "Meister der Träume" über den afghanischen Filmstar Salim Shaheen (FR), "Eleanor & Colette" mit Helena Bonham Carter und Hilary Swank (Tagesspiegel), Wes Andersons "Isle of Dogs" (Zeit, unsere Kritik hier). die Arte-Miniserie "Mut zur Liebe" (FR, FAZ).
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