Efeu - Die Kulturrundschau

Wo ist die Liebe hin?

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.05.2018. Die Welt blickt wehmütig nach Italien, das einst so begeistert in die Moderne marschierte. SZ und Nachtkritik bejubeln Komik, Poesie und Trauer, mit der die Münchner Kammerspiele Strindbergs antiemanzipatorisches Stück "Der Vater" noch einmal leuchten lassen. In der taz schwärmt Michael Walter von den Qualen, Henry James zu übersetzen. Die FAZ begegnet den geschlitzten Kleidern der Renaissance.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.05.2018 finden Sie hier

Kunst


Nascita di una Nazione. Ausstellungsansicht. Foto: Alessandro Moggi. Palazzo Strozzi.

Ganz berauscht kommt Welt-Kritiker Thomas Schmid aus der Ausstellung "Nascita di una Nazione" im Palazzo Strozzi in Florenz, die vom künstlerischen Aufbruch in Italien nach 1945 erzählt, wo die Abkehr vom Gegenständlichen ausnahmsweise keine Flucht war: "Es gehört zu den schönsten Zügen der Ausstellung, dass sie zeigt, wie hier der Weg vom Figurativen zum Abstrakten, von der Farbenpracht zur Monochromie kein Leidensweg, sondern eine von Begeisterung beflügelte Entdeckungsfahrt war... Während die Deutschen gewissermaßen geduckt in die Moderne marschierten, fiel dieser Marsch in Italien - gerade weil er eine weit größere Strecke außerordentlich schnell zurücklegte - wenn nicht rauschhaft, so doch triumphal aus. Es war - trotz Armut, trotz niedriger Löhne, trotz elender Wohnsituationen - ein großes Fest des Fortschritts. Die Kunst hatte daran teil, zuweilen Hand in Hand mit dem Design."

Weiteres: Wie bei einem Sportevent fühlte sich SZ-Kritikerin Catrin Lorch auf der Münchner Biennale für öffentliche Kunst "Game Changers", bei der vor allem die Klassiker der Stadt - Olympiastadion, Theresienwiese, Luxushotels und Kunstakademie bespielt wurden. In der SZ freut sich Christoph Schröder, dass das Frankfurter Caricatura Museum den Komiker Otto Wallkes mit einer Ausstellung seiner Malerei würdigt, in der er verblüffend versiert die Granden von Leonardo da Vinci bis zu David Hockney variiert - mit sich oder dem Ottifanten im Bild.

Design


William Larki: Porträt der Diana Cecil, Gräfin von Oxford, 1614-1618 und Jakob Lena Knebl: Chesterfield 2014. Foto: Georg Petermichl

In seiner Schau "Fashion Drive" präsentiert das Kunsthaus Zürich Werke, in denen Künstler über Mode nachdenken, von der Renaissance bis zur Gegenwart: FAZ-Kritikerin Katharina Rudolph hat viel gelernt, vor allem in den Katalogtexten von Barbara Vinken: "Mode bezieht sich permanent auf sich selbst, jedes Jahr gibt es Revivals ... So auch die mittlerweile zu fast jedem Anlass tragbare Schlitzmode (vor allem bei Frauen und vor allem bei Jeans). Die war schon vor 500 Jahren salonfähig, in der Renaissance pflegten zuerst Herren, später auch Damen, Kleider aus aufgeschlitzten kostbaren Stoffen zu tragen, deren Löcher mit anderen kostbaren Stoffen unterlegt waren. Was heute Koffersets mit Louis-Vuitton-Muster ostentativ in die Welt schreien, schrie damals die Schlitzmode: Ich kann's mir leisten."

Literatur

Michael Walter erhält den Europäischen Übersetzerpreis. Für die taz hat sich Sylvia Prahl mit ihm zum Gespräch getroffen. Unter anderem geht es um seine letzte Mammut-Aufgabe, eine Übersetzung von Henry James' "Die Gesandten" - er hatte sich "geschworen: Keinen Henry James mehr, selbst wenn sie mir einen Sack Gold vor die Tür stellen!" Bei undurchsichtigen Stellen holte er sich Rat bei akademischen James-Experten: "Wir bekamen ausführliche Antworten. Prima! Nur: es waren drei verschiedene. Da sagten wir uns: Wenn selbst die sich uneinig sind, dann machen wir doch jetzt das, was uns am sinnvollsten erscheint. Diese toll komponierten Sätze sind endlose Girlanden. James ist manchmal unklar in seinen Äußerungen, auch die Hauptfigur weiß nicht, auf welchem Terrain sie sich bewegt. Das im Deutschen zum Klingen zu bringen war sehr mühsam. Manchmal hab ich am Tag nur einen Absatz geschafft. Allein der erste war die Hölle."

Weitere Artikel: Die NZZ hat Claudia Mäders Text aus der Wochenendausgabe über die Freundschaft zwischen Annemarie Schwarzenbach und Ella Maillart online nachgereicht. Nicole Henneberg (Tagesspiegel), Jürg Altwegg (FAZ) und Thomas Steinfeld (SZ) gratulieren dem Schriftsteller Georges-Arthur Goldschmidt zum 90. Geburtstag. Die SZ veröffentlicht dazu Peter Handkes Essay aus einem von Patrick Suter und Barbara Mahlmann-Sauer herausgebenen Band über Goldschmidt.

Besprochen werden unter anderem Ina Hartwigs Ingeborg-Bachmann-Biografie (Tell), Mareike Fallwickls "Dunkelgrün fast schwarz" (Standard), Hartmut Langes Novellenband "An der Prorer Wiek und anderswo" (Tagesspiegel), neue Kinder- und Jugendbücher, darunter Markus Köningers Comicadaption von Rafik Schamis Roman "Eine Hand voller Sterne" (NZZ), und Andreas Guskis Dostojewski-Biografie (FAZ).
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Bühne


Szene aus Strindbergs "Der Vater" an den Münchner Kammerspielen. Foto: Thomas Aurin

August Strindbergs Stück "Der Vater" ist in feministischen Zeiten starker Tobak, weiß SZ-Christine Dössel, schon Nietzsche sei ganz begeistert gewesen von diesem anti-emanzipatorischem Aufschrei. Dennoch hat sie bewegt und begeistert, was Regisseur Nicolas Stemanns und Dramaturg Benjamin von Blomberg in ihrer Abschiedsinszenierung auf die Bühne der Münchner Kammerspiele gebracht haben: "Mit dem 'Vater' hinterlassen sie einen turbospaßigen, in Zügen albern-hysterischen, aber auch traurig-poetischen (und musikalisch elegischen) Beitrag zur aktuellen Debatte über Geschlechtergerechtigkeit, neuen Feminismus und neomännliche Gegenwehr. Es ist ein Themenabend, der mit Stemann-typischem Diskurseifer und genderpolitischer Beflissenheit die Problematik des Stücks herausarbeitet  ... Am nachdrücklichsten ist das Verlustgefühl, das sich gegen Ende ausbreitet, gipfelnd in der Frage: 'Wo ist die Liebe hin, die gesunde, sinnliche Liebe?'" In der Nachtkritik jubelt Michael Stadler: "So lebendig kann Theater sein."

Im Interview in der Berliner Zeitung spricht die Regisseurin Karin Henkel, die am Vorabend des Theatertreffens mit dem Theaterpreis Berlin ausgezeichnet wird, über Sexismus, Machtmenschen und steigenden Produktionsdruck an den Bühnen: "Hat das mit dem Einnahmesoll zu tun? Müssen über 30 Premieren in einer Spielzeit wirklich sein? Ich verstehe das nicht. Für die Qualität der einzelnen Inszenierungen ist es bestimmt nicht von Vorteil."

Besprochen werden die Performance "Out of Order" des Theaterkollektivs Forced Entertainment im Frankfurter Schauspiel (taz), Johan Simons Ayn-Rand-Inszenierung "Fountainhead" am Thalia Theater Hamburg (FAZ) und Lin Hwai-mins Choreografie beim Wolfsburger Movimentos-Festival (FAZ).

Film



Mit Oskar Roehler, der immer mal wieder mit rechten Positionen kokettiert, und dem Schriftsteller Thor Kunkel, der im letzten Bundeswahlkampf die Kampagne der AfD gestaltet hat und sich seit diesem Coming-Out auf Facebook gerne als rechter Wutbürger präsentiert, haben sich "zwei Brüder im Geiste gefunden", stöhnt Andreas Busche im Tagesspiegel nach Roehlers "HERRliche Zeiten", einer losen Adaption von Kunkels Roman "SUBs": Die grelle, wie stets bei Roehler neurotisch auffristierte Satire um neo-feudale Sklavenkultur im BRD-Bürgertum "wird gewissen rechten politischen Kreisen reinlaufen wie ein 2018er AfD-Remix von 'Subs'", denn "tatsächlich ähnelt die Methode von 'Herrliche Zeiten' über weite Strecken den Kommunikationsstrategien der AfD. Erst Lärm machen und Ungeheuerlichkeiten in die Welt posaunen - und dann mit fadenscheinigen Beschwichtigungen das Recht auf Satire einfordern."

Gnädiger fällt Hans Schifferles Urteil in epdFilm über diese "sinnlich-düstere Satire" aus: "Roehlers Film stellt so etwas wie die dunkle Seite zu Flüchtlingskomödien à la 'Willkommen bei den Hartmanns' dar. 'HERRliche Zeiten' ist in jeglicher Hinsicht ein Film des desperaten Lachens, er erinnert in seiner bösen, komischen, aber auch melancholischen Atmosphäre an die Filme von Rolf Thiele, den heute fast vergessenen Noir-Gesellschaftskritiker der BRD in den 50er und 60er-Jahren." Die 2009 entstandene Hörspielbearbeitung des zugrunde liegenden Romans gibt es derzeit beim WDR.

Im neuen Marvel-Superheldenfilm "Infinity Wars" treten sich die im Laufe von zehn Jahren aufgebauten und hier nun zusammengeführten über 20 Superhelden gegenseitig auf die Füße - weshalb das Publikum in diesem Film mit Todesfällen rechnen muss, verrät Philipp Bovermann in der SZ: "Die Grenzen des kapitalistischen Wachstums sind in der Welt von Marvel offenbar erreicht. ... Damit kehrt ein düsterer Ton in die sonst so poppige, ironisch-heitere Marvel-Welt ein." Was die Grenzen des Wachstums geht, hat der Film am Wochenende im übrigen eher eine eingerissen: So erfolgreich ist noch kein Kinofilm in sein erstes Wochenende gestartet, meldet unter anderem Variety.

Weitere Artikel: Silvia Hallensleben berichtet in der taz vom Frauenfilmfestival in Köln. Dominik Kamalzadeh resümiert im Standard das "Crossing Europe"-Festival in Linz, wo der Hauptpreis an Leonardo Mouramateus "António um dois três" ging. In seinem Stipendiatenblog beim Filmdienst denkt Lukas Foerster über Sinn und Zweck einer Glasscheibe im Nyoner Capitole-Kino nach.

Besprochen werden der Auftakt des "Roseanne"-Revivals (NZZ), die Netflix-Serie "Wild Wild Country" über die Ankunft des Bhagwans in Oregon (Freitag) und José Padhilas "7 Tage in Entebbe" (ZeitOnline, unsere Kritik hier).

Musik

In der SZ stellt Rita Argauer das junge, an der Münchner Musikhochschule entstandene Verworner-Krause-Kammerorchester vor, das sich zwischen den Polen Klassik und Jazz bewegt. Bei diesen Musikern "bekommt die Musik die Energie einer Punkband und den Druck von Technobeats, sie hangelt sich harmonisch über die Experimente der Neuen Musik zu bisweilen aufblitzender Pop-Eleganz." Live klingt das mitunter so:



Weitere Artikel: Für den Atlantic spricht Lolade Fadulu mit Philip Glass über dessen Werdegang. Philipp Lichterbeck porträtiert im Tagesspiegel die brasilianische Superstar-Sängerin Anitta, deren Hinternwackel-Video feministische Pro- und Contra-Debatten nach sich gezogen hat. Paul Jandl schreibt in der NZZ über das Erste Wiener Heimorgelorchester. Im "Unknown Pleasures"-Blog des Standard erinnert Karl Fluch an das 1990 veröffentlichte gemeinsame Album "Wrong Way Up" von Brian Eno und John Cale: "So hat damals nichts und niemand geklungen. Eno lässt es flirren und zucken, Cale spielt eine funky Gitarre."

Besprochen werden Konzerte der Pianistin Yuja Wang (Standard, SZ), eine Aufführung von Morton Feldmans episch ausuferndem 2. Streichquartett durch das Ensemble TaG (NZZ), Igor Levits Münchner Beethoven-Konzert (SZ), das neue Album der japanischen Neo-Krautrock-Band Minami Deutsch (Pitchfork), ein Tangerine-Dream-Konzert (The Quietus), Salvador Sobrals Livealbum "Excuse Me - Ao Vivo" (NZZ), neue Popveröffentlichungen, darunter Derek Smalls satirisches Metal-Album "Smalls Change (Meditations Upon Ageing)" (SZ) und das lediglich via Streaming veröffentlichte Debüt der Screenshots, das Zeit-Kritiker Jens Balzer bass erstaunt darüber zurücklässt, "dass die schönste und schlaueste, wärmste und kühnste, traurigste und lustigste deutsche Pop-Platte des Frühjahrs von einer Gitarrenmusikgruppe stammt." Hier ein aktuelles Video: